Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. l Seite 5 In der gleichen Richtung bewegt sieh ein anderer Wunsch: Die Eröffnung unserer Ge me i n d e bü ch crc i. Die Ungunst der Verhältnisse, Kriegs- und Nachkriegszeit, haben ihren Aufbau allzusehr verlangsamt. Man nennt unsere Gemeinschaft häufig „das Volk des Buches". Und denkt dabei nicht allein an die Bibel, die sie der Menschheit geschenkt hat, sondern an den steten Eifer, mit der Jude sich in Bücher versenkt, aus ihnen Belehrung und Anregung, reine und edle Freude geschöpft hat. Nicht jeder kann sich zu festgelegter Stunde sammeln, um an Kursen erfolgreich teilzunehmen. Aber jeder hat Mußestunden, in denen er in der Stille seines | Heimes sich in die Gedanken eines Buches vertiefen kann. Darum muß neben die Volkshochschule als deren notwendige Ergänzung die Bücherei treten und mit ihrer Mannigfaltigkeit jedem das bieten, dessen er zur Förderung seines jüdischen Wissens bedarf. Ks gab im Judentum den Begriff: k'wod hatorah, Ehrerbietung vor der Thora, Ehrfurcht vor dem jüdischen Wissen. ' Ehrfurcht vor der Gelehrsamkeit gibt es auch heute noch unter uns; aber vor jeder Gelehrsamkeit auf jedem Forschungsgebiete mehr als dem unserer Lehre und unserer Vergangenheit Ehrfurcht vor jüdischem Wissen möchte ich wieder erwachen sehen_ Gemeindeleben — Gemeindeblatt von Rabbiner Dr. Eph Mit dem Beschluß, ein Gemeindeblatt zu gründen, hat unsere Verwaltung die Absicht bekundet, ein Organ zu schaffen, das allen im Gemeindeverband vertretenen jüdischen Richtungen gerecht wird. Die Zeitung soll ein getreues Spiegelbild der Struktur der Gemeinde selbst sein. Es gibt in Deutschland in der Hauptsache einheitliche Gemeinden. Wesen und Begriff einer Gemeinde ist die Vereinigung der in einem Orte zusammenlebenden Juden zur gemeinsamen Fliege der „drei Säulen, die das Weltgebäude tragen", G'tteslehrc, G'ttesdienst und Wohltätigkeit. Das gilt für orthodoxe Religionsverbände in gleicher Weise, wie für die Liberalen. Nur bedeuten die angeführten drei Postulate für die Letzteren etwas wesentlich anderes, als für die Erstgenannten. Es hat gewiß noch keine Gemeinde in Abrede gestellt, daß religiöse Unterweisung, praktische Ausübung religiöser Pflichten und Fürsorge für Bedürftige zu ihrem Aufgabenkreis gehören. Aber in der Definition der Begriff ', G'tteslehre und G'ttesdienst, scheiden sich die Geister. Die meisten deutschen Gemeinden kennen und anerkennen nur eine eindeutig bestimmte Richtung. Nur in den Großgemeinden Berlin, Frankfurt, Breslau, Köin und Leipzig sind Orthodoxe und Liberale zu einem Gemeindeverbande zusammengeschlossen, d. h. hier haben die traditionstreuen Juden gemeinsam mit den dem Liberalismus I luldigenden die Wahrnehmung ihrer religiösen Interessen einer einzigen Körperschaft anvertraut, die, aus Vertretern beider Parteien zusammengesetzt, nun die Möglichkeit zu schaffen verpflichtet ist. daß jedes ernste; religiöse Wollen innerhalb der Gemeinde sein Genüge find« '[ Durch Schaffung zweier Rabbinate, deren Entscheidung füt je! des auftauchende Problem, je nachdem es in das Gebiet £ "• \ alten oder neuen Richtung fällt, maßgebend sein soll, haben diese Gemeinden den Weg zur Befriedigung all ihrer Angehörigen zu finden gesucht. Für die Mitglieder der Gemeindevertretung resultiert aus dieser Zusammenfügung von heterogenen Elementen die Verpflichtung, neutral zu sein, von ihrer eigenen Einstellung zu den Fragen der Religion zu abstrahieren und, über den Parteien stehend, zum Wohle der Gesamtheit zu beraten und zu beschließen. Es gehört natürlich ein .großes Maß von Selbstverleugnung dazu, unter Wahrung sein. - Standpunktes doch dem Andersgesinnten das zu gebe:- ■, . .r« gewähren, dessen er zu seiner religiösen Befriedigung oedarf. Das gilt besonders für den Orthodoxen. Ist ihm ja jede Änderung des Althergebrachten, jede Streichung im Ritus und die Aufnahme von solchen religiösen Forme» verboten, deren Ursprung nicht im Judentum selbst wurzelt. Wenn darum ein orthodoxer Gemeindevertrctcr für die Bewilligung von Gemeindemitteln zur Schaffung und Erhaltung z. B. eines gemischten Chores seine Stimme abgibt, so bringt er in der Tat ein großes Opfer, das er vor seinem Gewissen nur mit dem Argument rechtfertigen kann, daß er ja der Zustimmung seines auf liberalem Standpunkte stehenden Kollegen im Oemeinderat für Erhaltung von Bes-Hamidraseh und Mikwe, von Sch'chito und Dajan bedarf, und dies alles nur als Äquivalf nt Jür sein Entgegenkommen wirklich erhalten kann. Selbstverr a i m C a r I e b a c Ii ständlich kostet es auch den Liberalen Überwindung, sein Votum für orthodoxe Belange abzugeben. Denn er erblickt ja das Heil des Judentums in der Abkehr von Riten, die ihm überlebt und dem modernen Empfinden nicht entsprechend erscheinen. Aber seine Bedenken sind leichter zu zerstreuen. Er ist meist der Auffassung geneigt, daß sich jeder auf seine Art ausleben, nach seiner Facor. selig werden soll. Er hält zwar seine eigenen religiösen Anschauungen für geläuterter, ohne deshalb im Festhalten an tradierten Formen ein Unrecht zu erblicken. Für eine solche Gemeinde, die nicht durch gemeinsame religiöse Auffassung, sondern vor allem durch den Willen geeint ist, das Judentum nach außen als ein einheitliches zu repräsentieren, ist es schwer, ein Organ zu schaffen, in dem der ganze Leserkreis, für den es bestimmt ist, Befriedigung findet. In dem Bestreben, nicht einseitig zu sein und rechts und links nicht anzustoßen, bildet sich leicht eine Seichtheit und Farblosigkeit heraus, die eine Zeitung für ehrliche, aufrichtige Menschen ungenießbar macht Darum darf die Neutralität nur in dem Bemühen der Redaktion zum Ausdruck kommen, gegenseitige Verhetzung zu unterbinden. Aber die Bestimmtheit. Festigkeit und Energie, mit welcher sich ein Standpunkt zur Geltung bringt, darf nicht als Friedensstörung empfunden werden. Gerade in einer Gemeinschaft wie der unsrigen, muß jeder ungescheut Farbe bekennen dürfen. Wenn ich als orthodoxer Jude, und als solcher habe ich hier das Wort genommen, Schulter an Schulter mit meinem andersmeinenden Bruder für Erhaltung und Verteidigung dessen, was uns gemeinsam heilig ist, einstehe, dann möchte Kh dabei auch nicht „das Häkchen vom J" von meiner Überzeugung opfern. Ich will vereint, mi' ihm schlagen, aber in den Dingen, in denen wir auseinandergehe!!, getrennt marschieren. Eine Zeitung, die ihre Aufgabe so auffaßt, die nicht etwa die vorhandenen religiösen Gegensätze verwischen, vielmehr ihre Spalten jeder ehrlichen Überzeugung öffnen will und ihr Augenmerk lediglich auf die Vermeidung gegenseitiger Angriffe und darauf richtet, daß, wer auch immer zum Worte kommt, sich in der Form Reserve und Beschränkung auferlege bei aller sachlichen Bestimmtheit, — eine solche Zeitung ist neutral und dabei doch jüdisch, sie kann auch die religiösen Interessen des Judentums fördern. Mögen sid: fliese Blätter, auch unter dem angegebenen Gesichtswinkel betrachtet, alli.eiiivine Anerkennung erwerben und zum Segen unserer Gemeinde wirken. Herrn. HOIMTIcMlfl Uhren-Spez.-Gesch. Petersstr 2 Steckner Durchgang gegr. 1888 Ruf 27734 - empiie^!! - Uhren für jeden Bedarf. Eigene Werkstatt JDi solide Reparatur