Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- 9 10 u. 11 (Sept, Okt., Nov. 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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46 Der Sabbath. hier noch Rettung, noch Umkehr möglich sei, gilt der Zuruf Freyhan’s: der Jugend — aber nicht nur ihr — will er zeigen, was Judentum ohne Thora, was Judentum m i t der Thora sei. Er hat dazu die Form von Briefen eines begeisterten, gesetzeslreuen Jünglin s an einen Freund gewählt, der, mit dem Judentum z.rfallen, anderwärts das 1erwärmende Feuer suchte, ohne es, zu finden, und nun, enttäuscht und leergebrannt, von dem Freunde Rat und \Verweise für einen Inha.t des Lebens erhofft. Ein Ausschnitt, der den alten Sabbath schildert, mag hier von der Art des Buches Kenntnis geben und demselben den weiten Freundeskreis, den es verdient, werben helfen. 'In Ihrer Bedrängnis erinnerten Sie sich Ihres alten Jugendfreundes, mit dem Sie manches Plauderstündchen in trauten) Dämmerscheine am Sabbathnachmittage verbracht khttem Mir klagten Sie Ihre Not, und erzählten mir Ihre jjjpüflbnisse bis auf den heutigen Tag. Ich ImRjortete Ihnen sogleich. Damals allerdings erlaubten esjflfir meine Berufspflichien nicht, Ihnen ausfiihrlich zu »bieiben. Ich empfahl Ihnen, noch einen Versuch piitvram Besuch des Gotteshauses und mit dem Gebet zu «veu. Nicht jenen grossen Prachtbau, der Ihnen als StEftteynagoge, als das Gotteshaus der ,modernen Juden“ uud Sehenswürdigkeit Ihrer Stadt bekannt war, -sollte Ihr Z#el sein. Ich bat Sie, den folgenden Freitag Abend, ^en lühtabend des Sabbathtages abzuwarten und ein klei*s Ejetlraus in der X-Gasse, das ich Ihnen näher bezeichneie, ^ufzuauchon. ,Und dass Sie mir auch Ihr altes Gebetbüchlein nicht vergessen“, so schärfte ich Ihnen ein. Das Uebrige ist Ihnen bekannt. Tranen drängen sich in meide Angen und freudige Erregung macht mich erzittern., so. oft ich daran denke. Wie am Montag Ihr lieber. Brief prompt in N.-Stadt eintraf, der Ihre ausführliehen Nachrichten brachte Kaum dass ich Ihre aus übervollem Herzen quellenden Schilderungen wiederzugeben vermag tt^Nur ein poetisches Gemüt wie das Ihrige, ein mit göttlicher Empfindung begabter Sinn konnte so schreiben. Oder nein? Waren ans den Gestalten, die Sie mir vor Augen führten, wirklich im Augenblick, da Sie die Schwelle ihres kleinen Heiligtums überschritten hatten, die seligstup Menschen der Welt geworden, die Ihnen bisher imlieben begegnet? Waren die Freude, Glück und Zufriedenheitwiderspiegelndeu Augen Ihrer Nachbarn mehr als äusserer Schein? Zeigten die Festtagskleider, in den^n ehrfurchtgebietende Greise mit ihren glückstrahlenden Enkeln an der Hand erschienen waren, iu Wahrheit auch äusserlich die Stimmung festtäglicher Gemüter? Bildeten jene, die dia herbeigeeilt waren, eine Versammlung von Königen ihren Prinzen, die das Schicksal mit den höchsten Gütern dieser Welt bedacht hatte? Das Glück, das so wahllos ijst iu d<׳r Person seiner Jünger — hatte es hier in üppiger Verschwendung seinen überreichen Segen über eine ganze Volksgemeinschaft ausgestreut, ihr ausnahmslos seine herrlichsten Früchte in den Schoss geworfen Es konnte nicht anders sein. Von den heiterzufriedenen Gesichtern war es ja abzulesen, dass hier einem Kreis von Menschen die Erfüllung seiner seligsten Wünsche zuteil geworden. Die Schar der immer neu Ankommenden wollte schier kein Ende nehmen. Als aber endlich der kleine Raum dicht gefüllt war und sie — Mann an Mann gedrängt .— einen Hymnus anstimmten, die glockenhellen Stimmen 4er Kleinen in harmonischer Woise geeint mit dem Bass der Alten, mehr jubelnder Willkommengruss als Lobgesang, getragen von dem höchsten Entzücken, mit dem sich zwei Liebende nach langer Trennung beglückt in die Arme sinken: :לכה דודי לק־את בלה, פני שבת נקבלה ,Willkommen, Du Geliebter! Ich, die Auserwählte Deines Herzens harre Deiner: Wir wollen unser junges Glück gemeinsam in dem strahlenden Angesicht des Sabbath gemessen* — da stahl sich Ihnen eine Träne ins Aago. Eine Freudenträne, aus der Tiefe Ihres Herzens kommend, wie Befreiung von schwer lastendem Druck. Wohnte hier das Glück? Sollten rfie'endlich finden, wonach Sie jahrelang unstät gesucht? Sie begannen in; dem kleinen Kreise Umschau zu halten. Hatten Sie nicht jenes Greisenantlitz schon einmal gesehen? Wo war Ihnen dieser Kopf mit dem schwarz umrahmten Bart begegnet? War dies nicht derselbe Mann, den Sie noch vor wenigen Tagen mit schwerem Holzkasten auf der Brust in Ihrem Restaurant von Tisch zu Tisch hausieren geben sahen? Und Sie lächelten noch, als einer Ihrer Kollegen mit Witzen über die unförmigen Schuhe und den altmodischen Rock die Tischgesellschaft erheiterte! Und jener Greis? Sahen Sie ihn nicht täglich י auf dem Weg zu Ihrem Bureau an der Karlsbrücke Zttnd- I hölzchen feilbieten? Doch sonst schien das Gesicht gram-; durchfurcht Ihnen waren die eingefallenen Wangen und { die abgezehrten Hände aufgefallen, mit denen der Alle i kunstvoll die Schächtelchen balancierte, um die Aufmerki samkeit der Vorübergehenden auf sich zu lenken. Doch j das war heut alles ganz anders. Wo war die gebückte | HaltuDg jenes Juden, der um ein Stücklein Brot willen ן den Spott seiner Glaubensgenossen hatte erdulden müssen? Und die Wangen des Greises! Glühten sie nicht wie in jugendlicher Frische? Da stand er in reinlichem Festtagsgewand, die schneeweisse Wäsche blendete förmlich I und der glattgestrichene hohe Hut verlieh ihm das Atissehen eines Patriziers. Welcher gütige Zauberengel hatte diese Aermsten über Nacht berührt, dass neues Leben iu ihren Gliedern pulsierte? — Das konnte nur die göttliche Allmacht selbst getan haben. Sie, die dem Menschen schon bei der Geburt eine Seele verliehen, sie allein war imstande, seine Wiedergeburt zu bewirken und ihm die zweite Seele, die נשמה יתרה zu schenken. Jetzt war der Chorus beendet. Ein kleines Männlein, das die Stellung eines Vorbeters oder Vorsängers zu bukleiden schien, liess sein feines Stimmchen vernehmen, i Bald fielen alle Beter mit kräftiger Stimme ein. Zwar j war es kein geschulter Chorgesang, der an Ihr Ohr drang, 1 viel eher vernahmen Sie ein Durcheinander von Stimmen. Es schien fast, als wollte ein jeder seinen Nachbar übertönen und weder Melodie noch Rhythmus war zu erkennon. Wer aber genauer Umschau hielt wie Sie, der glaubte wahrzunehmen, dass jeder Andächtige mit Leib und Seele in seinen Psalm vertieft schien. Unbekümmert, ob der Nachbar ihm vorausgeeilt, ob er zurückgeblieben war, schmetterte, schrie er förmlich seine Verse hinaus, als ob es die ganze Welt vernehmen sollte: Dies ist der Lob■• gesang am Sabbathtage: Herrlich ist’s zu huldigen dem Allmächtigen und lobzusingen Deinem Namen, Du Höchste!{! Zu verkünden in Schicksals• glücklicher Zeit Deine ,Liebe und Deine unwandelbare Treue, wenn auch Goluth-Nacht uns umgibt. Ob mit Jubelfanfaren oder in Leidenstönen, stets wird zum Nachdenken anregender Harfenklang den Grundton bilden. Denn Du lässest mich Freude haben an Deiner göttlich-wunderbaren Weltschöpfung, 0 Ewiger! Mit den Werken Deiner Hände, die untrügliche Wahrheit und in dem wechselseitig sich ergänzenden Menscbenweltwirken die gerechte Weltordnung׳ offenbarend, fühle ich mich frohbeglückt. Wie gross sind Deine Werke, Du Gott! Wie sinnreich die Gedanken, aus denen sie hervorgegangen! Der Unvernünftige, der nur nach den äusseren, sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen urteilt und sich so auf die gleicho Stufo mit dem Tiere stellt, begreift es nicht, und der dünkelhaft sich Ueberhobende