Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- 5 u. 6 (Mai-Juni 1911)
- Date
- 1911-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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t)er Sabbath. 23 Nein, viel mehr als in der Synagoge, ist das Judentum im Hause, in der Familie, verankert. Hat unsere sogenanute ״Moderne“ mit all’ ihren Mitteln, das Judentum zu heben, bisher vermocht, etwas zu schaffen, was un serem Freitag-Abend mit seinen זמי־רת oder unserem סדר-Abend an Poesie gleichzusetzen wäre? Es ist merkwürdig: unsere Alten haben, ohne, dass sie es gewollt, oder wenigstens, ohne dass sie es direkt ausgesprochen, mit ihren Einrichtungen unser Leben mit einer Fülle von Poesie umgeben, was unseren Modernen bisher, trotz aller Mühe, die alten Einrichtungen durch ״zeitgemässe“, neue zu ersetzen, nicht gelungen ist. Es ist uicht schwer, den Grund hierfür zu ermitteln, denn, was unsere Modernen heute mit allen Mitteln erstreben, ״die Uebereinstimmung zwischen Lehre und Leben,“ es war früher vorhanden. Früher richtete man das Leben nach der Lehre ein, heute macht man es oft umgekehrt; man stellt die merkwürdigsten Theorien auf,' die sich unseren Verhältnissen anpassen, und fragt dabei nicht viel danach, ob sic jüdisch sind oder nicht. Diese Uebereinstimmung zwischen Lehre und Leben, ja auch das Bewusstsein, Gottes Gebote erfüllt zu haben, riefen in unsereu Alten jene ausgeglichene Seelenstimmung hervor, wie wie wir sie heute nur noch selten beobachten können, die aber die Grundbedingung ist für eine poetische Stintntung. Es mag auch hier ausgesprochen sein, daß uns ein noch kostbarer Schatz verloren gegangen ist, der unseren Vorfahren über so viele schweren Stunden geholfen hat, ich meine das unerschütterliche Gottvertrauen, Unsere heutige Zeit sollte sich als Motto dienen lassen die Worten der :• לא על הלהב לבד,־ דדד• האדש ב־ על בל מוצא : ת,*־ה פ־ הי ־דדה האדם, was ich wohl frei dahin übersetzen darf, daß es nicht allein die materiellen Guter sind, die der Mensch im Leben braucht, sondern, daß es gerade die ideellen sind, die das Leben schön und überhaupt erst lebenswert machen. Und das ist auch der Schlüssel für die Sabbatfrage. Auch der Sabbat ist eines und vielleicht das wertvollste der ideellen Güter, die uuser Leben verschönen, aber — uns fehlt das Gottvertrauen, das uns darauf bauen lässt, dass uns Gott auch ohue die Arbeit am Sabbat das geben wiid, was wir brauchen. In vielen jüdischen Häusern liegen auch heute noch, jeden Freitag Abend die zwei Sabbatbrote auf den Tisch, allein die wenigsten denken daran, das sie uns versinnbildlichen sollen, dass Gott denen, die den Sabbat beobachten, am Freitag das Doppelte geben will. Dabei müssen wir gestehen, dass, je mehr wir von materiellen Sotten bedrängt sind, wir umso eher der Ruhe bedürfen, die uns der Sabbat bringt. Auch können wir auf Grund der sich immer mehr ausbreitenden Sonntagsruhe feststellen, dass die Idee des Sabbats immer mehr an Boden gewinnt, und wenn auch äugenblicklich gerade für die ישבת haltenden Juden durch die Sonntagsruhe die Schwierigkeiten für den .׳צבר sich häufen, so können wir doch mit Genugtuung konstatieren, dass, während im Altertum das Judentum mit der Einrichtung des Sabbats vollkommen allein stand, ja sich dafür sogar den Hohn und Spott geistig hervorragender Heiden gefallen lassen musste, die moderne Gesetzgebung immer mehr ein Gesetz sich zu eigen macht, das, noch viel strenger durchgeführt, bei uns Juden schon seit Jahrtausenden existiert. Es hat bekanntlich nicht an Versuchen gefehlt, den Ruhetag, von dessen Notwendigkeit die meisten Menschen mehr oder weniger überzeugt w׳aren, zu verlegen; so hat z, B. die französische Revolution versucht, jeden 10. Tag als Ruhetag zu begehen, hat jedoch damit Fiasko gemacht. Wie richtig gerade der 7. Tag als Ruhetag gewählt ist, dafür sei mir gestattet, einige Beispiele anzuführen, die der prakt. Arzt Dr. Paul Niemeyer in sei- 11er Schrift ״Die Sonntagsruhe vom Standpunkt der Gosundheistlehre“־gesammelt hat. Er schreibt: ״Es Ist keine erfundene, sondern eine wahre Geschichte, die uns von zuverlässiger Seite folgendermassen berichtet wird: ״Als Vorjahren, noch vor der Zeit d׳r Eisenbahnen, grosse Frachtfuhrwerke Hunderte v!>11 Meilen Waren aus dem Osten nach dem Westen transportierten, wo sie. dann 8 bis10 ׳ Wochen unterwegs waren, wurde von Freunden der Sonntagsruhe folgende Wette mit ■,?••gnern'derselben eingegangeu : Zwei Fuhrleute mit gleichen Wagen, gleicher Last und Bespannung sollten eines Montag .Morgens diesell*e Reise antreten, der Sonntagsfreund mit seinem Gespann jeden Sonntag Ruhe halten, der Andere jedoch Sonntags fahren“. ,Was war das Ergebnis ■׳“ Da mit Fracbtfuhrwerk überhaupt nur täglich bestimmte Touren, etwa S bis 4 Meilen weit, gemacht werden können, so kam der Gegner am ersten Sonntag d bis 4 Meilen weiter als der Andere aind so fort. In der sechsten Woche jed<1ch_ gewann letzterer den Vorsprung uni er reichte mit seinen wohlgeptlegten Pferden rechtzeitig das Ziel, während des ersteren Tiere abgetrieben und kraftlos, verspätet eiutiafen.“ Diese Geschichte erzählt nur praktisch, was der englische Arzt Farre \;or Jahrzehnten im britischen Parlament theoretisch über die Feststellung ,der Arbeitszeit in Fabriken vortrug, wenn er sagte : vielt sehe deii Sountag als unentbehrlichen Ruhetag an, durch welchen die unserem Körper innewohnende Kraft der .Selbsterneuerung und- Wiederherstellung ergänzt wird. Ist diese Kraft einmal verloren, so hilft keine Medizin mehr. Wohl stellt die; Rulfe der Nacht die Kräfte teilweise,' nicht, aber in ausreichendem Masse wieder her. Deshalb hat die göttliche Vorsehuug einen Tag von sieben als liunelag mul zur Ergänzung der Nachtruhe angeordner, um die erschöpfte Kraft vollständig wiederherzustellen Die schädliche Wirkung unausgesetzter,-ruheloser A^eit ist zwar heim Menschen nicht so schnell bemerkb.ip beim Tiere, aljer er bricht dann am Eude umso rascher zusammen. Die Anordnung eines Ruhetages nach sechs Werktagen ist eine־ Naturnotwendigkeit, keine willkürliche Satz (mg. Der menschliche Organismus ist nun einmal-so eingerichtet, dass er von sieben Tagen je einen zum Ausiulien von geistiger und leiblicher• Arbeit bedarf“. Dieser Erklärung stimmte in Anlerika ein Verein von 20-Aerzten einhellig bei: ״So weit meine Erfahrung reicht“, sagte einer derselben, Dr. Warreu, ,habe ich . stets gefunden, dass Leute, die sich gewöhnt haben, sich ' für den Sonntag allen weltlichen Arbeiten und Sorgen zu entschlageu, im Laufe der Woche das Bedeutendste zu leisten im Stande sind. fch bin auch überzeugt, diss! solche in sechs Tagen mehr arbeiten und ihre Sache besser machen, als wenn sie alle sieben Tage lorlarbeiteteu'•.'! Der englische Rechtsgelehrte J. Wil.-on sprach auf dem Sterbebette zu seinem Freunde Folgendes: ״Sage doch allen angehenden Juristen, dass sie, wenn sie Erfolg haben wollen, Sonntags nicht arbeiten sollen. Souutagsarbeit ist nicht der Weg zu glücklichen Erfolgen. Merk-־ würdig! mir sind alle Sonntagsarbeiten fehlgeseblageh!“ i Bei der Explosion des Kessels auf einem Dampfschiffe i der Themse erklärten die zu gerichtlicher Verantwortung! gezogenen Maschinenarbeiter, die Schuld des Unglück* ' liege an ihren Sohntagsarbeilen, denn die unausgesetzte, | ruhelose Arbeit mache stumpf und missvergnügt. Aehnlfch! war es bei den 2000 englischen Arbeitern, deren Sache; im Jahre 1848 vor Gericht verhandelt wurde. Sie hatten | mehrere Jahre lang Sonn- und Werktags arbeiten müssen I und dafür nicht blos siebensondern achttägigen Lohn