Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 10 (1910)
- Issue
- 4-5 (April-Mai 1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Sabbath. . 23 haben wir es dort meistens mit dem flachen Lande zu tun. Wir haben im Jahre 1907 in verschiedenen Teilen Deutschlands eine Enquöte über die Ursachen und Folgen der Landflucht veranstaltet und darüber eine Denkschrift herausgegeben. Die Disposition dieser Denkschrift entspricht genau dem Gange des heutigen Eeferats. Ich habe mich sehr gefreut, dass diese Frage in einem grösseren Kreise hier zur Behandlung gelangt, und ich halte es für sehr wünschenswert, dass über die einzelnen Punkte eine recht ausgiebige Diskussion stattfinde, denn es ist ja immerhin möglich, dass neue Gedanken zur Geltung kommen. . י ׳ Ueber die Ursachen kann wohl niemand andrer Meinung sein als der Referent. Wie steht es aber mit der Abhilfe? Giebt es wirtschaftliche Mittel? Nach dem von uns eingeholten Urteil eines jüdischen praktisehen Landwirtes kann die Landwirtschaft hur in einzelnen Fällen als Abhiilfemittel gelten und die stehen in keinem Verhältnis zu dem Umfange des Uebels. Die Einführung von Hausindustrieen in gewissen ländliehen Gegenden ist auch von uns erwogen worden, kann aber auch nur als schwaches Mittelchen gelten. Weit wichtiger sind nun die geistigen Mittel *ur Bekämpfung der Landflucht. Wir haben festgestellt, dass bei Auflösung von Landgemeinden vielfach die Triebfeder zum Wegzug in der Besorgnis der Eltern lag, dass es ihnen auf den! Lande nicht möglich sei, die Kinder erwerbsfähig auszubilden. Es müsste daher dafür gesorgt wenden, dass überall, wo es sich nötig erweist, Fortbildungskurse in allen kaufmännischen Fächern, besonders für Lehrlinge eingerichtet werden. Auf die Geschäfte in den Städten sollte eingewirkt werden, dass sie die Annahme von Lehrlingen nicht unter allen Umständen vom Einjährigen-Zeugnis abhängig machen Am wichtigsten sind jedoch die moralischen Mittel. Der Referent hat uns dargestellt, welche sittlichen Verluste wir durch das Drängen nach den Grossstädten erleiden. Wir haben eine Reihe von Mitteln ins Auge gefasst, durch die Belehrung in dieser Hinsicht geboten wird. Durch kleine Broschüren und Flugschriften müsste auf die Vorzüge des Lebens in der Kleinstadt vor der Gross- Stadt, auf die kostspielige Lebenshaltung, die Schwierigkeit bei Verheiratung der Töchter und Aelinliches hingewiesen werden. Ferner sollte durch Wanderredner, die aufs Land hinausgehen, bewirkt werden, dass den Landbewohnern ihre Heimat angenehmer gemacht wird, indem ihnen die Nachteile der Grossstädte in persönlicher Aussprache dargelegt werden können. Gerade die Herren aus Kleinstädten könnten hierbei helfen, denn uns Großstädtern treten die Landbewohner nur zu leicht skeptisch gegenüber. Vorträge und Schiurim insbesondere können dazu beitragen, das Leben auf dem Lande angenehmer zu gestalten. Vorbildlich können hierfür die Versuche von nichtjüdischer Seite sein. In erinnere nur an die Bestrebungen von Sohnrey. Wenn wir die Möglichkeit hätten, die Tauroh auf dem Lande zu verbreiten, sodass die Leute sich glücklich, schätzten, als gute Jehudim auch im engeren Milieu zu leben, dann wäre uns geholfen! Ich mache den Vorschlag, dass nachdem über dieses Gebiet eine ausgedehnte Debatte stattgefunden hat, aus dem Verband der Sabbathfreunde eine Commission gebildet wird, die gemeinsam mit unserer Commission für ländliche Wohlfahrtspflege weiter erwägen soll, welche Schritte zu unternehmen ־sind. Rotbholz betont, daß auch die Folgeerscheinungen der nationalen Gegensätze [und des Antisemitismus in der Flucht aus der Kleinstadt zu erblicken seien. Plessner ist der Ansicht, daß, da es kein Mittel gebe, die Landflucht aufzuhalten, die Haupttätigkeit zur Erhaltung des traditionellen Judentums in die Großstadt verlegt werden müsse. Redner verspricht sich Vieles von der Begründung eines am Sabbath streng geschlossenen Warenhauses, das viele gesetzestreue Angestellte beschäftigen könnte. Dr. Hirsch Hildesheimer wandte sich gegen einen Punkt in den Ausführungen des Referenten, die auch auf ihn sehr starken Eindruck gemacht hätten, nämlich den, daß die Rabbinats- Kandidaten vielfach abgeneigt seien, in kleinere Gemeinden zu gehen. Die in Wahrheit erschütternde Tatsache der rapiden Landflucht sei aber, daran möchte er erinnein, nicht neueren Datums. Schon vor fünfundzwanzig Jahren habe der Minister des Innern seinem seligbn Vater gegenüber sich dahin geäußert, dass die Regierung die Entwicklung der Abwanderung aus den kleinen Städten mit ernster Aufmerksamkeit und Besorgnis verfolge. Aber Menschenwitz und Menschenmacht ־ist dagegen machtlos, wir können uns einer solchen Entwicklung nicht entgegenstemmen, sondern müssen uns begnügen, das Erreichungsmögliche zu leisten. Sodann wurden die weiteren Verhandlungen auf den nächsten Tag vertagt. Um 5 Uhr hatten sich: während einer Pause die Teilnehmer zum Minchah;Gehet und dann zur Kaffeetafel vereinigt. Nach Schluß der Sitzung wurde das Maariv- Gebet verrichtet, dann blieben die Delegierten mit den Mitgliedern der Ortsgruppe Berlin bei einem Imbiss zusammen. Herr Rabbiner Dr. Wreschner-Samtet wußte dabei die Anwesenden durch treffliche Thoraworte zu er-_ freuen. ~ _ r Zweiter Tag, Montag den 28. März, 9 Uhr vormittags. In der Fortsetzung der Debatte über das Referat Marcus wandte sich zunächst Löwy- Rawitsch gegen den ״Hochmut“ ^gewisser Juden der Großstadt gegenüber denen aus den Kleinstädten; man sehe die Herren aus der Provinz mit scheelen Blicken an, halte sie für ungebildet, während es doch auch in der Großstadt nicht nur lauter Gebildete gebe. Von populären Vorträgen in der Kleinstadt will Redner nichts wissen, da sie doch nur vor;leeren Bänken gehalten würden. Im Gegen• teil sollte der ausgezeichnete Vortrag des Herrn Marcus in allen Grossstädten verbreitet werden. Der Vorsitzende verweist darauf, dass es nicht die Aufgabe des Delegiertentages sein dürfe, die Gegensätze zu verschärfen, vielmehr sie auszugleichen, falls solche überhaupt vorhanden seien. K ahn-Frankfurt a. M. lehnt die Vorwürfe gegen die Grossstädter unter Anführung bestimmter, das Gegenteil bezeugender Tatsachen, gleichfalls ab, empfahl “zur Belehrung über die wenig verlockenden Zustände der Grossstadt die Verwendung,der statistischen Daten über die Einkommens-Verhältnisse in den Grossstädten und־ machte schliesslich die Mitteilung, dass die Aussichten einer Ueberführung von Juden zur Landwirtschaft in Elsass-Lothringen und Bayern keineswegs entmutigende seien. Man beabsichtige sogar, sich in nächster Zeit deshalb mit dem ״Bodenkultur-Verein “in Verbindung zu setzen. Plessner-Posen bittet von einer Veröffentlichung des Referats, trotz seiner Vorzüglichkeit abzusehen. Die nackten Tatsachen könnten die Kleinstadtbevolkerung unter Umständen noch mehr entmutigen. ° Populären Vorträgen und der Einrichtung von jüdisehen Volksbüchereien auf dem Lande redet Hofmann das Wort, Dr. Herz befürwortet den Plan der Ausbildungskurse, während