Der Sabbath
- Journal
- Der Sabbath
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- 5 (5.1906)
- Date
- 1906-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4874912-5428444-5428493--083-4874978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Sabbath. 3* .Was geschehen ist? — Nichts ist noch geschehen,“ er״ widerte höhnischen Tones der Unbekannte, ״wird aber bald ge״ schehen, so Ihr nicht eilet I“ — ״Mensch! wer bist Du? Sei doch barmherzig, foltere nicht ein ängstliches Mutterherz, sag1 was soll geschehen, wo ist mein Heinrich, was weisst Du von ihm? Komm, führe mich! Ich beschwöre Dich, lass mich nicht länger verzweifeln,“ — sprach die Frau und fasste den Fremden bei der Hand, um ihn mit sich fortzuziehen, er machte sich aber los und sagte: ״Wozu braucht Ihr mich? wisst ja den Weg zu Eurem Wohltäter! Salum — dort ist Euer Jüngelchen eingesperrt im Keller, um heute Nacht geschlachtet zu werden.“ Ein Schrei des Entsetzens entfuhr Ludmilla’s Brust und ohne weiter zu fragen, unbekümmert um die Kleinen, die sich um sie versammelt hatten, verliess sie die Wohnung und eilte hastigen Schrittes durch die Gassen der kleineren Stadt über die Brücke in das Quartier der Juden. — ״Lauf nur, Du wirst ihn doch nicht mehr finden,“ murmelte der Unbekannte und rannte von dannen. Wer vermag das Entsetzen zu schildern, das die Familie Salums ergriff, als Ludmilla verzweiflungsvoll in die Stube stürzte und schreiend ihr Kind verlangte. ״Um Gottes Barmherzigkeit willen, Salum, gebt mir den Knaben zurück! Ich will stumm sein, ich schwöre es beim Dreieinigen, will Euch nicht anklagen, gebt mir nur das Kindl“ so rief sie und fiel halb ohnmächtig auf den Boden. Salum nahte sich ihr und sprach mit besänftigengem Tone: ״Liebe, gute Frau, beruhigt Euch, Euer Kind muss^ schon längst zu Hause sein.“ ״Nein! er ist hier bei Euch im Keller eingesperrt, Ihr wollt ihn schlachten, mir hat’s ein Fremder hinterbracht,“ fiel Lud״ milla ein. ״Frau! womit hab’ ich das verdient, dass Ihr mich einer solchen grausen Tat fähig haltet?“ versetzte der Jude. ״Ich hätte nie gedacht, dass die Tochter des weisen und edeln Horamir auch von den Vorurteilen des gemeinen Haufens befangen sei. Geliebt habe ich Euch und: Eure Kinder, als wäret Ihr aus meinem Blut und Fleisch, und das ist der Dank meiner Liebe?“ ,Ich erkenne ja, was Ihr mir Gutes getan an, aber ach, mein Kind ist noch nicht zurück, und der Fremde hat mich versichert, sein Leben sei bedroht — führt mich in den Keller, lasst mich sehen, ob es nicht dort ist,“ flehte Ludmilla. ״Weib!“ rief zürnend der bedrängte Salum, ״Ihr seid von Wahnsinn ergriffen; denn unmöglich kann die gesunde Vernunft solche Albernheiten sprechen. — Euer Sohn ist wohlbehalten aus meinem Hause gegangen und wenn ihm unterwegs ein Unglück zugestossen, so wäre dies nicht meine, sondern Eure Schuld, indem Ihr ihn allein gehen liesset.“ Da wandte sich Ludmilla an die fern stehende erblasste Dina: ״Euer Vater ist hart, Ihr aber scheint mir sanft und gut, sprecht für mich, dass er mir mein Kind zurückgebe; was kann Euch sein junges Blut nützen?“ ״Liebe, gute Frau,“ erwiderte Dina mit bebenden Lippen, ״lasst Euch nur bescheiden, glaubt mir, euer Kind ist munter von hier gegangen, er hat sich vielleicht beim Spiel, verspätet oder verirrt, und wenn Ihr jetzt heimkehrt, wird er Euch jauchzend entgegeneilen.“ ״So zeigt mir zuvor eure Stuben und Kammern und auch den Keller, dann will ich Euch glauben,“ bat die immer noch misstrauische Ludmilla. ״Führt sie, wohin sie verlangt,“ befahl Salum, ״denn wo einmal Verdacht und Misstrauen sich eingenistet, da sind alle Vorstellungen vergeblich.“ Darauf ward die Frau in alle Zimmer wie auch in den Keller geführt und da nirgends eine Spur von ihm zu finden war, ward sie ruhiger. Dina’s liebreiches Zureden hatte Eingang in ihr Herz gefunden; sie bat um Verzeihung ihres Ungestüms und eilte schnell von dannen. Aber in der Wohnung des Juden herrschte jetzt Furcht und Schrecken. Das Hausgesinde zitterte vor den Folgen, eingedenk der Beschuldigungen früherer Zeit. Salums Gattin weinte ohne Unterlass und rief in einem fort: ״Dass sich’s Gott erbarme — mir hat’s geahnt. Deine Zuneigung zu der Familie der Ludmilla wird noch unser Verderben sein.“ ״Seid nicht verzagt, Kinder, Gott ist ja mit uns, sein Wille geschehe 1 Wer recht tut, hat nichts zu fürchten,“ tröstete Salum seine Hausleute. Doch schien es, als ob diese Trostworte dem frommen Manne nicht ganz von Hetzen gingen, denn Kummer und Sorge lagerte sich auf seinem Gesicnte und die Stirne furchte sich mehr als gewöhnlich. Bald hatte sich die Schreckensmähr unter den benachbarten Juden verbreitet, Jammer und Wehklagen erfüllte alle Wohnungen und die Aengstlichen packten ihre Habseligkeiten zusammen, um sie an geheimen Orten zu verwahren. Die Türen wurden mit doppelter Vorsicht verriegelt, die Fensterläden geschlossen und Alles war aufs Aeusserste vorbereitet Diese Furcht und Vorsioht war keineswegs unzeitig, denn ehe zwei Stunden ▼ergingen, wurde Salums Haus von Söldnern umringt, das Innere der Wohnung durchstöbert, wobei die Schaarwächter zur Schadlos״ haltung für ihre Mühe das, was ihnen ambestengefiel, mitnahniert. und obgleich man im ganzen Hause nicht das geringste den 7er״ dacht Bestätigende gefunden hatte, wurde Salum und sein Hius״ gesinde als des Mordes verdächtig in Ketten geschlossen und mit fortgeschleppt, ohne auf die Seufzer und Tränen der Schuldlcsen zu achten. Zum Glück geschah dies Alles zur Nachtzeit, wo״ durch der, Auftritt der Aufmerksamkeit des gemeinen Volkes;nt״ ging und Mord und Plünderung verhütet ward. Die Ursache von Salums schneller Verhaftung war kiin andere, als die: Ludmilla kam in ihre Wohnung zurück, der Knatje war nicht da, in der Angst eilte sie zur •Nachbarin, diese fii^ sogleich zum Viertelsmeister, der es dem Hauptmann der Schaar Wächter anzeigte, und dieser begab sich auf der Stelle mit sei 1er! Trabanten nach der Wohnung der Juden. Auf dem Poric, welcher!damals, weil er von lauter Deutsci bewohnt war, die ״Stadt der Deutschen* genannt ward,־ befjj sich die berüchtigte Schenlje der Frau Sabina, welche derSawfri platz alles liederlichen ujkFschlechten Volkes war und .daher 1/an jedem ordentlichen BorgerJgescheut wurde. Aber deshalb blieb die Schenke doch nicht unbesucht, im Gegenteil herrschte in ihr mehr Leben und Lärm als in jedem andern Gasthöfe; denn 1ier hatten Gauneci Taschendiebe, und anderes Gesindel, das sich um diese Zeit so zahlreich in Prag herumtrieb, iä[ Hauptquartier, md jeder, der die Verfolgung der Häscher in dCT Stadt zu fünften hatte, flüchtete sich nach dem mit besonderen Rechten und freiheiten.ausgestatteten Poric, und war im Hause der W'irtin Sal inla sicher und geborgen. So lebhaft es in Sabinens Schenke api Tage zuging, so Still und ruhig war es doch darin zur Zeit der Nacht; denn Frau Sabina hielt sehr auf Ordnung. Es durfte!:ein Gast länger als die bestimmte Stunde bleiben, und wie die Glocke zehn geschlagen, ward nicht mehr ־ eingeschenkt und die Zec her sahen sich gezwungen, von dannen zu gehen. Wehe demjder sich gegen diese Hausordnung sträuben wollte, das kräftige deutsche Mannweib verstand es, den Friedenstörer im Zaum zu halten; wer sich nicht im Guten fügen wollte, ward mir nichts dir nichts zur Tür hinausgeworfen. Auch heutewar bereits die - Schenke leer; nur ein Mann breitschulterig und mit glühen lern Fleischgesichte, worauf Verworfenheit und Laster ihre Zeichen tief eingraben, sass noch vor seinem Bierkruge und betracf fete schweigend die geschäftige Wirtin, welche die leeren Karnen scheuerte und sie nach einander in den Schrank setzte. ״Nun, Rybar, wie lange wollt Ihr noch da sitzen?“ frlagte ״Euer Kurt pan die iinde kräht ann Hat die Hauswirtin, nachdem ihr Gesohäft zu Ende war. scheint Euch vergessen zu haben.“ ״Dass ihn alle Donnerwetter tausend Klafter tief in Erde schmetterten! Lässt mich der Hund so länge da sitzen!“ sagte Rybar und tat einen kräftigen Schluck aus dem Kruge. ״Aber Frau,“ setzte er in sanftem Tone hinzu, ״dass ja dem Kir ' kein Leid widerfährt! hört Ihr? sonst — beim Cernabog auf Eurem Hause •der rote Hahn!“ ״Ei, Du ausgepichtes Bierfass!“ Ipchte die Wirtin, «seit va regt sich in Deinem verstockten Herzen etwas von Mitleid?, f der Lanzenstich dich so zahm gemacht und Dein längst totes Gewissen wieder aufgeweckt?“ ״Lacht immerhin; mein Entschluss steht fest — die letzte Gefahr und wunderbare Rettung hat mich auf einen bessern Weg geführt. Will mein Handwerk aufgeben und ein ordentliches Leben führen." versetzte der Gast und tat abermals einen kräftigen Schluck. ״O, ich zweifle gar nicht an Eurer Besserung. Ihr wollt von jetzt an die Spitzbüberei nur im Kleinen betreiben, wobsnes weniger Gefahr gibt, nicht wahr?“ ״I nu, der Mensch muss ja doch leben! Was liegt auch daran, einer reichen Frau den Schmuck vom Hatse zu stehlen? demstolzen Bürger die goldenen Knöpfe vom Rocke zu schneiden, dem wohlhabenden Krämer einige Sächelchen unter der :!and wegzuzaubern? Diese Leutchen werden dadurch nicht arm; aber mit den heiligen Kirchen und ihren Schätzen mag ich nichts nehr zu tun haben; rein sollen meine Hände von jetzt an von Kirchen״ raub bleiben!“ ״Du gute ehrliche Haut! sag, welchem Priester hast Di die Last Deiner zahllosen Schurkereien anvertraut? möchte selbst 2um Seelenrat," dem frommen Diener der Kirche, von dem mai für solche Sünden die Absolution erhalten kann.“ ״Wer sagt Euch, dass ich einem Priester gebeichtet? Jch bin von selbst zur Einsicht gekommen, dass man mit der Kirche keinen Mutwillen treiben soll; das sag’ ich!" I ״Gut, ich habe nichts gegen epern frommen Sinn, fllein erklärt mir das Rätsel, warum der Knabe hier versteckt bleiben soll?’ ״Lasst Euch bescheiden: der Knabe ist verschwunderi und wird gesucht werden, natürlich kommen die Juden in Verdacht; versteht Ihr mich jetzt?“ . . ״Jetzt noch weniger als vorher. Was sollen die Juden mit dem gestohlenen Christenkinde haben?"