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Der Sabbath · 1907-10-01 · 10 (10.1907) · p. [Seite]

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Journal
Der Sabbath
Volume
7 (1907)
Issue
10 (10.1907)
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Der Sabbath. 68 vernahm,, setzte er noch hinzu: ״Und wenn ich jetzt einei “jlischtpit Goldstücken gehäuft erhielte, ich wäre nicht glücklich, :j^rth.'ich den heiligen Sabbath entweiht hätte. Der liebe Gott kann mirs,. wenn er will, auf eine andere Weise ersetzen. Gesund und zufrtyen, das ist bei gutem Gewissen und Gottvertrauen ein Reichtum. der jeden anderen überwiegt “ II. UDie ersten Wochentage waren vergangen; das Grollen des EhjPprces hatte sich gelegt und wieder einer freundlicheren Stirnmung Platz gemacht. Dora Gutmann war im Grunde eine herzlich gute Frau, und schnelles Aufbrausen machte in der Regel bald einer angeborenen Neigung zur Versöhnlichkeit Platz. Gewiss hätte sie es gern gesehen, wenn ihr Mann sich ״so gut wie die frömmsten Leute“ hätte Aufträge am Sabbath geben lassen; aber dass er es nicht tat, hatte doch bei ruhigerer Ueberlegung ihre Achtung vor demselben gesteigert Er, der warhaft fromme Mann, suchte seine Gattin, nach wie vor zuvorkommend zu behandeln, als wenn gar nichts geschehen warf,*־ was ihn in seiner liebenden Gesinnung beirren könnte. Er 1war sogar diese Woche noch liebevbffer als gewöhnlich — weil ffcr bei sich fühlte, dass seine Frau, irre gemacht von den anderen Ge- »fctzesübertretem, sichnichtsoleichtzu seinem Standpunkteerheben Konnte. So war der gestörte häusliche Frieden bald wiederhergestellt. jacob Gutmann stammte aus einer in hoher Achtung stehenden Familie. Der Vater war Secretair der israelitischen Gemeinde und entfaltete für diese wie für ihre Institute eine nützliche Tätigkeit.;Er sympatisierte mit den Bestrebungen Mendelsohn’s und hielt auch öfters Vorträge, die zur Kenntnis des jüdischen Schrifttums beitrugen. Am. fürstlichen Hause und bei gebildeten christlichen Mitbürgern war er insbesondere wegen seiner patriotischen Denkweise über die damaligen .hochpolitischen Ereignisse, wegen seiner Get legenheits-Dichtungen und als vorzüglicher Schachspieler bekannt ’־’ und beliebt. Jacob’s Mutter, die gleichfalls aus guter Familie stammte, galt allgemein als eine kluge, ruhige Frau. Die Einkünfte des Vaters waren sehr gering, sq dass jacob als treuer Sohn seiner würdigen Eltern frühzeitig einen kleinen Handel in Kurzwaren mitbetreiben half. Namentlich wurde seine Tätigkeit noch mehr nötig, als der Vater von einem Fussübel heimgesucht wurde Und die Mutter zu kränkeln anfing, was den frühzeitigen Tod Beider herbeiführte. Jacob hatte noch einen drei Jahre älteren Bruder, der in der benachbarten Grossstadt als Handlungsgehülfe ein kleines Gehalt bezog, das er bei den grössten Entsagungen, seinen Eltern und Geschwistern in ' der ,Heimat zukommen Hess. Ihm gehörten auch noch zwei Schwestern an, von denen die eine an einen talmudkundigen, ehrenhaften Geschäftsmann in dem nahen Rödelbach verehelicht war, •^lerjjjds diese gestorben, die würdige Schwester als zweite Gattin heiflntirte- Die Jugendjahre, die für viele Andere eine unvergesslicMf ^ett froher Genüsse, des Glücks und der Freude ist, sie war für j|ücob nur eine Zeit der Sorge, des Kummers und der Entbehrungen. ׳ Ein solches Jugendleben machte ihn früh ernst und zurückgezogen. Erhebung und Trost fand er nur im Studium der Religionsschriften und in aufrichtiger gewissenhafter Betätigung ihrer Vorschriften. So verflossen viele Jahre, bis der in seiner Heimat einsarr$und verlassen Dastehende mit einer ihm bekannten braven Familie in nähere Verbindung trat und die einundzwanzigjährige Tochter derselben, ein blühendes, fleissiges Mädchen, als Frau begehrte. Die Aufrichtigkeit seiner Zuneigung, die Ehrenhaftigkeit seines C^&akters, sein trotz kleiner Einkünfte stets anständiges Auftreten 1m Leben siegten über so manche Bedenken pnd über die anfängliche Abneigung des jungen Mädchens gegen einen vierzehn Jahre ältem, ernsten und unschönen Mann. Die frische, lebensfrohe Dora nahm endlich die ihr dargebotene Hand an. Sie führten ein ruhiges, im Ganzen zufriedenes Leben, das durch de.׳־ frommen Sinnes Gatten eine höhere Weihe und Innigkeit erhielt. .Ms nach einem Jahr die Gattin von einem Knaben entbunden wurde, der jedoch im folgenden Jahre kurz vor der Geburt eines zweiten Knaben starb, und dem dann auch später das andere Kind im Tode-nachfolgte, übertrugen die Eltern ihre ganze Liebe und ängstliclw Fürsorge auf den dritten Knaben, der im fünften Jahre der Ehe^eboren wurde Bernhard, so htess derselbe, wurde mit um so grösserer Aengstlichkeit behütet und erzogen, weil er durch ein schon früh bemerktes öfteres Hüsteln den zagenden Eltern ebenfalls tiefe Besorgnis einflösste ■ Einige Tage nach den anfangs geschilderten Ereignissen verflössen, und wieder machte sich einige Unruhe in dem sonst so rujiigen Familienkreise bemerkbar. Gutmann war soeben von einem Schreinermeister benachrichtigt worden, dass dessen Geselle, der eine ziemlich grosse Summe tür einen Anzug schuldete, gekündigt habe und heimlich fortgehen wolle. Gutmann eilte sogleich hin Sprach aber erst beim Weggehen seiner Frau Mut ein. ״Weißst du nicht, wie gut es mir ging, als alle Welt bei dem hier wohnhaften reichen Engländer O. Abzüge gemacht bekam, während ich, unter Anerkennung meiner redlichen Bedienung, meine .,nicht Meine Rechnung voll ausgezahlt erhielt? Es wird auch dieätes Mal 'gut gehen, so Gott wiN!“ Der gottgläubige Mann erschrak jpcht,ver tat seine Schuldigkeit“in dem frommen Bewusstsein, dass des Menschen Schicksal von Gott geleitet und bestimmt ist Währenddessen erwartete die Frau daheim, vor Ungeduld zitternd, sehnsüchtig die Mitteilungen ihres Mannes, weil der drohende Verlust sie beunruhigte. Sie stand da am Tische, mit Arbeit beschäftigt; am Boden sass der kleine Bernhard mit seinem Spielzeug sich unterhaltend, aber die Gedanken der Mutter weilten bei ihrem Manne. Da öffnete sich plötzlich die Türe, und herein trat, schweisstriefend und bestaubt, ein junger grossgewachsener Mensch, der, müde und erschöpft, sich sogleich auf einem Stuhle riiederlieSs. Es war ein Bekannter, ein Sohn einer mit Gutmann in freundschaftlichen Beziehungen stehenden Familie. Dora vergass in ihrer mit Schrecken gepaarten Verwunderung fast den Bewillkommensgruss und frug hastig, was er bringe? ״Wenn du dich gesetzt hast,“ erwiderte der Angeredete, ״will ich Dir etwas sehr'Erfreuliches mitteilen; du darfst aber nicht zu sehr erschrecken und musst mir auch sagen, wo dein Mann ist.“ ״Mein Mann ist nicht da, aber was gibt’s? ״Erst musst du dich ruhig hinsetzen und mir versprechen, nicht zu erschrecken,“ wiederholte dar Gekommene, ״es ist etwas Gutes, was ich Dir ausrichten soll Nun nun, so jetzt bist du ruhig. Dein Schwager in Freistadt schickt mich hierher, er hat einen schönen Gewinn in der Lotterie gehabt“ ״Einen Gewinn?“, sprach Dora leise ״Ja das grosse Loos I“ Die. Frau, obschon keine verzärtelte Natur, wurde fast ohnmächtig, nachdem sie bis jetzt gefasst zugehört hatte; der spielende Knabe horchte \nd sah stille auf. Vor der reinen Kindesnatur gehen Glück und Unglück, wenn auch nicht spurlos, doch rasch vorüber. Es kennt nur die rosige Gegenwart. Was ist ihm Vergangenheit und Zukunft? Da öffnete sich die Türe, Gutmann trat herein, auf den Arm verschiedene neue Kleiderstücke tragend. Behutsam wurde er von dem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt; es bedurfte dieser Vorsicht nicht; der Mann, der so viele Sorgen und so mannigfachen Kummer durchgemacht, ohne zu wanken, er bewährte auch im Glück seine Fassung, wie der Dichter von dem rechten Manne sagt: ״Im Glück nicht jubeln und im Sturm nicht zagen.“ Doch Eines tat er: er rief den guten Gott seiner Väter an und dankte ihm inbrünstig für die frohe Nachricht, diejhm geworden: ״Gelobt sei Gott, der Gbtes tut dem, der seiner Güte vertraut.“ ״Wann ist das grosse Loos denn herausgekommen?“, fragte Frau Gutmann. ״Am vergangenen Sabbath-Vormittag, doch hat dein Schwager erst gestern davon erfahren.“ Die Frau warf einen bittenden, leuchtenden Blick auf ihren ruhigen heiteren Gatten, einen Blick, der gleichsam um Verzeihung flehte. Gutmann verstand sie. ״Es gibt keine Zeichendeutelei, keine Zeitenwahl und Vorbedeutung in Israel,“ sprach er, ״aber der Gott, der unser Leben lenkt, führt uns zu dem Bewusstsein, dass der Erfüllung Seiner Gebote ein Lohn wird — früh oder spät. Er hat uns Seinen Segen gespendet, als wir den Segen der Sabbathruhe genossen“. Dem Ueberbringer der Botschaft ward nun ein tüchtiges Stück Geld gegeben, obwohl derselbe schon in F. im Vorhinein reich belohnt worden war• Was Gutmann nun von dem vor einer Stunde drohenden Geschäftsverluste erzählte, und wie dieser durch Beschlagnahme der Kleiderstücke abgewendet wurde, hörte die glücklich erregte Frau gar nicht. Vor ihrer Phantasie gaukelten schöne Bilder des Glücks, der Freude und der Wohlstandes; wusste sie ja doch, mit welcher Liebe die Geschwister aneinander hingen. Nun freue dich, gute Hausfrau, drücke dein Kind zärtlich an die Brust, du hast Ursache dazu, denn deine Hoffnungen, sie werden sich erfüllen, deine Bilder von häuslichem Glück, sie ’werden zur Wirklichkeit I. Wieder war der Freitagabend gekommen; um den runden weiss gedeckten Tisch, auf den die glänzende geputzte Messinglampe herabsah mit ihren Lichtarmen, sass die kleine Familie, und so oft auch der Gatte immer wieder aufs Neue zu erzählen anhob״ seine Frau konnte nicht satt werden, ihn anzuhören. Es klang ihr so süss, was derselbe von seinem Bruder vernommen hatte ״Bruder“ hatte dieser gesagt, ״Du wirst jetzt ein anders Leben beginnen, deine Sorgen werden verbannt, du bekommst von mir ein neues Haus und Geld, um dein Geschft gehörig zu betreiben. Sage mir nur, was und wo es dir fehlt! Gott hat mir das Glück./ sicher nicht nur für mich geschenkt, sondern auch dir hat er( helfen wollen.“ ״Geteiltes Glück ist doppelt Glück“ — das beweist das freudestrahlende Antlitz des beglückten Mannes, als er von seinen Hoffnungen, die die nahe Zukunft betrafen, mit seiner davon begeisterten jungen Frau sprach. Sie hatte ihren kleinen Jungen auf dem Schooss, der mit glänzenden Augen, bald auf den sonst ernsten Vater, der ihn heute anlächelte,' bald auf die ihn liebkosende Mutter schaute. ״Gott sei gedankt, dass es also gekommen, und gewiss, liebe Frau, wirst du heute zufriedener sein, als am vorigen Sabbath!“ sagte ruhig und freundlich lächelnd der Gatte. Ein Blick voll heisser Innigkeit antwortete ihm. Dora erkannte von Neuem den Wert des Gatten, den ihr Gott geschenkt Jacob fühlte sich erhoben, _ in dem seligen Bewusstsein, das Rechte gewollt und durchgeführt zu haben. Ein heiterer, glückverheissender Sabbath war für die Beseligten angebrochen.

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