Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 10-11 (Okt.-Nov. 1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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58- Der Sabbath . V Sifrion Spira und sein Sohn. Historische Erzählung. J| || V'on Alb. Em. Brachvogel. tFortsetzung) 1 .. *t Frauteaife eilte, das Verlangen ihres Sohnes zu befriedigen, und bald säss ■dr vor einer Schüssel kalten Fleisches und einem gefüllten Kruge; die Mutter sah lächelnd zu, wie es ihrem einzigen Kinde schmeckte. Das Mahl war noch nicht ganz beendet, als es durch Ln.ermuteten Besuch unterbrochen wurde. Mach kurzem, etwas hastigen Klopfen, fjog die Tür auf, und eine Frauer.sgestalt trat ein. Mutter und Sohn stiessen einen Ausruf des Erstaunens aus und erhoben sich^rasch. Marcus Antlitz erglühte• in Entzücken, aber er senkte e$,zugleich traurig und beschämt und kreuzte mit tiefer Verneigung <ttp- Arme. Die Eui|ßjetende war ein Mädchen, denn sie trug um's Haupt nicht das jüdische Frauentuch, sondern auf der Stirn und durch die schwarzen.ן geringelten krausen Locken geschlungen eine breite Gold, borte, mit blitzenden Steinen besetzt, an deren unterem Rande kleine Goldl^che, Perlen und Juwelen wie Tröpfen hingen. Sie mochte etwd'^jreiundzwanzig Jahre sein, war schlank und zierlich gebaut und ton unendlicher Zartheit. Ihr Gesicht war von einer edlen Schönheit, |die um so bestrickende*: wurde durch ihr grosses, schwarzes, wunderbar tiefes Auge, das unter den dunklen, stolzen Braunen lohte, wie,, durch die Gfubchen in ihren geröteten Wangen. Ihr gesticktes Mieder war.halb verdeckt von blitzendem'Geschmeide und einem Tuch, aas sie mantsUftig um sich geschlungen hatte. Das'war Esther f|atz, das schönste, reichste, aber auch stolzeste Mädchen der ohnehin für sehr wohlhabend geltenden Prager Judengemeindendem Range nach war sie die erste, höchste Person derselben, mit grösserer Ehrfurcht noch betrachtet als Rabbi Spiro, des Marcus Vapst, selbst, oder Joach Schamech, der Vorsteher. Esther’s j^hniÄ,war ja jene in der Welt berühmte Sarah Katz gewesen, dieftlp nach Chr. zu Prag begraben wurde*. Ihre Voreltern sollen die'Prlgdk Juden nach Jerusalems Zerstörung von Palästina als ihre Starrinfcpatriarchen hergeführt und die alte Synagoge gebaut haben, f Diese Priester-Familie verwahrte auch der Sage nach eine geheimnissvolle kabbalistische Rolle von der ״Offenbarung des Anfangs, flftd Endes aller Dinge,“ das einzige, aber auch kostbarste Kleinod ihrer Voreltern, das dieseausdem brenn enden Tempel Jerusalems gerettet hatten. Esther war Erbin dieses Palladiums, und selten und nur in streitigen Fällen hatte sie dem ehrwürdigen Rabbi Spiro gestattet, in diese älteste bekannte Urkunde einen Einblick zu tun. Ihr ganzes Auftreten bewies, dass sie sich trotz ihrer Jugend sehr wohl ihres Einflusses bewusst war. Ihr schönes, edles Gesicht hatte in diesem Augenblicke dazu noch einen Zug von Zorn und Härte. ״Du tust unserem Hause grosse Ehre an, Esther Katz,״ sagte Sara, ״dass Du es hei msuchst. Mimm Platz! Was bringst Du?“ Ohne Marcus eines Blickes zu würdigen, setzte sich Esther auf dervgebotenen Stuhl und wendete sich zur Frau des Rabbiners: ״Ich köVnme nicht zu Euch der Ehre wegen, denn, wo der Marcus ist, da ist keine Ehre! Ich komme des Tadels und der Klage wegen “ ״Der Klage wegen?“ ״Dass Du und der Rabbi den Marcus noch nicht unter der Zucht hälst und es nicht genutzt hat, dass er nach Spanien von Euch geschickt worden ist, um sich zu bessern! Wenn er den Schweden nicht in den Händen geblieben ist, todt oder lebendig, und kommt doch wieder, immer wieder — was hat er zu stehen vor Esther Katz’s Haus, herauf zu blicken und sie ins Gelächter zu bringen und Rederei?! Ich will, dass dem Marcus befohlen wird, seiner Wege zu gehen I Er braucht nicht bei mir vorüber --י * Jkr Leicbensteio, der das Datam trägt, ist der älteste uater <en Grabalaie■ des Alt-.Veu-Friedbofs. zu laufen, er kann durch’s Waisenhaus und über den Todtenacker in seiner Väter Haus“. Marcus Spira war todtenbleich geworden. ״Esther Katz,“ sagte er dumpf, ״die Strasse ist da für Alle, nicht für Dich allein. Warum hast Du herabgesehen nach mir, als sich die Vorhänge am dritten Fenster bewegt haben? Kannst Du mich ansehen, warum ich nicht Dich?• •Sei ruhig, Esther, Du bist sicher vor mir; ich werde auch nicht meh r auf dein Haus blicken, wenn ich vorübergeh“! ״Du hast mich fünf Jahre meines Lebens gekostet, Du hast mich meine Ruhe gekostet, meine Freude, mein Glück! Ich will gehen zum Grabe von Sara Katz, Deiner Ahne, will einen Stein auf ihren Stein fegen und sie fragen, ob sie ehemals auch so hoch.! müthig gewesen ist gegen ihr Volk, auch so' unversöhnlich hartherzig wie Du! — Leb’ gesund Esther!“ Damit verlies er wankenden Schrittes die Stube. ״Du hast es gehört, wie es um ihn steht״ sprach Sara Spira nach kurzer Pause voll Unwillen. ״Du bist Schuld gewesen, dass seine Eltern ihn verbannt haben aus der Gemeinde und geschickt nach Spanien! Du bist Schuld gewesen, dass er auf der Rückreise unter die Schweden gefallen ist und hat ein Mordknecht müssen werden mit Hauen und Schiessen wider Gottes Willen und gegen die Natur; Du könntest es endlich doch gut sein lassen. — Hassest j Du ihn denn, weil er Dich liebt, weil in der Liebe er sich gegen; Dich vergangen?“ 1 ״Gott soll behüten, ich — ich — ich werde hassen so ’nen Menschen wie den Marcus!!“ ״Wenn Du ihn hassen würdest, Esther Katz, so würde es Dir nicht gut genug sein, Obacht zu geben, ob er kommt und ob er — Dich ansieht, oder die Katze oder Deinen Thorweg! Kamst Du nun her, um ihn und uns zu kränken aus Hass? Esther! Esther! Nimm Dich in Acht, dass aus Deinem Hass zu Marcus nicht wird eine grosse, schreckliche Liebe! Gegen die hilft auch die Weisheit nichts, die Du verwahrt hältst von Deinen Vätern!" Die schöne Esther starrte die Frau des Rabbiners einen Augenblick an, als begreife sie sie nicht und sei über das, was sie gehört hatte, vor Erstaunen stumm. Dann rötete sich ihr Antlitz, Stirn und Nacken. Die Hände über den Scheitel empor zum Schwur erhebend, rief sie: ״Ehe ich liebe den Marcus. Deinen Sohn, eher müsste aus ihm werden statt eines stinkenden Viehtreibers ein Held in Israel, ein Befreier für sein Volk, der Grösseres getan hat als Baruch Katz, Sara’s Mann, der gefallen ist vor Zeiten in Gerechtigkeit für die Prager Judenschaft! Es soll meine Zunge stumm werden so. gleich zur Strafe, wenn sie sollte sprechen zu Marcus von Liebe!!!“ — Mit einer Wildheit ohne Gleichen wendete sie sich, warf den Kopf in den Nacken und wollte des Rabbi Haus verlassen. ״Unser Väter Gott“ — und Sara hob finster die Hände — ״hat vernommen Deinen Schwur und ihn geschrieben in sein Herz!“ In diesem Augenblick trat Rabbi Simon Spira ein, hinter sich Schamech, der Vorsteher. An Rabbi Simon Spira war äusserllch nichts auffällig^als sein edel geformtes Haupt und Gesicht und der lange graue Bart. Seine Gestalt aber war klein, schmächtig und gedrückt, sein Rücken etwas gekrümmt, man sagte vom vielen Sitzen und Studiren, er war seinem herkulischen Sohne so unähn* lieh wie möglich. Esther begrüsste ihn kalt und wollte vorüber. ״Was hast Du, Mädchen, wenn ich komme? Willst Du nicht hören, was aus der Stadt wird, wenn wieder die Schweden kommen? Willst Du nicht sagen, was die reiche Esther Katz mit all ihren Steinen und ihrem Geld dann tun will für ihre armen, bedrängten Mitmenschen?! ״Wenn ich etwas wissen soll von den Schweden und ’was^ geben für unsere bedrängten Leute, Rabbi, so weisst Du, dass ich, zu treffen bin in meinem Hause.“ Sie schritt an ihm vorüber. ״Esther! Mädchen! Steh still!“ ״Lass sie gehen, Simon!“ rief Sara. Lass sie nur gehen! Sie hat sich verschworen mit einem Eide! Ich glaube, es ist in ihrem Kopfe nicht richtig!“ setzte sie halblaut hinzu.