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Der Sabbath · 1907-10-01 · 10 (10.1907) · p. [Seite]

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Journal
Der Sabbath
Volume
7 (1907)
Issue
10 (10.1907)
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Der Sabbath. 67 Bloch -Dreyfnss aas Freibarg, welches in einer ernsten and eindracksvollen Ermahnung zar Wiederbelebung des Sabbathgedankens ausklang, eine Ortsgruppe gegründet. Nach einer lebhaften Diskussion regte Herr Epstein in seinem Schlusswort noch an, dass zur Hebung des religiösen Interesses Vorträge gehalten werden sollen, was die Versammlung gathiess. In den Vorstand wurden gewählt: Herr Berthold Dukas, Vorsitzender, Herr Moses Bloch I. S. Schatzmeister und Herr S. Strauss, Schriftführer. ץ Segen der Sabbathweihe. Eine auf Wahrheit beruhende Erzählung von Louis Lehmann-Homburg.*) 1. Im Herzen Deutschlands unweit eines schönen Flusses, dessen klare Gewässer gesegnete Landstriche, herrliche Gegenden bespülen, und am Fusse einer grossen Gebirgskette, die jenen Fluss bis an seine Mündung in einen grossen Strom begleitet, liegt ein freundiiches Städtchen, das wir mit dem Namen Hohenburg benennen wollen. Dasselbe bildete um die Zeit; da unsere Geschichte spielt, mit seinen damals nur viertausend Einwohnern die Residenz eines kleinen Fürstentums. Christen und Juden waren ihrem guten und edlen Landesherrn F. mit Liebe zugetan und Trauer ergriff alle, als sich die Kunde von dem Hintritte des im kräftigsten Mannesalter stehenden Fürsten verbreitete | Es war grade an einem Sabbath am Ende des zweiten Decenniums unseres Jahrhunderts,"’ als dieser Trauerfall eintrat. Alsbald bildeten sich überall auf den sonst stillen Strassen Gruppen von Männern und Frauen, die es tief beklagten, dass der nun in Gott ruhende Herr so frühzeitig seiner Familie, seinen Untertanen entrissen wurde. »Wo ist wohl noch so ein Fürst aufzuweisen?“, meinte ein altes, redseliges Männchen, das sich stets gern in Politik erging, »ein Fürst, der im Verein mit seinen Heldenbrüdern gegen Napoleons Tyrannei und Ländersucht so kühn und mutig gekämpft und eine so hervorragende Rolle gespielt hatte? Wie widerstand er den Verlockungen desselben, sich zu den von Deutschland Abgefallenen zu gesellen!“ ״Und wie war er glücklich in seinen Unternehmungen“, sagte ein Anderer, ״wie beliebt allüberall, wo er auftrat, er, den eine stolze Königstochter zum Gemahl erkor!“ ״Ja", bemerkte ein Dritter, ״wenn er ein Held und Eroberer von Frauenherzen war, so suchte er auch uns sein Glück geniessen zu lassen; erhob unser Städtchen durch Anlegung schöner Strassen, Aufführung herrlicher Bauten“. In der Judengasse de Städtchens hatten sich ebenfalls Gruppen gebildet, welche gleich lebhaft sprachen und gestikulirten- Auf allen Gesichtern sah man die Trauer um den guten dähingeschiedenen Fürsten, der auch den Juden ein wohlgesinnter, duldsamer Herr gewesen war. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, dass die Bestattung der Leiche nicht lange aufgeschoben werde, und dass schon jetzt die Vorbereitungen dazu getroffen würden. Bald sah man die jüdischen Kaufleute der ״Gasse* hinauseilen, erst verstohlen, dann aber offener hin und hergehen, und es währte nicht lange, so richtete fast Jeder, der Ellenware zu verkaufen hatte, seine Schritte zum Schlosse. Es mussteh ja Trauerkleider, Flore, Fahnen und Behänge angeschafft werden. Alle bekamen Aufträge zur schnellen Lieferung von Stoffen; alle ratschlagten, was sie abends abliefem und bei aussergewöhnlichem Bedarf noch herbeischaffen wollten. Während dieses Getriebe sich vollzog, fand in der Judengasse in dem von der Strasse zurückstehenden Hause des Handelsmannes Jakob Gutmann ein Auftritt besonderer Art statt Gutmann, ein angehender Vierziger von mittlerer Statur und scharf geschnittenen Gesichtszügen, denen man ansah, dass manches Leid und manche Sorge ihre Furchen hineingegraben, sass vor seinen jüdischen Büchern, die allabendlich und am Samstag mit noch anderen grösseren Folianten seine geliebte und angenehme Unterhaltung und Beschäftigung bildeten. Eben hat er ein Quartbuch in hebräischer Sprache, das sein gelehrter seliger Vater im Mauuskript hinterlassen hatte, und in welchem der Sohn stets mit besonderer *) Die obige Erzählang des am 23. Kislew 5661 aas einem von Werken echtjüdischen Gemilns ebessed erfüllten Leben geschiedenen Verfasser* erschien zam ersten Male in Nr. 3 and 4 der »Sabbat-Stnnden* (Beilage zur ״Jttd. Presse“) vom Jahre 1899. Einem pietätvollen Wunsche seiner Angehörigen gern naebkommend, bringen wir dieselbe in unserer, der Sache des Sabbaths, welche sie verberrlicht, dieaendeu Zeitschrift hiermit zam Wiederabdruck. Red. Vorliebe las, aus der Hand gelegt, als seine hübsche, noch nicht dreissig Sommer zählende Gattin in die 'Wube trat und etwas zaghaft, als wüsste sie, die sonst Redselige, nicht das rechte Wort zum Anfang einer Unterhaltung zu finden, auf ihren Mann zuging. ,Du weisst doch, Jacob“, begann sie. ״das unser Fürst gestorben ist?“ Der Angeredete nickte, und die Sprechende fuhr fort: ״Weisst du aber auch, dass alle unsere Geschäftsleute auf's Schloss gegangen sind, um sich Aufträge für die Leichenbestattung geben zu lassen, weil dieselbe schon für die allernächsten Tage anberaumt wurde?“ Gutmann antwortete nicht; ein wehmütiger Zug legte sich um seinen Mund, und schweigend wie bisher versenkte er sich wieder in eines der vor ihm liegenden Bücher. Unschlüssig, was nun zu tun sei, trat die Frau an das nach der Strasse gehende Fenster; als sje aber von dort das Kommen und Gehen der Nachbarsleute beobachtete, drehte sie sich schnell nach ihrem Manne um und fragte: ״Nun, was hältst du von dem, was ich dir sagte? Willst du nicht auch auf’s Schloss gehen und dich nach einem Auftrag umtun? Langsam sich emporrichtend, erwiderte der Gatte mit fester Stimme: ״Ich halte davon, dass das, was Ander© und Viele tun, darum noch nicht Recht ist, dass es schon eine Sünde sei, am heiligen Sabbath davon auch nur zu reden, und dass es endlich Unrecht ist von dir, liebe Frau, mir solche Fragen zu stellen.“ . ״Unrecht“, erwiderte diese auffahrend, ״weiss Nachbar Blumenthal denn nicht, was Recht oder Unrecht sei, und ist er zu Hause geblieben als unser Nachbar Schwarz hinging, oder blieb Silber- Schmidt oder sonst einer von den Anderen daheim?“ ,Was die tun, geht mich nichts an“, gab Gutmann gelassen zurück, ״sie mögen die schwere Sünde vor Gott verantworten;'ich 1 aber, ich würde, und wenn es sich um Millionen handelte, kein I Haarbreit vom heiligen Gesetze lassen!“ \ ״Das habe ich gewusst,“ fing nun -die Frau scheltend an, i ,dass mit Dir und deiner übertriebenen Frömmigkeit nichts auszu- י richten ist. Andere verdienen heute mit dem blossen Hingehn und j ein paar unschuldigen Worten, was doch so keine Sünde sein kann, j viel Geld, vielleicht mehr, als man sonst in Wochen erlegen kann, sie liefern die Ware erst heute Abend oder morgen ab, und er, er; rührt sich nicht von seinem Platze und hält seine Bücher fest,; wobei doch nichts zu verdienen ist! Was hat dir deine Frömmig- I keit und dein ״Lernen“ genützt, als dass du ein gedrückter Mann! bist?“! ״Gott verzeihe dir deine sfchwere Sünde! Ich bin kein ge- I drückter Mann; es gibt Leute, die noch viel weniger haben, als wir, und ich bin reich, weil ich zufrieden bin.“ ״Reich?!“ warf die Frau ein• ־',Warst du auch reich, als du auf der vorigen Messe eine Summe Geld von einer Verwandten verlangtest und sie dir dieselbe bei vollem Geldschrank verweigerte?! Wäre damals meine Mutter nicht gewesen.“ »ln unserer heiligen Thora steht geschrieben“, unterbrach sie der Mann in ernster Ruhe, ״Du sollst am Sabbath kein Feuer anzünden; — damit ist sicher auch das Feuer der Zwietracht gemeint — und weil ich nun meine Sabbathruhe halten will, wie es Gott vorgeschrieben, muss ich mich so lange entfernen, bis dein Geist wieder klar denkt una dein Herz wieder richtig fühlt.“ Bei diesen, Worten nahm er einen Arm voll Bücher, ging zur Stube hinaus, öffnete die Tür einer gegenüberliegenden kleinen, sauber aussehenden Kammer und verschloss sie von innen. Das Ganze ging so schnell, aber auch mit so ruhiger Würde vor sich, dass die zurückgebliebene Frau nicht eher wieder zu einem Gedanken kam, als bis sie den Riegel der Tür zuschieben hörte. Auch sie verliess nun die Wohnstube und ging mit einem ״das habe ich gewusst, dass der nicht zu beugen ist“ einen wehmütigen Blick auf, die .verschlosseneTür werfend, an dieser vorüber die Haustreppe hinunter. Noch zweimal versuchte die gekränkte Frau an der verriegelten Tüte mit ihrem Manne zu sprechen; sobald sie aber etwas 'von Geschäften vorbrachte, hörte sie statt aller Antwort die laute Stimme des letzteren, wie er in dem bekannten Tonfall hebräische Worte hersagte. Unmutig, aber mehr gefasst als früher, entfernte sich die diesmal nicht, wie gewöhnlich, ־Siegerin gebliebene Frau, um vor dem Hause zu hören, was die überall in Gruppen stehenden Männer und Weiber an weiteren Neuigkeiten zu besprechen hatten. So war die Dämmerung herangekommen und mit ihr die Zeit, wo in der Synagoge das Abendgebet von der versammelten Gemeinde verrichtet ward. Auch Gutmann war hingeeilt; dort wo er nie fehlte, sprachen seine Lippen die uralten herrlichen Gebete, in der heiligen Sprache Zions zu dem Gotte und Vater, der uns nahe ist, wenn wir ihn anrufen! Er kehrte nach Hause zurück, um auch hier noch Abschiedsworte an den heiligen Sabbath zu richten und Gebete zur neuen Woche zu sprechen. Jetzt erst, nach vollbrachtem Abschied vom Sabbath ging Jacob Gutmann mit einem ebenfalls standhaft gebliebenen, befreundeten Kaufmann aufs Schloss und bat um einen Auftrag• Sie bekamen die artige Antwort: ״Liebe Herren! Wir haben nichts zu vergeben. Sie kommen zu spät.“ Lautlos und ohne ein Wort zu erwidern, hörte die Frau den Bericht ihres nach Hause gekommenen Mannes an; als er keine

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