Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- 7, 8 u. 9 (Juli-August-Septbr. 1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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54 Der Sabbath, "t »׳ vielleicht, das£ die hier in Betracht kommende Arbeitgeber, die zu 00 Prozent auf dem flachen Lande oäe»in k 1 e i n e r e n S t äd t e n wohnen, auf Rosen gebeitet seien und lediglich aus Bosheit sich mit sdmeht vorgebildetem und auch dementsprechend schlecht^ gflohhten Personal begnügen? Ist ihm nichts bekannt wn dem furchtbaren wirtschaftlichen Notstände, mit dem fliesä kleinen Leute auf dem Lande zu kämpfen habert, und <W es ihnen schwer genug macht., ihren religiösen Heiligtümern treu za bleiben? Wenn der Verfasser diesen Verhältnissen, die jedem mit praktischsozialer Arbeit Befassten bekannt sind, fremd gegenübersteht, so solDihm als offenbarem Theoretiker und Philosophen daraus ein Vorwurf nicht gemacht werden. Dann hätte er aber schweigen und fragen sollen, anstatt den Mund voll zu nehmen und anderen Leuten Moral zu predigen. Dieselbe krasse Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse offenbart sich in der Behauptung, dass der angeführte Prozentsatz schlecht bezahlter Stellen ,.trostlos“ sei. ivt. ist eine bekannte Tatsache, dass an eine Stelle n yffTmittlung selbstverständlich immer nur der aus irgend welchen Gründen nicht voll konkurrenzfähige Ueberschuss an Bewerbern herankommt. In ihrem Fache besonders tüchtige Gehülfen haben es in der Regel überhaupt nicht nötig, von einer Stellen- Vermittlung Gebrauch zu machen, wie anderseits auch — für die Stellenvermittlung bedauerlich genug — die hochbezahlten Posten in grossen Häusern gar nicht gemeldet, sondern kaum dass sie lic&tig frei geworden, auch schon unter det. Hand von längst schon vorgemerkten Bewerbern besetzt werden. Diese Verhältnisse, die einen Schluss von den Gehaltern der durch Stellenvermittlung Untergebrachten auf den Gesamtdurchschnitt der Gehaltssätze Von vornherein als unwissenschaftliche Spielerei erscheinen lassen, sind ganz allgemeiner Natur und gelten sowohl für die jüdischen, wie fitf die allgemeinen kaufmänniseben Stelleuvermittlumren. Die grossen kaufmännischen Vereine vermeiden es daher im Allgemeinen, irgendwelche Statistik über die Gehaltsverhältnisse im Bereiche ihrer Stellenvermittlung zu veröffentlichen, und wenn der ״Sabbathverein“ hierin eine abweichende Praxis verfolgt, so hat er es getan, um dem Publikum zu zeigen, dass er keineswegs ausschliesslich über schlecht bezahlte Stellen verfügt, sondern dass doch immer noch ein gewisser Prozentsatz besser bezahlter StelluDgen für die den Sabbath beobachtenden jungen Kaufleute erlangbar ist. Es kommt hinzu, dass ia den letzten Jahren ein sehr erheblicher Teil der bei der Stellenvermittlungszentrale sich meldenden jungen Leute Ausländer sind, die, der ausreichenden Vorbildung entbehrend, froh sind, mit massigem Gehalt eine Existenz finden zu können und oft nur dank der persönlinchen Initiative der Stellenvermittlungs-Kommission untergebraebt werden können. Wenn der Verfasser endlich meint, das£ ein monatliches Einkommen von 60 bis 80 Mark ein ständiger Mahner zur Sabbatbentweibung sei, so muss einer solchen Auffassung entschieden entgegengetreten werden. ־ Vor allem ist es nicht wahr, dass in kleinen Dörfern oder in den zahlreichen Fällen, in denen junge Leute in elterliehen Hause leben, die zitierten Gehaltssätze nicht ein knappes Auskommen ermöglichen. Es ist ferner nicht richtig, wie der Verfasser anzunehmen scheint, dass eine so grosse Zahl niedriger Gehaltssätze nur in den am Sabbath geschlossenen Geschäften vorkommt. Sie kehren, wie der Verfasser sich aus jeder allgemeinen statistischen Arbeit über dieses Gebiet überzeugen kann, im gesamten kaufmännischen Betriebe wieder. Wäre aber selbst im Gesaratdurchschnitt — was wahrscheinlich ist — das Einkommen der den Sabbath beobachtenden Gehilfen etwas geringer als dasjenige ihrer nichtjüdischen oder unjüdischen Kollegen, so würde das noch lange Keinem die Berechtigung verleihen, die ■Preisgabe des Sabbaths als entschuldbar darzustellen Noch immer gilt das Wort vom עו;ת שבת בשבתו und wehe dem Erzieher, der nicht von vornherein seinem jüdischen Streiter zur Umkehr, und kaum waren sie im Tore in \ Sicherheit, als- Marcus Spira mjt der Lunte die Leitung entzündete. Wie eine fischende Schlange fuhr das Feuer die Brücke entlang zu den Pulverminen. Eine furchtbare Detonation erfolgte, der Torturm wankte in seinen Festen, die ganze Stadt schien zu hüpfen- Dann brach der mittelste Brückenbogen in dumpfen Donner zusammen, und das Wasser der Moldau schnob auf — eine ungeheure Lücke trennte fortan Hradschin und Kleinseite von der Alt- und Neustadt Prag's. s5*£in Meisterstreich, mein lieber Freund Marcus, eine grossartige Tat! Prag.ist nun vor jedem Erstürmen gänzlich gerettet!‘ riefen Collorado, Czernin und Kinsky jubelnd Marcus entgegen und umringten ihn, indess die auf den Seitenstrassen' postirten Verteidiger, Sfjftsnten, Krefczherren. Adlige und Bürger jauchzend auf dem BrücM^BlatZfi. zusammen strömten ״FIAel ich Ihnen nicht“, lächelte Marcus, ״als ich damals das Vieh gekauft hatte, hier ans Tore gesagt, Herr Statthalter, dass die Ochgffen zur Verteidigung oft noch besser sind als Menschen? Hätten unse/er Tausend mit allem Mute es doch nicht vermocht, was nun hundert tolle Ochsen getan haben! Ich habe in Spanien gelernt, meine Herren, die Stiere wild zu machen.“ Was •die Schweden nun auch noch gegen das östliche Prag unternahmen, es war nutzlos. Zwar fuhren sie einen Tag später mächtige Belagerungsgeschütze auf die Brücke bis hart vor den gesprengten Bogen und beschossen bis zum 31 October, also vierzehn volle Wochen, den Altstädter Turm und die Stadt. Aber der Turm, ob auch noch so demolirt, wankte nicht; auf ihm sass als seines Volkes Prophet und Hort furchtlos noch immer der greise Rabbi Simon und über ihm ragte unversehrt das Feldzeichen Israels, der Schild Davids, der ״ewige Stern“! Von den Mauern, vom Kastell zumal erwiderten Marcus und Czernin das schwedische Feuer wirksam genug, während die Ostseite der Stadt gegen den angeiangten General Wittenberg durch die Studiosen, die Kreuzherren und Bürgermilizen unter Sternherg und Kinsky so wirksam gehalten wurden, dass jeglicher Sturm nutzlos biieb. Vaterlandsliebe, Mannestreue und in Gefahr erprobtes Waffenbrudertum hatten in dieser Zeit der Schrecken den Unterschied des Standes, der Religionen und Rafen verwischt .... Die Nacht des 21. Octobers war still gewesen, nachdem schon in den letzten Wochen des Feindes Angritfe immer lahmer wurden. Am 22: des Morgens — wie wunderbar — grade am Tage der ״Gesetzesfreude der Juden“ war kein Schwede, weder auf der Ostseite, noch der Kleinseite noch in der Umgegend von Prag mehr zu sehen. In, der Nacht war der Feind lautlos abgezogen I Weinend vor Freude sank man einander in die Arme, Jude und Christ, Hoch und Gering. Rabbi Spira aber und sein Sohn Marcus trugen an der *Spitze der jüdischen Streiter das heilige Siegeszeichen herab vom Turme ins alte Ghetto, in die ernste, düstere, tausendjährige Alt-Neu Schule und beteten hier zu dem, dessen Gesetz Gerechtigkeit ist, die an dem verachteten Volke, das ihn auf Erden dennoch zuerst erkannt hatte, wiederum erwiesen worden war. Zwei Tage später am 24. October ratificirte man den westfälischen Frieden. Die Gräuel waren zu Ende I Durch die verödeten deutschen Fluren zogen die Schweden nordwärts ab, dem Pommernlande zu, Ruinen hinter sich lassend, aus denen für ewig alles Leben gewichen schien. Sechstes Kapitel. Im Judenviertel ist es wie immer. Die Tage des Kampfes sind vorüber, aber auch die Tage menschlich brüderlicher Gemeinsamkeit und gleicher Gefühle mit der christlichen Bevölkerung Was Rabbi Simon und Rabbi Spira mit ihren Streitern auch Staunenswertes getan, was die jüdischen Frauen, an ihrer Spitze Esther Katz und Frau Sara, Tag und Nacht, Woche um Woche durch Pflege der Kranken jedes Glaubens in Betätigung weiblicher Liebe geleistet hatten, schon ist es wieder vergessen. Der Jude ist eben wieder — der Jude, der Christ — der Christi Zwischen ihnen beiden liegen die Gatter des Ghetto, die alten Grenzen, von beiden Teilen in alter Strenge gezogen. In der Judenstadt selbst 1 hat nach blutigem Kampfesrausche, Angst und Arbeit, Müdigkeit, Abspannung, trübe Ernüchterung Platz gegriffen. Tod und Wunden 1 nur hatte die israelitische Gemeinde a1!8 dem schweren Kampfe I heimgebracht, und kein Haus war, in welchem nicht ein Glied der