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Der Sabbath · 1907-11-01 · 11 & 12 (Nov-Dez. 1907) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Sabbath
Volume
7 (1907)
Issue
11 & 12 (Nov-Dez. 1907)
Date
1907-11-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Der Sabbath. 79 ״Sabbath in Liebe and Wohlgefallen beschicden , hast. Gebcnedeiet ״seist Da, 0 Herr, der den Sabbath geheiligt I —* 1 — Wahrlich grösser als alle Könige der Welt dünkte sich dann der Jade. Zum schönsten and herrlichsten Palaste wurde ihm seine kleine Hütte, wenn der liebe Gast, der Sabbath bei ihm eingekehrt war. Die Semiraas, die sabbathlichen Gesänge, mit ihren wehmatsfrohen, inniglich jauchzenden Melodien sind ein Produkt solcher Zeit, und legen ein lautes Zeugnis ab von der hohen Glück- Seligkeit, die unsere Väter im Ghetto umfing, wenn sie den Sabbath feierten. — — — — Wehe! Wehe! — Wohin ist diese Glückseligkeit entschwanden! — Die Ghettomauein sind gefallen. Die Sonne, die am Völkerhimmel aufgegangen, schien auch in die ärmliche jüdische Hütte. Man bot dem Juden Gleichberechtigung, Teilnahme an allen irdischen Gütern und Vergnügungen, die man ihm bisher vorenthalten. — Und er griff zu, erst widerstrebend, dann aber dreist uud immer dreister, und gab sein köstlichstes Geschmeide, seinen Sabbath, aber damit auch seine imere Zufrieden-, heit und Glückseligkeit hin für irdischen Tand. Nicht auf einmal gab er es preis; nach und nach brach er immer einen Edelstein nach dem andern heraus, liess immer neu das Geschmeide amändern, bis von s-iner ursprünglichen Herrlichkeit fast nichts mehr übrig blieb, und er in weltlichen Vergnügungen einen schalen Ersatz suchen musste für die dahingeschwundene, sabbathliche Glückselig keit. — Aber nachdem er sie nun alle durchgekostet hat, alle diese weltlichen Lustbarkeiten, nachdem er sich gesättigt hat an allem Irdischen, wie steht er unbefriedigt da, der moderne Jude! — Eine bleibende Befriedigung haben sie ihm nicht geben ' können, und sehnsüchtig wünscht er sich das Geschmeide, den herrliehen Sabbath zurück, das er früher so leichtsinnig verkauft. — Möchte er doch den Entschluss fassen, wieder zu seinem Vater im Himmel znrückzukehren, und wieder allwöchentlich seinem Gebote gemäss das herrliche Geschmeide, den Sabbath anlegen, der Lohn würde sicherlich nicht ausbleiben, und er wäre wieder glücklich, wirklich glücklich. Seine Brüder, die der Weisung des Vaters trotz i aller Zeitereignisse treu geblieben sind, würden ihn gerne mit• offenen f Armen empfangen. - Noch ist ’s nicht zu spät!! — | Eine Sabhathgeschichte von Judaeus*) L | Es ist Sabbath-Nachmittag• In allen Gipfeln herrscht Ruh. Auf dem zum grössten Teil von Juden bewohnten Städtchen U. an i der russisch-galizischen Grenze, lagert eine Zauberhafte Stille, die! demjenigen besonders auffällt, der das rege, bunte Treiben der 1 Woche kennt. Die ganze Gemeinde hält ihren Machmittagsschlaf, : oder schickt sich dazu an jankel Goldberger und seine Frau Gitel, die Helden unserer Erzählung, sind auch bereits im Begriff, dem 1 Sabbathschlaf seinen Tribut zu zollen■ Jankel sitzt auf der harten, ׳ hölzernen Bank, die Füsse auf zwei tannenen, wurmstichigen Stühlen ausgestieckt, mit dem Rücken an die Zimmerwand gelehnt, summt halblaut die Sidra (den heute in der Synagoge vorgelesenen Thoraabschnitt) vor sich hin; zweimal in der heiligen Sprache und einmal in der chaldäischen Uebertragung. Gitel sitzt am entge- : gengesetzten Ende des Tisches auf einem gebrechlichen Stuhl, mit dem Rücken gegen das Bett gelehnt und liest ihren Zeeno Ureno. : Das kleinste sieben Monate zählende Kind liegt, in einem grossen Korb gebettet, schlafend da. Die beiden grösseren, acht bis neun i Jahre alten Söhne, sind zum ״Verhören“ beim Melamed (Lehrer) ] und die zwei dreizehn und vierzehn Jahre zählenden Töchter haben! sich zu ihren Altersgenossinnen begeben, um gemeinschaftlich den Sabbath scherzend und spielend zu begehen. I Jankel ist ein Handelsmann in des Wortes wörtlichster Bedeutung. Er hat drei Dörfer in der nächsten Mähe, die er täglich *) Mit Genehmigung des Vfs. aus ״Eine ungekannte Welt. -Erräblungen aas dem jtldischen Familienleben* (Frankfurt a. M. 1907 Sänger and Friedberg) entnommen. ״»* seinem Sack auf d£m Rücken besucht. Dieser Sack nimmt Alles auft was sich ihm nur bietet: Lumpen, Knochen, altes Eisen, Zinn, Früchte. Hühner, Fische. Jankel kann Alles gebrauchen und zahlt dafür die höchsten Preise. Zu Hause wird dann das Ganze sortirt und in Geld umgesetzt. Der Gewinn ist nur sehr massig, aber er reicht aus, die Familie allerdings bei grosser Sparsamkeit ״bekowaud“ (in Ehren) zu ernähren. Am Sabbath ist vom Handel in ganz U. keine Rede; am wenigsten bei Jankel Goldberger. Er geht schon Freitag nicht mehr über Land, es müssten denn ganz ungewöhnliche Vorkommnisse sein. Aber heute machte Gitel eine Ausnahme. Man kann sich denken, dass sie ein ganz ungewöhnliches Ereigniss beschäftigte. Gestern in aller Frühe hatte nämlich die Hofmagd des nächsten Gutsbesitzers Jankein sagen lassen, er möge sobald als möglich auf das Gut kommen, sie hätten ein wichtiges Geschäft für iha Gitel protestirte dagegen, dass Jankel 4m Erew Schabbos (Rusttag zum Sabbath) gehe■ ,Es ist keine Brocho drinn,“ meint sie, ״in all’ den Geschäften, die man Erew Schabbos macht. Mein Saide (Grossvater) hat immer gesaut, die Kaunim (Kunden', die am Freitag kommen, sind gar keine Kaunim, sondern lauter verstellte (maskirte) Schedim (Dämone).“ Jankel lächelte überlegen; denn der dümmste Mann hält sich für klüger als seine Frau; und der dümmste war Jankel allerdings noch nicht. ״Am Freitag Vormittag seinem Geschäft nachzugehen,“ entgegnete er, ״ist kein Issur (Verbot). Was man Machmittags _tut bringt einem allerdings keine Brocho, aber bis Mittag bin ich ja längst wieder zurück.“ ״Ich weiss nicht, was Dir auf einmal einfällt, Jankel,“ _erwiderte Gittfl. ״Du bist doch sonst am Freitag gerne zu Hause und die Kathinka wartet auch noch bis Sonntag. Wir haben ja auf Schabbos genug, sogar ein Hendel (Huhn) und Fische, bleib daheim.“ Aber Jankel meinte, dass seine Frau vom Handel nichts verstehe. Er nahm aus seiner Kommode, da er ahnte, dass es sich um ein bedeutendes Geschäft handle, die ganze Baarschaft mit, die aus fünf Gulden und dreissig Kreuzern bestand, legte seinen Sack über die Schultern und ging auf das Gut, das eine kleine Stunde entfernt war. Jankel kam in der Tat schon lange vor der Mittagstunde mit leerem Sack verstimmt zurück, Gitel triumphirte. ״Habe ich nicht gesagt, es ist keine Brocho an dem Erew- Schabbos-Masso-umattan (GeschäftX ״Mur gemach,“ entgegnete Jankel, ״ich habe heute wenigstens drei Gulden verdient und zwar dadurch, dass ich mit der Kathinka kein Geschäft gemacht habe.“ Bei diesen Worten wollte Jankel das lederne Geldbeutelchen wieder in die Schieblade zurücklegen, aber Gitel nahm es ihm aus der Hand, um sich an dem Anblick der gewonnenen drei Gulden zu weiden. Aber sie mochte zählen und rechnen, wie sie auch wollte, es waren nicht mehr als fünf Gulden dreissig Kreuzer zu sehen. Jankel lächelte gezwungen, aber Gitel's Scharfblick konnte er nicht täuschen. ״Du,“ sagte er, ״hast jedenfalls gewonnen. Habe ich die drei Gulden, nun ist’s ja gut, habe ich sie aber nicht, so hast Du doch Recht gehabt, und mehr wollt ihr Frauen ja nicht.“ Dass Jankel so gegen alle sonstige Gepflogenheit seine wirklieh bessere Hälfte mit allen anderen Frauen in einen und denselben Topf warf, hätte diese wirklich übel nehmen können- Aber ihr gutes, frommes Gemüht sah in dieser Bemerkung nur ein Symptom der ungewöhnlichen Erregung ihres Mannes. Als wenn nichts vorgefallen wäre, legte sie ihr nasses Aufziehtuch, mit welehern sie eben ihr Wohnzimmer zur Ehre des Sabbath scheuern wollte, aus der Hand und fragte ihren Mann, was es denn wirklich Meues auf dem Gut gegeben habe. ״Die Kathinka,“ erzählte Jankel, ״hat von ihrem Bräutigam, dem Hofknecht Ignaz, ein ganzes Lotterielos schon vor vier Wochen geschenkt bekommen. Sie braucht aber auf Sonntag eine neue Haube und hat das Geld nicht dazu. Sie wollte mir nun das Los verkaufen, damit sie sich ihren Kopfputz anschaffen kann. Was das Los gekostet hat, weiss ich nicht, aber 20 Gulden ist das wenigste. Sie wollte es mir für zehn lassen. Davon konnte nun gar keine Rede sein, da ich doch nur fünf Gulden besitze; sic hält mich für «inen Baron Rothschild; aber was ist mir damit geholfen?“ ״Was Dir damit geholfen ist?“ warf Gitel ein, ״mit dieser hohen Meinung von Deinen grossen Kapitalien ist Dir Alles geholfen. Wo wurden Dir deine Leute etwas anbieten und verkaufen und Dir ruhig jeden Credit gewähren, wenn sie eine Ahnung von unseren dürftigen Verhältnissen hätten! Du hast doch das Los nicht gekauft?“ ״Mein, und sie ging sogar bis auf drei Gulden herunter, aber Ich konnte mich nicht entschlossen.“

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