Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 7 (1907)
- Issue
- 5 & 6 (Mai-Juni 1907)
- Date
- 1907-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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41 \ Der Sabbath. Nun wurde der Knecht Hanns Gundelfinger vorgerufen; es war derselbe Knecht, den der alte Schlagnitweit seinem Sohne entgegengeschickt halte; er war leibeigen und leistete aumpf seine Aussage, welche mit jener D.ether's vollkommen übereinstimmte. ״Könnt Ihr Luch ausweisen,“ fragte der Stadtrichtcr den luden, ״auf was für Weise Ihr jene dreihundert Goldguldcn eingcnommen habt, die man bei Luch gefunden, und welche Herr Dicther Schlagnitweit für die seinen erklärt.“ Lphraim senkte das Haupt und versetzte: ״Das kann ich nicht Lw. Gestrengen, aber ich bin unschuldig.־ Das Volk zischte, der Stadtrichtcr aber warf ihm einen ernsten Blick zu und sprach: ״Das, was Herr Thomas Breitner ■zu Deinen Gunsten gesprochcn, ist durch diese Weigerung entkräftet. Wir halten Dich nach unserer besten Ueoerzeugung lur schuldig. Ihr Herren Beisitzer, ich verdamme den )tuen Lphraim keubl wegenWucher zum Vciiust seiner.ganzen (labe, lind zur Auswanderung seiner Familie aus dem;Stadtgebiete; e! selost aber soll wegen Betrugs mit Verfugt der rechten Hand gestratt werden und öffentlicher Ausstellung am Pranger. So Ihr lueh etwas einzuwenden habt, so tut es, edle und wohlmögendb Heiren, von Kcchts wegen.“• Dicther öciiiagmtw eit wart einen triumphierenden Blick auf den Juden, der vernichtet aui die Kmce sank und jammernd r:c1 ״Ucbt Ba! mnerzigkeit, ihr Herren, icu schwöre beim allcrbarmenden Gotte, uass ich unscnuiuig cm; bedenkt doch, so ihr mir nehmt Haus und Hot und!nein Wcio, das siecht auf dem Krankenbette, und meine unmündigen ivinuer hmaussmsst ins Llcnd, so müssen sie verkommen in Kalte und Schnee; wer soll sie fuhren und leiten, wer soll sie nähren, so ihr dem Lrzeuger die rechte Har.u nehmt? O mein Weid, meine Kinder! Ihr werdet umkommen m Verzweiflung und den Wöben und Raben zur;speise werden. Gebt Barmher'zigKeit, ihr Herren; wenn ihr lioilt. dass Luch Gott einst barmherzig sein soll, denn ich bin unschuldig־• ' Und mit den Händen uedeckte Lphraim sein Gesicht und zerraufte sien den Bart. Aber uip.ötzhch bekam die Sache eine andere Wendung. Liner von den kaisneim erhob sich piötziich; es war Lrasmus ächlaguitwcit, Drcthers Vater, der in der ganzen Staut genannte und geachtete Bitburger und Kaufherr beim goldenen Anker aui der Schranne. Die hone stattliche Gestalt in der dunkelsarnmt’nen Staatsherriuracnt mit der goldenen Kette um den Hais, ן hatte etwas majestätisches, sun Auge blickte finster nach dem , Sonne und die linke Hand nach einer alten Gewohnheit über den' Bart streichend, der inm bis auf d.c Ltrust hcraureicute, die rechte geoieiciul vorgestrecat, sagte er mit lester Stimme zum Stadtrichtcr: ״Lrlaubet Lw. Gestrcngen.ich Halte den Juden für unschuldig־.; üeberrasciu sah der Kleiner den Katsherrn an, das Volk zischelte, denn' man rand es sonderbar, dass der Vater gegen seinen Sohn auftrat; der Jude aoer nob die Hä.ide gvgon den Himmel und rief: ״So segne Eu.h der Gott Abrahams, für das, was ihr an mir tut, bis 1ns tausendste Glied''. Ohne auf des Juden Worte zu aenten. fuhr Lrasmus Schlagnitweit mit ernster, ruhiger Stimme fort: ״Ich bin ein alter 'lanu und so wie mein Haar in Ehren grau geworden, möchte ich es aucn in (ihren in die Grube bringen. Ich habe bis jetzt geschwiegen, uin klare Lmsicht in die Sache zu bekommen; dass!ener dort mein Sohn ist, tut mir weil, denn er geht nicht uen Weg der Lliriicnkeit. Er behauptet den Schmuck vor einigen Wochen an den Juden verpfändet zu haben, und ich habe ihn noch vor fünf lagen im Mause gesehen; was ihn treibt ן so zu handeln mag Gott wissen, ipn aber halte den Juden für; unschuldig־. | Diethcr biss sich auf die Lippen. j ״Ihr seid mein Vater“, sagte er. ״sonst würde euch dieser Zweifel an meinem adeligen Ehrenworte nicht so leicht hingehen■. Zornig wollte der Alte antworten, aber der Stadtrichter sprach: j ״Kühe, im Namen des Gerichts- Das adelige Wort eines j Geschlichters muss in Ehren bleiben, und dagegen kann der Judo sich nur dtirch einen Schwur reinigen“. ״So ist’s; der Jude soll schwören“, beschlossen die Katsherrn. ״Und sein Schwur gilt mehr als mein Wort!“ brauste Die- 1 ther auf. ' ״Junger Herr“, sagte der Stadtrichter sehr ernst, ״ihr verfolgt Eure Sache gar ingrimmig und mit einer Rachlust, die sich nicht ■ ziemt für einen Christen; es ist ein schlimm Ding, dass euer eigner | Vater gegen euch zeugte, und ich dächte, ihr hesset dem Rechte seinep Lauf.“ ״Bist Du gesonnen den Schwur zu leisten?“ fragte er dann den Juden. ,So bin ich Ew. Gestrengen,“ versetzte der Jude. i ...'t•' - - . ] ״Willst also Christ werden?“ fragte der Richter. ״Heiliger Gott, warum?"־ rief erbleichend der Jude- -Weil dir nur als Christen der SclnVur erlaubt ist,“ fuhr der Stadtrichter lort, ״in dner lialoen Stunde kannst du die wichtigsten Glaubenslehren wissen, getauft sein, wo nicht, so muss ich mein früheres Urteil bestätigen." .Ihr Herren, ich bin alt geworden im Glauben meiner Väter,“ jammerte der Jude. ״Ich kann dir nicht* helfen,“ sagte der Stadtrichter achselzuckend. Ephraim sank wieder auf die Bank und verhüllte sein Gesicht in den halten des Kaftans. Die Wahl, die man ihm gelassen, war eine grausame, kam aber in jenen Zeiten der Rechtslosigkeit nur zu ott vor. Zudem gährten um diese Zeit in Wien die Keime der Judenverfolgung, welche im nächsten Frühlinge wirklich ausbrach. — Ephraim überlegte, dass sein Weib und seine -Kinder elend uinkoinincn müssten, wenn man sie in dieser Jahreszeit iiinausstosse, da her Winter seit Jahren der fiirchterlichste'־war; sein Haus und Hof "sollte eingezogen werden, und die Liebe, die teder Mensch zu seinem Eigentum trägt, vereinigte sich mit der heiligeren Liebe zu seinemWeibe und zu seinen Kindern, dass es ihn mächtig zog, den Vorschlag anzunehmen; andrerseits schauderte er vor dem Gedanken den Glauben seiner Väter, dem er mit inniger Treue angegangen hatte, und der ihm, wie jedem Juden um so teurer war, je mt.hr er seinetwillen geduldet und gelitten hatte, zu verlassen. Lr zitterte vor den Strafen jenseits, wie sie. den Abtrünnigen gedroht sind; wie sollte er seinem Weibe, seinen!' Kindern, die er zur festen Treue angehalten hatte, plötzlich das1 Schreckliche bekannt machen. So• in seiner Unentschlossenheit sass er da, bis die Stimme des Richters ihm von neuem zufielt ״Nun, Jude, was hast du beschlossen '<■“ ״Habt Lrbarmcn," wimmerte Ephraip^, ״und lasset mich sterben im Glauben meiner Väter, in dem ich erzogen, in dein ich alt geworden bin “ ״Das kümmert uns nichts,“ sagte der Stadtrichter, ״es handelt sich darum, oo du den Schwur der Reinigung leisten willst; da:> kannst d1׳ aber nur, so du eintrittst in den Schoss der alleinseligmachcnden Kirche." ״Ich kann nicht;" rief der Jude. ״So habe das Gesetz seinen Lauf,“ fuhr der Richter fort, .ich wiederhole mein Urteil und verlange Eure Bestätigung, edle und ehrenieste Beisitzer des löblichen Wiener Stadtgerichtes.• Kommt zum Spruche! Actuarius, tut Eure Pflicht “ .־־ ׳ ״Haltet ein,“ rief der Jude, — ״ich will.“ ״Das lässt sich hören, das Gericht ist mithin aufgehoben,“ y fuhr der Richter fort, .,der Proselyt soll in die Ratsstube geführt und dort vom St.utpfarrer unterrichtet werden. Wir sind zu Epdc, Ihr Herren." Der Richter erhob sich und seinem Beispiele folgten die Beisitzer. ■Auch das Vplk verlief sich, und der Ratsdiener geleitete den halbohnmächtigen Juden hinab, wo die Taufe seiner harrte. Halb triumphierend, halb wütend entfernte sich Diether, hatte ־* jedoch kaum die Mauern des Rathauses •hinter sich, als sich eine Hand auf seine Schultern legte. Er wendete sich um und starrte in das finstere Antlitz Thomas Breitners• ״Was willst Du!" fragte er überrascht. ״Diether," sagte Breitner mit dumpfer .'Stimme, ״wir sind Freunde gewesen, denn ich hielt Dich für einen ehrlichen Mann, | aber Du bist ein Schurke." Wütend griff Diether nach dem Schwerte,■ aber Breitner hielt ihm die Fi.md und fuhr fort ״Lass stecken; wir reden später davon. Jetzt aber höre; Deine Anklage gegen den Juden war eine schändliche Verleumdung; Deine Rache wolltest Du sättigen und einen ehrlichen .Mann hast Du i&s Unglück gestürzt; der Schmuck, den Du ihm gegeben zu haben behauptest, befindet sich in den . Händen der fahrenden Dirne aus Welschland, die Du tägheh besuchest. Du siehst ich bin von Allem unterrichtet und ich wiederhole es! ״Du bist ein Schurke." _ Schäumend vor Wut rief Diether: ״Das soll Dir nicht ungestraft hingehen, wir treffen uns “ ״Wann und wo es Dir behebt,“ versetzte Breitner kalt. ״ ״Morgen auf der .Gänswf idc.“ ״Gut, Gott wird das Recht schützen.“ ״Um welche Zeit?־ ״Am Abende vor Sonnenuntergang,.so Dir es genehm jst.“ ״So sei’s “ Und die beiden Männer, die noch vor kurzem als Freunde besammen gelebt hatten, trennten sich mit dem festen Vorsatze, sich das Schwert durch den Leib zu rennen. I .1