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Der Sabbath · 1909-10-01 · 10-11 (Okt.-Nov. 1909) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Sabbath
Volume
9 (1909)
Issue
10-11 (Okt.-Nov. 1909)
Date
1909-10-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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[ Der Sabbath. $7 Allerlei■ Ueber die jüdischen Ackerbaukolonien im Gouvernement Jekaterinoslaw veröffentlicht der Statistiker der Semstwover־ waltung des Couvemements. M. E. Semzow, soeben eine interessante Studie: ,jüdische Bauern“, die sich zwar jedes Raisonnements über die gewonnenen statistischen Unterlagen enthält, aber durch die Vergleiche zwischen diesen jüdischen Kolonien und den benachbarten Kolonien der russischen Kleinbauern und denen der eingewanderten deutschen Ansiedler überaus wertwolles Material zur Beurteilung der grundsätzlichen Frage der Eignung der Juden für die Landwirtschaft beibringt. Das Werk selbst, das einen amtlichen Charakter besitzt, liegt uns zurzeit noch nicht vor, aus einem uns vorliegenden Auszug entnehmen wir jedoch, dass der Verfasser, der 17 jüdische Kolonien, die in den Regierungsbezirken Mariupol und Alexandrowsk gelegen sind und eine Einwohnerzahl von ca. 11000 Personen mit insgesamt ca 25000 Morgen Land umfassen, besucht hat, es als ,zahlenmässig festgestellt“ bezeichnet, ״dass die Landwirtschaft bei den Juden auf einem etwas höheren Niveau steht, als bei der Majorität der Christliehen Bevölkerung.“ Der Verfasser, der auch ״die Anhanglichkeit der jüdischen Kolonisten an ihre Siedlungen und die ausserordentliche Sorgfalt, mit der sie das Aeussere derselben pflegen“, rühmt, resümiert über die Zukunft dieser jüdischen Kolonien folgendermassen: ״Die jüdischen Kolonien entwickeln sich trotz aller Ungunst der Verhältnisse von Jahr zu Jahr. Das alte Geschlecht macht natürlich allmählich dem jüngeren Platz; es kommen neue lebensfreudige, auf dem Lande aufgewachsene und in der Landwirtschaft aufgehende Menschen, die mit der Zeit auch die neuen Arbeitsmethoden sich aneignen und zunutze machen. Hier haben wir es tatsächlich mit kräftigen, arbeitstüchtigen jüdischen Bauern zu tun, und wollte ich in meiner hier vorliegenden Untersuchung das Wort ״jüdisch“ streichen, so würde keine einzige Erscheinung, kein einziger Zug darauf hindeuten, dass nicht von ganz normalen und recht gut prosperierenden Bauersiedelungen, wie man sie allüberall bei den Kulturvölkern vorfindet, die Rede war.“ J Eine wertvolle Ergänzung findet dieses Thema durch den . soeben veröffentlichten Jahresbericht des amerikanischen Staatsdepartements für öffentliche Erziehung, in dem zwei jüdischen Farmschulen folgende Anerkennung gezollt wird: ,Eine der besten landwirtschaftlichen Schulen ist die ״National Farm School“ in Doylestown, die obgleich im Jahre 1896 eröffnet, heute nicht mehr als 40 Schüler aufzunehmen in der Lage ist. Eine ausgezeichnete Fakultät, an deren Spitze der gewesene Präsident einer unserer besseren landwirtschaftlichen Hochschulen «■;,lein, hält dort Vorlesungen in vierjährigen Kursen. Knaben aus allen Staaten werden als Schüler aufgenommen, ohne Unterschied der Konfession, obgleich die Anstalt ursprünglich für junge Juden gegründet wurde und auch fast ausschliess.lich besucht wird. Die Söhne Abrahams, wenngleich in ihrer frühesten Geschichte an den Pflug gewöhnt, waren in späteren Jahrhunderten lange Zeit gezwungen, auf eigenen Landsitz zu verzichten, und sind daher heute in grösserem Masse Stadtbewohner als jede andere Rasse. Die meisten Schüler aller anderen landwirtschaftliehen Anstalten haben, bevor sie in die Anstalt treten, längere Zeit auf Farmen gelebt, diese Jungen aber kommen ohne Ausnahme j aus grösseren Städten. Aber die theoretischen und praktischen! Kenntnisse der Landwirtschaft werden ihnen so gründlich gelehrt, dass die Absolventen durchweg erfolgreiche Farmleiter j wurden oder auf ähnlichem Gebiete ihre Geschicklichkeit zu beweisen in der Lage waren. Mehrere von ihnen sind in den Dienst des Ministeriums für Landwirtschaft in Was- ' hington eingetreten und zeichnen sich dort durch ihre j Arbeiten in den Versuchsstationen aus• Auch die Baron ׳ Hirsch’sche landwirtschaftliche Schule in Woodbine ver- I sieht ähnliche Arbeit." (Östr. Wochenschr.) ' In einer Plauderei über ״unterirdische Ortschaften I in der Siidtunisiscben Sahara“ erzählt Erst v. Hessej Wartegg in der Voss. Ztg. folgendes: Auf meine Frage, ob es unter diesem sonderbaren Trogloj dytenvolk auch Juden gäbe, wie ich sie in Tripolitanien gefunden, führten mich die Offiziere zu einem Krater, in dessen Innere ein j Rabbiner mit seiner Familie und jenen seiner Söhne, wohnte■ Der alte Jude versteht hebräisch vortrefflich, las uns aus einem Buche, das hebräisch gedruckt war, vor, und erzählte, seine Familie wäre schon seit vielen Menschenaltern hier ansässig. Genauere Daten konnte er nicht angeben. Seine Kraterwohnung hätte er selbst von einem Matmataberber um neunhundert Francs gekauft. Im Orte sind noch acht andere jüdische Familien ansässig, die sich von Kommissionsgeschäften und Goldschmiedearbeiten ernähren. Ebensoviele Juden fand ich später auch in Hadesch und den anderen Dörfern. Auf meinen Wunsch führte mich der Rabbiner, ebenso wie die andern von ausgesprochen jüdischem Typus, nach der Synagoge nebenan. Eine Höhle mit einer direkt ins Freie führenden Tür. Bänke aus dem Felsen ge״ hauen ringsum, mit Matten bedeckt, auf denen zerrissene Gebetbücher umherlagen■ Im Hintergründe ein Bihelschrank mit g!eschriebenen Gebetrollen in silbernen Hülsen. Davor ein hoher Betschemel, an dessen oberen Rande silberne Kugeln, Granatäpfel symbolisierend, steckten. Der Alte gestattete mir, in seinem Hause die Frauen und Mädchen mit dem Kodak abzuknipsen, als ich ihm aber einen Franc als Backschisch geben wollte, wehrte er ab. Es war ja Samstag■ Deshalb waren auch jlie jüdischen Werkstätten geschlossen, und um keinen Preis hätte einer von ihnen ein Werkzeug angerührt. An den Eingängen zu den Wohnungen sah ich überall kleine Pergamentblättchen zum Lobe Gottes aufgebängt, um Unheil abzuwehren,‘• Über die Poesie des jüdischen Lebens schreibt ein nichtjüdischer Mitarbeiter im ״Daheim“: ״Fünfzig Jahre etwa schweifen die Gedanken zurück. Es ist das Milieu einer kleinen, alten reindeutschen Stadt in der Provinz Posen. Die jüdische Gemeinde bestand aus ungefähr 200 Seelen. Es waren brave, fleissige Leute, die sich durch Handel und Gewerbe mühsam und ehrlich nährten. Selten nur störte ein Misston das gute Einvernehmen zwischen christlichen und jüdischen Bewohnern. Unsere Nachbarn waren Juden, die Knaben gingen mit mir zur Schule, und ein reger Verkehr der Kinder von Haus zu Haus fand statt• Des Sonnabends bekam ich mein Teil vom ״Challa-Brote“ und schon Wochen vor Ostern freute ich mich auf ״Mazzöt“, das ungesäuerte Brot, das mit Honig und Butter bestrichen, so prächtig schmeckte. Die eigenen Gebräuche beim Gottesdienste in der Synagoge und die strenge Regel der Sabbathfeier im Hause muteten den Knaben zwar anfangs fremdartig an, als aber deF Blick gelernt hatte, mehr in die Tiefe zu gehen, machten die patriarchalische lnnigkeit_des Familienlebens und die tiefe, gottergebene Frömmigkeit einen nachhaltigen Endruck auf das Gemüt des Jünglings. Welche Menschenkenntnis sprach aus den guten Lehren, die mir gelegentlieh einer der Alten erteilte, und wie erfahren waren sie in der Schrift Mit Dankbarkeit gedenke ich noch des Rabbiners, der mir nach dem Talmud die Feinheiten des so schwierigen jüdischen Kalenders erklärte. Seitdem haben sich die Menschen geändert Auch in den kleineren Städten gibt es schon viel moderne Juden, die der alten Überlieferung nicht mehr treu sind, — leider, denn was der Mensch ist, soll er ganz sein —; nach wie vor aber bilden, das Gesetz und das Heim die beiden Pole, um die sich das ganze jüdische Leben dreht.“

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