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Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig · 1925-09-18 · 1 (18.9.1925) · p. [Seite]

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
Volume
1 (1925)
Issue
1 (18.9.1925)
Date
1925-09-18
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 GEMEINDEBLATT DER ISRAELITISCHEN RELIGIONSGEMEINDE, LEIPZIG I. Jahrgang es gehl nicht an, wie es leider hier und da immer noch gcschieht, beispielsweise de;; Ostjuden zwar zu bedenken, nicht aber, ohne ihm seine Minderwertigkeil unter die Nase zu reihen. Wahre Wohltat darf nicht zähneknirschend von gedemütigten Menschen empfangen werden, sondern sie muß in der Brust des Bedachten das frohe Gefühl auslösen, daß er Brüderlichkeit erfahren hat. Vielleicht liegt hierin der schwerste Teil sozialer Fürsorge. Hoffen wir, daß alle, die ihr sich widmen, im kommenden Jahre in der steigenden Kraft liehevoller Gesinnung wahren Lohn empfinden. Jüdisches Geistesleben von Rabbiner Gustav Cohn Ks liegl tiefer Sinn in der uralten jüdischen Einrichtung, den Beginn der Jahre im Herbst zu begehen. |üdisches Denken schätzt am leben, mehr als es wohl sonst geschieht, die geistigen und seelischen Kräfte des Menschen. Mißachtung der äußeren Lebensentfaltung liegl ihm gewiß lern. Die gesunde Kraft des Körpers wertet es ungemein hoch. lüdischer Besitz ist ihm ein erstrebenswertes Gut Die majestätische Schönheit der Natur, die sinnliche Freude an ihren Gaben weiß es sehr wohl zu genießen. Aber wahrhaft w ertvoll wird ihm das alles erst, wenn in gleicher Weise auch dem Verlangen der inneren Kräfte Genüge geschieht, wenn auch Geisl und Gemüt am frisch flutenden Lebensquell Labung erfahren. Pas Dasein winde ihm arm, inhaltsleer erscheinen, wenn Leben mir Entfaltung des Körpers und seiner Sinne, nicht auch die der Seele bedeutete. Ks ist in der Natur begründet, daß unser Hunger nach Lebensbehagen sich besonders stark im Frühjahr und im Sommer reut. Wenn die Sonne wohlige Wärme auf die Erde und was sie belebt herniedersendet, wenn an den Zweigen alles sprießt und blüht, dann ist auch im Menschen die Freude an seinem eigenem Leben und das Sehnen nach möglichster Steigerung dieser Freude besonders wach. Wenn es dann aber um ihn herum herbstlich wird, das Grün der Bäume welkt und gelb zur Erde fä'lt. wenn der Himmel düster, die Luft feuchtkalt wird, wenn der Winterschlaf der Natur sich ankündigt, dann zieht sieh der Mensch von draußen in das Innere zurück. Während das I eben in der Natur stiller und stiller wird, wird es i n dem Menschen reger und reger. Was er draußen entbehren muß, sucht er in sich. Diesen Moment hebt jüdische Lebensbetrachtung in besonders ernster Feier aus dem Jahre heraus. Frühling und Sommer dienen der Auffrischung des körperlichen Besitzes; die Wintermonate sollen die Güter des Geistes und des Gemütes steigern'. Indem die jüdische Anschauung den Beginn eines neuen Jahres in diesen Zeitpunkt verlegt, bekundet sie ihre Schätzung der inneren Werte des Menschen. Der jüdische Mensch hat in der neueren Zeit viel von dieser Einstellung zum Leben eingebüßt Der Strudel materialistischen Denkens hat auch ihn mit sich gerissen. Jüdisches Gemütsleben hat viel von der früheren Gewalt verloren, wenn auch der ererbte Bestand an GemUtSStärke so reich war, daß immer noch ein schöner Rest sich auszuwirken vermag. Audi er muß erkalten, wenn nicht in der Pflege des jüdischen Ki Grimmaikhe-Str. 21, BcmebUrtJ, DLER'fchreibmafchincn LEIPZIG " D I TTR I C H B. I r-i Ca18 CraiNArCTiwK: r^—-^ Geisteslebenes seinen Fundamenten neue Stärk gegeben wird. Hier aber hat die neue Zeit die verheerendsten Wirkungen gezeitigt. Einst war es ein Ruhm jüdischen Lebens, daß die Reichtümer jüdischer Gedankenwelt Gemeingut aller Juden waren, daß es keinen Unterschied zwischen Lehrern und Laien gab, daß in der Werkstatt des Geistes alle bestrebt waren, Meister zu sein. Recht eng geworden ist der Kreis der jüdischen Menschen, denen das Eindringen in dieses unermeßliche Meer des geistigen Wogens Lebensbedürfnis ist. Erschreckend groß ist die Mehrheit derer, deren Judesein keinen geistigen Unterbau mehr hat und die deshalb men lieh a ich am Besitze jüdischer Gemütstiefe verarmen. Diese Gedanken beherrschen meine v'im ,dic im Beginne des neuen Jahres. Audi innerhalb unserer Gemeinde haben unendlich viele das Streben nach dem Wissen um die geistigen Grundlagen jüdischen Seins eingebüßt oder noch nie gekannt. Wie wenige sind mit jüdischer Vergangenheit vertraut! Kennen unsere heilige Schrift! Ganlicht zu solchen von denen, die sie im Urtexte zu lesen verstehen; ah.r wer hat sie auch nur aus der deutschen Übersetzung sieh zu eigen gemacht? — Es soll hier nicht untersucht wen. m, wen oder was die Sdiuld an dieser beklagenswerten Tatsache trifft. Aber es ist an der Zeit, daß sie als beklagenswert erkannt wird, und daß alle Wege beschritten werden, um sie der Vergangenheit angehören zu lassen. Unsere Gemeinschalt ist Träger einer Lehre, die durch Jahrtausende allen Lehrmeinungen und Weltanschauungen gegenüber ihre Überlegenheit dadurdi erwiesen hat, daß sie bestehen blieb, während Lehrgebäude auf Lehrgebäude zusammenbrach. Sollte nidit allein der Stolz auf diesen Besitz einen machtvollen Antrieb ausüben, sich in diese l ehre zu verliefen? Unsere Gesdiichle is', ohne Kriege und ohne Waffensiege, eine so ruhmreiche, einzig durdi die latsachc, daß alle Verfolgungen und aller Druck nicht vermochten, die Judenheil aus der Mitte der Völker auszurotten. Müßte nicht in jedem Juden das Verlangen übermächtig sein, diesen Gang durdi die Jahrhunderte zu keimen? — Und wenn nicht von innen heraus der Drang nach solchem Wissen erwädist: dringender als seit Jahrzehnten machen es die äußeren Verhältnisse zur gebieierisdicn Notwendigkeit, daß jeder Jude mit dem Wesen der Lehre und der Geschichte des Judentums vertraut ist. In aller Welt ist die Flut der Judenfeindschaft hoch angesdiwo'len. Wiu könnte man sein Judentum verteidigen, wenn man es nicht kennt? Ja, wie soll man fest zu seinem Judentum stehen wenn man nicht imstande ist, es aus eingehender Kenmnis vor sich seihst zu reditfertigen? — Darum geht mein Wunsdi dahin, daß wie anderwärts audi in unserer Gemeinde eine judische Volkshochschule erstehe, die die Wege zu solchem Wissen eröffnet. Zwar ist vor einigen Jahren schon einmal ein Anfang in dieser Richtung gemacht worden; und seit Jahren werden auch Vortragsreihen über die verschiedensten Gebiete jüdisdicn Geisteslebens im Betsaale unserer Gemeindesynagoge geboten. Die Glcidigültigkeit, der diese Veranstaltungen begegneten, könnte allerdings den Mut zu erneuten Versuchen beeinträchtigen. Und dennoch müßten diese Bestrebungen wieder aufgenommen werden. Ich zweifle nicht daran, daß sie schließlich als ein Bedürfnis empfanden und zu stets zunehmender Anteilnahme anregen werden.

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