Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 10-11 (Okt.-Nov. 1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Sabbat (ו. 59 Esther Katz hörte sie nicht mehr. Sie hatte raschen Schrittes das Haus des Rabbiners verlassen und eilte, den düsteren zornigen Blick gesenkt ihrem Hause zu, das sie in wenigen Minuten erreichte.— Simon, der ihr nachgesehen, bis sie hinter sich die Tür des Gemaches zugeworfen hatte, schüttelte den Kopf. ״Hat sie 'was gehabt mit Dir, Sara?“ ״Nicht mit mir, aber wieder mit ihm! Markus ist gekommen.“ ״Wir.wissen es schon,“ sagte |oach Schamech, der Vorsteher. ״Der Statthalter hat in der Versammlung auf'n Rathause erzählt, dass der Markus mit ihm ist hereingekommen und hätte ausge. sagt, die Schweden ständen bei Buchau und Marcus behaupte durchaus, sie würden zur Kleinseite herein wollen!“ ״Wo ist er, Sara?“ ״Hinaus aufn Leichenacker gerannt, vor der Esther giftigen Reden!“ ״Gott soll behüten!“ rief Simon ״Aus meiner Väter Hause soll sie zum zweitenmal meinen Sohn nicht treiben! Er hat gebüsst genug für sein heisses Blut! Geh, Sara, hol’ ihn!“ Sara entfernte sich, der Rabbi und Schamech nahmen am Tische Platz und sahen einander trübe ins Auge. ״Gott Israels“ rief Letzterer, ״was wird wieder für schreckliehe Zeiten kommen. Werden die schwedischen Räuber und Mörder noch einmal über die Stadt herfahren und sie peinigen und plündern wie vorig’ Jahr?“ ״Der Herr ist in der Höh, loach,“ sagte der Rabbi. ״Er wird anschau'n das Elend seiner Welt und wird es enden, wenn die Zeit der Prüfung erfüllt ist“. Schamech wollte etwas erwidern, als Markus mit Sara eintrat. Der!gigantische Sohn schloss seinen schwächlichen Vater liebevoll in die Arme und küsste seine Hände. ״Preis und Ehre sei unser Väter Gott, der dich unbeschädigt * zurückgeführt hat, Markus! Erzähle, was du von den Schweden weisst! Graf Colloredo hat schon gesagt, Du wüsstest von ihnen“. ״Ich weiss von ihnen, Vater mehr, als mir lieb ist. Geh hinaus, Mutter, und lass uns Männern die Sorge! Du sollst nicht Dein Herz beschweren vor der Zeit; wirst schon auch noch zu schleppen kriegen dein Pack über und über!“ Sara senkte das Haupt und verliess das Gemach. ״Vater, sag’ mir erst, was ist beschlossen in der Versandung, und was soll die jüdische Gemeinde tun?“ ״Graf Colloredo und sein Bruder, der Kinsky und Czernin, auch der Herr von Sternberg von den Kreuzherrn meinen, du könntest wohl recht haben und die Kleinseite wäre zuerst in Gefahr, aber Wrafislav, Clam-Gallasch, Lobkowitz, Morzin, Collowred, Martinitz und und die übrigen Herren von Hradschin lachen blos über dich; der Hartik von der Reiterei aber spottet am meisten•“ ״Nu, wenn der Hartik, Wratislaw und Morzin nur nicht die Ersten sein wcrdeiy denen es leid ist, dass der )ude Markus gescheidter gewesen ist, wie sie.‘ ״Die Edelleute von Hradschin und der Kicinseite haben gesagt" fiel Schamech ein ״die Alt- und Neustadt sollte nur allein Zusehen, dass nicht die Schweden zu ihr hereinkämen, sie wollten schon sorgen, dass die linke Moldau vor den Schweden bewahrt bliebeT’darauf hat Graf Colloredo erklärt, er wolle hier drüben die oberste Verteidigung führen, und hat seinem Bruder, dem Maltheser una aem Clam-M^|tinitz übergeben sein Haus auf’n Mradsch in wie das Kommando über die Burg. Er will bei uns bleiben. Ebenso machen es Kinsky und Czernin." ״Es ist gut, Vorsteher. Was wird nun die Bürgerschaft von der Alt- und Neustadt beginnen?“ ״Dohalsky und Werby wollen alle Bürgersleute und Knechte aufbicten bis zum achtzehnten Jahr,“ entgegnete der Rabbi. ״Und was wird von der judenschaft verlangt?“ ״Wir sollen Geld geben und Proviant. Ich habe gesagt, wir wollen es überlegen. Ich und joach werden morgen die Juden- -Schaft zusammenrufen lassen in den Tempel, um zu beten und -au opfern Geld und Gut nach unsren Kräften. Dir aber lässt der Colloredo befehlen, du sollst Dein Vieh bestimmt heute Nacht hereinbringen “ ״Er hat Recht, Vater!־ 'S Vieh ist für uns mehr wert, als Menschen im Panzer und’s viele Geld!“ ״Was redest Du für einfältige Sachen, Marcus?! Seit wann sind Ochsen mehr wert als lebendige Menschen?“ 1v ״Wir werden sehen, Vater wer Recht hat“, fuhr Marcus fort• -Ich kann nicht sprechen, wie ich will. Wenn ich möchte erzählen, was ich gewiß weiß, so würden sie’s mir doch nicht glauben, und ich käme um den Kopf dazu! Aber es Pt gewiß, die Schweden haben Einverständnis mit jemand von der. Kleinseite, dort kommen sie auch herein. Aber drüben bleiben werden sie nicht. Die steinerne Brücke können wir nicht vorher so rasch zerbrechen, und’s würde auch keiner von den hohen Herren es erlauben. Wenn die Schweden aber ein paar Kartfwunen auf die Brücke fahren, schie- Gen sie das Altstädter Tor ein und sind hier drinnen. Dann wird es Prag schlimmer ergehen, als vorig’ Jahr, der Judenschaft aber am schlimmsten, denn die Schweden wissen nun, wie gut ihnen unser Geld bekommen ist.“ 1 _ Schamech hob verzweifelt die Arme zum Himmel empor. 1 ״Ich bin des Todes! Du erschreckst mich, Sohn!‘ rief Rabbi Simon. ״Ist wirklich ein Verräter auf der Kleinseite und ist alles 'ne ausgemachte Schufterei?!“ ״Vater, ^s ist so! Als ich schon aufgekauft hatte alles Vieh und mich gewagt habe bis nach Buchau, um den Schweden nachzuforschen, da haben sie mich erwischt.“ f\ ״Dich haben sie wieder gefangen, Marcus?!‘ rief Schamech ״Gefangen wie vor drei Jahren? ״Sie haben mich wieder gekriegt, und ich habe schon aufgegeben gehabt mein armes Leben. Aber weil ich mein bischen Schwedisch gekonnt habe und bin eben blos en' Jude, haben sie mich gezwungen auf Leib und Leben, daß ich zwei Kundschafter nach der Kleinseite hereinbringen soll zu dem Mann, mit dem siq ihr Einverständnis haben. Ich hab' es tun müssen, Vater, wenn ich wollte leben bleiben, aber ich habe mir ersonnen ’ne« feincrl Plan, daß doch den Schweden ihre Tücke, Niedertracht und Mörderei eingetränkt werden soll!“ ...Marcus, was denkst Du zu tun?*‘ ׳ ,,Ich denke eher nichts, bis ich nicht glücklich mein Vieh in der Stadt habe. Aber ich will Dir ’was sagen, Vater, das sollst Du überlegen mit Tn Herrn V'orsteher: .Ich meine, wenn wieder so große Not in Prag sein wird und sie komme.! z!u würgen alles Lebendige, und wenn da die Christen fechten um Leib und Blut» für ihren Glauben, ihre Weiber und Kinder, sollen da die Juden weiter nichts tun, als ihr Geld geben und blos ihr Geld?!-— Es sind vor Zeiten Helden auferweckt worden in Israel, und der Herr unser Gott hat ihnen verliehen Kraft und Weisheit! Warum soll Er nicht heute auch wieder erwecken Helden unter uns wenn Er es will? Warum sollen die Prager Juden nicht kämpfen so gut wie die Gojim für ihren Tempel, für das Gesetz und für den Kaiser, der unsere Obrigkeit ist und uns verfolgte Judenschaft doch etlaubt hat, dreizehnhundert Jahre zu leben in Prag, und daß wir könnenj'n Frieden beten zum Gott unserer Väter?!!‘ j ״Sohn, mein Sohn! Einziges Kind, das der Herr mir gegeben hat! Du willst mit Willen rennen in den Tod und Deine afjen Eltern werden Nichts mehr haben auf Erden?!“ ״Vater, sei stille! Wenn Der, welcher Toi und b/ben in seiner Hand hält, sagt: ״Marcus, ’Deine Stunde ist da!“ dann wcrcT ich auefi sterben im Bette an einer Krankheit und ohne Blut, Dein Schreien aber wird Dir und der Mutter auch nichts helfen. Wenn Er aber will unser Volk und Geschlecht zu Ehren bringen und Prag schützen durch Deines Sohnes Hand, wird Er ihn leben lassen, ob auch der Tod herum geht, (Tite zu halten. Ich kann nieht leben, wenn Esther Katz mich verschändet und mich behandelt, als hätt icfr die Pest! Soll ich sterben, so will ich sterben in Ehren, und daß sie soll weinen müssen ihr ganzes langes Leben über mich und über sich selber!!-Vater.'