Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- 3 u. 4 (März-April 1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sabbath. 11 sind Umgangsformen. Ceremonien, die Umgangsmetbode, wie auch Cermoniell, die UmgangsformeD, begegnen und nichtnurbeifeierlichenGelegenbeiten,sondern täglich u.stünd: lieb werden dieselben von uns geübt, gesehen oder geduldet. Fiir die gleichen Handlungen sind die Ceremonien oder das Ceremoniell an verschiedenen Orten verschieden; ׳ z. 3. ist bei uns die Trauerfarbe schwarz, bei einigen anderen Völkern aber, z. B. den Chinesen weiss. Diese Verschiedenheit gilt ebenso von religiösen wie auch weltlichen Ceremonien. Die religiöse Ceremonie ist — wir sprechen heute nur von der jüdisch-religiösen, obgleich vieles auch für andere Religionen zutreffend sein wird — 80 eng verwandt mit dem Ritus, d. h. mit dem Gesetz, dass die Scheidewand oft nicht zu erkennen ist. Das i Religionsgesetz ist fast immer vou einem Ceremoniell begleitet, und schon bei der Offenbarung am Sinai waren | für die Kinder Israel besondere Vorschriften von Gott erlassen worden! So ist auch z. B. das Sabbath- oder - Zizzisgebot mit entsprechenden Ceremonien umgeben wor- ן den. Es wird daher nicht immer möglich sein, bei Cere-? monien den Kern von der Schale zu trennen, und deshalb } sind auch im weltlichen Verkehr Gesetze zu Ceremonien degradiert und noch viel öfter Ceremonien zum Gesetze erhoben worden. Wir wollen uns nun heute mit der Ceremonie im allgemeinen nicht im besonderen befassen und werden nur einzelnes zur besseren Erläuterung aus der Menge herausgreifen. Bei Behandlung dieses Themas neigen die Meisten zu der Frage: Haben denn Ceremonien überhaupt einen Wert? einen sittlichen Wert? Kommt es denn nicht auf den Geist und viel weniger auf die Form an? Dieses jede Ceremonie scheinbar niederschmetternde Wort wird am liebsten und häufigsten den religiösen Ceremonien entgegengeworfen und gerade diejenigen, die es aussprechen, wissen garnicht, wie sie selber die Ceremonie lieben und verehren, vielleicht nur in anderer Form, aber oft ohne den sittlichen Inhalt der religiösen Ceremonie. Nehmen wir ein kleines Beispiel, das sich in unserer Zeit nicht allzu selten in dieser oder ähnlicher Form zutragen wird. Es wird Barmizwoh gefeiert. Ein der Familie verwandter junger Mann, ,ganz modern“ erzogen, kommt zu j dieser Gelegenheit einmal in die Synagoge, die er schon seit j Jahren nicht betreten hatte, um seinen Vetter zu hören, ■ wie er das ,Gebet“ aufsagt und ,eingesegnet wird.“ Nicht nur diese Ceremonie, wie er sie nennt, wird j ihn interessieren oder auch nicht interessieren, sondern noch manches Andere, was er da in der Synagoge sieht und hört. Von der anderen Seite der Familie, sagen wir der | weniger reichen — es ist leider heutzutage die Regel, dass mit Reichtum die Religiosität schwindet, weil meist! die Selbstherrlichkeit und Ueberbebung zu gleicher Zeit ' mit dem Reichtum ihren Einzug in das Gemüt des Men- | sehen hält, ist auch ein junger Mann zur Stelle. Er bat einen Tallis umgenommen, denn er geht allsabbathlich in die gleiche Synagoge. ,Sagen Sie“, fragt der erste, ,müssen Sie denn zum Beten durchaus den (wie heisst es doch), den Tallis umj nehmen? Können Sie nicht ebenso andächtig auch ohne den beten? Der zweite versucht, ihm das Tallis- und Zizzisgebot mit seinem tiefen Sinn näher zu erklären.! Die menschliche Energie ist im allgemeinen schwach, Auge I und Herz sind fast immer in Gefahr, etwas für sich zu j begehren, was anderen gehört, oder was gegen Gottes ן Gebot verstösst oder abzuschweifen vom Gebet zu Gott; im Augenblick ist der menschliche Sinn ergriffen und hängt ן bösen, unwürdigen Gedanken nach, da fühlt seine Hand, j da erblickt sein Auge die Schaufäden, das Wahrzeichen j von Gottes Gesetz und in der Erinnerung an ihn sollen | ן # sie bannen das Sündhafte im Auge und im Herzen und' ihn festhalten lassen an seinem heiligen Beruf als Jude; und Mensch. Das ist der Sinn dieses Gebotes, den allerdings hur der erkennt, der es kennt, und nicht der, der die äusse!\. Form nur sieht und ausübt. Diese Ausführungen wirken trotzdem nicht überzeugend und beide gehen, nachdem die offizielle Gra« tulationscour vorn ausserhalb der Synagoge, eine weitliehe Ceremonie, beendet, unbefriedigt auseinander. Am Abend ist grosse Festlichkeit, beide junge Leute sind eingeladen. Der erste, reichere in tadellosem Frackanzug, eine Blume im Knopfloch, der zweite in sauberem Gebrock. Ihre Augen begegnen sich, der letztere bemerkt, wie ein leichtes spöttisches Lächeln über die Mienen des anderen fliegt; er kennt auch schon den Grand, er hat ja keinen Frack an. Flugs geht er auf ihn zu: ,Entschuldigen Sie, warum tragen Sie denn heute Abend Frack und Lackstiefel?“ ,Ja, das gehört doch ganz selbstverständlieh zum gesellschaftlichen Takt und Form“. ,Ach so, ich glaubte, Sie hassen so die äussere Form. Glauben Sie nicht, dass man ebenso freundschaftliche und herzliche Gefühle für die Familie des Gastgebers und ihren Sohn haben kann, wenn man heute Abend hier im Gehrock er* scheint?*. Ein leichtes Achselzucken, ein spöttisches Schweigen, in dem lag: das ist ein Mensch ohne jede gesellschaftliche Form. Sie trennen sich wieler, fortgerissen durch den Trubel der Gesellschaft. Man setzt sich zu Tisch. Ein Teil der Gesellschaft ging ein Gebot erfüllend, nicht eine Ceremonie, diezu Hände waschen undllamauziehzu machen,nachdem ein grosser Barcbes zu diesem Zwecke von dem Hausherrn angeschnitten war. Die Tischordnung, eine weltliche Ceremonie — Umgangsmethode, die allerdings auch von den alten Juden schon gepflegt wurde, fügte es, dass unsere beiden Bekannten vis-ä-vis sitzen. Der junge Mann in Gehrock macht an* dächtig seine Brochoh, bedeckten Hauptes, sein vis-ä-vis schüttelt das kable seinige. ״Warum verrichten Sie eigentlich alle—Ihre Gebete bedekten Hauptes? Es entspricht doch viel ■mehr dem Begriff der Deniuth, wenn Sie zu diesen Zwecke das Haupt entblösen. Für unser ethisches Empfinden erscheint mir das letztere viel richtiger“. ״Lassen Sie mich mit einem Gegenbeispiel antworten. Waren Sie Soldat? Ja. Kennen £ie die Instruktion, dass der Soldat, wenn er dienstlich zum Vorgesetzten, sei es zum Kaiser, ins Zimmer tritt, den Helm autbehalten muss. Sie wissen, was es be leutet, wenn der Soldat vor seinem Hauptmann, Major, Oberst oder gar General steht? Jeder ist für ihn der leibliche Halbgott und hier bleibt er bedeckten Hauptes stehen, entgegen d3r allgemeinen Landessitte; verletzt dies auch Ihr ethisches Empfiuden? Ja, hat Sie dieses Ceremoniell schon jemals zur Kritik herausgefordert? Nein, Sie halten es selbst für ein Gesetz, und befolgen dasselbe ganz widerspruchslos, ganz sowie wir beim Gebet zur Heiligung Gottes. Beim Beten stehen wir aber nicht vor einein vermeintlichen Halbgott, sondern vor unserem einzig einzigen unsichtbaren Gott, wir verhüllen unser Haupt, eigentlich sogar uuser Antlitz, dass wir demüthig bleiben, und nicht zu hoch erhobenen Hauptes vor Gott hintreten. Analoge Beispiele für die äussere Aehnlichkeit der weltlichen und religiösen Ceremonie lassen sich noch mehrfach angeben. Es ist Ihnen vielleicht unangenehm, oder doch höchst merkwürdig aufgefallen, oder Sie wissen es noch aus den Tagen der Jugend, da Sie auch noch zur Synagoge gingen, dass besonders heilige Gebete, z. B. Sehe* mauno Esre, die Keduscha, u. A. mit geschlossenen Füssen