Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig
- Volume
- 1 (1925)
- Issue
- 1 (18.9.1925)
- Date
- 1925-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1 Seite 3 In Leipzig ist in der Inflationszeit und früher eine Hoch- Hut wohltätiger Bestrebungen zu verzeichnen gewesen. Pläne aller Art tauchten auf, die sofort realisiert werden konnten; den Wohltätigkeitsanstalten Kossen reichliche Mittel zu, man hesann sich auf die alte jüdische Vorschrift, die freilich auch unbedingte Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit voraussetzte und fragte nicht viel nach der Notwendigkeit, sondern man gab, Mit der Stabilisierung unserer Währung, mit dem allmählichen Übergang in feste Verhallnisse, mit dem Einbrechen der damit verbundenen Wirtschaftskrise wurde es mit einem Schlage anders. Plötzlich versiegte ein großer Teil der Quellen. Die Institutionen gerieten in Not, sie waren aber da und konnten nicht so schnell wieder abgebaut werden. Mit einem Male mußte das Fürso rgeam t der israelitischen Religionsgemeinde, welchem man bis dahin nicht gerade mit besonderer Freundlichkeit entgegengekommen war, für alles herhalten. Und es gibt keinen Zweig dei Wohlfahrtspflege, welchen man ihm nicht zugemutet hätte. Ein solcher Zustand ist fraglos ungesund und auch nicht recht zu verantworten. Die israelitische Religionsgemeinde in Leipzig ist weit mehr überlastet, als irgendeine andere Gemeinde in Deutschland, weil der größte Teil der zu Versorgenden nicht deutscher Staatsangehörigkeit ist, so daß für sie im Falle der Not die Stadt nicht eintritt. Ks ist eine vornehme Pflicht der Gemeinde, hier ergänzend eirzutreten, und bedürftige Glaubensbrüder vor der Ausweisung zu schützen, die ihnen sonst droht. Darüber hinaus muß aber bedacht werden, daß das Geld der Gemeinde aus Stenern zwangsweise beigetrieben wird, und daß demnach nur das absolut Notwendige geschehen kann. Es wäre auch ein peinliches Gefühl, wenn Wohlfahrtsaufgaben von nicht so unbedingt dringlicher Natur gegen den Willen eines Teiles der Steuerpflichtigen aus dem zwangsweise ihnen abgenommenen Gehle bestritten wird. Forme11 muß darum die Rückkehr zur freiwilligen Wohltätigkeit angetreten werden. Audi hier sind aber neue Wege zu beschreiten. Es scheint oft, als ob das Wohnen am Brühl i nd seinen Nebenstraßen die einzige Bedingung ist, von der die Heranziehung zur freiwilligen Wohltätigkeit abhängig gemacht wird. Es ist last eine Unsitte ZU nennen, wenn man die Lösung der Wohlfahrtsauligaben sich dadurch zu erleichtern versucht, daß man immer wieder an denselben kleinen Kreis herangeht. Man ahnt oft gar nicht, eine wie große Zahl gutgestellter Leipziger Bürger, von der Pflicht zu Beiträgen überhaupt nichts erfährt und auch nichts leistet. Und hier muß ein Wandel der Organisation eintreten, um die freiwillige, echte,jüdische Wohltätigkeit auf eine viel weitere Basis zu stellen. Sa di Ii eil muß man scheiden zwischen den oben erwähnten notwendigen Aufgaben und den anderen, welche nicht als so dringend erachtet zu werden brauchen, die aber zu erfüllen eine jüdische Gemeinschaft unbedingt für ihre Ehrenpflicht ansieht. In beiden Zweigen gibt es beachtenswerte WUnsche, von denen idi hoffe, daß das kommende Jahr sie verwirklichen wird. Die Fürsorge für Durchwanderer ist heute besonders sdiwer. Meist sind es Ausländer, die sich nirgends niederlassen dürfen, und die nun noch mehr als früher ihre Tage auf der Eisenbahn zubringen, die sie in trauriger Karussclfahrt durdi ganz Deutschland kreisen läßt. Für sie muß endlich unbedingt ein Dbernachtungsheim geschaffen werden und ebenso eine Arbeitsstätte, an der sie wenigstens einige Tage verweilen können. Die Schwierigkeiten sind nidit zu verkennen, aber ohne Schaffung dieser längst geplanten Einrichtungen ist eine Besserung nidit zu erzielen. Notwendig ist unbedingt für die ärmere Bevölkerung die Errichtung einer Keditsberatungsstelle für die mannigladien Nöte, denen zumal Ausländer ausgesetzt sind. Ebenso erscheint auch eine ärztliche Beratungsstelle mit ans di ließen der poliklinischer Behandlung durchaus notwendig. Inwiefern an einen Ausbau der Altersversorgung gedacht werden muß, sollte zum mindesten Gegenstand der Erwägung sein, und besonders drückend empfindet mau die Unmöglichkeit, jüdische Steche in geeigneter Weise unterzubringen. Die Grüße der l eipziger Gemeinde und die Fülle ihrer Bedürftigen würde auch bedingen, daß mit auswärtigen Heilanstalten feste Abmachungen getroffen werden, um Kranke, die nur in solchen Heilung finden können, ihnen leicht zuführen ZU können. So sehr gesetzliche Maßnahmen auch die Ste Heu Vermittlung einschränken, und so gering die Ergebnisse der Berufsberatung sind, muß doch auf beide Punkte ein größeres Gewicht gelegt werden. Steter Tropfen höhlt den Stein. Daß audi bei dein herrschenden Wohnungsmangel Einrichtungen getroffen werden müssen, um der ärmeren jüdischen Bevölkerung, insbesondere der heranwachsenden Jugend beiderlei Geschlechts die Möglichkeit eines angenehmen Aufenthalts in Teehallen oder dergl. während der Mußestunden zu gewähren, sei besonders stark betont. Hier berührt Sich überdies die soziale Fürsorge mit den geistigen Aufgaben, da solche Heime mit einer Lesehalle verbunden werden könnten. Darüber hinaus aber wird es unbedingt notwendig sein, auf der Basis freiwilliger Beiträge jene Vereine wieder lebensfähig zu gestalten, welche in früheren Zeiten die Uber das Notwendige hinausgehenden Aufgaben pflegten. Die Studentenhilfe hat wieder zu arbeiten begonnen. Sie ist heute zum größten Teilauf die Beihilfe der Gemeinde angewiesen, ist aber bereits auf der Bahn zu einer anderen Grundlage. Um armen begabten Kindern das Schulgeld in den Fachschulen zu bezahlen, und um sie in ihrem Berufe zu fördern, müssen Einrichtungen neu geschaffen werden. Die Errichtung von Ferienkolonien für ganz bedürftige Kinder, und eine Kinderhilfe für kranke Kinder wäre auszubauen oder zu schaffen. In anderen Gemeinden existieren Vereine, deren Namen ihre Aufgaben kennzeichnen, und von denen gleichfalls der eine oder der andere bei uns ins Leben gerufen werden könnte. Es gibt Mietehilfsvereine, Gesellschaften zur Unterstützung des Handwerks, Darlehnskassen. welche von einer Bürgschaft absehen. Unter allen diesen Aufgaben ragt besonders die Brautausstattung hervor, welche unbedingt auch in Leipzig eine weit größere Ausdehnung gewinnen müßte als jetzt. Der allerherzlichste Wunsch für das kommende jähr besteht aber nidit nur darin, daß diese Vereinigungen zu den bereits bestehenden geschaffen werden, sondern daß sie vor allem einheitlich zusammenarbeiten. Die Dezentralisation ist nur nötig zur Aufbringung der Mittel, und um die einzelnen Glieder der Gemeinde für die Aufgaben zu interessieren. Im übrigen aber kann nur ein enges Zusammenarbeiten in einer noch zu findenden Form Segen stiften. Wenn diese Organisation heute nidit so vermißt wird, liegt es daran, daß die meisten Vereine ihre Tätigkeit auf ihre Mitglieder beschränk! haben, und so das Gemeindefürsorgeamt wider seinen Willen das eigentliche Zentrum geworden ist Sobald aller das I eben sich audi wieder regt, ist es undenkbar, daß eine so große Gemeinde wie Leipzig ohne eine Zentralisation auskom mt Wohlfahrtspflege ist gewiß nicht Armenfürsorge. Wenn sie aber innerhalb der Judenheit ausgeübt wird, gehört sie dort in den großen Kreis dessen, was Menschenliebe umfaßt. Und vom Sachlichen nochmals zum Formellen zurückkehrend, möchte idi mit dem Wunsche schließen, daß überall in unserer Wohlfahrtspflege Nächstenliebe, Freundlichkeit und Wohlwollen, nidit nur in der Sa die, sondern audi in der Form herrsdien. In sozialen Dingen sind alle luden Brüder, und mpfifite mein reichhaltige» fager m Juwelen, Ulireil, Golcl" u Silberwaren, feine Kristalle für Paten-, Geburtstags-, Barniizwah , Verlotungs und Hochzeitsgeschenke- <3Ieuanfer(igungen u 1/r»c»Leitungen ron SehmucJtgegenftünden, fouue 5tcpara« füren öfter 5lr( werden prompt, tauber und d.tfigtf ausgeführt. Auf Wunsch Zahlungserleichterung. Streng redle Bedienung. billigste Preise S. Lrlbaum, Juwelier, Reichsstr. 13-20. Tel. 16375 &