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Der Sabbath · 1912-03-01 · 3 u. 4 (März-April 1912) · p. [Seite]

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Journal
Der Sabbath
Volume
12 (1912)
Issue
3 u. 4 (März-April 1912)
Date
1912-03-01
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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Der Sabbath. 3Ö i '1wo es jeden Tag Kundschaft gibt und man nicht auf den Markttag angewiesen ist. Einigen von ihnen geht es sogar sehr gut und sie sind in der Großstadt durch ihren Fleiss und durch ihre Sparsamkeit bald wohlhabende Leute geworden.“ ״Aber in ihrem Ort wohnt jetzt wohl gar kein Mensch mehr, der richtig Schabbos hält?“ ״O, bitte sehr, antwortete der Herr Weyl gekränkt, es wejinen noch über zwanzig Familien da, die alle streng Schabbos halten. Die Rentiers wie ich, die Viehhändler, ein Schneider und ein Schuster und noch andere, die keinen offenen Laden haben. Nur die vier Ladengeschäfte können aus den gesagten Gründen nicht schliessen.“ ״Sind denn auch noch andere Ladengeschäfte da, die eventuell mit den vier konkurrieren könnten?“ ״Nein, das ist nicht der Fall; Sie meinen wohl, man könnte daun doch alle vier veranlassen, zu schliesseo, damit keiner Schaden hat? Das ist auch schon versucht '** worden^ aber da sprechen zwei Gründe mit, erstens würde sich sehr bald ein nicht jüdisches Geschäft finden, das an unserem Platze eine Filiale errichten würde, und zweitens sind vier Juden nicht unter einen Hut zu bringen, namentlieb, wo es sich um Konkurrenten handelt. Wissen Sie nicht, was ־die Analyse eines Juden ergibt?“ Als wir beide verneinten, versetzte uns Herr Weyl an diesem Ort der Analysen den wunderbaren medicinischen Witz. ״Also geben Sie acht, wenn man einen Juden analysiert, erhält man: 50 °;0 Kinnesinne, 30°,״ Geschäftsgeist 10 ״/o Rachmones, 5 % Neugier, 3 Chochme und 2 % Zucker.“ ״Nun die letzten 2 0 ״ stimmen ja G. s. D. nicht immer, sagte Herr Btumeuberg, ״aber mit den ersten 50 % haben sie leider ja sehr recht. Das hat ja unser Volk schon immer im Laufe der Jahrtausende zugrunde gerichtet, dass keiner dem Andern etwas gönnen wollte, sei es an Reichtum, sei es an Ehre, sei es selbst an Wissenschaft. Selbst bei uns in Russland, wo doch die ärmsten der Armen leben, die gewöhnt sind mit einem Rubel eine ganze Woche auszukommen, gönnt einer dem Andern die paar Kopeken nicht, die er sich mehr verdient, oder mehr erbettelt hat.“ if ״Und wie steht es bei Ihnen mit dem Sabbath, fragte ich.“ ״Leider, leider auch sehr schlecht, und zwar noch viel schlechter, als auf den kleinen deutschen Plätzen. Bei uns können nämlich die Leute alle noch lernen, da es ihnen von der Kindheit an ira Cheder eingebleut wird, und wenn bei uns ein junger Mann, es sind ja immer nur die jungen Leute, sich entscbliesst, den Sabbath zu entweihen, dann ist er meistens schon ganz für das Judentum verloren, dann ist er schon ein ganzer Atheist. Er wurde sich auch taufen lassen, wenn er nicht noch ein grösserer Feind der Popen, als der Rabbiner wäre- Ja, es steht bei uns sehr, sehr schlecht, viel schlechter, als man im Ausland glaubt. Die Jugend, die nach Bildung drängt, muss sich ins Ausland flüchten und kommt von dort meist ganz verdorben zurück. Jeder Student und jede Studentin, die vom Auslande wiederkommen, ziehen hunderte von Genossen nach sich und meist sind Alle verloren, weil sie, wenn sie nur lesen gelernt haben, die fremde Literatur ohne Wahl verschlingen und in ihrem Hirn eine heillose Verwirrung durch die vielen unverdauten Ideen entsteht. Wenn bei uns in Russland nicht bald ein Mann auftritt, wie es Sa.mson Raphael Hirsch in Deutschland gewesen ist, gebe ich für die Religionstreue der sechs Millionen Juden keinen Kopeken.“ Herr Blumenberg batte sich in einen edlen Eifer hineingeredet und man merkte ihm ordentlich die Sorge an, die ihm die Zukunft in sieinem Vaterlande bereitete. lit Herrn Meyer den schönen wir waren ihnen, in unsere *folgt. Da kamen uns drei [ir unsere, sondern die Auflepublikums erregten. Der Die Damen waren inzwischen Waldweg weitergegangen, und Diskussion vertieft, langsam Männer entgegen, die nicht nt merksamkeit des ganzen Baa mittlere war eine hohe Gestalt, ganz in einem langen sebwarzseidenen Kaftan gehüllt. Von seinem klugen, edlen Gesicht ,wallte ein langer, schon ergrauter Bart, wie mau ihn sich in der Jugend bei (unserem Erzvater Abraham vorstellen würde. Seine Augen hatten einen scharfen durchdringenden und doch sehr milden Blick, die beiden Begleiter waren auch hohe aufrechte Gestalten, ebenfalls mit Kaftan und Pelzmütze'bekleidet, aber nicht von so imponierendem Eindruck, wie! der mittlere. Es war der Cbassidim-Rabbi einer grosser! russischen Gemeinde, der, um die Kur zu gebrauchen, nich dem Badeorte gekommen war, mit seinen ständigen beijden Begleitern, die ihn nie verliessen. Wir liessen die }drei an 'uus vorübergehen, indem wir ehrfurchtsvoll gifüssten, und gut Schabbos wünschten, welcher Wunsch n^it grosser Freude erwidert wurde. Waren wir doch schonl bei zwei früheren Anlässen, bei denen ich die Gelegenheit hatte, mich dem Rabbi gefällig zu zeigen, näher bekannt und befreundet geworden. Als die drei vorüber waren, die auch Herr Blumenberg trotz seiner grossen Chassidim-Feindschaft sehr ehrfurchtsvoll begrüsst hatte, wagte ich den Einwand : ״Und die Chassidim, sind sie nicht doch eine grosse Stütze für die jüdische Religion, sie würden sich doch alle eher den Kopf abschlagen lassen, ehe sie doch nur das kleinste Titelchen nachgeben.“ ״Sehen Sie, erwiderte Herr Blumenberg, ״mit dem kleinsten Titelchen haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen. An den kleinen Nebensachen halten Sie mit eisernen Klammern fest und vergessen darum die Hauptsache. Wer es wagen sollte, in einem kurzen Rock und einem modernen Hut zu gehen, der ist bei ihnen verdammt für immer und sozusagen aus dem Judentum ausgestossen, obgleich weder Schubbez noph Stramel ihrem Ursprung nach jüdisch sind. Ich will ja Gott behüte, nichts gegen den Rabbi sagen, denn er ist einer der grössten Männer Israels, und sowohl als Gelehrter, wie als Mensch ein Vorbild für alle Zeiten. Aber die Rabbiner sind verblendet, sie sehen leider die grosse Gefahr nicht, die wir Männer des praktischen Lebens immer näher herankommen sehen. Sie kennen doch den Midrasch, wieso Eva dazu kam. von dem Baume der Erkenntnis zu essen. Als die Schlange sie fragte, ob sie von allen Bäumen essen dürfte, da antwortete Eva, nein von diesem Baum dürfen wir nicht essen, ja wir dürfen ihn nicht einmal berühren, sonst müssen wir sterben. Da stiess die Schlange Eva an den Baum, dass sie ihn berühren musste, und sagte, siehst Du, Du bist nicht gestorben. Jetzt kannst Du auch davon essen, und Deinem Mann davon geben. Wie viele Schlangen lauern bei uns in Russland auf das Judentum, das durch den Chassidismus gehalten werden soll. Wehe, wenn sie ihnen erst klar gemacht haben, dass man nicht stirbt, wenn man einen kurzen Rock trägt, und ein deutsches Buch liest, dass es im Auslande sogar grosse Männer und Lamdonim gibt, die keinen Schubbez und Stramel tragen, dann werden sie mit dem ächlubbez und dem Stramel das ganze Judentum ausziehen uid die Verwüstung wird anbeschreiblich sein.“ ״Sie sehen doch etwas zu schwarz, Herr Blumenberg“, suchte ich ihn zu beruhigen, ״Sie sind doch eigentlich selbst der beste Gegenbeweis. Sie tragen einen kurzen Rock nnd einen modernen Hut und sind doch noch ein ganz guter Jude, wie man sich ihn nicht besser wünschen kann.“

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