Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 12 (12.1909)
- Date
- 1909-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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t)er Sabbath. b4 •־; W■ -» ־ Doch wie sagt der lateinische Schriftsteller!? Sed ab initio oriendum est. Wir müssen mit dem Anfang beginnen. Das Volk, dem zuerst die Obhut des göttlichen Geschenkes ,des Sabbath an vertraut worden war, gestand äus Ackerbauern. Darum heisst es in der Thora: 1 ״Sechs Tage kappst 1׳,du arbeiten, aber am siebenten Tag* sollst du ׳Sabbath halten, in der Pflügezeit und jn der Erntezeit sollst du Sabbath halten.“ Es gibt keinen Syj*d, dessen Wohl und Wehe mehr vpn den ,Naturgewalten abhängt, der ihnen hilfloser preisgegeben . als der Bauernstand. Welche Versuchung musste sich i Landwirts bemächtigen, die Garben, den Ertrag seiner üben, am Sabbath heimzuholen, wenn er etwa ein Hagelwetter zu befürchten hatte? Keine noch sei starke nachbarliche Konkurrenz kann eine derartige Versuchung auf den . frommen jüdischen Kaufmann ausüben. Versicherungen gegen Hagelschlag aber gab es damals noch liiplft. VVepn der Landwirt nun dennoch der Versuchung widerstawß so konnte er zwar um seine Ernte kommen, aber er erntete eine .Summe von Energie, die ihn schadlos hielt. Denn auch dies ist ohne Zweifel die Wirkung der sabbathfeier, dass die Selbstüberwindung und!Zurückhaltung. die sie auferlegt, in eine gesteigerte •Arbeitskraft, sich umsetzt. wie ein unscheinbares Wasser, eine /?gUlamr zurückgehalten, nachher mächtig hervofschiesst, wie^in solches Wasser, küustlich eingeehgt, eine Mühle zu■*treiben vermag. Diese Steigerung der Arbeitskratt durch die Sabbathfeier scheint auch durch die Fass'ung des Sabbathgebotes im Dekalog angedeutet zu sein. Wir würden kein Wort vermissen, wenn das vierte Gebot lautete: ״Sechs Tage darfst du arbeiten und all dein Werk verrichten, jedoch der siebente Tag ist ein Ruhetag dem Ewigen, deinem Gotte.“ Aber durch die einleiteaBen Worte ״Gedenke des Sabbathtages, ihn zu heiligen“!“ erhält der Satz den Sinn: wenn du auf die Sabbatb^iligung bedacht bist, dann wirst du in sechs Tagen soviel Erfolg von deiner Arbeit haben, dass du am siebenten beruhigt Sabbath halten kannsf. Diese Exegese werden vielleicht nicht alle Fachmänner, aber die sabhathaltenden Kaufleute gutheissen, die in ihren GeschUften sich siegreich behaupten, nicht etwa trotz, sondern wegen ihrer Sabbathfeier. Wie die Sibylle von dem König Tarquinius Superbus für drei Bücher ihrer Weis- Tagungen den ursprünglich für alle neun verlangten Preis ertrotzte, so weiss der, unbeirrt der Sabbathfeier beflissene Kaufmann sechs oder selbst fünf und vier Wochentage ebenso einträglich zu machen, wie alle sieben zusammengenommen. Soviel ist gewiss: bisher ist leider unser Sabbath durch die Kaufleute zu Grunde gegangen; dass U,ber jemals ein Kaufmann durch den Sabbath zu Grunde gegangen wäre, dürfte schwerlich nachzuweisen sein. Vielmehr darf man sagen, wer den Sabbath hält, den erhält er auch, schon dadurch, dass er ihn die Zeit weise benutzen lehrt, und das •ist eine der hauptsächlichsten ethischen Wirkungen des Sabbath, denn die Zeit beherrsehen und sich nicht von ihr beherrschen lassen, heisst erst die Freiheit besitzen und anwenden, deren Begründer und Herold der Sabbath ist. Damit aber kommen wir von dfcm Gebiet des Individuellen auf das soziale, auf dem der Sabbath seinen eigentlichen Triumph feiert. ג III. 1• Mit dem Sabbath hat die soziale Bewegung in der :> Menschheit allererst angefangen, und was ein, Hauptverdienst“ des Sabbath ist, die menschenwürdige Verteilung von Arbeit und Erholung, das steht heute noch im Mittelpunkt der sozialen Bestrebungen. In dem Prophetenabschnitte, an dem wir uns am Versöhnungstage erbauen, in dem die liebevolle Verbrüderung und gegenseitige Anerkennung aller Menschen als das wahre Fasten und Feiern verherrlicht wird, — da geschieht auch in natürliebem Zusammenhänge des Sabbath Erwähnung und er wird eine ״Lust“ genannt. Wo und wann ist jemals eine religiöse Institution mit diesem Namen, dessen Klang die seligsten Empfindungen in uns entfesselt und das Herz aufjauchzen macht, ausgezeichnet worden? Aber der Sabbath verdient diese Benennung mit Recht, denn das Ideal aller sozialen Bestrebungen, die Herbeiführung eines allgemeinen Glückseligkeitszustandes unter den Menschen, dieses Ideal kommt in der Sabbathfeier zum Ausdruck. Unsere alten Lehrer bezeichnen den Sabbath als den sechzigsten Teil der ewigen Glückseligkeit. Wo er erscheint, da ziehen ihm die Friedensengel voraus und sie begleiten seinen Ausgang. Man hat ihn deshalb mit den römischen Saturnalien in Verbindung gebracht; diese Beziehung wurde durch den Umstand unterstützt, dass der Planet Saturn späthebräisch Sabbathei heisst. Die Saturnalien waren jene Liebes- und Verbrüderungsfeier, welche die einstigen glücklichen Zeiten unter der Regierung des Saturn versinnbildlichen sollte. Aber die Aehnlichkeit beweist nur, dass das Ideal einer allgemeinen Glückseligkeit von jeher in allen Menschen gelebt hat, wodurch. das Verdienst unserer Religion, diesem Ideal durch den Sabbath den erhabensten Ausdruck gegeben zu haben, nur umsomehr verstärkt wird. Wir deutschen Juden bezeichnen die häusliche Vorbereitung des Sabbath als ״Schabbes machen“. Als ich noch in Breslau studierte, kam einmal eine niebtjüdisebe Dame am Freitagnachmittag zu einer mir befreundeten jüdischen Hausfrau auf Besuch; der Dienstbote lehnte aber den Empfang mit entschuldigenden Worten ab: ״Die gnädige Frau macht Schabbes“, worauf die Besucherin die Frage stellte: ״Wie macht man das?“ Diese naive, uns erheiternde •Frage hat tiefe Bedeutung. Sie ist die eigentliche soziale Frage, die Frage, die der Prophet mit den Worten beantwortet: ״Es wird alle Unebenheit in der Welt ausgeglichen, und alle Krümmungen werden geebnet werden.“ Durch den Sabbath wurde diese Frage periodisch gelöst, denn früher machte auch der Aermste Schabbes, und nichts war für die Gemeinde so selbstverständlich, wie die Pflicht, dafür, zu sorgen, dass auch der Aermste Schabbes machen konnte. Wie dann der Sabbath in der Gemeinde aussah, dass er tatsächlich alle Unterschiede aufhob und den Sonnenschein des Friedens und des Glückes über Arm und Reich breitete, dafür kann ich mich leider nur auf die Bilder aus dem altjüdischen Familienleben berufen. In dieser Sozialen Wirkung des Sabbath liegt seine wesentliche Bedeutung. Er kann deshalb auch nur durch die Gesamtheit zur rechten Erscheinung kommen, ist nur durch die Gesamtheit vollkommen darstellbar und ist darum von Haus aus der Gesamtheit übergeben. Eine der wichtigsten, den Sabbath betreffenden Stellen der Thora lautet: ושמרו ״ כד 'ש־־אל את השנתDie Kinder Israel, also die Gesamtheit, sollen den Sabbath beobachten“. Denn nur so kommt er, wie es weiter in dieser Vorschrift heisst, als das ״Bundes- Zeichen“ zwischen Gott und Israel zur Geltung. Versuchen wir, uns dies klar zu machen, dänn wird uns die Riehtigkeit sofort einleuchten. Die Vorschriften der Religion sind im allgemeinen nur auf das Individuum oder auf Gruppen von Individuen berechnet. Fangen wir gleich bei dem Dekalog an. ״Ehre Vater und Mutter, du sollst nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen usw.“ — Das sind lauter individuelle Vorschriften, deren Zweck sich auch mit der individuellen Ausführung erschöpft. Denn dass alle Menschen zu Mördern oder Dieben werden könnten, hat die Thora gewiss nicht vorausgesetzt. Die Wirkung auf das Allgemeine aber, die durch die sittliche Hebung der Einzelnen herbeigeführt wird, kommt