Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- 8 (8.1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sabbath. 47 Wilna hat einen ähnlichen Protest an die Dana abgesandt. Aaeh in örodno ist dieser Tage ein von vielen hundert Peisonen nnterzeicbneter Protest nach Petersburg abgegangen. ״Heed Hasmann‘ regt in einer seiner letzten Nummern an, dass sämtliche jüdischen Gemeinden derartige Protesteiklärungen an die Beichtduma richten sollten. 5imon Spira und sein Sohn. Historische Erzählung. Von Alb- Enr Brachvogel. (Fortsetzung) Städte erheblich erhöhte. Auf dem Hradschin und der Kleinseite jedoch erweckte der Reckenmut der Juden einfach Gelächter oder Achselzucken. Dem bigottstolzen Edelmann, dem Czechen wie dem deutschen, war der Jude nur ein Hund, den man treten, ein Heide, den man verachten musste und Böhmen’s Luft nur athmen liess, weil er eben als ,Reichskammerknecht* hohe Steuern zahlte und sein Beutel wie sein Witz gelegentlich hohen. Herren zu Diensten stand. Letzteres notgedrungene Verhältnis schon war ein Schimpf, der möglichst vermieden, oder sehr verborgen wurde,, zumal den Prager Juden verboten war ausserhalb ihrer Ghetti ,sich mausig zu machen‘, man sie also in ihrem Bezirk aufsuchen mussle, wenn man ihrer bedurfte- Der Heldenmut so elender Menschen weckte eben so sehr den hochadligen Spott, wie die vermeintliche Feigheit der Alt- und Heustadt, welche solche Mitkämpfer nicht verschmäht hatten. 1 Zum ersten Male in der neueren Geschichte vielleicht fiel für die Tage der Not und des Kummers die Schranke zwischen Juden und Christen, denn die werktätige Hülfe der Ersteren war für die Bürgerschaft der Doppelstadt von ausserordentlichem Belang, zumal Czernin wie Colloredo in Marcus nicht nur einen furchtlosen Mann vor sich sahen, sondern auch erkannten, dass er im Kriegsgewerbe viel bewanderter sei, als sie gedacht hatten, und sofort die Bewaffnung und Einteilung seiner Glaubensgenossen in Rotten und Fähnlein ganz kriegsmässig vornahm. Es ist bekannt, dass in schwierigen Zeiten den Mut und die Zuversicht nichts mehr belebt, als wenn man diejenigen ein Beispiel von Aufopferung geben sieht, welche bisher für feige und verächtlich gegolten hatten. So wirkte denn der Geist, welcher die Juden Prag’s entflammte, auf ihre •christlichen Mitbürger beispielgebend zurück und erweckte in ihnen den Stolz, diesen nichts nachzugeben Auf die Kleinseite und den Hradschin jenseits der Moldau, wohin wir uns nun begeben, war die Kunde der ausserordentlichen Vorgänge diesem Tages bereits gedrungen, hatte aber die Wirkung lange nicht gehabt, wie in Alt- und Neustadt. Abgesehen davon, dass der blosse Bericht einer Tatsache in der Entfernung so. überzeugend und lebendig nie wiikt, wie das unmittelbare Erleben der Tatsache selbst, so macht dasselbe Ereignis auf verschiedene Personen meist wesentlich anderen Eindruck. Hradschin und Kleinseite waren, wie wir wissen, überwiegend adlige Stadtteile und das dazwischen lebende bürgerliche Element nur die Clientei welche von dem Adel lebte und für dessen Bedürfnisse da war. Noch heute, in unserem industriellen Jahrhundert, ist dieser Charakterzug nicht völlig verwischt- In Alt- und Neustadt aber war der Sitz von Handel, Gewerbe und öffentlichem Leben. Als eine schlechtere Menschengattung angesehen, verachtet und bemisstraut waren die Juden überall, und sie hatten sich nach gerade an diese sociale Missstellung gewöhnt; aber in Alt- und Neustadt wurde diese ihre Stellung doch um Vieles milder aufgefasst. Erstlich stand ihnen das christliche Bürgertum näher, und berührte sich täglich mit ihnen; der Jude wurde aller Orten gebraucht, wo es Handel und Wandel, Zufuhr und Absatzquellen galt. Die christliche Theorie des Abscheus und - der Verachtung machte sich in der Praxis also milder. Dazu kam, dass im vorhergehenden Jahr Alt- und Neustadt auf grässliche Weise von den Schweden gelitten hatten, dass noch in Jedermanns Gedächtnis die Erinnerung ihrer unmenschlichen Grausamkeiten lebten, von denen die Juden nur durch ein grosses Geldopfer befreit geblieben waren, das direkt in des christlich-schwedischen General Wrangel’s Tasche gefallen war, der nebenbei in den Juden eben nur Juden, in der christlichen Bürgerschaft Prag's aber Katholiken Nund Kaiserliche Untertanen sah, die zu schädigen, ja zum politischen Programm gehörte. Bei der nun drohenden Gefahr musste also der freiwillige Entschluss der Juden zu Opfern aller Art höchste Freude und ein 1 sympatisches Gefühl ehrlicher Gemeinsamkeit der Interessen zu ן Wege bringen, und der dort wohnende Adel, die Universität, selbst die Stifte und Klöster mussten eine Uneigennützigkeit gern sehen, welche jedenfalls die Widerstandskraft beider zusa mmenhängender Man nahm auf Hradschin und Kleinseite das etwaige Anrücken der Schweden, überdem viel kühler, ungläubiger auf. Einmal weil man deren Wut im vorigen Jahre weit weniger verspürt hatte, als die beklagenswerte rechte Moldauseite, anderenteils des grossen natürlichen Schutz wegen, dessen man sich erfreute. Ob auch heute die alten Werke, welche diese Stadtteile noch besitzen, der neuesten Kriegskunst nicht gewachsen sind, imposant erscheinen sie immer noch und^sie galten damals, mindestens was den Hradschin betrifft, für unbezwinglich. Im siebzehnten Jahrhundert waren diese Werke aber noch stärker, zahlreicher; in sie war.die Kleinseite zwischen Moldauufer und Hradschin völlig eingeschlossen, und es liess sich wirklich nicht absehen, wie gerade auf dieser Seite ein Angriff glücken könne. Abgesehen von diesen alten Fortifikationen waren die Paläste der Grossen aber wahre Burgen, ja, erscheinen heute noch so. |eder der edlen Herren hatte Mannschäften und Geschütze, seine Feldschlangen, Wall und Donnerbüchsen, mit denen er sein Haus verteidigen konnte, und diese Adelssitze, terrassenartig übereinander bis zu der befestigten Königsburg ansteigend, bildeten somit eine Reihe von Werken, welche einander in der Verteidigung unterstützen konnten Alles wirkte hier zusammen, um es schwer glaublich zu machen, dass die Schweden, falls sie auf Prag wirklich Absichten hatten, zuerst ihren Aufwartung gerade dem westlichen L'fcr der" Moldau machen würden, wo Alles gegen das Gelingen eines Angriffs sprach. ׳— — Marqus Spira hatte, als er, von seiner' Berufsreise zurückkehrend, Graf Colloredo, den Statthalter, mit seinen adligen Genossen am altstädter Brückentor* traf, Andeutungen über Kundschafter und Verräter gemacht und war gegen den Vater wie Schamech mit der Eröffnung herausgegangen, nur unter der Bedingung davongekommen zu sein, dass er zweien schwedischen Kundschaftern in die Kleinseite hinein und zu einem Manne den Weg zeigte, der mit dem Feind in Verbindung stehe. Weitere Mitteilungen hatte Marcus selbst diesen beiden ihm so nahe stehenden Personen nicht gemacht, obwohl es eigentlich seine Pflicht gewesen wäre• I dem Statthalter von Allem, was ihm geschehen war, genaueste Anzeige zu erstatten, um Unheil zu verhindern. Weshalb Marcus schwieg, lag auf der Hand. Er hätte Tich, j obwohl notgedrungen, an einer Verräterei beteiligt und sie soweit 1 möglich gemacht, hatte zwei Schweden in die_Stadt und zu dem : Mann gebracht, welcher augenscheinlich der Veranstalter des feindlichen Anschlags war Gestand er das dem Statthalter, so wurde er unzweifelhaft als Verräter gehängt, und seine Familie, ja! die ganze Judengemeinde, kam umsomehr in Verdacht der Verbinj düng mit dem Feinde, als das Ghetto im vorigen Jahre, wenn i auch gegen schweres Geld, von Plünderung verschont geblieben 1 war. Da der Mann aber, zu welchem Marcus die beiden Schweden hatte führen müssen, gar ein Herr von czechischen Adel war, so hätte man dem Worte eines ״schmutzigen Juden“ nicht geglaubt, und Marcus wäre obenein noch als Verleumder eines Mannes von' Geburt mit schweren Strafen belegt worden Seinen Warnungen ernstlich zu glauben, waren die kaiserlichen Offiziere nicht geneigt; denn dass ein Jude in kriegerischen Dingen ein Urteil haben könne fiel ihnen nicht ein; nur Colloredo, Czernin und Kinsky waren