Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 9 (9.1909)
- Date
- 1909-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4874912-5428456-5428569--487-4875353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
i L)er Sabbath. 47 so beschrieben: ״Kiste und Heu sind deswegen ihr Hausgerät, weil sie gekochtes Fleisch darin aufbewahrten, um am Sabbath warm essen zu können“. Eine bei Friedländer In seiner großen (uvenaiausgabe zitierte Leidner Handschrift mit unedierten Scholien zu juvenal drückt sich noch deutlicher aus: ״Die Juden legen einen Tag vor Sabbath ihre Speisen heiß in die Kochkiste mit Heu um- : geben, nachdem vorher die Töpfe mit Tüchern und Servietten umj wickelt worden waren, damit sie am Sabbath warmes Essen hätten*.! Der Unterschied zwischen der Kochkiste vor fast 2000 Jahren und i der modernen Kochkiste ist nur der, daß letztere angekochte und ' nicht gar gekochte Speisen empfangen soll. Es hat aber damals! schon jüdische Sabbathspeisen gegeben, die durch 18 bis 24 ständiges Heißbleiben an Vorzüglichkeit gewinnen, wie z. B. das noch heute beliebte Schalet oder Scholet, das nach Saphir nichts Geringeres ist, als die Verbindung des Klassischen mit dem Romantischen. ״Han nimmt*, sagt der Wiener Humorist, ״klassische Graupen und , romantische Erbsen, mischt sie untereinander, gibt dem Gänzen einen realen Durchmesser aus geselchtem Rindfleisch und bringt es Freitags in den allgemeinen Ofen“.! Amerikanische Reiseerinnerungen. Eine mehrjährige Reisetätigkeit hat mir Gelegenheit gegeben, fast ganz Nord-Amerika za durchstreife!). Es war für mich ein hartes Leben, voller Entbehrungen nnd Mühseligkeiten und es bedurfte meiner ganzen Energie und Ausdauer, um unter den, allen jüdischen Regungen entgegengesetzten, materialistischen Strömungen in der neuen Welt mir meine Emunoh scheleimoh ungetrübt zu erhalten. Nach allen Drangsalen der Woche war es der Schabbos, der mir zum stets neusprudelnden Quell des Lebens wurde, und um den heiligen Ruhetag gruppieren sich denn auch alle die Erinnerungen, die ich nun, zu einer beschaulicheren Lebensweise zurückgekehrt, gern im Freundeskreis erzähle. Aus diesem Kreise heraus erhalte ich die Anregang, Episoden, die den Segen der Sabbath - Heiligung zu illustrieren vermögen, in diesen Blättern wiederzugeben. Ich folge umso lieber dieser Anregung, als ich nicht die Befähigung zum Schriftsteller in mir fühle, und die Ereignisse ganz schmucklos in ihrer ungeschminkten Wahrheit selbst sprechen lassen will. An einem Freitag Nachmittag war’s, als ich unter den sengenden Strahlen der Tropensonne das Städtchen 1 M. im südlichen Alabama erreichte. Im Gasthofe fand i ich zu meiner Freude und Ueberraschung ein Postpaket ans New-York vor, das mir einer meiner Freunde zugesandt hatte. Es enthielt Wurstwaren — ein gar lang; entbehrter Genuß. Ich hatte mit dieser Ueberraschung nicht gerechnet, denn schon auf dem Wege zum Hotel ’ hatte ich mich mit Ananas, Apfelsinen und Bananen zu j Schabbos verproviantiert, die nun mit dem Wurstpaket ׳ das Menü meiner Sudaus für Schabbos bilden sollten. Qualvolle Tage lagen hinter mir. Die Gluthitze ließ : in mir keine Freude Uber meine geschäftlichen Erfolge j aufkommen. Meine Nahrung während der letzten Wochen hatte nur aus Früchten und Sardinen bestanden. Brot; konnte ich nicht essen, da in Amerika fast durchweg das; Brot mit Schmalz gebacken wird. Ein Bad im ״river“ hatte zwar nicht viel erfrischt, aber doch wenigstens den Reisestaub einer Woche von meinem Körper entfernt. Nun! richtete ich meinen Schabbostisch her. Schön sah er ja aus, aber bei näherer Betrachtung war nicht viel mit ihm , los. Ananas, Bananen, Sardinen und Orangen, (die er- 1 haltene Wurst legte ich für den nächsten Tag zurück), j ein Glas Schnaps zu Kidduscb, voila tout. Keine Challaus, keine dampfende Nudelsuppe etc. — Was andere Leute 1 zum Nachtisch oder nach Tisch aßen, das war mein Menü — und es mundete mir gut, denn ״-Hunger ist der beste Koch“. Als es zu dunkeln begann und meine Schabbos- Lichter auch schon erloschen waren, legte ich meine müden Glieder zur Ruhe — unter dem Mosquito-Netz natürlich. Drückende Hitze und Schwüle, um mich herum das Concert der surrenden Mosquitos, im Bett die Cousinen davon, — es war eine schauderhafte Nacht. Aus meinem Mosquitonetz wagte ich mich nicht heraus, sonst wäre ich fast bei lebendigem Leibe aufgefressen wordep. Wie der Hunger der beste Koch ist, so ist äußerste Ermattung das beste Schlafmittel, und als ein bischen Morgengrauen durch die Bäume schimmerte,“lag ich auch in bleiernem Schlafe. Aber dieser Schlaf sollte mir nicht lange vergönnt sein, denn nach kurzer Zeit werde ich durch ein Kratzen und Rascheln aus der Zimmerecke wieder geweckt. Was ist los? Ein eingeschlichener Dieb kann der Urheber dieses merkwürdigen Geräusches kaum sein. Ich bleibe mit meinen müden schlatfen Gliedern fast apathisch auf meinem nicht sehr beneidenswerten Lager liegen. Noch ist’s dunkel, aas dem Bett heraus~kann ich nicht, die Mosquitos erlaubens es nicht, und ich kann kein Licht anzünden, — es ist Schabbos. — Immer lauter und ungenirter wird das Kratzen, Nagen und Bohren, es kommt immermehr heran, das Tappen und Scharren, jetzt ist’s an meiner Reisetasche. Und nun wird es mir klar. Ratten sind es, dieuiir das Wurstpaket nicht gönnen, sie suchen es aus dem verschlossenen Koffer zu holen, und auf welche Weise! Stunden vergehen, ich bin in Schweiß gebadet, teils vor Mattigkeit, teils vor Aufregung, und ich falle wieder in bleiernen Schlaf. Als ich erwache, ist’s heller Tag. Die unseligen Geister der __ Tropen-Nächte, die Mosquitos haben, sich, wenigstens zum größten Teile, zur Ruhe begeben. Ich krieche nnter dem Mosquito-Netze hervor und habe nun die ganze Bescherung vor meinen Augen. In meiner ledernen Reisetasche ist ein faustgroßes Loch, zernagte Papierschnitzel und ein paar Stücke von Wurstschalen sind die Ueberbleibsel der nächtlicheii Schabbossude meiner ungebetenen Gäste — für meine Sudaus war mir nur noch Obst zurückgeblieben. Dreimal machte ich an jenem unvergeßliehen Schabbos die Brocho baure peri hoez und dreimal die entsprechende Nachbrochoh — und meine scholausch Sudaus waren damit erledigt. An Chumisch, Thillim, MischDajoth und Semirauth holte ich mir Kraft und Hoffnung für die kommende Woche. Die räuberischen Vierfüßler hatten mich ja um mein so wertvolles Mahl gebracht. Am weitabgelegenen Platze, ohne einen jüdisch- ־ denkenden oder fühlenden Menschen um mich, allein, nur mit den wenigen Seforim, die ein Reisender, der 12 Mo- '!nate! im Jahre unterwegs ist, mit sich führen kann, verbrachte ich den langen Schabbos, voller Aerger und Zorn über die bösen Ratten und all die anderen Viecher, die mir meine einzige körperliche Annehmlichkeit geraubt hatten. Von da ab ließ ich mir keine Wurstwaren mehr nachsenden. Als ich auf פסה nach New-York zurückkam und mein Erlebnis jener Schabbos-Nacht im Freundeskftis erzählte, erfuhr ich, daß der jüdische Fleischer von dem das bewußte Wurstpaket herrührte, sich als höchst unzuverlässig entpuppt habe und auch die an mich gesandte Wurst nicht einwandsfrei war. So hatten mich die gefräßigen Ratten vor dem Genuß verbotener Speisen bewahrt und infolge des שכת hatte ich ihnen nicht, wehren können. K. G. ץ