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Der Sabbath · 1910-07-01 · 6-7 (Juni-Juli 1910) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Sabbath
Volume
10 (1910)
Issue
6-7 (Juni-Juli 1910)
Date
1910-07-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Der Sabbath; 31 ' sitze Zehrangskosten aas der Staatskasse verlangen. Die ersteren jedoch stehen ihm Überhaupt nicht, die letzteren stehen ihm nur in der jedem beliebigen anderen Zeugen zukommenden Höhe zu, wenn er unterlassen hat, unter Hinweis auf die betreffenden religiösen Vorschriften, rechtzeitig die Verlegung des Termins nachzusuchen. — Entsprechend anwendbar sind diese Grundsätze, wenn auf einen Sonnabend oder hohen Feiertag das persönliche Erscheinen einer Partei vor Gericht von ihm angeordnet worden ist. Wenn der Gegner den Prozess verliert, kaon sie von ihm unter den vorerwähnten Bedingungen auch die Kosten ihrer Uebernachtung ersetzt verlangen. Die Abwanderung aus den Kleinstädten*) Referat, erstattet auf dem IV. Delegiertentage des ״Verbands der Sabbathfreunde“ in Berlin am 27. März 1910. Von A. Marcus-Pinne. Wer im vorigen Herbst der Hauptversammlung des ״Verbandes der deutschen Juden“ beigewohnt, wer das auf ihr gehaltene Referat des Herrn Justizrat Breslauer über ,die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen“ gehört oder gelesen hat, der bat über diese Abwanderung, über die durch sie erfolgte Verschiebung allgemeiner und insbesondere jüdischer Verhältnisse Zahlen und Mitteilungen zu hören bekommen, die ein erschreckendes Licht werfen auf den Rückgang von Gemeinden, die | einst stolze und blühende Gemeinschaften gewesen sind und heute, mühsam um ihre Existenz ringend, ihrer Auflösung verfallen scheinen. Um ein zutreffendes Bild über den Umfang der Ab- Wanderung zu gewinnen, batte der Referent innerhalb des Zeitraums von 1793—1905 für alle Gemeinden der Provinz Posen ein Culmiaationsjahr festgestellt; d. h. das Jahr, in dem während des genannten Zeitraums die Zahl der jüdischen Bevölkerung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Und dieser Culminationspuukt war bei einer Mehrzahl von Gemeinden im Jahre 1849 zu konstatieren. Von dieser Zeit an ist es in einer Mehrzahl von Gemeinden ständig bergab gegangen. Es zählten beispielsweise: Die Gemeinde Schrimm: Kurnik: Schwersenz: Pinne: Lissa: Rawitsch Krotoschin: Kolmar: Fordon: 1849: 1168 — 1805: 396 1831: 1213 — 1905: 111 1840: 1631 — 1905: 208 1861: 864 — 1905: 225 1823: 3719 — 1905: 996 1840: 1780 — 1905: 428 1840: 2327 — 1905: 525 1849: 1091 — 1905: 298 1823: 1430 — 1905: 204 jüdische Seelen. Die Gründe für diese auffallende Erscheinung hat Herr Justizrat R. Breslauer in der Hauptsache auf politischem Gebiet gesucht und gefunden: dementsprechend waren auch die Schlussfolgerungen, die er daran knüpfte, und die Forderungen, die er stellte, vorwiegend politischer Art, wie dies ja auch den Aufgaben und Bestrebungen des ,Verbandes der deutschen Juden“ entspricht. Uns im ,Verbände der Sabbathfreunde“ muss die Erscheinung an sich ebenfalls aufs Höchste interessieren; denn ihre Rückwirkung auf das religiöse Leben ist grösser, *) Vgl. den ausführlichen Verhandlangsbericht über diesen Gegenstand im April-Uai-Heft des ,Sabbath*. % als im Allgemeinen angenommen wird. Wir suchen und finden aber die Gründe nicht nur in den äusseren Verhältnissen der Juden und wir sehen auch die Conse1!ren- \zen der Abwanderung in einer ganz anderen Richtung. Wir haben die Abwanderung der Juden aus den kleinen Städten besonders deswegen aufs Tiefste zu beklagen, weil erfabrungsgemäss die abwandernden Elemente in ihrer grossen Mehrheit dem gesetzestreuen Judentum verloren gehen; — so gering die Zahl derer, ist, die in den kleinen Städten den Boden des alten Judentums verlassen, so gering ist andererseits verhältnissmässig die Zahl derer, die auch in der grossen Stadt noch an der geheiligten Tradition der Väter festhalten. Es kann garmcht geleugnet werden, dass die Verhältnisse der kleinen Stadt für die Erhaltung des religiösen Lebeus weit günstigere sind, als die der Grossstadt. — Es sind ja in der kleinen Stadt viel natürlichere Lebens Verhältnisse und-einfachere Lebensformen; — das Leben in und mit der Natur, die Anteilnahme an den Freuden und Sorgen des Laadmannes, das ruhige und gemütliche, oft auch gemütvolle־ Leben, der gesellige Zusammenschluss aller, zuweilen auch heterogener Elemente sind der geeignete und empfängliche Boden für die Entwicklung religiöser Empfindungen; — ein lebhaft pulsierendes Gemeindeleben erweckt auch in den meisten Fällen spezifisch jüdische Interessen, und die einfacheren Erwerbsverhältnisse der kleinen Stadt machen die Heiligung des Sabbath doch nicht so problematisch wie in der Grossstadt. Es kommt für die kleinen Städte der östlichen Provinzen noch hinzu, dass hier fast in jeder Gemeinde die Erinnerung an überragende Personliebkeil en, an besonders gelehrte oder besonders frontme Männer noch in die Gegenwart hinein ragt; man erinnert sich gern dieser Männer, die man willig als Vorbilder anerkennt, man respektirt auch nach ihrem Tode noch ihre Meinungen über die Gestaltung des Gottesdienstes, über die Ausübung religiöser Pflichten, über Angelegenheiten der Gemeinde u. s. w., und man würde es als eine Verletzung der Pietät betrachten, an dem Hergebrachten zu rütteln. — So sehen wir tatsächlich fast alle östlichen Kleingemeinden noch in traditionellem Geiste geführt; wir finden in ihnen einen gut besuchten Gottesdienst mit וצר' und eve, wir finden am Sabbath fast sämtliche Geschäfte geschlossen; wir finden in den Häusern einen starken religiösen Zug, und die Gemeinden, die noch in der Lage sind, einen Rabbiner anzustellen, sind meist noch von Rabbinen gesetzestreuer Richtung geleitet und erblicken in dem Rabbiner auch wirklich noch den Träger der Thora und den Lehrer des Thorawortes. Man sollte meinen, dass die aus solchen Verhält- ־ uissen in die grossen Städte ab wandernden Juden auch dort der Lebensführung und den Gesinnungen treu bleiben müssten, die in ihrer Heimat gepflegt und geübt wurden; aber wie die Juden bei der Emanzipation, geblendet von der Sonne der in ihr Leben hineinflutendeu Freiheit, glaubten, dieser Freiheit auch ihr Judentum opfern zu dürfen, so glauben auch heute unzählige Juden, die aus den engen Verhältnissen der kleinen Stadt in das scheinbar freie, ungebundene, uncontrolirte Leben der Gross- Stadt kommen, aus dem engen, gemütlichen Zelte ihres religiösen Lebens hinaustreten zu können in die grosse Uugebundenheit eines Daseins, das, günstigenfalls unter der Flagge einer sogenannten ethischen Cultur alle retigiösen Bedenken liberwindet. — Und von dem frommeu Vaterhause bleibt in den meisten Fällen nicht mehr als eine blasse Erinnerung an die gemütlichen Sabbathe und Feste, eine Erinnerung, die man etwa gleich pietätvoll bewahrt, wie die an einen Toten! — Diese Erfahrungstatsachen dürften wohl eine hinreichende Begründung sein für das aufmerksame Intercss.־,

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