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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1925-10-02 · 3 (2.10.1925) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
1 (1925)
Issue
3 (2.10.1925)
Date
1925-10-02
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG 1. Jahrgang schäftigten Sich eingehend mit der Person des Mehmed Karakasch-Zade Rttdsdli und seinem Memorandum, in dem er sich u. a. zu folgendem hysterischen Aufruf versteigt: ,.(), Jugend der Dönme, die im Träum verbleibt! Erwach, die Zeit der Umwälzung ist für die Dönme angetreten! Jede Veränderung kam von den Dönme her. Aus der Mitte der Dönme soll auch die Veränderung kommen!" An diese sensationellen Eröffnungen knüpfte sich eine große Kontroverse. In der Zeitung „Tevhid-i Efkiar" bat der Historiher Ahmed Refik einen Aufsatz über „Sabbatai Zewi vor dem Sultan" (Mehmed IV.) veröffentlicht Ferner ließ in der oben erwähnten Zeitung ,. Wotan" ein anonymer „Historiker" eine Reihe von Aufsätzen unter dem Titel ..Hie geheimnisvolle Seite der Geschichte" erscheinen. Obwohl die Arbeit mir publizistisch aufgemacht ist, ist sie sehr wertvoll, da der Autor sowohl streng kontrollierte mündliche Berichte, als auch osmanisdie schriftliche Quellen, wenigstens für die frühere Geschichte der Sekte, benutzt. An diese Zeitungsnotizen knüpft nun Wl. (iordlcvsky (Moskau) in einer sehr lehrreichen Studie an, die er am 6. März 1924 in der Sitzung der „Ethnographischen Abteilung des Vereins ihr Freunde der Naturwissensdia/t, der Anthropologie und der Ethnographie" zu Moskau vorgetragen hat. Sie erscheint im zweiten Bande der wissenschaftlichen Zeitschrift „fslamica", (einem Schwesterorgan der von mir herausgegebenen „Asia Major") die dem Leipziger Arabisten, Herrn Geh. 1 Inirat Professor Dr. A. Fischer, gewidmet ist. Aus dem reichen Inhalt der Arbeit, welche die Stellung der Juden innerhalb der Religionssekten Vorderasiens zu behandeln sucht, entnehmen wir. daß die äußere Form des Kultus bei den Dönme, die sieh in Saloniki niedergelassen haben, an die kleinasiatiscFen Sekten erinnert und der Beweis für die uralte Rolle der Juden als Verbreiter der allgemeinen religiösen Ideen in Vorderasien ist. Die Dönme zerfallen in drei Zweige: 1. die Ismirli („aus Smyrna"), den ältesten Zweig, der unmittelbar an die Lokaltradition anknüpft, die mil Sabbatai Zewi verknüpft ist. Zu ihnen zählen die besonders reichen und vornehmen Familien; sie heißen auch Cavalieros oder auch Kara Kasdxlar („mit schwarzen Augenbrauen"). Sie sind äußerlich dadurch kenntlich, daß sie sich den Bart rasieren: 2. die Jacobiten, d. h. diejenigen, die nach Sabbatai Zewis Tode dessen Schwager Jacob Querido «..den Geltebten") als Messias anerkannten. |Im Jahre lt>N7 n. Chr. vollbrachte dieser eine Pilgerfahrt nach Mekka, was seinen Abfall vom Judentum bekundete. Eine Gruppe von 4()() (Menschen nahm mit ihm den Islam an.] Von den Osmanen wurden die Jacobiten auch »Hamdi-beyler" genannt. Sie sind äußerlich dadurch kenntlich, daß sie sich den Kopf rasieren: 3. die Kuniosos, d. Ii. die Anhänger Osman-Babas, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Messias auftrat Sie sind daran zu erkennen, daß sie weder Kopf noch Bart rasieren. Während die Juden auf den Messias, den König der Könige, den Erlöser des auserwählten Volkes hoffen, ist für die Dönme der Messias bereits in der Person des Sabbatai Zewi aul der Erde gewesen, und er verbleibt beständig da. Sein Tod vermochte seine messianischc Natur nicht zu verändern. Seit Adam hat er sich achtzehnmal verkörpert, und nach seinem Tode befindet Sich der Messias inmitten der „Maaminim", indem er nur seine körperliche Hülle verändert. Zunächst hat der Messias in der Gestalt des Sabbatai Zewi, später als Jacob Querido gelebt. Als im 18. Jahrhundert ein gewisser Mustapha Tschelebi der religiösen Exstase neue Nahrung zufUhren mußte, erklärte er den Sohn eines treuen Anhängers, Abdurrahman-Efendi, eines Juden, der sich den Dönme angeschlossen hatte, zum Messias. Sabbatai Zewi wäre nicht gestorben, — so sagte er — sondern seine Seele habe nur ihren Körper erneuert; doch habe sie sich nicht in Jacob Querido verkörpert. Das sei nicht möglich gewesen, weil Querido ja bereits existierte, als Sabbatai Zewi noch lebte. Am Todestage Sabbatai Zewis ist seine Seele in den Mutterleib der Frau des Abdurrahman-Efendi eingetreten und so der Messias in der Person des Osman wieder in die Welt gekommen. Nachdem Osman-Baba als wirklicher Messias anerkannt wurde, liefen die Glückseligen in die Straße hinaus, begaben sieh eilig zu seinem Hause und fielen vor ihm wie vor einer Gottheit nieder. Diese 63 Menschen wurden die Sahaba („die Genossen") von Osman-Baba und behielten den Titel „Babä". Allmählich vergrößerte Sich die Zahl der Anhänger des neuen Messias, doch wuchs auch zur selben Zeii die Spaltung, welche durch einen Gegner, Ibrahim-Aga, hervorgerufen war. Im Jahre 1720 n. Chr. starb Osman-Baba, aber der Tod brachte keine Beruhigung in die Gemeinde. Die Lage wurde im Gegenteil noch verschärft. Die Anhänger Ibrahim-Agas beharrten weiterhin darauf, daß Osman-Baba nicht der Messias wäre und lügten boshaft hinzu: „Laßt ihn aus der Erde graben, und wenn sein Körper unversehrt geblieben ist, so ist es der wirkliche Messias, und wir glauben dann auch an ihn. Im entgegengesetzten Falle müßt ihr aber unser Recht anerkennen; dann wird der Zwiespalt hiermit vernichtet" Die Anhänger Osman-Babas leimten solche Prüfung vernünftigerweise ab, und fortan bildeten die Anhänger Ibrahim-Agas („die Proiestanten") einen abgesonderten, sektiererischen Zweig, die Kapantschilar (vom Worte Kapan „die Falle"). Die Gegner Jacob Queridos, die Karakaseh, welche Osman-Baba als Messias anerkannt hatten, verachteten die Kapantschilar, und da diese vermeiden wollten, den Namen Ibrahim-Aga zu erwähnen, nannten sie ihn „Papo". Osman-Baba hinterließ 3 Söhne und 4 Töchter; zu seinem Nachfolger („llalif") wurde sein ältester Sohn Abdurraham auserwählt, und dieser Titel blieb in seinem Geschlechte bis zur 10. Generation. Gegenwärtig befindet sich der „llalif" des Messias in Konstantinopel. Selbst der oben erwähnte Rüdschi weigerte sich, den genauen Aufenthaltsort und die Person des „llalif" zu nennen. Es kämpfen zwei Strömungen bei den Dönme: die ältere von ihnen spiegelt mehr die jüdischen Stimmungen wieder, z. B. erwarten sie den Messias vom Süden her; die Jacobiten gehen sogar öfters ans Meeresufcr, um zu sehen, ob der Messias auf dem Schiffe (aus Mekka) nicht angekommen wäre. Nach der neueren Strömung, die sich erst auf dem Boden von Saloniki bildete, wird der Messias vom Norden erwartet — der Weg aus L'sküb soll ihn herbeiführen. Soweit die Zusammenfassung nach Gordlevsky. 0. bespricht dann eingehend das Grab von Osman-Baba und seinen Kult, das Fest des Kostens des Lammes im Frühling, die freie Liebe und die Sittenlosigkeit als Folge der mystischen Exaltation usw. Zweifellos wird durch diese Arbeit die Erage nach den Dönme auch in Europa und speziell bei den Juden wieder in den Vordergrund treten. Dr. Bruno Schindler AI <; L A ST K V I MOS KereR Kajemeth Leji5rael VX"l^nÜ,'p pj? be am 24. November 1925 im CENTRAL-THEATER Ffc,. ■ i . -i nm ii m%. ir »sirnstTr fl —»fe-u

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