Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- 7, 8 u. 9 (Juli-August-Septbr. 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Sabbath.. 57 A. F.! 4 E. B. Berlin im Aagast. A. F.? Rätselhaftes .Zeichen! Sage, lieber Leser, wie wirkt es auf dich ein? Vermag es dein Interesse zu erwecken und zu fesseln, dass du ihm nachsinnst und zu i ergründen dich bemühst, welch heimlich-dunkler Sinn hinter I diesen Initialen — denn dass es Wortabkürzungen sind, hast du dir längst gesagt — sich birgt und deine Neu- 1 gierde reizt? Deine Wissbegier soll keiner langen Folterspannung I unterworfen sein. Wisse: A. F., es heisst nichts anderes als Ausbildungs-Fond und es hat mit phantastischmärchenhaften Vorstellungen nichts, aber rein auch gar nichts zu tun, sondern mit sehr irdischen, sehr realen, sehr materiellen Hütern und Werten des Lebens, als da sind Geld und Geld und abermals Geld! Das sind ja nach einem bekannten Ausspruch die drei Dinge, die zu einer Kriegsführung erforderlich sind. Und um einen Kriegszug handelt es sich und uir. einen Kriegsschatz, der die Kriegsführung ermöglichen soll, und um einen recht grossen, denn das Ringen wird schwer und lang sein, weit länger voraussichtlich noch als das RiDgen um Tripolitanien. Aber, erschrick’ nicht gar zu sehr, lieber Leser. Dieser Kampf wird nur Geldopfer kostet* und kein Menschenleben bedrohen oder, Gott behüte, gar vernichten! Es wird ein Krieg im Frieden, oder, wenn man ein Paradoxon gebrauchen will, sogar ein friedlicher Krieg werden, der keine Verheerungsspuren hinterlässt, sondern בב־ד nur Segen und Frieden stiftet, Frieden im edelsteD Sinne des Wortes שבשמים c.T2sS שלום בין יש־אל! Die Begründung des Ausbildungs-Fond ist eine der schönsten Früchte der schönen Delegierten-Tagung vom vorigen Jahre in Hamburg. Auf Antrag des . Geschäftsführenden Ausschusses wurde dort beschlossen: ״eine einmalig und freiwillige Extra-Umlage in Höhe von einer Mark von den Mitgliedern des Verbandes zu erheben, zur Schaffung eines Fonds zur Unterstützung junger Kaufleute während ihrer Ausbildung vorzugsweise, im Engros- und Exportgeschäf t“. Die kurze Umschreibung dieses Beschlusses, das ist die Bedeutung unseres Rätselzeichens: A. F. Fo’gende Erwägungen aber haben diesen Beschluss gezeitigt. Die Abwanderung der jüdischen Bevölkerung, namentlich der Jugend aus den kleinen Städten und vom Lande in die Grossstädte ist eine Tatsache, mit der man, mag man -sie auch noch so beklagenswert finden, als einer vorläufig noch unaufhaltsamen Erscheinung rechnen muss. Auf dem Lande und in den Kleinstädten kann auch heute noch ein Detailhandel, trotz Geschäftsschlusses am Sabbath und Jomim tauwim bestehen und seinen Inhaber,' wenn er anspruchslos und fleissig ‘ist, ernähren; wiewohl auch dort in den letzten Jahren infolge des immer zunehmenden Detailreisens und der Concurrenz der Warenhäuser die Parnosob immer schwerer wird. Fast ausgscblossen erscheint diese Möglichkeit in den Grossstädten, wo die ungeheuren auf dem Geschäft lastenden Spesen (Miete, Reklame), die sozialen Auflagen (Sonntagsruhe u. A.) und die teurere Lebenshaltung es dem Inhaber eines offenen Ladengeschäfts fast unmöglich machen, den Ausfall an Arbeitsverdienst für 11/2 Tag durch intensive Tätigkeit an den verbleibenden 4'/2 Tagen — der Sonntag zählt kaum noch mit — einzuholen und auszugleichen. In der Tat bestehen denn auch in Berlin kaum noch fünf am Sabbath geschlossene Ladengeschäfte, abgesehen von den mit ritueller Aufsicht unterstellten Consumartikeln (Fleisch, Colonialwaren) Handel treibenden. Anders liegen die Verhältnisse im Engrosr und Exportgeschäft. Fällt die Rücksicht auf die .,Laufkund- Schaft“ hier von vornherein fort, so damit auch die den Etat ungemein belastenden Ausgaben für Aufmachung der Waren, Reclame u. dgl., die den Detailleur dazu zwingen, förmlich jede Stunde auszunützen, weil jede Stunde ihre in Zahlen sich ausdrückende Lasten hat, die, wenn nicht durch Verliefst eingebracht., . unwiedm-bringlich auf der- Verlustseite gebucht werden müssen. Aber ungleich wichtiger ist noch der Umstand, dass es einer geschickten Disposition hier möglich ist mit der Kundschaft, die man ja genau kennt, und deren Verlust man nicht gleich zu fürchten hat, auch wenn das Comptoir einmal geschlossen ist, die Arrangements so zu treffen, dass die Geschäftsabwicklung durch die Sabbathe und Jomim tauwim möglichst wenig alteriert wird. Dass dies im überseeischen Verkehr, wo überhaupt nicht mit Tagen, sondern mit den S'chifFsbewegungen zu rechnen ist, möglich ist, liegt auf der Hand. Aber auch im kontinentalen Exportgeschäft wie im Engrosgeschäft, wird sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle eiir Geschäftsschluss am שבד* ויו־ט ohne existenzerscbiitlernde Opfer ermöglichen lassen. Ohne jedes Opfer ist allerdings weder der Sabbath noch überhaupt die Thorah zu erfüllen; aber der wahre Jehudi ist nicht nur bereit, ihr Opfer zu bringen, sondern sie gern, und freudig zu bringen! Warum sollte aber, was in gewissen Branchen z. B. dem Metallgr״sshandel möglich ist, nicht auch in anderen Handelsartikeln zu erreichen sein, dass eine solvente und marktbeherrschende Kaufmannsgilde von echten שש־־ שבת ersteht und ihren Platz behauptet?! Ist es doch heute im Berliner Engrosgeschäft bereits so, dsss die Mehrzahl am Samstag ihre Comptoire um 2 Uhr mittags schliesst. Da daneben regelmässig der 6-Uhr-Ladenschluss eingeführt ist. so reduciert im Somme(• der Ausfall sich auf die Paar Vormittagsstunden; im Winter treten zwar noch zwei am Freitagabend hinzu, die aber durch.Tätigkeit ain Samstagabend doch eingeholt und ausgeglichen werden können. Und an den anderen grossen Handelsplätzen dürfte es wohl ebenso gehalten werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu und schon seit vielen"1 Jahren öfters von erfahrenen Kaufleuten ausgesprochen worden. Es würde aber zu weit führen, wollten wir die teils in der historischen Entwicklung, teils in der־Scl1wierigkeit des Unternehmens liegenden Gründe, die bisher stets einer Ueberleitung des jüdischen Kaufmannsstandes, dem die שדידת שבת Herzenssache ist, vom Detailzum Engroshandel im Wege standen, hier entwickeln. Genug, dass der jetztige Zustand, der jeden Vater bei der Berufswahl seines Kindes mit Entsetzen an die Zukunft denken lässt, unmöglich fortdauern kann, obfle der Sabbathheiligung die schwersten Wunden zu schlagen. Dies, und anderseits die oben angeführte Entwickelung der Engros-Geschäftsgebräuche, die dem Beginnen förderlich sind, lassen es als gebieterische Pflicht der Gesamtheit, und unseres Verbandes als ihres berufensten Mandatars in erster Reihe erscheinen, dass unverzüglich Hand ans Werk gelegt werde. Wie ist nun unser Vorgehen gedacht? Wir erhoffen von unserem Aufrufe an unsere Mitglieder und von den, wie zu wünschen, recht reichen Spenden seitens der sonstigen Freunde unserer Sache den Eingang von 10000 Mk. für unseren A. F. Diese Summe erscheint bei unserer Mitgliederzahl von ca. 6000, trotz der Freiwilligkeit der Umlage gewiss nichtjza hoch gegriffen. Haben wir בסיד sehr bald diesen Betrag beisammen, so sollen aus der Zahl der Bewerber, die Zweifel-