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Der Sabbath · 1911-03-01 · 3 u. 4 (März-April 1911) · p. [Seite]

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Journal
Der Sabbath
Volume
11 (1911)
Issue
3 u. 4 (März-April 1911)
Date
1911-03-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Der Sabbath. 13 aber ich gebe zu, dass ein jüdisches Gotteshaus mit vielen deutschen Gebeten selbst auf mich unangenehm wir• ken würde. Sie sagten aber vorhin selber auch, Gott sei Dank, dass weltliche Ceremonien ins Gotteshaus gedrungen sind. Ganz recht! Der altjüdiscbe Gottesdienst ergriff in seiner Schlichtheit, weil Jedem nicht nur der Inhalt, sor■- dern auch die Melodie der Gebete geläufig war. Jeder kam schon andächtig gestimmt in den Tempel und betete zu seinem Gotte inbrünstig, aufs tiefste ergriffen und deshalb auch oft so laut, als ob er nur dadurch bewirken könne, dass sein Gott untl Beschützer ihn hört. Noch giebt es in Berlin Gotteshäuser mit solchem Gottesdtörisf), aber nur der fühlt sich dort heimisch, der noch mit' gleichen Empfindungen beseelt ist und der das Bedürfnis nach einer lauten!Aussprache mit seinem Gotte empfiudet; auf jeden anderen wirkt diese Art des Gottesdienstes abstossend. Der verfeinerte Geschmack verlangte einerseits einen ruhigen, durch geregelte Chorgesänge in Byihmus gebrachten Gottesdienst, ausserdem muss das Gotteshaus auf einen grossen Teil der Besucher erst andächtig wirken, da sie die Andacht nicht schon mitbringen,. und das kann nur die ruhige, vornehme Gebetart, begleitet vom Rythmus des Vorbeters und Chorgesanges. ״Demnach sind Sie wohl auch folgerichtig sehr erfreut über die Einführung der Orgel in die Synagoge, denn diese erhöht doch den Rythmus des ganzen Gottesdienstes und erhöht dadurch die Andacht die im Gotteshause gesucht wird.“ 0״ nein! Jedes zuviel ist ebenso ein Schaden wie jedes zu wenig. Man glaubte in der Orgel das Mittel gefunden zu haben, mit welchem die Massen des jüdischen Volkes zum Gotteshause herangezogen und andächtig gestimmt werden können, aber da nach den nunmehr vorliegenden Erfahrungen das durch erstere dieHeranziehung der Massen sich nicht verwirklicht hat, selbst nicht bei der mit einem ungeheuren Kostenaufwand von Mk. 50,000 .in der neuen Synagoge Oranienburgstrasse, neu eingebauten Orgel, so kommt das zweite, die erhoffte andächtige Stimmung garnicht mehr in Krage. Dazu kommt, dass das Orgelspiel in der Synagoge zumal am Sabbath gegen das Religionsgesetz verstösst. Scenen, *ine klassisch schöne Sprache, die man nicht oft genug hören könnte. Die deutsch übersetzte Haftara. /die in den Orgelsynasrogen eingeführt ist, kann nie und mmmer die prachtvolle Ursprache ersetzen.. Nun zeigen sich infolge dieser schlechten Wiedergabe der Sidra und Haftara sehr unangenehme Nebenerscheinungen. Das Publikum und besonders die Damen, die nicht folgen können, sind nicht genügend weitlictj diszipliniert und so wird dieser Teil des Gottesdienstes zu einem angenehmen Plauderstiindchen, wahrlich nicht enes Gotteshauses würdig. Es gäbe kein einfacheres und sichereres Mittel zur Wiedererweckung des Interesses für die hebräische Sprache als eine würdige ausdrucksvolle'Wiedergabe dieser Thorahverse und Ilaftara mit klangreicher Stimme, nach molernem Geschmack. Und so sind es noch manche Dinge, in^Jenen wir äusserlich schönes und weltliches in unsere religiösen Uebungen hineintragen könnten, ohne gegen das Religionsgesetz zu verstossen. Wir würden dadurch Vieles und Viele gewinnen.‘• " Das angeregte Gespräch wurde plötzlich durch die Ankündigung eines Toastes unterbrochen und auch wir verlassen die beiden grundverschiedenen Verwandten, deren Unterhaltung uns in' vieler Beziehung interessierte. Auf der einen Seite die .sogenannte moderne Richtung, die alle weltlichen, modernen Ceremonieen sofort aufgreift und für ein wichtiges Gesetz hält, dagegen sich vom religiösen Gesetz abwendet und jede religiöse Ceremonie für überflüssig und überlebt erklärt. Auf der anderen Seite noch die reine Erkenntnis des ethischen Wertes des jüdischen Religionsgesetzesund der jüdischen Ceremonieen, ohne blind zu sein, für die Korderunaen des Tages, und die das schöne und klare der weltlichen Vervollkommung zu verwerten sucht. zurernsten_ Ausgestaltung sowohl des jüdischen Gottesdienstes als*- auch des Religionsgesetzes überhaupt. Welchen von beiden wendet sich unser Herz und unser Verstand zu? Gegen Ende des noch nicht lange abgeschlossenen Jahres traf es,, dass Weihnachten und unser Chanukah gleichzeitig zusammenfielen und hierdurch zeigten sich die, Gegensätze besonders krass und zogen uns mit unserem Empfinden doch zu unserem alten Glauben und zu unseren Gebräuchen in moderner Form. Zum Besuche eines Gotteshauses darf man nicht erst durch eine Aeusserlicbkeit herangezogen werden, sondern ein innerer Trieb muss den Menschen dahin führen, dann wirken das Gotteshaus und die Gebe'e erbauend. Ist also durch die Orgel und die Einführung der vielen deutschen Gebete einerseits mit der Modernisierung des Gottesdienstes zuviel geschehen, so ist andererseits auch noch vieles zu verbessern, was der Würde des Gottesdienstes noch viel mehr entspräche. Da sind es vor allem die Vorlesungen aus der Thora, dem Grundtext des Judentums und auch des grössten Teiles dei Menschheit, welche im Gottesdienst fast am stiefmütterlichsten behanäelt werden. Wir sehen das Eigentümliche, wie die Ceremonieen beim Herausnehmen und Zurücksetzen der Thora in die heilige Lade durch besondere Feierlichkeit in den Vor- ( dergrund treten, die Vorlesungen selber aber, also doch der Kern des ganzen, vernachlässigt werden. In den modernsten Synagogen ist der Text an jedem Sabbath um 2/s gekürzt, in anderen werden die Vorlesungen selber oft so leise, oft ohne jedeu Accent vorgetrageu, dass die ergreifendsten und erhabensten Stellen unbeachtet dahinfliessen, ja, es gehört oft eine Aufgabe dazu, überhaupt folgen zu können. Das gleiche gilt von den Vorlesungen aus den Propheten, Königen, etc. unserer Haftara. Und auch hier sind es wunderbare Reden, hochdramatis׳ he Tausend und Abertausend unserer Glaubensbrüder haben die christlich-religiöse Ceremonie, den angezündeten Weihnachtsbaurc, in ihre Häuser getragen, obgleich für sie ein ethischer Grundgedanke gar nicht besteht und auch gar nicht bestehen kann, sondern nur die Schönheit der Sitte, die treibende Kraft zur Pflege derselben ist. Wie unüberlegt und wie grundfalsch, ja man kann wohl sagen, treulosgegen ihren angestammten Glauben! Und dieselben Häuser, die vom Lichterglanz des Baumes strahlten, hatten keinen Raum für die bescheidenen Lichtlein des Chanukalichies mit ihrer grossen geschichtlichen Vergangenheit und ihrem tiefen ethischen Hintergrund. Ja man kann wohl mit Sicherheit sagen, dass sie diese Ceremouie, wie sie sie nennen, auch noch verspotteten und verhöhnten.• Und dennoch, einst kommt auch der Tag, wo diese Vergötterung der weltlichen Ceremonie wieder als falsch erkannt und die jüdische verherrlicht wird, denn immer wird das reine und. etbische jeder Idee siegen und-dies liegt den jüdischen Oermonieen stets zu Grunde. 111 einem Werk meines seligen Vaters. ,Zur Oharakteristik der talmudischeu Ethik* fand ich folgende herrliehe Stelle, die wiederzugeben ich mir nicht versagen kann; es heisst, da: ־ ״Ueber alle Betrachtungen, denen mau das Judentum, seine Bildung, seinen Bestand und seine Dauey unter-

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