Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- 6-7 (Juni-Juli 1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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■-•־׳**s&äÄ'S m Der Sabbath 39 sogar Täubchen abweisen lasse, bin ich für andere Leute auch nicht zu sehen!“ Che Rahel indess antworten konnte, öffnete sich die Tür des Vorgemaches völlig und die greise Rebecca stand auf der Schwelle• .Also Deiner Mutter älteste, einzige Schwester sehen willst Du nicht und weisst doch nicht, ob Du sie wiedersiehst, ehe sie stirbt?!“, rief die alte Dame und schnell erkennend, Esther müsse wirklich nicht wohl sein, trat sie völlig ein. .Ich lasse mich nicht so abweisen, wie das arme Täubchen I Wenn Du nicht siehst und hörst, wie die Welt brennt an allen vier Ecken, wirst Du wohl gesund genug sein, mich zu hören, da Du Täubchen Caro nicht sprechen willst, die zum zweiten Male vor der Türe steht“. .Wenn Du einmal da bist, Rebecca“, entgegnete Esther gleichgültig und ohne ihre Stellung zu verändern, .kann das Täubchen gewiss auch zu mir. Lasse sie herein, Rahel!“ — Mit dieser Weisung entfernte sich die Dienerin. .Du weisst wohl garnicht“, redete die alte Dame weiter ,dass ganz Prag aufrührerisch ist, weil jede Stunde die Schweden wieder hereinkommen können?“ ,Davon hab’ ich gestern schon genug gehört!* ,Aber es ist bei Dir zu einem Ohr hereingegangen und zum anderen wieder heraus!“ .Was hab’ ich mit den Schweden? Wenn ich zur Linderung der Not geben soll, werd ich's tun ohne Dich; ich habe es dem Rabbi zugesagt-Was willst Du noch?* ,Was Du mit den Schweden hast, Esther? Nein! Was die Schweden mit Dir haben werden, das sollst Du fragen!-— Ich habe schon immer gewusst, dass Du kein Herz hast, kein richtiges, warmes Herz! Dir muss es selber erst auf’n Pelz brennen, ehe Du empfindest wie andere Leute!“ ,Rebecca Löw, meiner Mutter Schwester sein, das magst Du; meine Mutter aber bist Dfe nicht, die in mein Herz sieht! < Was weisst Du, was drinnen ist? — Bildest Du dir ein, weil von deinen zwei Söhnen keiner hinein kommt, es sei nichts drinnen?!“ Bei dieser treffenden Bemerkung fuhr die alte Wittwe, welche sich zu Esther neben den Divan gesetzt hatte, gereizt auf. ,Ich bin nicht gekommen wegen meinem Aron oder dem Isaak; die sind mit Dir fertig! Wenn ein Löw und 'n Katz kein schönes Paar giebt, nun vielleicht sind ,ne Katz und ’ne Ratz ein schöneres! Weil ich Dich hab’ geschützt voriges fahr in meinem Hause und die judenschaft hat dem Wrangel gezahlt 100,000 Dukaten, dass wir nicht sind geschändet und gebrannt und geplündert worden, wie die Gojim, darum also bekümmerst Du dich nicht, was werden wird, wenn die Schweden wiederkommen? Wir werden aber nicht mehr mit ’nem blauen Auge und schlaffem Geldsacke blos davon kommen, wie damals■ Ich werde nicht mehr der Narr sein, Dich zu behüten, auf eigne Gefahr, damit Du noch einmal beleidigen kannst meine Söhne!-Was die Schweden können mit Dir? Gerechter Gott! Frage doch in der Stadt bei den Gojim herum, was die Verderber getan haben den. Weibern und Mädchen, wie sie gewütet haben mit Mord, Notzucht, Brand und grässlichen Martern rings an Mann und Frau und unschuldigen Kindern! Die Haare würden Dir zu Berge ste.hen und ’s Herz zerbrechen in der Brust, wenn ’s auch noch so hart ist! Haben sich nicht soviel unglückliche Weiber hernach vor Schande das Leben genommen, sind nicht so viele Leute verrückt geworden vor Gram?* Esther erhob sich rasch. ,Was soll uns schützen, als dass wir uns wieder durch Geld loskaufen?“ ,Was? Wenn wir statt mit Lösegeld den Schweden den Hals zu stopfen, als sie uns auf den Pelz kamen, das Geld zur ,Sicherheit von Prag hergegeben hätten, ehe die Wütriche da waren nd hätten die Hände nicht gelegt in den SchooSs, dann wäre nicht soviel Blut und Herzeleid über die Stadt gekommen und die Schweden hätten es eingetränkt gekriegt, dass sie ’s Wiederkommen jetzt vergessen hätten! Wer uns schützen soll, Mädchen Nu, schützen werden wir uns selber, unser Väter Gott aber wird c'ber uns sein!-Unsere Männer sind heute zusammengerufen worden in der Alt-Neuschul. Nach dem Gebet hat Rabbi Spira gesprochen: dass' wie Prag und der Kaiser uns geschützt hat seit alter Zeit, wir luden sie auch einmal schützen sollen, dass ihr Feind, die Schweden, soll unser Feind, ihre Not unsre Not sein. Der Rabbi hat so gewaltig gesprochen wie ein Prophet, dass Alle sind bewegt und ausser sich geworden, und Simon Spira hat gegeben sein Geld und sich zum Bettler gemacht, damit die Stadt nicht Not leidet, und hat seinen Sohn aufgerufen und mit ihm aHe starke Männer, dass sie ihr Blut bieten für die Befreiung von Prag gegen des Kaisers Feinde!“ j .Der Marcus?! Marcus Spira?! Rebecca?!“ schrie Esther | aufspringend und erhob staunend die Hände. ,Nimmermehr! — j-Die Tage Gideons kehren nicht wieder! Auf Spira’s unreinen ן Sohn hat sich nicht der Geist des Herrn gesenkt! — Rede Du, Täubchen! Sage, dass Rebecca vom Alter blöde geworden ist und ihr geträumt hat, was sie redet!“ Damit wendete sich Esther zu Täubchen Caro, ihrer Freundin, welche eingetreten war und die letzten Eröffnungen der Wittwe Löw gehört hatte. ,Sag es ihr nur“, entgegnete die Alte spitz, ,Du hast es so 1 gut gehört, wie ich. Wenn Esther Katz auch ihrer Mutter Schwester, der Wittwe Löw’s, über dessen Zunge nur reine Worte gegangen sind, nicht glauben will, erinnere Du, ihre Freundin, Dich, dass, wenn Du auch arm bist und stehst im Schatten und weit hinter ihr, Du aus dem Geschlechte bist des grossen Rabbi Avigdor Karo*), dessen Blut nicht geringer, dessen Weisheit nicht trüber war, als das der Katze! Rede ihr nicht zum Munde aus falscher Demut, sondern was Du vernommen hast!* ,Esther, es ist wahr, was die alte Rebecca redet. Als sie alle herauskamen, hat Rabbi Simon dem Schamech sein Geld gegeben, um Marcus aber haben sich gesammelt mit Geschrei Bath Schewa und seine vier Söhne, Schmuei Hampas mit seinem Tochtermann, Rebecca’s Söhne, der Schmiles, die fünf Brüder Pincas Herz Fischei, Reb Eli Schocheser, der Schächter, und so viel Juden, dass der Platz und die Strasse ist schwarz gewesen von ihnen. Dann sind sie alle gegangen, der Rabbi, Marcus und der Vorsteher vorneweg, zu General Czernin, der die Altstadt kom״ mandiert, und der hat sie sogleich geführt zum Grafen Colloredo. Dem haben sie eröffnet der Judenschaft Beschluss, zu streiten für den Kaiser und die Stadt, und haben ihm dargebracht in ge״ sammelten Gelde an die 250,000 Dukaten und des Marcus Vieh! Es geht die Rede, bei dreitausend jüdische Männer hätten sich zu dem Marcus gestellt! Der Colloredo ist so sehr erfreut gewesen, dass er hat des Rabbi Sohn anlegen lassen einen Harnisch als Hauptmann und hat ihm erlaubt, aufzurichten ein Zeichen als Fahne zur Erkennung für unsere Leute. Da hat der Marcus den Stern;des Lebens von hellem Blech auf einer Stange aufrichten lassen, damit unter ihm fallen soll in Gerechtigkeit Alles, was bestimmt ist, den Tod zu leiden aus der judenschaft zu Prag!“ — Esther waren die Arme schlaff herabgesunken, ihr Gesicht war todtenblass. ,Nu hast Du ’s doch gehört!“ sagte die greise Löw höhnisch. .Wirst Du nu wohl genug haben? Freut mich blos, es zu erleben, dass ich einmal sehe die Kraft meines Volkes, und dass die stolze Esther Katz mit ihrer Weisheit und ihren Juwelen nicht so viel wert ist in der Not, wie 'ne Katz kann wegtragen aufm Schwanz!“ ,Wir wollen sehen, ob die Kraft wird da sein, wenn die Schweden kommen“, entgegnete Esther, sich mühsam fassend, ״oder ob das tapfere Geschrei wird werden zu weiblichem Gewimmer, sobald ’s Ernst geworden I Du hast gesagt, Rebecca, ich hätte kein richtiges Herz? Sieh zu, dass Du kein falsches hast! Wenn der Rabbi Spira sich zum Bettler gemacht hat aus Stolz und sein Sohn wird ein Held, will ich verwahren mein Geld und Gut — aus Demut 1 . Werden wir zuletzt sehen, wer aufgerichtet ist und wer gefallen!!* Die alte Löw starrte die Esther an, als wollte sie^ihr aus den Augen lesen, was sie meine. Dann nickte sie. ,Esther Katz, wir werden es sehen I“ .