Mannheim
Compact Memory

Der Sabbath · 1911-03-01 · 3 u. 4 (März-April 1911) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Sabbath
Volume
11 (1911)
Issue
3 u. 4 (März-April 1911)
Date
1911-03-01
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4874912-5428464-5428591--643-4875498
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 Der Sabbath. gebetet weiden. Sie werden wiederum wie heute früh fragen, mau kann doch ebenso andächtig auch mit gewohnlicher Ftfssstellung beten. Ich greife darauf wieder zum ' Öofiatenstande. "Welche Stellung nimmt der Soldat bei jeder Ehrenbezeigung im Stehen ein: geschlossene Kni^ UDd Absätze. Wie grüsst ein schneidig sein wollender ■junger Mann heutzutage besonders devot? Er klappt mit Vehemenz die Hacken zusammen. In beiden Fallen^&al] in dieser Fussstellung der Ausdruck der Hochachtung^jjfegen. Wehe dem Soldaten, der vor seinem Vorge^brzten anders stände, und dem etwa nach dem Spruche des Kasernenhofes, ein Kommisbrot durch die Beine* balanciert werden könnte." Je nach dem Rang des Vorgesetzten würde er die Tonleiter der Entrüstung zu hören bekommen. Haben Sie schon je an dieser Bein- Stellung Kritik geübt? Nein. Denn es ist eine weltliche I mgangsform und damit ist es Gesetz für Sie und die TauseLd*.anderen auch. ,Xocfr finen anderen kleinen Vergleich, in dem sich auch die Gegensätze hart berühren. Ich Sehe, Sie tragen der heutigen Mode entsprechend Ihr Taschentuch in der Manschette anstatt in der Tasche. Lange bevor dieses weltliche Siite war, trugen fromme rMauner am Sabbath ihr Taschentuch entweder um die Taille, oder um den Arm gebunden oder in■ der Manschette, wfcil am Sabbath ihre Taschen ganz leer sein mussten. Wie jpancher ist wegen dieses Einfalles verlacht und verspottet worden und nun ist es sogar weltliche Mode der höheren *Stände geworden.־ .Ich kann mich Ihren Ausführungen zwar noch nicht ganz ahschliesen, aber es liegt etwas in ihnen, was zum Nachdenken reizt. ,Hat denn aber nicht jede weltliche Umgaiigsfonn ihre Berechtigung? wirkt dieselbe nicht wohltuend auf Auje und auch auf Ohr? worin liegt denn ihre Zaubeimacht, dass sie meist im Siegesfluge hunderttausende teuer Bekenner sich untertan macht? Das ist doch nur inögli.-h,■ wenn ihr ein berechtiger Kern zu Grunde liegt." .'׳ewiss, c4,./wä>e grundfalsch, wollte man sich die- •.-■•ס■ ■lii-.wii. weltliche Ceremorteile, — Umgangs- .,־111 ין-׳ B •lechtigung und Jemand, der sich ■ . ... :ivi machen wollte, wirkt unbeholfen, ■ ־.- ■• e.-M. 1 Hs■ i'baial auch roh; aber ich habe zu- *׳:׳י •ji nur iew-isi-11 wollen, wie die Kritik meist r.ur n:. i zwar sehr oft an den religiösen Ceremonien geübt v• ir>1.!h>t nie an den weltlichen. Wa^t| man nun aber den Wert der weltlichen Cere ii'Uiien Unurar'smethoden gegen die religiösen ab, so ecgiebt sich ein nicht zu grosser Unterschied in ihrem Kern, i >i•־ weltliche t'erernonie mit ihrer■ Begrüssungsart, mir ihrer B>?su>-hst'onn. mit der Art des Umganges von l׳n:C und Herr, von Alter und Jugend, ihrem höheren!n'iiix-hcji# 1'c-reinonit-11 oder bei anderen feierlichen Gele- -onheiteu, alle die weltlieheu Ceremonien sind auf den i niirang oder h1,׳m kann sogar sagen, auf den Kultus vom Mensch zu Mensch gerichtet. Ihr Endzweck ist intnier die richtige Würdigung der Person durch die ainipre, die entgegen gebracht wird oder erzwungen werden soll, und hierin liegt auch der Grund für die ausserordentliche Macht, die diese Umgangsformen auf die Menschen ausüben und denen sie sieh unterwerfen. Es ist dabei nicht zu vergessen, ,dass oft vieles Schöne in ihnen liegt und die Menschen anzieht, und dass es auf der einen Seite auch Moden im Ceremoniell, in den l uigangsformen giebt, die kommen, sich schnell beliebt machen und wieder verschwinden, weil sie von anderen verdrängt werden. .■Dangen auf der anderen Seite auch ein starres Festhalten an althergebrachten Ceremonien bei feierlicher Gelegenheit, besonders bei höfischem Ceremoniell. Alle diese weltlichen Umgangsformen haben also nur den einen Zweck der wirklichen oder der geheuchelten Achtung des einen Menschen gegenüber dem anderen oder der Erhebung des einen Menschen über den anderen. Ganz anders mit den jüdisch-religiösen Ceremonien. Sie alle sind nar für den Verkehr des Menschen mit seinem Gotte eingerichtet, entweder ist die Ceremonie, um Gott za verherrlichen oder Gott um seine Hülfe aozufiehen für sich selbst oder für andere oder es sind auch Dankesworte, für das was, uns Gott gegeben, oder es sind Ceremonien zur Erfüllung eines Gottesgebotes. Obgleich nun der innere Kern der religiösen Ceremonie ein wesentlich ethischerer und reinerer ist als der der weltlichen, sehen wir doch, dass die aaf Gott gerichtete Ceremonie verspottet und die weitliehen Ceremonien von denselben Menschen vergöttert werden. ״Aber die weltlichen Ceremonien haben ja sogar die Schwelle jüdischer Gotteshäuser überschritten and haben sich hier fest eingebürgert.“ Leider und Gott sei Dank, ja. Leider, weil vieles in jüdische Gotteshäuser hineingetragen wurde, was nicht jüdisch, leider, weil z. B. immer noch jüdische Repräsentauten jüdischer Gemeinden für jüdische Gotteshäuser deutsche Gebete einführen. ״Ja, aber wir verstehen die hebräischen gar nicht mehr, und so können wir doch wenigstens verstehen, was wir zu unserem Gotte sagen.“ Es ist allerdings traurig, dass dem so ist, and diesem letzteren Zastand haben die Männer der Verwaltung scheinbar Rechnung getragen, aber sie ahnten nicht, was sie damit anrichteten. Ueberall erwacht heutzutage das Xationalitäts- und Rassengefühl der Völker; überall wacht maQ vor allem auf die Verbreitung der Nationalsprache im Umgang und im Ceremoniell; nur bei uns Jaden wird das hebräische, die klassisch schöne Sprache nicht gelehrt, nicht gelernt und schliesslich sogar aas den jüdischen Gotteshäusern verbannt. Das dürften Vertreter einer jüdischen Gemeinschaft für ein jüdisches Gotteshaus nie und nimmer tun, und die Tage, an denen solche Beschlüsse gefasst werden gehören nicht zu den Ruhmestagen j ü d ischer Gemeinden. .Ja, wir sind ja doch keine Nationaljuden und wollen es in der grössten Mehrheit auch nicht seiD, daher brauchen wir doch auch keine Nationalsprache“. Ich stimme Ihnen bei, wir wollen keine Nationaljuden sein, aber wir wollen doch Juden sein und unsere Gotteshäuser sind jüdische Gotteshäuser und da muss doch die Sprache der Väter gesichert bleiben. Selbst ein Mann wie Steinthal, der wahrlich kein orthodoxer, aber begeisterter Jude war, und der den Dingen mit scharfem Geiste auf den Grand ging, sagt in einem seiner Vorträge über ״Andacht“: ״Man überschätze überhaupt die ästhetische Gestaltung des Gottesdienstes nicht. Es ist nicht die Schönheit des Gebetes, welches wirkt, sondern dessen Wahrheit und ächlichiheit. Es sind die einfachsten Accente, welche das Gemüt am tiefsten ergreifen und am meisten erheben. Nun darf nicht geleugnet werden, dass auch heute und in aller Zukanft solche Gebete gedichtet werden gönnen, und ist ein solches Gebet gelungen, so spreche and bewahre man es. Das tatsächliche Verhältnis im allgemeinen aber ist doch das, dass die Worte, an denen nnsere Väter Jahrhunderte and Jahrtausende hindarch ihre Erbaaung gefunden haben, auch über unser Gemüt eine eigne Kraft ausüben. Wir sind nicht von heute und von gestern; soudern wir hängen, wie körperlich so geistig, mit einer langen Vergangenheit zusammen. ״Leider muss ich sagen,“ begann der erste wieder, ich verstehe zu wenig hebräisch, und kann demnach die Schönheit der hebräischen Sprache nicht selbst erkennen)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.