Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- 6-7 (Juni-Juli 1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sabbath. 33 schon eine gefestigte, religiöse üeberzeugung Boden gewonnen. Wenn da nicht von Hause aus — und das geschieht in den seltensten Fällen — die Schwierigkeiten, die sich in der grossen Stadt einer religiösen Lebensführung entgegenstellen, beseitigt werden, so ist eine allmähliche Entfremdung von״unseren Idealen ganz unausbleiblich. Die Frage ist naheliegend, welche Vorteile dagegen die grosse Stadt der köperlichen,. geistigen und seelischen Ausbildung der heranwachsenden, von dem Elternhause losgelösten Jugend bietet. — Es soll von vornherein zugegeben werden, dass die Gelegenheit zur geistigen Fortbildung in der grossen Stadt bequemer und häutiger zu finden ist, und dass die Gelegenheit zu ausgedehnterer Erwerbstätigkeit sich häufiger bietet; es erscheint aber noch sehr zweifelhaft, ob die Entwicklung, die grade das Gescbäftsleben in den grossen Städten nimmt, eine wünsehenswerte ist. — Es macht sich hier ein Aincricanismns breit, ein Drang nach dem Grossen und Weltumspannenden, der nicht nur häufig der eigenen soliden Grundlage entbehrt, sondern auch rücksichtslos zahlreiche kleine, aber ruhig und besonnen ihrem Ziele zus'rebende Existenzen vernichtet. Wer ausserdem bedenkt, dass auch im grossen Ort, nicht nur absolut, sondern auch verhältnissmässig ebenso viel Dumme und Ungebildete, wie in den kleinen Städten umherlaufen, wer bedenkt, wieviele Existenzen in dem Strudel des Grossstadtlebens untergehen, der wird sehr schnell zu der Erkenntnis kom- | men, dass die Vorteile der grossen Städte erheblich über-? schätzt und die Lichtseiten des Lebens in der kleinen f Stadt vielfach unterschätzt werden; — man unterschätzt den günstigen Einfluss des ruhigen, freieren Lebens in der Kleinstadt auf die Gesundheit; mau unterschätzt den Wert der eigenen Arbeit am Wohle der Gesamtheit, zu Ider man in der kleinen Stadt viel eher Gelegenheit findet; man unterschätzt das Charakter-Bildende des Klein- Stadtlebens. Das Dichterwort ״es bildet ein Talent sich in der Stille, und ein Charakter nur im Strom der Welt“, würde heute umgekehrt richtig lauten! — Man unterschätzt den Einfluss des Elternhauses auf das Gemüt des Kindes, man unterschätzt den Segen aller in Freud und Leid gemeinsam zu verlebenden Stunden, man unterschätzt den nachhaltigen Eindruck der weihevollen Freitag-Abende und gemütvollen Sabbathe; man unterschätzt aber auch das wehe Gefühl des Kindes, das, losgelöst von Eltern und Geschwistern, in der grossen fremden Stadt dasteht und dort ״das Recht auf die Strasse“ erworben hat, auf die Strasse mit ihrer Schönheit und ihrem bunten, frohen Leben, aber auch mit ihrer Versuchung und Verführung. Nachdem wir so die Abwanderung der Juden aus den kleinen Städten in ihrer schädlichen Rückwirkung auf diese selbst sowie auf die religiösen Verhältnisse beleuchtet haben, bleibt nun noch die Frage, was zu tun ist, um dieser verhängnisvollen Bewegung Einhalt zu gebieten. Es muss rühmend anerkannt werden, dass die leitenden Männer im ״Verband der Sabbathfreunde“ schon bei dessen Gründung die in der Abwanderungs-Bewegung liegende Gefahr richtig erkannt und Einrichtungen getroffen haben, die geeignet sind, den Strom gewissermas- 8en wieder in die kleinen Städte zurückzuleiten; der Nachweis verkäuflicher Geschäfte in den kleinen Städten an sabbathtreue Juden ist die Ausführung eines vorzügliehen Gedankens. Nicht minder verdienstvoll ist die Gründung vieler Ortsgruppen in den Kleinstädten und die Ausbreitung des Sabbatbgedankens in weiten Kreisen ן durch Bibliotheken und religiöse Schriften. — Eine we- \ sentlicbe Unterstützung seiner Bestrebungen findet der i Verband durch den Fortbildungs-Verein ״Montefiore“, der bekanntlich für gemütvolle Frei tag-Abend-Feiern sorgt, und so den jungen ־Leuten, die den Wunsch haben, in erhebender Weise den Freitag-Abend zu verbringen, auch die Gelegenheit hierzu bietet. — Eine gleich wirksame I Förderung seiner Bestiebungen findet der Verband durch j die ״Freie Vereinigung für die Interessen des .orthodoxen | Judentums“, die ebenfalls durch Vortrags-Curse, belehj rende Schriften, in den kleinen Städten das religiöse ' Leben auf ein höheres Niveau zu bringen strebt, j Aber alle diese Bestrebungen sind so lange vergeblich, als ihnen nicht in den weiten Kreisen unserer deutschen Judenheit der empfängliche und empfangbereite Boden bereitet wird. Der Ruf ״zurück nach der kleiien | Stadt“ besagt nichts anderes, als: zurück zu den natürj liehen Grundlagen unserer Existenz“, ״zurück zu unseren Idealen“! Und dieser Ruf, er richtet sich an alle Kreise unserer Juden, denen die Erhaltung unseres überlieferten I Judentums am Herzen liegt; — nicht, zuletzt richtet er sich an unsere Rabbinen : denn auch sie, die wir als Vorbilder in der Betätigung idealer Lebensauffassung zu betrachten gewohnt sind, wollen nicht mehr in die kleinen Städte gehen! ״Zurück zu unseren Idealen“ so rufen wir allen denen zu, die sich beschwert fühlen durch die Versuchung, die in der grossen Stadt an sie berantritt; — ״zurück in die Beschaulichkeit der kleinen Stadt“ allen denen, die die Arbeit lieben, die aber nicht Sklaven der Arbeit sein wollen; ״zurück an den Wiederaufbau jüdischer Gemeinden“ allen denen, denen die Erhaltung alter, jüdischer Gottesgemeinden eine Angelegenheit des Herzens ist. Aufzubauen gilt es, was Generationen leichtfertig niedergerissen haben; von neuem zu festigen unsere alten Heiligtümer, die in ihrem Bestände bedroht sind, nach aussen wie nach innen! Es winkt reiche Arbeit, die aber ihren Löhn in sich birgt; ünd an allen, die bereit sind, freudig an dieser Arbeit mitzuwirken wird sich der alte Segen bewähren : ביוך אתה בעיר, ברוך אתה כ •טרה ״Gesegnet seist du in der Stadt, gesegnet aber ״auch auf dem enger begrenzten Felde deiner Tätig- ״keit.“ Ein Verband der Sabbathtreunde in Jtalien. ) ־־ Nun hat das Beispiel, das unser Deutscher ״Verband der Sabbathfreunde“ durch seine Organisation gegeben, nachdem es schon nach Oestreich und Ungarn hin anregend gewirkt, auch in Italien den Anstoss zur ״Gründüng eines Vereins gegeben, dessen Tendenzen in ihren Hauptpunkten sich mit den seinigen decken. Wie wir dem ״Israelit“ (Nr. 19) entnehmen, fordert in einer der letzten Nummern seiner erst kurz;erscheinenden Zeitung ״La Settimana Israelitica“ der Oberrabbiner vor! Florenz, Dr. S. H. Margulies, durch einen flammenden Aufruf alle diejenigen, denen die Erhaltung des Sabbaths Herzenssache ist, auf, sich in einem Verbände zusammenzufinden, um vor allen Dingen für die Jugend Italiens die Möglichkeit zu schaffen, den Sabbatb halten zu können. Und wahrlich, wenn in einem Lande dieser Ruf notwendig, bitter notwendig war, so ist es Italien. Nicht etwa, dass es hier schlimmer aussehe in Bezug auf den äussersten Schritt des Abfalls vom Judentum, die Taufe. Nein, es ist vielleicht möglich, dass im Verhältnis zur Zahl der Juden sich hier, ein besseres Resultat als beispielsweise in Deutschland ergäbe. Doch Italien zählt insgesamt kaum mehr Juden als Frankfurt a. M. Nimmt