Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- 3 u. 4 (März-April 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Sabbath 31 ״Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung von mir, aber gerade mein Bildungsgang und meine Kämpfe, die ich mit mir and mit anderen zu besteben hatte, haben mich zu der Ueberzeugung gebracht, dass es bei uns sehr schlimm steht, und dass bald etwas geschehen muss, wenn nicht bei dem geringsten Nachlass des äusseren Druckes alles verloren sein sollte. Aber ich will Ihnen mit meinen trüben Gedanken weder den Sabbath noch die Kur verderben und wir wollen jetzt wieder zu den Damen geben, damit wir von weniger ernsten Dingen reden. Hoffen wir auf unsern Vater im Himmel, auf den auch die Mischnah hinweist, dass er unsere einzige Stütze ist, wenn Alles versagt.“! Nach diesem ernsten Gespräch war ich nicht in der Stimmung, leichte Konversation zu machen, ich empfahl mich deshalb mit dem Hinweis auf meine Familie, die ich nicht länger ihres Gatten und Vaters berauben wollte, und trat den Heimweg an. Aber meine Sabbathstimmung war mir wirklich verdorben; wie sehr mich zuerst mein Traum belustigt und erfreut batte, so hatte mich die traurige Perspektive auf -die Aussicht der Sabbathheiligung hei uns und auf die Aussicht des grossen Abfalls hei unseren östlichen Brüdern so sehr deprimiert, dass ich sehnsüchtig nach einem Anlass suchte, der mir meine gute Stimmung wiedergeben sollte. Zum Glück hatte ich ihn gleich gefunden. Bei einer Biegung des Weges sah ich auf einer unter Bäumen ver* steckten Bank den Rabbi mit seinen Begleitern sitzen. Als ich sein gutes, kluges Gesicht erblickte, auf dem keine Spur von Trauer zu sehen war, das vielmehr mit froher Zuversicht und/ festem Gottvertrauen in die Welt sah, da dachte ich bei mir: wenn er, der doch so viel klüger und erfahrener ist, als du, nicht an seiner Welt, in der er täglich und stündlich lebt, verzweifelt, brauchst du es doch gewiss nicht zu tun, der du diese Welt nur vom Hörensagen kennst. Ich wollte mir meinen Trost aber auch ans. seinen Worten holen, und begann nach einer nochmaligen Begrüssung ihn über die Sabbath verbältnisse in seinen Gemeinden zu befragen, nachdem ich den leider bei uns herrschenden traurigen Zustand erwähnt hatte. Er antwortete mir in seinem angeborenen Jargon, den ich leider nicht genügend beherrsche, um bei dem Folgenden nicht manchmal aus der Rolle zu fallen. Ich kann die Antwort aber auch nicht ganz in Hochdeutsch wiedergeben, weil $ie dann viel von ihrem Charakter verlieren würde. Der Rabbi sagte also: ״Ich will Euch erzählen e Moschei und will Euch erzählen e Maase, damit Ihr könnt sehen, was man bei uns denkt vom Scbabbos. Ich will Euch erzählen e Moschei, was ich e mal hab gehört von e ganz klein Bocherle, was noch nicht alt gewesen ist 12 Jahr, wie ich bin ge* wesen auf der Reis’ in einer fremden Kille. Wie ich das Bocherle frag’, as es is heint Scbabbos, was kannst de mer sagen vom Scbabbos, da hat es erzählt: ״Es is e mal gewesen e Melech der hat g’habt zw׳ei Söhn’, <}ie waren beide gute Söhn’ und hätten getan für ihren Vater Alles, was er hat gewollt, doch der ältere Sohn war e kluger, ruhiger Mensch, der nachgedacht hat über Alles, was er sollte tun, ob es wird sein bös oder gut. Der jüngere Sohn war e feuriger Mensch, der getan hat Alles, was ihm gekommen ist in der. Sinn, wenn es ihm gut gefallen hat, und weil er gehabt hat einen guten Blick, un e gutes Massel war es auch fast immer recht, was er getan bat. Und*bur manchmal, wenn er sich geirrt hat in seinem raschen Urteil, musste er nachher haben e grosse Charote. Der Melech w'ollte nun mal zeigen, was besser ist, langsam handeln oder rasch und hat ge- [rufen die beide Söhne zu sich und hat gesägt: ״Hier uiabe ich zwei Pferd’ die eins so gut sind, ,wie das andere. Jeder von Euch soll nehmen ein Pferd und soll reiten an die äusserste Grenze von meinem Reich und soll wieder kommen zurück. Wer wird kommen zuerst zurück, ohne dass das Pferd schlechter ist, wie heut’, der soll werden Melech nach mir. Der jüngere Sohn, dei1 vau sehr guter Reiter un e kräftiger, Mensch, der ist gleich fort■* geriiten im Galopp un geritten un geritten, bis er gar nicht mehr konnte. Da hat er geruht e paar Stunden, un is weiter geritten, Tag für Tag, ohne zu ruhen, bis er gekommen is an die Grenze. Wie er gekommen is! an die Grenze, war er un sein Pferd schon so müd’, dass er kaum zurückkommen könnt’ und er bat gebraucht für den Rückweg mehr wie für den Hinweg, sodass er gekommen ist müd’ und matt nach Hans und sein Pferd war so schwach, dass es gleich ist tot hingefallen. Der ältere Sohn, was war der Cbochem, ist zwar auch fortgeritten im Galopp, aber wie es Nacht geworden ist, hat er sich gesucht e Quartier für sein Pferd, und ein Lager für seinen Schlaf. Sb hat er es gemacht sechs Tage lang, i Am siebten Tag hat er gesagt, jetzt muss mein Pferd! ausruhen, wenn es nicht soll krank werden auf der Reis’. 1 Er ist an diesem Tag gar nicht weiter geritten, sondern ) er hat sich vorgenommen an diesem Tag den Plan von dem Königreich, damit er soll finden den-besten Weg, wie er kommt an die Grenz! Wie er ist gekommen an die Grenz, da war sein Pferd noch so frisch, wie am ersten Tag, und es bat auch gemacht den Rückweg noch viel schneller, als dien Hinweg, und er ist gekommen frisch und gesund zum : Vater,noch viel früher als sein jüngerer Bruder. Die beij den Brüder mit den beiden Pferden sind der gute Jid, der! Chochem, und der schlechte Jid, der Ksil, und zwar; sind die Pferde der Guf, der Körper, und die Menschen die Nschome, die Seele. Der gute Jid", was hält seinen; Schabbos, der sorgt dafür, dass sein Körper sich erholt an! dem einem Tag in der Woche,an dem er sich ausruht von! aller Arbeit. Er sorgt aber auch für seine Seele, indem er : an diesm Tag Thora lernt und durch dieses Lernen Kraft! und Klugheit bekommt um seinen Weg in der Woche wei-! ter zu gehen, und wenn er kommt zum liebefT Gott, seij nem Vater, so kann er ihm zeigen, dass Körper und See- | gut geblieben sind, wie er sie bekommen bat, und er wird i König werden, in jener Welt. Der schlechte Jid. der Tag! für Tag ohne Ruhe nachjagt den Freuden und den-Reich- \ tümern dieser Welt, der ist, wenn er zuriiekkomrat, zu ' seinem Vater, so abgearbeitet an Körper und Seele und so müde, dass er für jene Welt gar nicht mehr taugt und! eines ewigen Todes stirbt. Dies ist gewesen das Moschei. Und die Maase. ist wirklich passiert in meiner Kille und kann jeden Tag wieder passieren. Und nun erzählte er mir eine Geschichte, die so einfach und alltäglich war, dass sie gerade durch sihre Einfachheit und Alltäglichkeit, und ich möchte sagen Selbstverständlichkeit in jenen Kreisen um so rührender wirkt. Ein früherer Grosskaufmann hatte׳ von seinem Zusammenbruch nur ein kleines Lager unmoderner Stoffe übrig behalten, die sein ganzes Vermögen ausmachten: Er mühte sich Tag für Tag als Hausierer für den Unterhalt seinet ziemlich zahlreichen Familie zu sorgen, konnte־ aber nur das allernotwendigste zusammenbringen, und nur einmal in der Woche, am Sabbath, hatte die Familie eine richtige Mahlzeit, wie sie sie früher gewöhnt war. An einem Freitag nun, als er selbst das Geld für die Sabbathmahlzeit noch nicht zusammengebracht hatte, erhält er von einem früheren Kunden die Nachricht, er wollte ihm den ganzen Rest seines Lagers für die grosse Summe von 300 Rubel abkaufen, wenn er sie bis zum Sonnabend .haben könnte. Da es nun kurz vor Sabbath Eingang war, | eilte er zum Rabbi und fragte ihn um Rat in dieser