Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- 3 u. 4 (März-April 1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Der Sabbath. Meine etwas angespannten Nerven beruhigten sich bald und es kam bei dem Anblick der auf und abwogenden Blätter die einschläfernde Wirkung der gleichmässigen Bewegung über mich, sodass ich nach einigen Miuuten, wie ein eingewiegtes Kind, sanft einschlief. Da träumte mir, ich sei der König Salpmo geworden uDd sässe hier im Walde, um dem Gespräch der Vögel zu lauschen, und der muntere Buchfink, der vorhin noch ein mir unverständliches Gezwitscher vernehmen liess, sang jetzt klar und deutlich ein Loblied zum Allmächtigen als Dank für das gespendete Frühstück. Als er sein Lied, das mit unserem Tischgebet vergleichbar war, natürlich in der Vogelsprache beendet hatte, gesellte sich eine Drossel zu ihm, die ein richtiges Gespräch begann: ״Guten Morgen, Herr Buchfink, wie geht’s, wie steht’s, was macht die liebe Familie?“ .Danke der Nachfrage, Frau Drossel, mir geht’s ganz gut und den lieben Kindern auch. Für die brauche ich kaum mehr zu sorgen, die können schon allein fliegen und sich ihre Nahrune holen.“ ״Schon allein fliegen und sind doch kaum ein paar Wochen alt, da haben die dummen Menschen ein paar tausend Jahre dazu gebraucht, bis sie es gelernt haben.“ ״Die Menschen fliegen? das müssen Sie mir nicht weiss machen. Es kommen jeden Tag so viele Menschen in unseren Wald, von denen noch niemals einer geflogen ist.“ ״Es ist aber doch so, eben habe ich cs erst vom Star gehört, und auch Frau Schwalbe, die doch Alles weiss, hat es mir bestätigt, die Menschen können jetzt fliegen.“ ״Ja, wie machen sie denn das, sie haben doch gar keine Flügel, und sind auch viel zu schwer?“ .Ja, wie sie es eigentlich machen, das habe ich auch nicht so recht verstanden, aber da kommt ja der Star herangeflogen, der kann es Ihnen ganz genau erzählen.“ ״Schönen guten Morgen, Herr Star, was bringen Sie uns >j£ues aus der weiten Welt? Ist es wirklich wahr, dass die״Menschen jetzt fliegen können, so wie wir?“ .Wahr ist es schon, Herr Fink, aber wie wir, können sie es noch lange nicht. Sie brauchen dazu eine ganz grosse Maschine, die tausend mal so gross ist, als ein kleiner Vogel und die hinten eine Schraube hat, die sich immer wie wahnsinnig im Kreise dreht, damit sie vorwärts kommt. Uns werden sie damit nichts schaden, denn sie; können nur auf einem ganz grossen Feld aufsteigen und niedergehen, in unserem Wald werden sie nie fliegen können.“ .Das ist noch ein wahres Glück, dass wir unseren herrlichen Wald für uns behalten können, denn die dummen Menschen haben gar keine Ahriüng von seiner Herrlichkeit und von der Grösse des Schöpfers, der ihn für uns erschaffen.“ ״Ja, da hast Du recht, lieber Fink, erwiderte der weise Star. Die Menschen sind wirklich zu dumm, um die Schönheit unseres Waldes zu begreifen, sonst kämen sie doch nicht nur ein paar Wochen hierher, um gesund zu werden, sondern sie blieben immer hier, und wären piemals krank. Da unten auf der Bank sitzt auch so ein ^)ummkopf, der das ganze Jahr arbeitet, und jetzt so biüde ist, dass er schon am frühen Morgen einschläft. -Und wie dumm er sich angezogen hat, bei dieser Hitze setzt er sich einen grossen schwarzen Topf auf den Kopf, und zieht sich einen langen schwarzen Rock an. Da sind wir Vögel doch klüger. Unser Federkleid wärmt uns, und ist doch immer leicht.“ ״Mein lieber Star, fiel ihm da die Drossel ins Wort, dem Manne da unten tust Du unrecht, er hat seinen Topf aufgesetzt, und seinen langen Rock angezogen, weil er auch im Bade seinen Sabbath feiern will und er hat gerade den weiten Weg von der Synagoge zurückgelegt, davon ist er so müde geworden.“ ״Ach wirklich, beute ist Sabbath, rief da der Fink, und wir haben unser Sabbathlied noch gar nicht gesungen,! da wollen wir gleich damit beginnen.“ Und nun hub ein Singen und Klingen an, wie ich es in Wirklichkeit noch nie gehört hatte und wie cs auch nur im Traume möglich ist. Unser alter, lieber Sabbathpsalm Mismaur schir lejaüm Haschabbos erklang aus den drei kleinen Vogelkehlen in einer Melodieenfülle und in einem Harmonieenreichtum, wie ihn kein Komponist, kein Lewandowski und kein Sulzer jemals hervorgebracht. Ich bedauere nur aufs Höchste, dass ich so gänzlich unmusikalisch bin, dass mir auch nicht ein Ton von diesem wunderbaren Gesang, den ich ja nur als König Salomo im Traume begreifen konnte, im Gedächtnis geblieben ist. Dagegen tat sich mir mit Blitzesschnelle, wie man es auch nur im Traume erleben kann, bei jedem Wort des alt vertrauten Psalms, eine heue Gedankenreihe auf, als könnte ich erst jetzt verstehen, was unser grosser Sänger damit sagen wollte. Als aber die drei an den Vers kamen ״Isch baar lau jedo“ der dumme Mensch versteht es nicht, da schmetterte der Star ein Solo in den Wald, in welchem er ganz seiner grossen Verachtung für das dumme Meni schengeschlecht Ausdruck verlieh, und als Zeichen dieser! Verachtung liess er etwas fallen, was mit lautem Klaks auf meinen Cylinder schlug und mich zum Erwachen brachte. Der schöne Traum war verflogen und der Kleks war geblieben. Es war aber auch die höchste Zeit, dass mich Herr Star aufweckte, denn den Waldweg herauf kam eine kleine Gesellschaft von Bekannten, die mich sicher mit meinem byperorthodoxen Schabbos-Vormittagschlaf wreidlieh geneckt hätten. Die Gesellschaft war eine recht zusammengewürfelte, wie sie sich oft in Badeplätzen zusammeLfindet, nur da'S bei dieser Gesellschaft alle eine Eigenschaft gemein hatten, sie waren alle Juden und speisten alle in der koscheren Restauration. Das letztere ist ganz besonders zu betonen, denn es waren viel mehr Juden am Platze, die nicht koscher speisten, als solche die diese Pflicht ja erfüllten. Aber nicht alle, die die koschere Restauration besuchten, waren dies von zu Haus gewöhnt. Nein, viele, die in einem anderen Bade unbedenktlich da gesessen hätten, wo es ihnen am besten schmeckt, wollten sich in diesem Bade nicht mit solcher Sünde belader», denn sie waren doch nur gekommen, um gesund zu werden, und mussten deshalb ihr Konto-Korrent beim lieben Gott mit recht viel Creditposten. versehen. Dass sie auch an den Schabbos denken sollten, konnte man freilich nicht verlangen, denn die Sabbathentweihung war ihnen schon so zur Gewohnheit geworden, dass sie überhaupt gar keinen Unterschied mehr wussten. Wenn sie auch zuerst nur aus geschäftlichen Gründen keinen Sabbath mehr halten konnten, hatten sie sich doch an seine Nichtbeachtung so gewöhnt, dass ihnen der Schabbos ganz in Vergessenheit geraten war. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätten sie doch gewiss hier im Bade, wo man sich gerade von allen geschäftlichen Dingen fernzuhalten sucht, gut Schabbos halten können. Von Ferne sah ich schon den Spazierstock des Herrn Meyer aus Berlin in der Luft herumtanzen, denn er erzählte gewiss gerade wieder dem hübschen Fräulein Levy aus Hamburg, von Beruf wütender Zionistin, den ältesten Berliner Börsenwitz mit seinen drastischen echtjüdischen Gesten, das einzige, was er noch vom Judentum behalten hatte. Wenn er beim Schwimmen im Flussbad einen Witz hätte erzählen sollen, wäre er unfehlbar ertrunken, denn er brauchte seine Hände doch zum Reden. Fräulein