Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 9 (9.1909)
- Date
- 1909-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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48 Der Sabbath 5jmon Spira und sein Sohn. ן Historische Erzählan?. Von Alb• Em. Brachvogel. (Fortsetzung) ״Vorig^Jifi r haben die Schweden nicht in Eger gestanden, sie sind1 von Schlesien gekommen. Sie brauchten blos Nachts das Roß- und’s Korntor zu stürmen, so waren sie drin. Von Eger aus können sie’s aber nicht. Sie werden suchen von der Klein• Seite und über die Steinbrücke hereinzukommen, so wahr ich lebe! Schlau genug anfangen werden sie’s schon, darauf können wir uns verlassen. ״Unsinn, Jude!“ lachte Czemin. ״Redet der Kerl nicht, wie wenn er 'n General wäre?!" rief Graf Wratislaw. ״Eher will ich glauben, daß die Seele einer Sau in Dir wohnt, Mauschel, als die eines kundigen Soldaten!“ ■ Der Jude fuhr zusammen und verbeugte sich achselzuckend, sein Gesicht zeigte Bitterkeit. ״Muß 'n Jeder selber am Besten wissen, gnädiger Herr“ sagte er düster, ״was seine Seele für ,n Ding ist; in ’nes Anderen seiner Seele wissen wir doch nicht Bescheid.“ ״Haha, da habt Ihr’s!“ lachte Kinsky. ״Wo aber hast Du all’ Dein Vieh denn gelassen. Marcus?“ ״Versteckt im Wald ist es, unterhalb beim Flusse; Reb Eli Sacheser, unser Schächter, und mein Knecht Jol sind bei den Tieren. Ich aber bin allein hierhergekommen, um erst zu bitten, daß mir der gnädige Herr Statthalter 'nen Passierschein erteilt, dann ־will ich’s Vieh über die Moldau setzen und hercint.׳eiben durch’s Roßtor.“ ״Du Narr!’־ rief Colloredo, ״weshalb nimmst Du den Umweg über den Fluss und willst Dir die Plage machen, das Vieh mühselig überzusetzen, wenn Du es doch von der Kleinseite hereintreiben kannst?־‘ .,Gnädiger Herr, es ist möglich, ich bin ein Narr! Ich bin vielleicht ’n großer Narr! Aber ich bin ’n Jude, Herr Graf, und unsere Leute sind einmal ängstlich! Ich sag’ Ihnen, die Schweden wissen schon, daß ich das Vieh angekauft habe; Kundschafter haben sie und Verräter auch überall Sind wir mit den Tieren erst auf der aiWeren Flußseite, so sind wir geborgen. Treiben wir sie aber von der Kleinseite ein, könnten am Ende die Ochsen am Schwänze die Schweden mit hereinziehen! Ich will doch gewiß nicht-den-Feinden den Weg nach Prag zeigen!“ Die Edelleute sahen lachend einander in’s Gesicht und schüttelten die Köpfe. ״Nun gut,;,Du bestehst auf Deiner Behauptung", entgegnete Collotedoc ״Du sollst den Schein haben, wenn Du Dir ’nen billigen Preis für Dein Vieh gefallen lässt“. Damit setzte er sich an den Tisch der Torstube und schrieb die Erlaubnis• ״Ich will nicht ’nen Kreuzer mehr, als Recht ist. Mag der gnädige Herr Stück für Stück, mustern fassen und sagen, was es wert ist Nur ’ ne Wenigkeit will ich verdienen bei der schlech״ ten ZeitF‘ . ״Das läßt sich hören.“ Colloredo reichte ihm damit freund- Iicher das Papier. ״Mach’, daß Dein Vieh noch heute in die Stadt kommt! Ich gläbbe. das Fleisch wird uns sehr zu Gute kommen, meine Herren, falls sich der Königsmark uns lange vor die Mauern legt." Djjfrnit schritt der Statthalter seinen Genossen voraus aus derjorwäche am Ordenshause der Stern-Kreuz-Herren vorbei und dem Altstädter Ring zu, wo sie vom Magistrat und anderen Standesgenossen schon sehnsüchtig erwartet wurden. ן Markus Spira, den Geleitsbrief in der Hand, hatte in tiefer Verbeugung ()je Edelleute an sich vorübergehen lassen, nun steckte! er seih Papier ein und eilte dem Judenviertel zu. Er wählte nicht '■ den gradesten Weg durch die volkreicheren Straßen über den Altj Städter Ring, denn er wollte sich nicht den üblichen Schmähungen i aussetzen, mit welchen die christliche Bevölkerung damals gegen | die jüdischen Glaubensgenossen höchst freigebig war. Er eilte j die Kreuzherrngasse zwar hinter den Edelleuten her,-bog aber an; der Karpfengassen-Ecke links in den Salniterweg ein bis zur Pinkus- , gasse. die ein großes, hölzernes Tor verschloß, den Eingang zur Judenstadt, welchen der Wächter ihm erst öffnete, als Marcus das hebräische Erkenmingswort gegeben hatte. Mit ihm betreten wir das geheimnisvolle Eldorado der Prager Judenschaft. Es ist fast unmöglich zu schildern, welchen Eindruck damals dieser Bezirk&^uf Augen und Ohren, zumal auf daß Geruchsorgan macfite. .Die■ 5>traßen sind oft so eng, daß man fürchtet, die Häuser würden mit ihren Giebeln Zusammenstößen. Nur einen schmalen Streifen Himmelsblau sieht man zwischen ihnen herab schimmern, deshalb liegt immer ein trübes Dämmerlicht in den Gassen. In den finsteren Höhlen der Erdgeschosse, fast durchweg Trödelläden, brenntman deshalb oft am hellen Tage Licht. Stehende Pfützen und unerforschliche Dinge, die niemand wegräumt, muß man überschreiten. Alte Kleider, Geschirr, Eisenwerk, sind rechts und links 1 j an den Außenpfosten vor Türen und Fenstern aufgehängt und; schreiend fährt man von allen Seiten auf Dich los, Dir diese Raritäten anzupreisen. Haben wir die Pinkus- und Beteles-Gasse erst einmal hinter uns, so betreten wir einen unregelmäßigen Platz. Mitten auf ihm erhebt sich ein Haus mit ungeheurem dreieckigem Giebeldach, welches nach den Spitzbogenfenstern zu urteilen, deren es drei auf jeder Seite zwischen zwei dicken, starken Strebepfeilern hat, eine Art Kirche zu sein scheint. Dies Gebäude umgeben als Umbau jetzt schuppenartige, steinerne Räume, deren Dächer sich an das Hauptgebäude schieben und die, wie in die Erde halbversunken erscheinen, sodaß man fast auf ihre Dächer reichen kann. Eine Reihe kleirer schmutziger, halbrunder Fenster scheinen diese Räume nur mühselig zu beleuchten, zu ihnen abtr führen nur : zwei kleine Pforten an der Südseite. Dies ist die beiühmte und! hochverehrte ״Alt-Neu-Schule“, Prag’s älteste Synagoge. Die | Tradition sagt, daß sie 100 oder 150 Jahre nach Jerusalems Zer- ן Störung durch Titus von den Kindern oder Enkeln eines Häufleins wandernder Juden erbaut worden sein soll, welche sich bei der Vertreibung und Ausrottung der Jerusalemiten aus dem heiligen Lande errettet hätten und bis zur Moldau gekommen seien Sicher ist, daß der älteste Teil der Synagoge einem Baustile angehört״ der in späterer christlicher Zeit nicht jnehr angewendet worden, der total verloren gegangen ist, und daß dieser Teil spätestens 300 J״hre nach gew Zeitrechnung entstanden sein dürfte. Kaum hatte Marcus Spira den ehrwürdigen Bau erblickt, an welchen sich tausend erhabene und liebe Gedanken knüpften, als er den Knüttel fallen ließ und in ein stummes Gebet versank. Dann hob er den Stecken auf. und wendete sich links der stark gekrümmten Hompasgasse zu. An der Ecke, die sie mit der Rabbinergasse bildet, blieb Marcus vor einem altersgrauen, großen Hause stehen, dessen untere Fenster mit Eisen vergittert waren, über dessen schmaler Tür aber das rohe, höchst primitive Steinbild einer Katze sich befand, welche sich bückt. Markus erhebt halb scheu, halb sehnsuchtsvoll nach den Fenstern des Oberstocks, welche alte, grauseidene Vorhänge verschließen, den Blick,als erwarte er jemand zu sehen. Doch nur an dem einen Fenster bewegt sich leicht die Gardine, wie wenn sie einer noch fester zuzöge■ Ein tiefer Seufzer entschlüpf Marcus, seit» Auge wird feucht, er senkt das Haupt und geht langsam weiter. Am Spitalgäßchen atnmet er wieder auf, seine herkulische Gestalt dehnt sich zu ihrer vollen Höhe, ״Gott Abrahams sei gelobt!'* spricht er gerüh’rt; grünes, dichtes Laubgewirr winkt links, und sonderbar starke Blumendüfte quellen herüber. Endlich winkt ihm in dem Winkel, welchen westwärts die Hompasg_asse bildet, das Haus seiner Väter, welches er jetzt mit dem Gefühl betritt, nach großer überstandener Gefahr wiederum daheim zu sein Im Flur tritt ihm Sara, seine Mutter entgegen־ Sie ist groß, kräftig und voll; man begreift wohl, daß sie die Mutter eines so gewaltigen Sohnes sein könne, und trotzdem sie. Anfangs der Fünfzig steht, zeigen ihre Züge noch Spuren von Schönheit Um ihr Haupt hat sie nach slavisch-jüdischer Sitte ein rotes seidenes, gesticktes Tuch wie eine Binde gewunden, um den Hals trägt sie "dreifach ihre goldene Brautkette, ein Angebinde ihres Mannes. .,Mein Sohn, da bist Du!“ ruft sie bewegt. ״Haben wir Dich wieder Marcus? Bleibst Du nun bei deinen Eltern?“ — und sie legte ihre beiden fleischigen Hände ihm auf die Schultern. Marcus, der hastig Stock und Ranzen weggeworfen hatte, sah sie innig an, streichelte ihr die Wangen, ergriff dann ihre beiden Hände und küßte eine um die andere. ״Mutter, ich möchte schon bleiben — bleiben für immer, aber ich — ich kann nicht! Ich muß fort, bald muß ich wieder fort.“ ״Aber wohin willst Du nochmals, mein Kind?“ ..Nicht weit und ich komme morgen zurück. Ich hab’ mir ’nen Geleitschein vom Statthalter verschafft und bringe zum Abend Vieh herein Ganze Achthundert und billig; ich hab’ im Durchschnitt für’s Stück ’n Dukaten gegeben.“ ״Achthundert!? Gerechter Gott, so viel? Und wie hast Du ’s gemacht, dass Dich die Schweden nicht gekriegt haben? Kommen die Schweden wirklich?“ ״Sie kommen, kannst es glauben! Ich weiß von ihnen ein böses Wort, aber ich kann es nicht sagen, es kostet mir sonst ’n Hals, ich werde reden, wenn’s Zeit ist. Es ist alles Dumipheit, Mutter, unter den Christen, Dummheit und Schufterei! — Ist der Vater nicht im Hause? ,Sie haben ihn verlangt auf’s Rathaus, Marcus. Er ist gegangen mit Joach Schamech, um zu hören, was sie wollen in der Versammlung, und was geschehen soll in der neuen Kriegsnot. Wirst du nicht die schwere Zeit hindurch bei Deinen Eltern bleiben, wenn Du das Vieh herein hast?“ ,Ich werde bleiben. Doch ich bin so hungrig, Mutter, gieb mir erst zu essen und zu trinken, derweil kommt der Vater und wir hören, was los ist* (Fortsetzung fo!gt>