Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- 7, 8 u. 9 (Juli-August-Septbr. 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sabbath V 55 Zöglinge klar macht, dass die Beobachtung des Sabbaths, gleichviel ob einer Fabrikbesitzer oder Packer, Urrosskaafmann oder Kontorist ist, schon infolge der weit geringeren Auswahl an Erwerbsgelegenheiten, Op f e r verlangt, die eben — von jedem nach seiner Art — um des gemeinsamen Ideales willen gebracht werden müssen. Wir glauben, dass der Pfeil, den der Verfasser des erwähnten Aufsatzes aus durchsichtigen Motiven heraus gegen die Orthodoxie richten zu sollen glaubt, durchaus auf ihn selbst zurückprallt, ihm, und nicht den so abschätzig von ihm beurteilten orthodoxen deutschen Juden, ist das ״geistig Schauen“ an der Oberfläche und an den Aeusserlichkeiten der Dinge haften geblieben, und wir hoffen, in seinem Interesse, dass es bessere Argumente als die von ihm angeführten gibt, um die Ueberlegenheit des zionistischen Partei-Katechismus über die rückständige Gedankenwelt des ״Verbandes der Sabbathfreunde“ zu beweisen. ^£TrU Gedanken über שמור und זכור. von Eli Lazarus-Berlin. So oft wir am Schabbos Nacbmu die Sidra ואודזנן lesen, überrascht uns der Gesamtinhalt derselben wegen der Fälle seines Stoffes; aber am meisten drängt, doch zum Nachdenken die in dieser Sidra enthaltene Wiederholung des Zehnwortes. Wie vieles ist über dieses Zehnwort wegen seines mit dem Zehnwort des 2. Thorabuches nicht genau übereinstimmenden Textes gesprochen und geschrieben worden. Wie regt es die Gedanken an, die eine Lösung finden wollen in der Ungleichheit des Wortlautes gerade an diesem Gotteswort, das doch den Grundstein aller Sittengesetze der menschlichen Kultur darstellt. Wenn schon jedes Wort in den 5 Büchern Moses seihe Bedeutung und seine Begründung hat, so müssen Familie, ein Verwandter, oder ein Freund vermisst, oder dessen Leiden nicht beklagt worden wären. Wo es auch nicht leibliche Wunden waren, die da bluteten, so doch Wunden, der Seele, die oft tiefer sitzen, schwerer heilbar sind, als Schädigung an Fleisch und Bein. Rabbi Spira’s Haus wie das Joach Schämach’s, des Vorstehers, waren von der allgemeinen Hot verschont geblieben, um so mehr aber lag Beiden ob, überall die Hot aufzusuchen und zu lindern. Ihnen waren Marcus, der Held der Prager Judenstadt, wie dessen Freund und quasi-Adjutant (sein Lieutenant nach da- : maligem Sprachgebrauch) Eli Ben Sacheser, der Schächter, zugesellt, und wo diese an’s Bett der wunden Genossen im Kampfe wie im Glauben traten, da wurde das Antlitz der Leidenden hell, ihre Schmerzen wichen über den seligen Gedanken, was doch der alte Gott Judas an seinem Volke in der Knechtschaft wiederum getan : habe■ Auch Esther Katz und ihre Freundin wurden nicht müde, ihre Pfleglinge aufzusuchen, und oft vereinte dasselbe Bett, derselbe : Kranke Marcus und Esther, Eli und Täubchen, den Rabbi und sein Weib. Wie sie sich getroffen, so trennten sie sich meist auch ■ wieder, denn jeglicher war eifrig auf seinem Wege der Pflicht. Auch diese verlor nach ejner weiteren Woche ihre Dringlichkeit. Die Hotwendigkeit des Lebens siegte über das Weh der Vergangenheit, Handel und Wandel begann wieder, die Gewissheit des end- | liehen Friedens und neuer Lebenssicherheit Hess Hoffnungen und Wünsche neu erwachen, die Lebenslust, die Daseinswonne■ Allen in der Gemeinde fiel auf, wie die schöne Esther Katz sich doch verändert habe. Das Rot ihrer Wangen und ihr Stolz waren verschwunden; nicht mehr erhobenen Hauptes, verächtlichen Blickes, mit funkelndem Geschmeide ging sie umher, überall Verehrung verlangend, sondern demütig, gesenkten Auges, in dunklen; Gewändern. Obwohl sie durch ihren liebevollen Opfermut der Engel aller Leidenden geworden war und der Hot der Armen von . ihrem Reichtum abzuhelfen sich beeifert hatte, sah sie doch aus : wie Eine,, die schwerer Sünde sich bewusst ist. Der zweite Sabbath nach Abzug der Schweden war bereits! angebrochen, die Abendlampen entglommen, Weiber wie Männer j hatten in der ■ Alt-Heu-Schule ihr Gebet verrichtet und gingen nun j beim, um die Abendmahlzeit zu halten, den siebenten Ruhetag, den | doch ganz besondere Gründe massgebend gewesen sein, die dieses zweite Zehnwort än dieser Stelle eine Aenderuog der Worte erfahren liessen. Die Kritik, die *nach Lücken sucht, sagt allerdings kurz, das 5. Buch ist garnicht von Moseh geschriej ben, sondern erst in viel viel späteren Jahren. Die> religiöse Ueberzeugung dagegen wird gerade in der Erklärung dieses Zehnwortes eine Bestätigung dafür finden, dass das 5. Buch Moses auch von ihm selbst herrührt. - Warum finden wir die Wiederholung des Zehnwortes überhaupt im 5. Buche Moses? Weil dieses Buch gewissermassen ein Resümee, eine Zusammenfassung aller der Gottesgedanken und Gottesgesctze darstellt, die Mose in den vielen Jahren der Wüsten Wanderung den Kindern Israel verkündet bat; er wiederholt ihnen vor seinem Tode, den er nahe bevorstehend weiss, Alles noch einmal und schärft es ihnen in einer so eindringlichen, mahnenden, zeitweise drohenden, aber auch oft vom Grundgesetz dem Worte nach abweichendem Form ein, um zu *verhüten, dass all die Liebe Gottes, _e7n heiliges Volk sich heranzuziehen, vergeblich gewesen ׳ sei. Z11 diesen Gesetzen gehört natürlich und vor allem das Zehnwort und hier finden wir das 1. 2. und 3. Gebot, die die Sittengesetze gegen Gott enthalten, wörtlich mit dem übereinstimmenden Sinai-Wort wiedergegeben, das 4. das Sabbatgebot dagegen beginnt mit יטנו*־ und nicht wie das Sinai-Wort mit זנו־, halt sich daun an den Wortlaut des Gesetzes, setzt aber als Begründung für das Sabbatgebot merkwürdigerweise eine ganz andere ,als beim Sinai-Gebot. Bei diesem ist als Begründung die Arbei.t Gottes in 6 Tagen und dessen Ruhe am siebenten Tage angeführt, bei jenem die Erinnerung daran, dass du selbst Knecht im Land Aegypten •gewesen, nachdem vorher noch auch für Knecht uud Magd die gleiche Sabbathruhe besonders hervorgehoben wird. Auffallend ist ferner der Zusatz נאשר צ־ך ז־.׳ אלק־ך דע־־ zu der knappen Gesetzesformel ד׳צנה לקז־״גד er* ,ט״ו־ אי• der Herr von Anbeginn der Menschen gesetzt hat, zu begehen. Der Rabbi und sein Weib schritten, ihren gewaltigen Sohn, der gar nichts Kriegerisches mehr hatte, zwischen sich, vom Tempel der Ecke der Humpasgasse zu, welche Esthers altes Haus bildete. Lieber.die Jungfrau war bisher wenig von ihnen gesprochen worden, so oft sie Esther auch begegnet waren, und selbst das gelegentliche Lob, das der alte Simon oder Sara dem schönen MädchenMür ihre Handlungsweise zollten, oder die Bemerkungen, welche sie über deren Veränderung machten, waren von Marcus nur mit stummen Kopfnicken beantwortet worden. Wie nunmehr wieder Christ und Jude, so standen auch Marcus und Esther zu einander in der alten früheren Trennung, in dem: ״Rühr’ - mich - nicht•־ an!“ Als;die Familie Spira l an des reichen Mädchens Hause vorüber kam, konnte Frau Sara sich nicht enthalten, hinüber zu blicken. Ein Ausruf entquoll ihrem Munde.' Sie blieb staunend stehen_und deutete auf den Bogen der Haustür. Vater und Sohn blickten hin und gewahrten mit Befremden, dass erst unlängst Arbeiter das alte Familienzeichen Esthers, die Katze über der Tür, mittels Hammer und Meisse) herabgeschlagen hatten. Das Bild war fort. Die Stelle wo es gesessen, erkannte man nur noch an der helleren Bruch• fläche des Gesteins. ״Gott soll behüten“, sagte der Rabbi, ״was ist nur mit dem Mädchen?! Sie hat ihrer Eltern Wahrzeichen verleugnet!“ ״Es muss ganz frisch geschehen sein“, fiel Sara ein. ״Kurz ■ vor dem Sabbath“, ergänzte Simon, indem er zu Esthers Tür schritt uni einen der herabgefallenen •Steinsplitter betrachtete — den ausgesprengten Kopf der Katze: ״Sie bleibt doch ein wunderliches, eigenwilliges Mädchen.“ ״Es ist wahr“, entgegnete Marcus tonlos. ״Mag sie aber doch machen was sie will!“ Damit schritt er vorauf .... Die Letzte, welche die Frauenhalle des Tempels heute verliess, war Esthe'r. Sie hatte Täubchen mit kurzem Lebewohl und Händedruck verabschiedet und trat auf den Platz, von dem die Andächtigen sich gruppenweise entfernten. An der Tür erwartete sie Joach Schemach, der Vorsteher, ihrer Eltern Freund und ihr einziger Berater.