Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- 3 u. 4 (März-April 1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sabbath. 38 Der Sabbath war es, der durch fast aöhtzehnhundert Jabre die Ketten des versklavten, geknebelten nnd umnacbteten Ghetto-Juden brach und ihn wieder zum Fürsten im Reiche des Charakters machte. Diese langen Jahrhunderte hindurch, während deren Adel und Klerisei selbst roh und ungebildet blieben, war er allein gebildet. Gedenket des glücklichen, leuchtenden, herrlichen Freitagabends und Sabbathmorgens vor ein oder zwei Generationen! Welche schwere Arbeitsleistung und Be* drückung, welche Machtlosigkeit und Zerknirschung in den 6 Tagpn der Woche und welche Tröstung und Lieb* kosung, Hoffnungsfreudigkeit und Heiligkeit am Sabbath! und Freitagabend mit seinem Lichtersegen, dem geweihten Tische, den weißen Broden, dem Segenbecher, der süßen Buhe von innigen Lobgesangen begleitet; und der Tag selbst mit dem gemeinschaftlichen weihevollen Gottes-! dienst, der familiären Vereinigung, der Betätigung von! Gastlichkeit, Belehrung und Brüdersinn. ׳ Das waren nicht leere Zeremonien, nein Bräuche, 1 r§jch~ an geistiger Ursprünglichkeit und menschlicher Erh'ebuiig, die den Juden im Grabe des Ghetto die langen ן dmpklen.Jahrhunderte hindurch am Leben erhielten und ] Bfer den Vorgeschmack besserer Zeitläufte in künftigen Existenzen verschafften; דש שכלו שנת רר;*הד, ל־** •זע־לנדש Und hat derselbe Sabbath nicht auch den verarmten Massen aller Andersgläubigen, die in Armut, Despotismus und Unwissenheit schmachteten, ein Restchen Trost und Hoffnungen! auf bessere Zeiten gebracht? Hat er nicht auch sie vor gänzlicher Verelendung bewahrt? Doch wir sollen aus der Geschichte lernen. Wir wünschen die Zeiten nicht mehr herbei, wo Arbeit und Hunger die Woche erfüllten, der Schalet und eitel Wonne den Sabbath ausmachten. Wir ziehen moderne Freiheit, Bürgertum und Wohlstand allen Reizen des Ghettos vor. Was wir vermissen und was wir im Hause des modernen Juden wieder sehen wollen, das ist der Geist, die geis* Mge Spannkraft jener Zeiten, ihr religiöses Gefühl mit dem festen Willen, als die Leuchte der Völker, als jene Minorität fortzuleben, auf welcher der Geist Gottes ruhet. Wir wollen das unerschütterliche Gottvertrauen, das Vertrauen auf Recht, Vernunft und Ehrbarkeit wiedererweckt sehen, den hohen Sinn für geistige Anregung, BMdung. Denken und Forschen, den Respekt vor Wissen und Charakter, Einfachheit, Mäßigkeit, Reinheit, Bescheidenheit, Gegenseitigket und Menschenliebe, Familiensinn ”bnd alle Tugenden, welche die Priuzessin Sabbath schmückten.! Irdische Güter hat de^ Jude seither an den Werktagen viel gesammelt, ist et aber noch der Geistesfürst geblieben? Groß ist der Einfluß des Sabbath in allgemein menschlichen Belangen. Vorerst bedeutet er die Enthaltung von jeglicher körperlicher Arbeit, eine Arbeitspause zum Zwecke der Kräftesparung und körperlichen Erholung der großen arbeitenden Massen. Sodann bedeutet er die Möglichkeit, dem Bedürfnis nach geistigen höheren Genüssen, der Entwicklung vielfacher Fähigkeiten und Bestrebungen der uns angeborenen höheren Menschlichkeit wie Wissenschaft, Religion, Kunst, Gemeinsinn, Nächstenliebe, nachzukommen, welche in den 6 Werktagen durch die ausschließlichen Sorgen für den Körper zumeist vernachlässigt werden. Drittens zielt der Sabbath auf eine sozialpolitische Verbes erung der Menschheit, auf eine Emanzipierung und Ausgleichung, indem er die plebeische Majorität vom Joche der herrschenden Minorität beüreit, die Massen von den Klassen innerhalb desselben Landes und Volkes. — Wenn diese armen Arbeitermassen wenigstens einen Tag in der Woche ruhen und sich körperlich erholen, dabei ihren Geist pflegen in vern&nftiger nnd sittlicher Hinsicht, so steigen sie allmählich empor auf der sozialen Stufenleiter, zerbrechen ihre politischen, sozialen Fesseln und fühlen den Wunsch und das Streben und erlangen schließlich auch die Tatkraft und die Mittel, ihre Menschenwürde, ihre gesetzliche und politische Gleichheit und F; eibeit zu erobern. Viertens bedeutet־ der Sabbath die Erhebung und Emanzipation der verschiedenen menschlichen Parteiungen, Nationen, Völker, Länder und Rassen, zu jener einzigen identischen großen Menschen-Spezies. Er bietet überall den unterjochten Massen Gelegenheit zu körperlicher Kräftesammlung, zu geistiger und moralischer Erhebung, zum politischen und sozialen Schutz vor fremdem Joche und vor Ausbeutung im eigenen Lande. — Er wird diese Massen allmählich mit Erfolg aneifern und politisch, wie sozial erbeben zur Befreiung aller geknechteten RasseD, aller Nationen, zur Befreiung von Bevormundung und widerrechtlicher Herrschaft eines Volkes über das andere, einer Sekte, einer Rasse, eines Landes über die anderen, der Besiegten über ihre Be- Sieger. Er wird den Pariah aus dem Joche des Brahmanen, den Heloten und Barbaren aus dem spartanischen und griechischen, den Leibeigenen aus dem des Adeligen befreien. Fünftens endlich ist der Sabbath ein Tag der Ruhe, 1 Erholung und Freude, auch für das Tier, für die ganze lebende Schöpfung, für alle fühlenden sterblichen Wesen. Er ist die Frist für eine Enthebung von aller Art Anmaßung, von künstlich geschaffenen, historisch gewordeneu gewaltsamen Einschränkungen, die Wiederherstellung des ursprünglichen, natürlichen Zustandes, der Abhängigkeit von Gott und dem eigenen Ich, nicht von den Menschen. — Er stattet selbst das Vieh mit Rechten aus, das als/ Haustier dem Menschen am Zivilisationswerke hilft und deshalb Anspruch auf Schutz, Mitgefühl und Wohlbefinden erheben darf, der ihm mit dem Ruhetage auch eingeräumt wird. Diesem Sabbath mit seiner hoben weltumfassenden Bedeutung für das Heil der Menschheit vindiziert der Gesetzgeber auch einen hohen Ursprung. Er weist ihm seine Stelle in der Geschichte der Schöpfung und der 1 Entstehung des Menschen an. Der Sabbath wird eingesetzt, als die materielle Welt und die Lebewesen vollendet waren und der erste Mensch am Plan erschien. Am Sinai ward er erst feierlirh als für die Nation der Hebräer verbindlich erklärt und ißt so das Wahrzeichen des Mosaismus אות ברית, die Grundlage menschlicher Gesittung geworden. Auf seine Uebertretung werden die schwersten Strafen gesetzt. So erscheint der Sabbath durch göttliche Vorsehung zum körperlichen, geistigen, moralischen, politischen und ethisch-sozialen Vorteil der Menschheit eingesetzt. In Exodus XVI. 26 findet sich ein Hinweis darauf daß die Hebräer in Aegypten bereits von einem siebenten Tage als Rasttag Kenntnis hatten und aus den assyrischbabylonischen Ausgrabungen ist zu ersehen, daß im Orient ein derartiger Brauch noch vor dem Sinai und vor Abraham als eine Art von. volkstümlichen Sport- und Ruhetag nicht ungekannt war. Aber einzig und allein im Mosaismus erhielt er seine Bedeutung und heilige Würde als feierliche, Gott geweihte Ruhe für Körper und Geist, gleich verbindlich für Reich und Arm, Herren und Sklaven, auch für das Lasttier. Seine große Rolle in der Geschichte erhielt er bloß als Sabbath seit der Offenbarung am Sinai, von der aus er allmählich die , ganze Welt des Westens eroberte und von ihr aufgej nommen, die Bedeutung und den Umfang einer univer- [ seilen Institution erlangte.