Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- 5 u. 6 (Mai-Juni 1909)
- Date
- 1909-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Der Sabbath -דד— In fle^ .nächsten Nähe von hier sollten nach Unterhandlangen des Syndicus:־ der Stiftung, des Herrn Dr. Engen Katz ans Hannover, durch Vermittlung des obengenannten Regierangsbeamten (es ist'der Herr Ifrhdqrungsrat Dr. Hecht in Karlsruhe — ein Nichtjude) mit einem; str|3faichen Schmiedemeister und Landwirt bei letzterem im Laufe dieses Frühjahrs 2 Schützlinge der Alexander und Fanny Simou-Stiftud^ untergebracht werden. Vor Realisierung dieses Projettes setzte sich der Syndicus mit dem Synagogenratsvorstand des betreffenden Ortes u. A. wegen ritueller Verpflegung der Schützlinge ins Benehmen, worauf der genannte Synagogenrats- Vorstand sich zur Aufnahme der Schützlinge in Kost und Logis unter äußerst coulanten Bedingungen bereit erklärte. Zu seiner Uebcrraschung kam jedoch dieser Tage und zwar :in einem Sonntag (er muß also am שבת gereist sein) nur einer der Eleven auf seiner neuen Stelle an, nachdem der Syndicus der Stiftung kurzer Hand dem betr. Vorstand der Synagogengemeinde mitgeteilt hatte, dieser eine junge Mann solle bei seinem künftigen Lehrherrn verpflegt werden, ״auf Ihr frdl. Angebot (bezügL ritueller Verpflegung) können wir ja ev. später zurückkommen.* Der Zögling wird :1180 weder rituell verpflegt (zudem bezahlt die Stiftung dem Christ" liehen Lehrherrn noch höhere Verpflegungssätze als das obige Angebot des Vorstandes stipulierte), noch ruht er am Sabbath und an den Festtagen von der landwirtschaftlichen Arbeit, Daß dies bei den jüdischen Gemeindegenossen des Ortes böses Blut macht, ist selbstredend, zumal der christliche Betriebsleiter selbst den Jungen ausdrücklich bat, am Sabbat sich der Arbeit zu enthalten, wie er sich auch nachträglich, nach persönlicher ^Versicherung, um rituelle Verpflegung des• Zöglings bemüht und ferner der im übrigen streng conservative evangelische Pfarrer des Orts ad hoc den dortigen jüdischen Religionslehreraufsuchte, um ihm seine Entrüstung darüber ausznsprechen, daß eine jüdische Organisation es dulde, daji einer ihrer Schutzbefohlenen, ohne dazu gezwungen •a'sein, die "Gesetze seiner Religion öffentlich mißachtet. Es - leuchtet ein, daß die ganze Gemeinde — Jude wie Nichtjude — bei diesem Gebahren der Alexander und Fanny-Simon- Miftütot und ihrer Pflegebefohlenen über erstere in nicht gerade - .,hr schmeichelhafter Weise urteilen und unsere Glaubensgenossen t ei einem derartigen 'דייר דע: ב^י־לב• dem Wunsche des Syndicus, ,sich der Sdjitttzlinge antunehmen und sie ihres Wohlwollens zu würdigen“, i.icht willfahren können. Nehmen wir noch hinzu, daß auf dem letzten Verbandstag der ״Freien Vereinigung“ io der Commission für ländliche Wohlf.ihrtspflege Herr l)r. Arthur Kahn -aus Charlottenbarg, der Generalsekretär des ״Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den -Tilden Deutschland“, es in so überzeugender und eindringlicher Weise unternommen hat, die (ommissionsmitglieder für die Ziele und Zwecke des genannten Vereins zu begeistern und ihren Beitritt zu diesem Verein zu erbitten, daß ferner nach Angabe des Herfn Dr. Kahn •der ״Verein zur Förderung'der Bodenkultur unter den Juden Deutsch - lands“ mit der Alexander- und Fanny-Stiftung in Verbindung zu treten beabsichtige, behufs gemeinsamer Verfolgung der gleichen beider Institutionen, dann werden die Gesetzestreuen und insw&ondere die Mitglieder der ״Freien Vereinigung* aus obigem VorkonnaAis schon die nötigen Conseqaenzen zn ziehen in der Lage sein. Noch mehr aber. Es fehlt in Süddeutschland nicht an j ü disehen Kleinbauern, die recht froh wären, eine landwirtschaftlich mehr oder weniger vorgebildete Kraft in ihrem Betriebe beschäftigen >11 können, unter den Bedingungen, wie sie hier einem im Uebrigen sehr ehrenwerten und, wie wir sehen, sehr toleranten christlichen Landwirt eingeräumt werden. Wir fragen, warum werden diese jüdischen'Landwirte nicht besonders bevorzugt? Endlich aber, was für unseren concreten Fall von großer Wichtigkeit ist: In den kleinen Landorten, wo sich doch nicht so selten jüdische Landwirte <se^ es im Haupt«- oder Nebenbetrieb) finden, nimmt die jüdische Bevölkerungsziffer stetig ab. In der oben mehrfach erwähnten Gemeinde wird im Laufe des Sommers durch Wegzug einiger Gemeindemitglieder es schwer halten, mit Minjan den Gottesdienst abzuhalten. Könnte man nicht, selbst wenn man die landwirtschftlichena Zöglinge bei christlichen Arbeitgebern unterbringt, dadurch daß man erstere zur Sabbatheiligang etc. anhielte (womit ja, wie wir sehen die nichtjüdischen Lehrherren in anerkennenswerter Weise sich einverstanden erklärten) auch der Gemeinde die Abhaltung des regelmäßigen Gottesdienstes in gewohnter Weise mit Minjan erleichtern bez. ermöglichen? Mögen diese Zeilen dazu beitragen, daß alle maßgebenden Organisationen sich bemühen, dem oben geschilderten חילול abzuhelfen — der geschilderte Fall ist nicht' vereinzelt; auch ein zweiter ahnlicher Fall ist zu unserer Kenntnis gelangt — mögen sie der jüdi sehen Oeffentlichkeit aber auch die Augen öffnen über die religiösen Anschauungen der Alexander- und Fanny Simon-Stiftung bezw. ihrer derzeitigen Organe. Videant consales ■ ■ “ Die Erwiderung des Syndikus der angegriffenen Stiftung, Herrn Rechtsanwalt Dr. Katz hat folgendenWortlaut: ״Unsere Stiftung hat einen Arbeitsnachweis zur Vermittelung landwirtschaftlicher Lehrstellen errichtet. Hiermit erfüllt die Stiftung eine ihrer sozialen Aufgaben, die ihr durch das Testament des Stifters vorgezeichnet sind. Obwohl aber dieser Arbeitsnachweis neutral ist, und neutral sein muß, wenn anders er als solcher leistungsfähig sein soll, ist trotzdem unsere Stiftung in weitgehendem Maße Ansprüchen orthodoxer Kreise entgegenkommen. Erhebliche Geldsummen fließen jährlich von Hannover aus an orthodox geleitete Institute. Vor allem aber: wo die Stiftung eigene Betriebe errichtet, wird für daselbst untergebrachte Zöglinge sowohl Sabbatruhe als rituelle Verpflegung eingeführt. So wird bekanntlich im Herbst der Lehrbetrieb auf dem Gute Steinhorst eröffnet werden, das die Simon'sche-Stiftung gemeinsam mit dem Bodenkultur-Verein erworben hat. Dieser Erwerb geschah hauptsächlich aus dem Grande, um auch orthodoxen Kreisen die Möglichkeit zu bieten, eine ihren Wünschen entsprechende tüchtige Berufsaasbild nng in der Landwirtschaft zu finden. Ebenso wird in einer Lehranstalt, die die Stiftung im Begriff ist zu errichten, allen rituellen Anforderangen Genüge geleistet. Die Stiftung hält also hier die gleiche Linie ein, wie etwa der Hilfsverein der Deutsehen Juden. Ist aber die Stiftung in der Lage, jungen jüdischen Leuten, die sowieso nicht rituell leben, Lehrstellen zu verschaffen, in denen ebenfalls nicht rituell gelebt wird, so sieht sie keinen Grand ein, vor solcher Vermitteiangstätigkeit zurückzuscheaen, falls im übrigen damit Arbeitssuchenden wirtschaftlich und sozial gedient ist. Zu einer solchen Haltung ist die Stiftung dem ganzen Geist ihrer Verfassang nach sogar verpflichtet. Im vorliegenden Falle handelte es sich darum, einen Jüngling, der die Schule hinter sich hatte, und der niemals rituell gelebt hatte, dessen Vermögensverhältnisse sehr schlecht waren, und der dabei den glühenden Wunsch hatte, Landwirt zu werden, möglichst schnell bei einem tüchtigen Lehrmeister unterzubringen. Bemühungen, ihn außerhalb der Lehrstelle rituell unterzubringen, sind von mir gemacht worden. Wenn dies aber am Ende doch nicht geschah, dann war es aus Gründen, die sich zur Wiedergabe in der Presse nicht eignen, die aber jedem sachlichen Interessenten von uns privat aus den Akten mitgeteilt werden können. Zur Darstellung der wirklichen Verhältnisse scheint es mir wichtig auch darauf hinzu weisen, daß von mehr als 100 jüdische• Landwirten, an die sich die Stiftung bisher wegen Unterbringung junger Leute gewandt hat, nur ein einziger Gelegenheit znr Sabbathruhe und ritueller Lebensweise gibt. FaUs uns tüchtige jüdische Landwirte, insbesondere in Süddeutschland namhaft gemacht werden, die gleichzeitig die genannten religiösen V orschriften innehalten, so sind wir mit der allergrößten Freude bereit, diese■ eine möglichst große Anzahl junger Leute zazasenden, und damit das jüdische Gemeindewesen auf dem Lande zu stärken. Liegt dock dies nur im eigensten Interesse unserer Stiftungsziele selbst. Nur komme man uns nicht mit Händlern, Kaufleaten u. 8. w. als laadwirtschaftlichen Lehrmeistern, wenn diese sich nebenbei auch mit Landwirtschaft ״beschäftigen“ I Denn, was wir für die uns anvertrauten jüngeren und älteren Glaubensgenossen suchen, ist in allererster Linie eine tüchtige Berufsausbildung“.