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Der Sabbath · 1908-08-01 · 8 (8.1908) · p. [Seite]

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Journal
Der Sabbath
Volume
8 (1908)
Issue
8 (8.1908)
Date
1908-08-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Der Sabbatli. 55 ״Wie wäre es, Rabbi Löb“, meinte (ankei, ״wenn Ihr Euer!Haus und Geschäft in U. verkaufen und auch hierherziehen würdet? ־Wir könnten dann zusammen ein Geschäft anfangen und es wäre vielleicht uns Beiden geholfen■“ ״Daraus wird nichts, Jankel■ Das Holzgeschäft, das ich׳ schon vierzig Jahre betreibe, liegt zwar augenblicklich sehr danieder, aber das wird auch wieder besser kommen. Offen gesagt, glaube ich auch, dass wir beide viel bessere Freunde bleiben werden, wenn wir geschäftlich nichts miteinander zu teilen haben. Aber das Alles sind Chalaumos! Ich gehe von U. nicht weg Die paar Jahre, die ich noch auf Erden bin, will ich in meiner Khille bleiben; das bin ich schon den Gräbern meiner Eltern und Grosseltern schuldig, die in U. sind; das schlagt Euch somit aus dem Kopf.“ ״Wieso wir nur niemals für uns auf diesen Gedanken kommen?“ bemerkte Gitel verlegen. ״Aus demselben Grunde hätten wir auch in U. leben und sterben und nicht hierher nach Wien ziehen sollen, wo ich eigentlich gar nicht weiss, was wir mit uns anfangen sollen. Ich weiss hier nicht einmal einen Platz, wo ich unser neues Geschirr tauwein kann, wie hat man das bei uns so bequem gehabt, wo der grosse Fluss oft zu uns in den Keller kam, wenn uns die paar Schritte zu ihm zu weit waren.“ Rabbi Löb Lemberger beruhigte die wackere Frau, indem er daran erinnerte, dass sie durch ungewöhnliche Umstände zu ihrer Entfernung von der Heimat gewissermassen gedrängt wurden. ״Aus freien Stücken wäre es Euch auch niemals eingefallen von zu Hause fort nach Wien zu gehen. Aber man kann hier in Wien auch als wackere jüdische Familie leben und Gutes tun. Ich zweifle nicht daran, dass ihr, Frau Goldberger, hier als Esches Chajil (Biederweib) ebenso Euch bewähren und Eure Kinder erziehen werdet, wie zu Hause. Aber Euertwegen, Jankel, bin ich nicht so ganz unbesorgt- In den jüngsten Monaten habe ich Euch viel zu beobachten Gelegenheit gehabt, und ich müsste nicht der gute Freund von Euch sein, der ich in Wirklichkeit bin, wenn ich Euch zum Abschied nicht meine Herzeusmeinung über Euch offen und ehrlich sagte.“ Jankel schlug die Augen nieder, denn es ging ihm die Erinnerung an das vielfache Misstrauen durch die Seele, mit welchem er dem wackeren Ehrenmann so oft entgegengekommen war. Er Wusste, dass ihn Rabbi Löb so gut und noch besser kannte, als er sich selber und er erwartete deshalb den verdienten Vorwurf. Aber Rabbi Löb Lemberger fuhr gegen alles Erwarten fort: ״Jankel, Ihr habt Euch immer als echter jüdischer Mann geführt, ■habt Eure Kinder jüdisch erzogen und seid zu Gott und seiner Thora gestanden in bösen und in guten Tagen- Ihr habt es verdient, dass an Euch sich das Wort unserer Weisen, gesegnet sei ihr Andenken, bewähre: ״Wer die Thora in Armut hält, wird sie am Ende auch in Reichtum halten“ Aber sie haben auch gesagt: ״Wer sie im Reichtum preisgiebt, der wird sie noch am Ende aus Armut preisgeben." Bei diesen Worten hatte Rabbi Löb mahnend den Zeigefinger ■ der rechten Hand erhoben, aber Jankel sah dem Sprecher dreist Jn’s Gesicht, er war sicher, derartiges sei bei ihm nicht zu befürchten. Aber Rabbi Löb fuhr ruhig in gedämpftem Tone fort, damit es die anwesenden Kinder nicht hören konnten: ״Jankel, Ihr habt einen grossen Fehler und der kann Euch unglücklich machen, er kann Euch um diese und die andere Welt bringen, er kann Euch und Weib und Kind in’s Elend bringen, Ihr hängt zu sehr am Geld! Ihr seid ein Rodef achar Hamomon, Ihr seid in Gefahr auf der Jagd nach Geld, viel, viel von Eurer Bravheit und" Frömmigkeit zu verlieren. — Seht mich nicht so stier an, ich will 1 Euch gewiss nicht zu nahe treten. Ihr werdet im schlimmsten Falle I *licht viel schlechter sein, als die anderen Glücks- und Geldjäger alle, welche die Sucht nach Geld in ihren Krallen hat- Aber die anderen haben keine so reine, makellose Vergangenheit hinter sich -wie Ihr, keine Eltern wie Ihr, keine Khillo wie Ihr, keine Gitel wie Llhr; Ihr würdet es schwerer als die anderen zu verantworten haen, wenn Ihr den Gefahren erliegen würdet, deren das Leben in!-einer Grossstadt so viele für Eure Bravheit hat. Und nun seid tausendmal mauchel, dass ich Euch zu guter letzt solche Sachen sage- Aber, wenn ich es jetzt nicht tue, wann dann? Wer weiss, ob wir uns je Wiedersehen. Wenn Ihr mich braucht, so dürft Ihr nur schreiben und ich bin da; aber jetzt lebt wohl und bleibt, wie Ihr bis dahin wäret.“ Mit diesen Worten riss sich Rabbi Löb los, eilte in die beseitstehende Droschke und fuhr nach dem Bahnhof ab, jede Be- Leitung ablehnend. Die ganze Familie sandte ihrem Wohltäter den Ahronssegen und die besten Wünsche nach. Jetzt waren sie allein, und sie fühlten sich um so verlassener und vereinsamter, je grösser der Prunk war, der sie umgab. So wenig nach den Begriffen der Grossstadt auch von einer prunkvollen Einrichtung und Ausstattung der Wohnung die Rede sein konnte, so waren doch im Vergleich zu dem tannenen Tisch, -der hölzernen Bank, den rohen Stühlen von zu Hause, die be- «cheidensten Wiener Rohrstühle, der grosse Ausziehtisch und jedes einzelne Stück der Einrichtung ein Luxus in den Augen der neuen i Besitzer. Sie wussten nicht, was sie mit all der Herrlichkeit anfangen sollten- Der älteste Sohn öffnete die Gasbähnen, um zu Sehen, wie die Luft brennt, der andere klingelte unaufhörlich״ um sich am Geläute der Hausglocken zu ergötzen, die älteste Tochter öffnete die Wasserleitung und rief Alle zusammen, um diesen Wasserfall anzustaunen. Am ersten hatte Gitel sich mit dem praktischen Blick der Hausfrau orientiert. Sie fand aus dem Chaos 1 etwas heraus, das allen geläufig und heimisch war, die glänzende! russische Theemaschine in der Mitte des Tisches, den Samowar. Wo der nächste Spezereihändler wohnte, bei dem man Thee und Zucker kaufen konnte, hatten die Kinder längst herausgefunden■ Den Samowar hatten sie noch von zu Hause mitgebracht, er war ein Abschiedsgeschenk des Rabbiners. Die neuen porzellanenen Tassen in der Küche waren nöch nicht getauwelt. Sie tranken daher ihren Thee aus d-m alten irdenen Töpfchen von zu Hause, aus welchen er viel besser schmeckte, als aus den neumodischen weissen Tassen, die zu zerbrechen drohten, wenn man sie recht ansah. Beim Thee, wo ein jeder Trunk an U. erinnerte, konnte man auch in Wien recht glücklich leben. Sie hatten in Uauch ihren Empfangssalon, ihr Schlaf-, Speise- und Kinderzimmer wie hier in Wien. Nur war zu Hause Alles insofern bequemer, als diese Appartements alle in einem und demselben Raume vereinigt waren, während sie hier über eine ganze Etage verteilt auseinanderlagen. An die spiegelglatten Parquetböden im Vergleiche zu den soliden, mit Sand bestreuten Tannendielen von zu Hause, mussten sie sich auch gewöhnen. Aber wenn sie diese und ähnliche unvermeidliehen Anhängsel der Grossstadt erst überwunden hatten, durften sie auch hier das Glück zu finden hoffen, dessen sie sich zu Hause erfreut hatten. IV. 1 ן _ Dreimal täglich besuchte Jankel die Synagoge, und abends das Bes Hamidrasch- Er konnte selbst nicht lernen, aber er hörte: gerne zu, wenn gelernt wurde, und er wusste, dass der Besuctt des Lehrhauses an und für sich eine verdienstvolle Tat ist, auch wenn man selbst nichts vom Lernen versteht. Oft spazierte Jankel durch die Strassen der Stadt, besah die Buden und Geschäfte, immet in der Hoffnung etwas zu finden, was für ihn eine Beschäftigung abwerfen könnte. Einigemale hatte er sich auch so gründlich in dem Strassenlabyrinth verirrt, dass es ihm schwer fiel, wieder seine Wohnung aufzufinden- Die zwei Knaben gingen zur Schule und lernten lesen und schreiben. Dies ebenfalls zu können, hatte Jankel längst gewünscht und er liess sich täglich nach beendigter Schulzeit von seinen Knaben das zeigen, - was sie heute gelernt hatten. Auf diese Weise lernte Jankel endlich auch die Kunst des Schreibens und Lesens . Die Knaben brachten von ihrer Schule auch vieles mit nacli Hause, woran die Eltern Anstoss nahmen. Schmul und Mendel, s > hiessen die beiden Söhne, hatten viel in" der Schule wegen dieser Namen zu leiden. Gitel erfuhr auch zu ihrem Schrecken, dassihre Kinder während der ganzen Schulzeit unbedeckten Hauptes sitzen, dass man sie durch Verlockung und Drohung bestimmen wollte, am Sabbath zu schreiben und vieles andere mehr, was it r schier das Herz abdrückte. Dazu kam noch, dass sie alle m t ihrem neuen Glück nichts anzufangen wussten. Es war ihnen Alle» so fremd, und sie standen dem neuen Leben so unbeholfen urid linkisch gegenüber, dass sie ihres Aufenthalts in der prächtig eh Kaiserstadt nicht froh werden konnten. Gitel hatte zwar ein schönes Plätzchen zum Tauwein ihrer Töpfe und Tassen gefunden, aber was sie dagegen verloren hatte, wog diesen Gewinn nicht auf. Ihr Marin war, seitdem er keine Beschäftigung mehr hatte, launisch und hochfahrend. Seitdem er zu schreiben und zu lesen angefangen hatte, ging er darin so vollständig auf, dass ihm seine Umgebung gat^z gleichgültig geworden war. Stundenlang konnte er buchstabieren und schreiben, ohne für Weib und Kind auch nur ein Wort oder einen Blick übrig zu haben. Dabei versäumte er den Besuch des Bethauses nie, und ebensowenig den des Lehrhause#; ja er war immer unter den zehn ersten Besuchern dieser heiligen Stätten. 1 Als Jankel eines Abends wieder in das Bes Hamidrasch ging, machte er dort eine Bekanntschaft, die bedeutungsvoll für d|ie Helden unserer Erzählung werden sollte. Ein junger Mann sagte Kaddisch nach beendeten Lernen und Jankel fuhr bei den ersten Lauten wie elektrisiert in die Höhe, denn die Stimme war ihm bekannt. Unwillkürlich tritt Jankel näher; nein, das konnte keinjrrtijm sein, das war Feiwel Seelenfreund, der einzige Sohn seines früheren Nachbars Nochum Seelenfreund aus U- 1 Der junge Mann mochte 23 Jahre alt sein, trug einen tadellosen schwarzen Anzug und einen Flor um den Hut, ein Abzeichen, dessen Bedeutung Jankel nicht verstand Aber Feiwels Eltern hatten noch vor einem halben Jahre gelebt und waren gesund und munter beim Abschied von U- Jankel hatte Niemandem in U. gesagt, dass־ er nach Wien übersiedelte, sonst hätte er die Unannehmlichkeit denen er zu Hause aus dem Wege gehen wollte, auch in Wien gehabt Deshalb hatten ihm Reb Nochum und Frau auch keine Grüsse an ihren einzigen Sohn, an ihren Feiwelleben mitgefc

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