Mannheim
Compact Memory

Der Sabbath · 1909-12-01 · 12 (12.1909) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Sabbath
Volume
9 (1909)
Issue
12 (12.1909)
Date
1909-12-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4874912-5428456-5428573--513-4875377
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Sabbath i 03־ natürlicher, als jeweilige Ruhe. Der Schlaf und das Aus* ruhen sind ebenso unerlässliche und selbstverständliche Bedingungen unserer Erhaltung, wie Speise und• Trauk, die deshalb niemals geboten wurden. Die ganze organische Welt feiert ihren Sabbath. Und dem Menschen musste er erst von der Religion geboten werden״ Allerdings, aber er ist keine Kopie der Natur, sondern die Religion hat uns erst durch ihn die Natur verstehen gelehrt. Darum hat sie dem Sabbath seinen Platz gleich an der Eingangspforte der Natur, in der Schöpfüngsgeschichte, angewiesen, damit wir durch ihn die Natur und freilich auch ihn durch die Natur verstehen lernen. Wie sehr unserer Religion dieses Näturverständnis am Herzen liegt, kann'keinem unbekannt sein, der mit iljren Urkunden auch nur eiuigermassen vertraut ist. Wir brauchen bloss den 104. Psalm oder die letzten Kapitel des Buches Hiob aufzuschlagen, Schilderungen, die bereits Alexander von Humboldt verherrlicht hat, und wir werden uns überzeugen, wie sehr es unserer Religion darum zu tun ist, uns über die Natur zu belehren, damit wir aus ihr Lehren für uns ableiten. Wenn wir nun diesen Weg zu dem Zwecke verfolgen, um die ethische Bedeutung des Sabbatbs zu ergründen, so ist es ratsam, zunächst die Aufmerksamkeit auf eine Erscheinung zu lenken, die für unsere Zeit charakteristisch ist. Wir leben in einer Zeit des Sportes. Dieser bildet jetzt eine stehende Rubrik in den Tagesblättern, so sehr nimmt er das allgemeine Interesse in Anspruch. Zu Hause, in der Schule, auf freien Plätzen werden die Leibesübungen eifrig, betrieben. Mit Recht. Denn sie sind der Gesundheit zuträglich, sie erhalten die Gliedmassen gelenkig und geschmeidig, befördern den Stoffwechsel und üben andere günstige Wirkungen auf den Körper aus, die ein Arzt genauer kennt und besser beschreiben kann, als ich es zu tun imstande bin. Aber auf eine Wirkung, die vielleicht die wertvollste ist, möchte ich ganz besonders aufmerksam machen: das ist die durch die Leibesübungen vermehrte Energie, die den Körper ausdauernder und widerstandsfähiger gegen die Einflüsse der Witterung und sonstige Anfälle macht. Wenn also auch jene Leibes- Übungen als ein Ausruhen und als Erholung von der Arbeit betrachtet werden können, so leisten sie doch selbst erhebliche Arbeit, indem sie dem Körper ein unschätzbares Kapitel von Energie zuführen, wovon er in gegebenen Augenblicken den heilsamsten Gebrauch machen wird. Ebenso ist auch die jeweilige Ruhepause in der organischen Welt, von ihrer Kehrseite betrachtet, eine ausserordentliche Arbeitsleistung, wodurch die Erhaltung, das Wachstum, die Widerstandsfähigkeit des Organismus befördert wird. Durch die Art, wie wir uds auszudrücken pflegen, bezeichnen wir instinktiv richtig die Ruhe nicht als einen passiven Zustand, sondern als einen tätigen Faktor. Wir sagen: ,Der Schlaf bfft mich gestärkt“, das Wort ״stärken“ bezeichnet aber die Ausübung einer Tätigkeit, während wir doch den Schlaf für einen Zustaud vollkommener Untätigkeit halten. So sehen wir, dass es eine absolute Ruhe in der organischen Welt überall nicht gibt, nur der Tod ist ein Zustand vollkommener Ruhe, aber das Leben weiss nichts von Ruhe. Damit sind wir auf dem Punkte angelangt, die ethische Bedeutung ,des Sabbath zu erkennen. Dieser Arbeitsbrecher ist auch der grösste Arbeitsvollzieher, denn, indem wir am Sabbath von der körperlichen Arbeit ablassen, sammeln wir ein Kapital von geistiger und sittlicher Energie,, das uns Widerstandskraft gegen die Versuchung und Spannkraft zur Ausübung der edelsten Aufgaben gewährt. Der Sabbath ist ein Reservoir zur Aufnahme und Aufbewahrung von ethischen Energiemengen, aus dem wir in Zeiten drohender Ohnmacht und Verzweiflung gespeist werden. als Rr ■ ..סי׳ ter von er“,;ut-;ucli- Die Vorstellung von einer am Sabbath ־in!hm M׳׳n.si1en erwachenden ,zweiten Seele“, צדי. •־.־־•: entspricht der energetischen Wirkung des Sabbath, und di-r 1;ebniuch des Riechfläschchens illustriert ebenfalls die^ ׳ Wirk mg., indem es dazu dient, bei deren Aufhören -am Ausg.-insre des Sabbath den Menschen gleichsam zu wie nnm einen Ohnmächtigen damit labt. I m den S.!bb;ul1 den stärksten Sittichen Faktor, als den Träger grössten Machtfülle ethischer Energie zu ke1u1zeirh|! stellt die Thora Gott selbst vorbildlich als ״den St und ersten Beobachter des Sabbath hin, indem hie ihm sagt .דב**ם דדטב״עי ״־ ■um siebenten Tag ruhte und onomatopoetisch hiuzufiigt was wir im 1) sehen ganz genau, nur durch die V ersetzung der staben unterschieden, mit dem Worte wiedergeben können ״eV Verschnaufte sich־, womit die lastende Schwere der Alltagsarbeit, im Gegensätze zu dem durch den Sabtath herbjigeführten geistigen Aufschwung drastisch ausgedrückt ,wird. Es ist klar, dass diese mächtige ethi?che_ Wirkung nicht durch eine beliebige, der freien Wahl des“ Menschen anheimgegebene Ruhepause erzielt werden kt ,in, solidem dazu bedurfte es eines bestimmten, vollkommenen Tages der Sammlung, welchen eben dor Sabbath vorstoHt, und wenn man sicli aus ^Unverstand berechtigt glaubt, die Unerbittlichkeit zu beklagen, oder zu tadeln, womit die Thora die Entweihung des Sabbath abwehrt und bestraft, so bedenkt man eben nicht, dass das Leben ,־iel unerbittlicher ist, dass es ohne Rücksicht und Schonung den Menschen, zu bewältigen und zu entwurzeln sucht. Dieser Ansturm kann aber nicht mit dem Fliegenwdlel abgewehrt werden, dazu musste dem Menschen ein lfels geboten werden, an dem die Wogen des Lebens sicli brechen, und auf!lern er festen Halt findet, und diejscr Fels ist der Sabbath. Würde man ihn verwaschen oder zerbröckeln, dann würde er aufhören, ein Felsen zu sein.- Ich könnte hier in Versuchung geraten־,־den Sabbath poetisch zu verklären, seinen Zauber zu besingen. Leider steht seine poetische Verherrlichung, die sich sogar Heinrieh Heine nicht entgehen liess, im tfmgekehrten Vorhältnis zu seiner Beobachtung. Der Sabhatlistuhe hat man ihren Platz in dem jüdischen Museum angewiesen, aus dem Leben schwindet sie mehr und mehr, die hausliehen Wirkungen des Sabbath hat man fast nur noch Gelegenheit, in den bekannten Bildern aus dem altjiidjscheu Familienleben zu bewundern, und die dichterische Sabbathfeier muss die wirkliche ersetzen. Diese Erscheinung erinnert an das bekannte Epigramm Lessings: ״Wer wird nicht einen Klopstock loben? ‘ j Doch wird ihn jeder lesen? Nein. Wir wollen weniger erhoben, Und fleissiger gelesen sein.“ Ebenso kann der Sabbath sagen, er wolle wenifret* besungen und fleissiger gehalten sein. Darum widerstehe ich der. Versuchung, meinen Vortrag über den Sabbath• poetisch zu würzen. Immerhin bleibt es ein wahrhaft poetischer Einschlag in der trüben und rauhen Geschichte des Judentums, wie der ärmste seiner Bekenner nach den Plagen und Mühen der Woche am Sabbath eiuen Verwandlungsprozess erlebte, in dem die sonst gebeugte, sorgenschwere Körperhaltung einer stolzen und gebietenden Erscheinung Platz machte, in dem der Bettler zu einem Krösus, der Knecht zum Herrn, der Besiegte zum Sieger sich zu entpuppen schien, und nichts kann wahrlich erhebender sein, als der Anblick, wie der Jude des Mittelalters allen Verfolgungen ur.d Verlockungen trotzte, weil er in eine unbezwingliche Festung, in ein Ars naUsirh zurückzog, die ihm unerschöpfliche Mittel der Abwehr und des Widerstandes boten. Diese Festung und dieses Arsenal war der Sabbath.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.