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Der Sabbath · 1906-02-01 · 2 (2.1906) · p. Seite 10

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Journal
Der Sabbath
Volume
6 (1906)
Issue
2 (2.1906)
Date
1906-02-01
Page
Seite 10 (sequence 4)
Language
German
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10 Der Sabbath. and falschen Scham ein Ende zu bereiten, ist auch ein j Ziel, das der Verband erstreben will. Darum das Inserat, j Darum die heutige öffentliche Versammlung. Es ist ' meines Wissens die erste Versammlung dieser Art, welche in Deutschland veranstaltet wird. Gerade in Berlin, der j deutschen Reich’shauptstadt, der Metropole moderner Bildung Und Weltanschauung, der. Metropole des jüdischen Indifferenti&nuj, tritt der jugendliche» Verband zum ersten Male ah die ‘Öeffentlichkeit. In Berlin! Gälte ‘ es in dieser Stadt der Intelligenz den Anteil der Juden an solchen -Unternehmungen zu messen, welche dem regen Civilisationsfortscliritt ihr Dasein danken, sie würden wahrlich nicht schlecht fahren. Geht man am Werktage durch die Strassen, da verraten uns sehlichte Türschilder und strahlende Läden die Leistungsfähigkeit jüdischen Kslturgeistes in coramerziellen und gelehrten Berufsgebieten. Doeh geht man durch eben die gleichen Strassen am Sabbath, dann mischt sich in die Genugtuung über die kulturellen Bestrebungen ein schwerer, seelentrefer Kummer über den schrecklichen Widerstandsmangel, die sorglose* Schlaffheit, die träge Gleichgültigkeit, die Gewissenlosigkeit auf religiösem Gebiete. „Schlaffheit?? Gewissenlosigkeit??“, 'W hörte ich in missbilligendem Tone rufen; „so kann hiw einer reden, der ausserhalb der Verhältnisse steht.“ \Nun-meine Damen und Herren, wir -erkennen es gerne an und sprechen es willig aus, dass nicht alle mitgleichem Masse zu messen sind, dass nicht alle skrupellos den Sabbath in einen Werktag um- . gewandelt haben, dass manclje nicht mit leichtem Herzen sich den Entschluss Abgepngen haben, am Sabbath zur Berufsarbeit zri geh^nT/Piese Kreise aber sind es gerade, iiir welche und an welchen der Verband der Sabbathfreunde seine Kraft üben will; diejenigen Kreise also, welche eine gewisse Ehrfurcht vor der jüdischen Religion und ein gewisses Mass von Pflichtgefühl sich noch bewahrt haben. An jene, welche dem Judentum überhaupt gleichgültig den Rücken gekehrt haben, welche dem Religionsgesetze wie in der Berufsarbeit so in der Häuslichkeit die Treue gebrochen haben, will unser Verband sich nicht wenden; vielleicht wird später ein Zeitpunkt j kommen, in welchem er auch auf diesem steinigen Boden ein Arbeitsfeld sich urbar machen wird. Zunächst wird der Verband um die nicht geringen Schichten von Glaubensbrüdern sich mülien, in welchem er Empfänglichkeit für sein Ideal mit Fug voraussetzen darf. Wozu aber ein neuer Verband, nachdem schon genügend Stellenvermittlungsvereine seit vielen Jahren bestehen? Ja, der Verband der Sabbathfreünde ragt in seinem Zwecken; weit über die Bestimmung jedes Stellenvermittlungsver- , eines oder Bundes zur Versicherung gegen Stellenlosig- | keit hinaus; die Stellenversorgung gehört in ihrer praki tischen Erledigung überhaupt nicht in den Rahmen der j Aufgaben unseres Verbandes. Wenn ich Ihnen in einem J kühn gewählten Bilde das Tätigkeitsfeld des Verbandes und sein Verhältnis zu den bezeichneten Vereinen illustrieren darf, so möchte ich an das Verhältnis des Kultusministeriums zu den Provinzialschulkollegien anknüpfen. Die Verwaltungsaufgaben des Ministeriums erstrecken sieh auf weit mehr Gebiete als den Bereich der Schule. Der Vorgänger des gegenwärtigen Kultusministers nannte, sein Ministerium einmal witzig das „Ministerium des. Geistes*. Nun, meine Damen und Herren, auch der Verband, auch wir wollen zwar nicht ein Ministerium, aber eine Arbeiterkammer des Geistes, des Sabbathgeistes sein. Weite Kreise wollen wir über den Geist des Sabbaths aufklären; unser Ziel ist, im Intellekt das Verständnis für den Sabbathgeist und im Herzen die Willensenergie zu Gunsten des Sabbathgeistes zum Keimen, zur fruchtreichen Entfaltung zu bringen. Zugleich mit dieser zeitigen Aufgabe geht die praktische einher, sämtliche Institutionen und Bestrebungen, welche angetan sind, die Sabbathtreue zu festigen, in reichem Masse zu fördern und neue zu gleichen Zwecken ausfindig zu machen. Dass wir keine Schwärmer ohne Menschen- und Weltkenntnis sind, dass uns auch die gefährlichen Feinde der Sabbathtreue — Wochenmarkt, Submissionstermin, Sonntagsruhe, Zahlungstag, Pfingstvorabend u. A. — nicht fremd sind, dafür bürgt Ihnen die Teilnahme hervorragender Kaufleute und Mitglieder anderer Berufsstände an unserer Verbandswirksamkeit. Uns leitet die Ueberzeugung, welche auf langjährigen und mannigfaltigen Erfahrungen sich gründet, dass alle diese sabbathteindlichen Faktoren nicht bis zu dem Masse gefährlich werden können, dass ihnen nicht mit Erfolg zu trotzen vermöchte der, welcher über den wahrhaften Geist des Sabbats, das wahrhafte Wesen des Sabbats, aufgeklärt ist. Denn Eines ist sicherlich wahr. Es wäre eine Absurdität, zu hoffen, dass die Widerstände, welche sich von der Schulbank an der Sabbatpflege entgegenwerfen, zu überwinden, Neigung, Mut und Kraft in sich spüren könnte, wer niemals^ das Sabbathgesetz in seiner Tiefe erfasst hat. In der horrenden Unkenntnis des Wesens des Sabbaths erblicken wir ( die Wurzel des Uebels, welches wir bekämpfen wollen.! Sie erwidern vielleicht, ob denn wirklich die Unkenntnis so gross sei, ob denn wirklich erst noch Aufklärung erforderlich sei zum Verständnis des Gebotes des Ruhetages, eines Gebotes, wie es seit Jahrtausenden alle Völker und alle Religionen kennen. Meine Damen und Herren! ich wiederhole, die Unkenntnis ist horrend. Der Sabbath ist eben ein ganz Anderes als ein Ruhetag in üblichem Sinne, und des Sabbaths grösstes Unglück ist es vielleicht, dass man sein ganzes Wesen in dem Ausdruck, „Ruhetag“ oder „Sabbatbruhe“ zu erschöpfen glaubte. Wäre der Sabbath nichts Anderes als .ein Ruhetag, als ein Tag der Nichtarbeit, der Ruhe, es. wäre nicht, abzusehen, weshalb denn nicht der Sonntag das Gleiche vollbringen könnte wie der Sajbbath- Wollen Sie es erkennen, 'dass grundverschieden in ihrer Wesensart sind Sabbath und Sonntag, dann stellen Sie doch bitte in Vergleich sabbathliche Feier und sonntägliche Feier. Das jüdische Sabbathfest und das nichtjüdische Sonntagsfest haben gemeinsam die Besonderheit des Gebetes, der Kleidung und der Speisen. Aber wie vieles und Grosses scheidet sie von einander, ja, lässt‘ sie -zu Gegensätzen werden! Der Sabbath ruft zur Familie, ruft ins Heim; der Sonntag ruft ins Freie, in die Öeffentlichkeit; der Sabbath schliesst die Angehörigen zusammen, erhöht die Gefühle der Innigkeit; der Sonntag ladet zu rauschenden Veranstaltungen, sprengt die Familie häufig auseinander ins Theater, Concert, zum Skat und Billard; der Sabbath regt an zum ernstem Sinnen, zu biblischer Lektüre, veredelt Geist und Herz; der Sonntag wird oft missbraucht zu seichtem Tand, der die Sinnesleidenschaft nährt und den Sinn verflacht. Gedenken sie auch der Feier des Vorabends. Der Sonntags- Vorabend ist ja der Ballabend par excellence, der unübertroffene soir fixe für alle nächtlichen Veranstaltungen des Wohlanstandes und des Uebermuts. Wenn die Beter am Sonntagmorgen in die Synagoge gehen oder wenn sie aus ihr zurückkebren, da pflegen sie den Damen und Herren zu begegnen, welche von der festlichen Begehung des Sonntag-Sabbathvorabends aus den Tanzsälen in ausgelassenem Lärmen zurück wandern, um den Sonntag-Sabbat im Hause durch träges'Hinschlafen bis in den Nachmittag zu feiern. Stellen Sie dem entgegen des jüdischen Sabbaths Vorabend, die Begehung des Freitagsabends und seinen versittlichenden Einfluss —, nein, unterlassen Sie lieber die Gegenüberstellung. Schon der Vergleich würde die h)he Weihe des Sabbathbeginns beleidigen. Ja, sie sind

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