Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- 9 (9.1906)
- Date
- 1906-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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62 De| Sabbath. die Versammlung mit, und der erste Pesachabend wkrd dies J4hr ' weit fröhlicher als gewöhnlich gefeiert Zum Andenken der wunder-; baren Rettung aus dieser Gefahr ward in der Altschulsynagoge der Brauch, mit Wein die Feste einzusegnen ״Kiduscb*1 abgeschafft, was sich noch bis auf die jüngste Zeit erhalten, während in den andern Synagogen der Segenswein ״jajin Kidusch“ zum unabänderliehen Ritus gehört. f Ist die Geschichte schon zu Ende? Was ist denn aus der Liebschaft des'Doctors mit dem schönen Judenmädchen geworden? fragen meine geneigten Leserinnen. — Recht! Obgleich diese Liebschaft nur eine Episode derErzählung ist, will ich mir dennoch ihre Gunst nicht verscherzen, und von dem verliebten Paar ndch ein kleines C*RjteI nachfolgen lassen- - Einige tage nach dem begebnissvollen Passahabende seHen wir Saium abermals in der Wohnung des Rabbi, um sich in eider wichtigen Herzen^mgelegenheit Rat zu holen. ״Hoher Rabbi,“ begann er, nachdem er Sitz genommen, ״der Gott meiner Vater hat mich hart heimgesucht, ich nehlne Alles, mit Ergebung und Liebe an, sein Marne sei gepriesen! - Noch Jetzh stellt er midi auf die Probe, um zu sehen, wie stärk ich an seinem heiligen Wort halte.־ .heil dem Manne, den der einige Gott züchtigt in diesem irdischen Leben; gross wird der Lohn jenseits sein, wenn Jvir hienieäen dureh Leiden unsere Schuld abgebüsst und jeder \jersuchung widerstanden haben,* entgegnete der Rabbi- ' ״Wie oft aber,“ nahm Saium das Wort, -ist die Versuchung für das schwache Herz eines Erdensohnes zu gross. Sehet, (ich bin׳ jetzt in einer Lage, die mich sehr beunruhigt und mein pe» wissen peinigt; ich bin gekommen, von Euch zu vernehmen, Wie ich mich aus dieser Verlegenheit ziehen kann; Ihr sollt mir sajjen, was ich tun soll-“ , | solche Unruhe in Eutern -Was. kann wohl, mein Freund, Gemüte Veranlassen? Redet!“ ״Ihr'wisst Wohl, Rabbi, wie gütig des Erzbischofs Leißarzt gegen mich und überhaupt gegen sämtliche Altschuler gehandeltdurch seine' Verwendung wurde meine Schuldlosigkeit und das Verbrechen innerer Widersacher är's Tageslicht gebracht. Nun, für dies Alles verlangt dieser Mann meine Dina zum Weibe. Ich habe ihm Vorstellungen gemacht, habe ihm mein ganzes Habe geboten; allein ■er besteht auf seinem Verlangen. Saget nun, Has soll ich י Def Ral^ii schüttelte bedächtig das greise Haupt und i^ach einigem Nachdenken sprach er: .Saium, das ist eine schlimme Sache. Ihr dürft gegen Euern Wohltäter nicht undankbar sein, -doch aiieh nicht Euer Kind vom Glauben abfallen lassen. Mjoch weiss ich kernen Ausweg. Wie aber ist Eure Tochter gesinnt?־ ״Ach ftäbbi, das Mädchen hängt mit ganzer Seele an ihm, ich fürchte, es kostet ihr Leben, wenn sie mit dem Manne ihres Herzefis niejit vereint werden kann.־ ״Night werden kanp!'‘ sprach der Rabbi, ״das ist’s! rjicht Undankbarkeit gegen Euren, g<|gen nicht in Eurer Macht ist, ihm jden Fürchtet aber auch nicht neue'Gefahren für Eurfi und ünser Volk aus Eurer notwendigen Weigerung; der Retter unserer Gemeinde ist ein edler Mann, der nicht dafür sich rächen wird, was er selbst zu achten gezwungen ist. |Und wäre es anders, so haben wir einen noch mächtigeren Hort!und Retter, ohne»dessen Willen uns Nichts geschehen kann. Der All• mächtige wird, sich Eures Kindes erbarmen und sie Euch erhalten! Schigkt sie fort von hier; fliehet selbst mit ihr; die Entferrung, die Zeif werden heilend auf sie wirken, und auch auf ihn.“ J ״fcfi w^erde Euch folgen, Rabbi!־ nahm Saium das \i׳ort, ״aber Ed?e Hoffnungen teile ich nicht, da ich die Stärke jhrer Leidenschaft besser kenne. Wollte Gott, es gälte bloss njeine kann! Werft Euch nicht unsern Wohltäter vor, daes geforderten Lohn zu geben. Tochter; freudig, wenn auch mit gebrochenem Herzen brächte ich־ sie zum Opfer, wie Abraham seinen einzigen Sphn darbot. Dass ich aber dem Glücke unseres Wohltäters entgegen sein, dass ich undankbar in seinen Augen erscheinen muss —“ ״Fürchtet das nicht, guter Saium!“ fiel eine volle, wohltönende Stimme ein, die niemand Anderem angehörte, als unserm Leon. Die Erscheinung des vornehmen Herrn hatte dem Diener im Vorzimmer so imponirt, dass er es nicht wagte, ihn bis nach geschehener Anmeldung warten zu heissen, sondern ihn sofort einzutreten bat. Die in ihr Gespräch vertieften Männer hatten ihn nicht bemerkt, so dass er den letzten Teil desselben mit anhörte. ״Fürchtet das nicht; und auch Ihr, würdiger Rabbi, blickt nicht so trüb und traurig vor Euch hin. Dina soll mein sein, meine Gattin werden, und dennoch Jüdin bleiben. Um Eurer peinlichen Verlegenheit ein Ende zu machen, nehmet hier dies Pergament und leset; vielleicht findet Ihr darin Auskunft.־* Der Rabbi nahm die ihm dargebotene Rolle und las, liess sie aber nach einigen Augenblicken aus der Hand fallen und rief voll Verwunderung: ״Was? Du, Ihr wäret Jude, meines Bruders Sohn?“ ״ja, teurer Onkel, der bin ich. Ich bin der leichtsinnige junge der Euch so viel Kränkung verursacht, weil er so wenig Lust zum Studium des Talmuds hatte und sich meistens mit weltlichem Wissen befasste; ich bin der ungeratene Sohn, der seine Eltern und Eure Schule heimlich verlassen, um in der weiten Welt seinen Durst nach Wissen zu stillen,“ so sagte Leon und nahte sich dem Rabbi, ihn zu umarmen. Doch dieser, obgleicfj in seinen Augen Freude glänzte, zog sich zurück, als zweifle er inoch an der Wahrheit dieser Aussage; nachdem aber der Doctoi! genau alle früheren Verhältnisse angegeben und klar erwiesen hatte, dass er wirklieh der Söhn des Bruders sei, dann erst reichte der Rabbi dem Arzte zum Grusse die Hand. ״Doch sag’ mir vor Allem, bist Du ein Sohn des Glaubens noch?“ fragte er nach einer Weile. ״Das bin ich!“ erwiderte der Doctör. ״Ich hatte zwar viel zu kämpfen; allein es gibt überall Menschen, frei von Vorurteil. Mein Wissen führte mich in die vornehmsten Häuser, mein Glück als Arzt brachte mich auf die Stufe, wo ich gegenw׳ärtig stehe, und auch die Umstände, die mich bisher über meinen Glauben zu schweigen zwangen, erlauben mir nun frei als Jude aufzutreten.“ ״Ja, das ist ein Werk der Vorsehung,“ nahm hierauf der Rabbi das Wort, ״der allmächtige Gott unserer Väter hat es so gefügt, damit unsere Gemeinde zur Zelt der Not einen Retter findet.“ Wer beschreibt die Freude des alten Saium? Wer vermag die Empfindungen der schönen Dina zu schildern? Der Geliebte war kein Fremder, sondern ein Sohn Israels! Dieser vornehme hochgestellte Mann kann jetzt ihr Gatte sein nach dem Gesetz Moses. Zu viel Glück auf einmal für das zarte Wesen eines jungfrauenherzens. Nach einigen Tagen sehen wir abermals die Wohnung Salums mit fröhlichen Gästen gefüllt, die das Verlobungsfest des Doctor Leon mit der schönen Dina mitfeierten und ״Lag Beomer" (33 Tag vom zweiten Ostertag) wurde das Paar vom Rabbi der Altschule nach Moses Satzung getraut So hat Gott der Herr der Bösen Tücke zu Nichte gemacht und den Tränenkelch in den Becher des Heiles verwandelt! Ende..