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Der Sabbath · 1907-09-01 · 9 (9.1907) · p. [Seite]

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Journal
Der Sabbath
Volume
7 (1907)
Issue
9 (9.1907)
Date
1907-09-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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59 [9er Sabbath Ephraim Reubl. Novelle von Anton Langer. (Schluss'. Emanuel. der die glückliche Regina an seine Brust gedrückt hatte, voll freudiger Ahnung, dass er sein Lebensglück in den Armen halte, trat nun auf den Vater zu, reichte jhin die Hand und sprach feierlich bewegt: ״Vater, was Ihr soeben von mir gefordert habt, das will ich getreulich halten; ich will ihr ein treuer Gatte, eine starke Stütze sein, und Ihr mögt einst Euer Haupt ruhig schlafen legen; denn ich will für die Euren sorgen, als ein redlicher Mann.“ ״Willst Du das,“ sagte Ephraim, ihm herzlich die Hand drückend, ״so möge Gottes Segen auf Dir ruhen und Dir-cTie Kraft geben, Deinen Entschluss zu vollbringen. Und nun, Kinder, haltet mich nicht, länger auf. ich muss fort.“ Noch einmal umarmfe Ephraim seine Kinder, drückte einen herzlichen Kuss auf die Lippen seines weinenden Weibes, dann schritt er rasch auf die Tür zu und verschwand in der dunklen Nacht. IV. י Der Sturm, der bisher gewütet legte sich allgemach, nur manchmal strich ein Windhauch, leiser und leiser verwehend über die schneeigen Flächen und die Wolken, die noch vor kurzem schwer und drohend am Himmel hingen, verflogen in dämmernde Ferne, dass die tief dunkle Himmeldecke rein hervortrat und der stille Mond und die zahllosen leuchtenden Sternenfunken ihr mild schimmerndes Licht herabgossen über die nächtige, schweigende Erde. Es ist ein schöner Anblick, die ins Winterkleid gehüllte Erde zu'schauen, in einer reinen kalten Mondnacht• Der Jude stand auf einer der Höhen, die sich gegen Wien absenken, und obwohl sein Herz vor. den widerstrebendsten Gefühle!! so voll war, dass ihm die Brust zu zerspringen drohte, so konnte er doch nicht umhin, ergriffen von dem prächtigen Schauspiele, das sich ihm darbot, stehen zu bleiben, und bewundernd mit gefalteten Händen starrte er hinaus in das allgewaltige Wunder der Schöpfung. Ringsum herrschte das tiefste Schweigen. Nur in der Ferne, wo der Wahrscheinlichkeit nach, Wien sein musste, schimmerte es von Lichtern. Der Jude kniete im tiefen Schnee nieder, sein Blick war andachtsvoll erhoben, seine Hände gefaltet, als er mit lauter Stimme, durch die stille Nacht hin, betete: ״Mein Herr und Gott, Du Gott meiner Väter, ich weiss nicht, ob ich es recht tue, aber ich glaube es. Du bist der Gott Abrarahams, der Gott, zu dem meine Väter beteten, in der Stunde ihres Todes; auch ich bete zu dir, lass meine Stimme nicht uagehört verhallen und öffne gnädig Dein Ohr meinem Rufen. Ich bin geboren und erzogen in dem Glauben und der Lehre, die einst'Moses in flammenden Lettern herabgetragen von den Höhen des Sinai, und wenn ich dieser Lehre willen, so manche Schmach, so manche Verfolgung gelitten, so habe ich nicht gemurrt, sondern sie immer lieber und lieber gewonnen, dass sie mit heiligen Fäden sich verwebte mit den Fasern meines Herzens, und dass der, welcher sie daraus losreissen wollte, mir zugleich das Herz mit losreissen müsste. Du hast mich reich und glücklich gemacht, du Gott meiner Ahnen; du hast gesegnet meiner Hände Werk und der Blick deiner Gnade ruhte auf Allem, was ich begonnen; du hast mir ein treues Weib und liebe Kinder gegeben und mein Herz war voll von einer Seligkeit, wie sie ein glücklicher Mann empfindet Aber ich habe gesündigt und bin stolz geworden, o, Herr, und darum schicktest du über mich die Stunde der Prüfung und Messest mich fallen irt die Hände meiner Feinde; aber ich bin schlecht bestanden, o Herr und Gott, und als der Versucher zu mir trat, da war ich niöht gerüstet noch gewappnet und bin erlegen. Um der Liebe zu Weib und Kind, um der Sorge wegen für mein zeitlich Gut habe ich dich, den Ewigen verleugnet, dich, den Gott, der meine Väter aus Aegypten durch die W'üste geführt nach Kanaan, in das Land der Verheissung. Ich habe gezittert für meine Habe und darum mich selbst überantwortet dem Fürsten der Finsternis; aber noch ist es Zeit, und ich will besiegen das Fleisch, das sich empört gegen Schmerz und Elend, ich will es besiegen, um die Seele zu retten Und wie du gesagt, so werde mir. Als heute Emanuel dein ewiges Wort vorlas, da ergriff es mich mit den Schrecken des Gehinnom, als ich die Strafen hörte, die du gedroht den Abgefallenen und Abtrünnigen; denn d.in Wort ist Wahrheit und was du gedroht, wirst du fürchterlich halten. Und darum will ich hingehen und mit meinem Blute den Frevel sühnen, den ich verübt. Verzeihe mir du Gott der Ewigkeit, nimm die Sühnung an, die ich dir biete; mit reuigem Herzen, lasse nicht entgelten,■ mein Weib und meine Kinder, das, was ihr Gatte und Vater verbrochen, gieb ihnep deinen j Segen und alles Glück und stärke mich in meiner letzten Stunde, dass ich nicht werde zum Spotte der Gojim. Amen.“ Nachdem der Jude also gebetet, erhob er sich vom_Boden, seine Glieder waren erstarrt und kaum wollten die von Kälte gefesselten Füsse ihn tragen. Aber sein Herz und seine Stirne glühten und sein Auge flammte von wildem Feuer, und wer im Lichte_ des Mondes in seine blassen, edlen Züge geschaut hätte, : der würde darin eine schauerliche Entschlossenheit wahrgenommen ׳ haben. Er schritt so rasch vorwärts, als ginge er der grössten Freude, dem herrlichsen Tage seines Lebens entgegen, und obwohl ein gar beschwerlich Fortkommen im Schnee war, hatte er doch in einer halben Stunde die Stadt etreicht. Hier herrschte die grösste Rührigkeit und Freude. Mechanisch schritt der |ude in dem Volksgewühle fürder, von den drängenden Haufen geschoben; so gelangte er auf einen PJatz, wo der )übel verstummt schien, und ein Haus ohne alle Beleuchtung' schauerlieh gegen die von lustigen Lichtern funkelnden׳ Nebengebäude abstach. Der Platz war die Schranne. Vor dem Hause hatten sich die Menschen gehäuft und standen, erzählend und horchend vor dem Tore. Auch der Jude trat näher und fragte, wessen das dunkle Haus sei. - ״Dem Herrn Erasmus Schlagnitwcit gehört es", sagte eine freundliche Alte, ״gar ein reicher Mann bei der Stadt und Ratsherr obendrein.“ ,Und warum ist es allein dunkel, da doch alle Häuser ringsum erleuchtet sind?־ ״Ei, du mein lieber Himmel,“ sagte die Alte, ״der arme Mann sollte sich wohl noch freuen, wenn sein Sohn auf den Laden liegt.“ ״ ־ ״Todt?!“ sagte der Jude schaudernd, ״wie ist’s gekommen?“ ״Hat Streit gehabt,“ plauderte die Alte, froh, dass sie ihre Neuigkeiten an den Mann bringen konnte, , Streit mit einem anderen Herr Studenten; lugend hat nicht Tugend, und braust und zankt, nun und da haben sie zur Wehre gegriffen, und der andere hat auf der Gänsweid den jungen Herrn Schlagnitweit durch und duren gerannt“ Der |ude schwieg erschüttert, während die Alte fortfuhr: ״Soll ein gar heillos Blut gewesen "Sein, der junge Schlagnitweit, und manch böse Tat auf dem Gewissen haben. Nun, der Herrgott kennt seine Leute und wird schon wissen, warum er ihn abgerufen hat "■ ״Seid bedankt, Mutter," sagte Ephraim und schritt weiter Da er bemerkte, wie beim hellen schein der Lichter manch arg' wöhnischer Blick auf seinen Kaftan fiel, welcher den Juden verriet, so nahm er das Zeichen heraus, welches er als Neophit zu tragen berechtigt war, und das aus einem gelben Kreuz bestand. So gelangte er zum Dom von St Stephan; festlich war die Kirche geschmückt, frische Blumen wanden sich um die gotischen Säulen, die goldenen Leuchter schimmerten vom Glanze, unzähliger FestkeTzen und über die Häupter der gläubigen Menge hin brausten die majestätischen Klänge der Orgel, zogen die Wolken des. Weihrauchs. Auch der Jude stellte sich unter die Betenden, die ihn halb neugierig, halb misstrauisch betrachteten. Immer voller und voller ward die Kirche. Die Leute, die um Ephraim her standen, waren aus den untersten VolkskLssen, Arbeiter, Gesellen und vom Landehereingeströmtes Bauernvolk; alle harrten in schweigender Andacht dem Hochamte entgegen, welches in der Mitternachtsstunde gefeiert wird Weit geöffnet waren alle Tore, selbst das sogenannte Riesentor, welches nur bei feierlichen Veranlassungen geöffnet wird, sperrte weit auf seine gewaltigen Flügel und liess die Volksmenge ein, welche immer wachsend herbeiströmte■ . Endlich hallte, vom Turme der zwölfte Stundenschlag und im selben Augenblicke ward die Mette eröffnet Im reichsten Ornate erschien der Bischof am Hochaltäre, gefolgt von Archidiaconen und Diaconen, und das Hochamt begann. Auf.die Knie sank das Volk; nur der jude stand aufrecht, er wollte nicht knieen in dem fremden Gotteshause. ״Nieder, nieder,“ murrte die Menge. Der Jude s?h, dass seine Stunde gekommen; eine ingrimmige Angst verzehrte ihn, es schien, als legte sich des Domes Decke auf ihn, und wolle ihn erdrücken. Immer lauter und lauter murrte die Menge, da wandte er sich um und rief mit lauter Stimme: ״Was wollt Ihr, dass ich soll knieen, da ich doch bin ein Jude.“ ״Bist du nicht getauft!* zürnte das Volk, mit wilden Blicken auf das Christenzeichen deutend, das der Jude am Halse trug. Da schleuderte Ephraim das Zeichen weit von sich und rief: ״Ich habe nie aufgehört ein Jude zu sein; ich bin ein Jude, und will sterben im Glauben meiner Väter!“ ״Gotteslästerung! Nieder mit dem Abtrünnigen,“ heulte das Volk und stürzte sich auf den Unglücklichen. Schweigend liess Ephraim den ersten Ausbruch der Wut über sich ergehen; er ward zu Boden gerissen und mit Schlägen überhäuft. ״Aufs Gericht!“ riefen einige. ״Wozu, wir richten selbst!“ schrieen die Wütendsten.

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