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Der Sabbath · 1912-03-01 · 3 u. 4 (März-April 1912) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Sabbath
Volume
12 (1912)
Issue
3 u. 4 (März-April 1912)
Date
1912-03-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Der Sabbath. 29 Levy war aber auch eine sehr dankbare Zuhörerin, sie konnte über den ältesten Witz so herzlich lachen, als hätte sie noch nie etwas besseres gehört. Es hatte ihr l.ämlich einmal ein Künstler das Kompliment gemacht, sie lache so melodisch, wie eine grosse Sängerin. Seit dieser Zeit war sie für jede Gelegenheit dankbar, bei welcher sie ihr melodisches Lachen ertönen lassen konnte. Welchen Witz Herr Meyer gerade erzählt hatte, konnte ich nicht mehr ergründen, denn als die beiden zu meiner Bank kamen, war die Lacbscala schon im abschwellen. Ich wollte gerade nach den neuesten Nachrichten vom Baseler Kongress fragen, als mir Herr Blumenberg aus Warschau, der mit der Mutter von Fräulein Levy und einem Herrn Weyl aus einem kleinen elsässischen Orte den jungen Leuten folgte, rasch ins Wort fiel: ״Um Gotteswillen Herr Posen, nur keine zionistische Debatte, der Geheimrat hat mir jede Aufregung strengstens verboten und ich kann auch nicht mit ansehen, wenn sich das hübsche Fräulein so ärgert.“ ״Aber, Herr Blumenberg, rief ich, wieso auf einmal so galant? Wenn das Jbre Chassidim sehen könnten, so würdep sie auf den verschwarzten Misnaged noch mehr schimpfen, als bisher.“ ״Lassen Sie sie schimpfen, auf einen Grund mehr oder weniger kommt es doch nicht an, übrigens ist heute Schabbos, da bat selbst der Sambatjon Buhe, da dürfen Sie uns auch einmal in Buhe lassen mit den Zionisten und den Chassidim.“ ״Gut, Herr Blumenberg, Sie sollen recht haben, Sie wissen doch, ich bin immer für den friedlichen Ausgleich, aber mit dem Schabbos selbst brauche ich Sie doch nicht in Buhe zu lassen, da können Sie mir doch wenigstens ein schönes Wörtchen auf den heutigen Schabbos sagen.“ Herr Blumenberg war nämlich eine ganz besondere Species eines gebildeten Bussen, trotz seiner Bildung war er nämlich noch so fromm, wie der grösste Chossid. Er hat in Warschau eine grosse Fabrik, bei der nur jüdische Arbeiter angestellt sind, die alle am Sabbath nicht arbeiten. Für die Kinder dieser Arbeiter, die sonst ganz wild aafgewaebsen wären, hat er eine Schule eingerichtet,. die eine Art modernisiertes Cheder ist, und au welcher er selbst unterrichtet. Um den Kindern die biblische Geschichte in hebräischer Sprache, die sie doch allein verstehen, beizubringen, hat er selbst ein Lehrbuch geschrieben, das sich möglichst eng an die Worte der Thora anlehnt, weil ihm das moderne Neuhebräisch ein Greuel war. Er liess sich auch nicht lang bitten und erläuterte mir sofort in scharfsinniger Weise eihe schwierige Stelle aus der Haftorab, die mich natürlich sehr interessierte, aber die andern Herrschaften zu langweilen schien. Als er dies gar bald merkte, ging er gleich zu einem anderen mehr populären Thema über. ״Sagen Sie, bitte Herr Weyl, bei Ihnen im Süden ist man doch noch sehr religiös?“ ״Gewiss, antwortete Herr Weyl, man ist bei uns noch sehr fromm, wenn es zu Selichaus geht, wird kaum ein Erwachsener in der Synagoge fehlen.“ ״Und wie steht es mit dem Sabbath. Da sind doch sicher alle Geschäfte geschlossen?“ ״Ja, mit dem Schabbos ist das so eine Sache. Bei uns ist nämlich gerade am Schabbos Wochenmarkt, da kommen alle die Bauern von der ganzen Umgegend in die Stadt, um einzukaufen, wenn sie das Geld für ihre Waren erhalten haben. Wenn da die Geschäfte geschlossen sind, kann man natürlich nichts verkaufen und die Kund• Schaft geht wo anders hin. Wir denken halt alle: Wechai Hohem, wenns ans Leben geht, muss man ein Auge zu• drücken, aber in Schul gehen doch alle. Wir haben sogar, gerade für die Leute, die so früh fortmüssen, einen Frühgottesdienst eingerichtet, damit sie wenigstens noch leienen hören können.“ Herr Blumenberg war ganz starr über diese naive Anschauung die er bei seinem: kritischen russischen Verstand gar nicht begreifen konnte. Ich hatte ja leider schon oft Gelegenheit, ähnliche Redensarten zu hören, und dachte nur bei mir an meinem Traum: Isch baar lau jedo. Vielleicht hatte ich auch etwas zu laut gedacht; dennjlerr Meyer, der anscheinend sehr gute Ohren halte, sagte sofort ״ist das auch Ihr Wahlspruch? Mein seliger Vater hat das auch immer gesagt, wer bar bezahlt, den braucht man nicht zu kennen.‘ Herr Blumenberg sah mich nur bedeutungsvoll an, und erwiderte: ״Ihre Logik, Herr Weyl, ist mir nicht recht verständlich und deshalb möchte Ich erst eine Frage an Sie richten. Sie haben ‘doch gewiss auf Suckoth ein sehr schönes Lulow?'“ ״Ich weiss zwar nicht, was das Lulöw jetzt mit unserer Unterredung zu tun hat, aber das meinige kann sich mit dem allerfeinsten messen. Schon direkt nach Bosch Haschonoh fange ich an, mir die Arba Minim auszusnehen, und ich sehe vielleicht fünfzig Esrogim nach, ehe ich ein!lassendes finde. Ja, ich bin deshalb schon nach Frankfurt gefahren, wenn mir die Auswahl bei uns nicht gut genug war.“ ״Das habe ich mir bei einem frommen Mann, wie Sie auch gar nicht anders vorgestellt. Nun sehen Sie aber, Herr Weyl, in diesem .Jahre fällt gerade der erste T.ig Suckoth auf einen Sabbath und die ganze grosse Mizwoh, für die Sie vierzehn Tage lang sich bemüht haben, fällt an ihrem Haupttage weg^. Warum fällt sie weg? Weil es möglich seiu könnte, dass Jemand bei Ausübung dieser grossen Mizwoh das Lulow vier Ellen weit über die Strasse trägt. Also nur die Befürchtung der Möglichkeit eines Chilul Schabbos lässt eine so grosse Mizwoh an ihrem Haupitage in Weglall kommen, wie wichtig muss da erst der Schabbos selbst sein, wichtiger, als alle Gebote unserer Thora und wie köunen es Ihre Laudsleute damit so leicht nehmen.“ ״Wenn man Sie reden hört, Herr Blumenberg, glaubt man eine Predigt, zu hören, ich glaube, der grösste Babbiner, könnte das nicht schöner gesagt halien, aber kommen Sie nur ‘ einmal zu uns, da werden Sie anders urteilen. Ich habe es ja G. s. D. nicht mehr nötig, denn ich bin jetzt Rentier, aber früher könnte ich es auch nicht anders , machen.“ ״Aber gibt es denn bei Ihnen gar keinen Menschen, dem seine Religion über den Geldbeutel geht?“ fiel ich ihm da ins Wort. Denn ich schämte mich dem Ausländer gegenüber für meinen unwissenden Landsmann. ״Ja, solche Leute hat es auch gegeben, die haben trotz Sonntagsruhe und trotz Wochenmarkt ihr Geschäft geschlossen gehalten. Im Anfang hat auch die Kundschaft darauf Rücksicht genommen und ist in der Woche extra herübergefahren, um einzukaufen. Wie sie aber sahen, dass es doch viel bequemer war, gleich nach dem Verkauf auch den Einkauf zu besorgen, und Geschäfte Venug waren ja offen, da kümmerten sie sich bald nicht m^hrum den alten Lieferanten, und die Geschäfte, die geschlossen batten, verloren nach und nach die ganze Kundschaft. Und unsere Bauern sind reich, die kaufen viel upd^zahleu gute Preise.“ ״Und was taten nun die Inhaber der geschlossenen Geschäfte? “ ״Ja, was sollten sie tun, aufmachen wollten sie nicht, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren konnten, und Geschäfte machen konnten sie'auch nicht mehr, und so mussten sie eben wegziehen nach der grossen Stadt,

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