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Der Sabbath · 1906-01-01 · 1 (1.1906) · p. Seite 7

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Journal
Der Sabbath
Volume
6 (1906)
Issue
1 (1.1906)
Date
1906-01-01
Page
Seite 7 (sequence 12)
Language
German
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Der Sabbath. 7 „Ist es denn möglich, Holde, dass Deine reine Seele jenen! . unbekannten Mann so hochverehrt, und 'Du dennoch das, Weib! eines Anderen werdest?“ > Dina sah ihn mit ihren schwarzen Augen verwundert an und sagte: . .. „Warum? was hat denn meine Verehrung mit meiner Heirat zu tun? Ich liebe den Hann, der sich meiner angenommen wie meinen guten, wohlwollenden Engel.“ „Wenn aber dieser Dein Schutzengel vor Dich träte, Dir seine Hand anböte, Dich zur Gattin verlangte, würdest Dueinwilligen?1 fragte Leon. „Was redet Ihr, Herr von Unmöglichkeiten? Ihr vornehmen Herren dürfet ja nicht einmal ein Bürgermädchen wählen, nur ebenbürtige, von edlem Stamm entsprossene Frauen können eure Gattinen werden, um so weniger könnt Ihr Euch mit den Töchtern der verachteten Juden verbinden.“ „Wenn es aber doch möglich wäre? Betrachte mich, mein Kind, vielleicht habe ich mit Deinem verehrten Ritter Aehnlichkett?“ „Achnlichkeit? Ihr seid es selbst,“ versetzte Dina und ihr < schönes Antlitz färbte sich höher. „Glaubt mir. ich habe Euch gleich erkannt. Ich wollte nur sehen, ob auch Ihr das ängstliche | Mädchen, das Ihr vorzwei jahr.en in Euren Schutz, genommen, | wieder erkennen würdet!* „Nehmet dieses kleine Geschenk als einen Beweis unserer Erkenntlichkeit. Solltet Ihr einst irgend eines Dienstes bedürfen, so bin ich zu Jeder Minute bereit.“ * Leon zweifelte gar nicht, dass der erkenntliche Salum der Geber sei, und nahm sich vor,- dem Juden wenigstens die Geldstücke wieder zurückzustellen; denn sein stolzes Herz sträubte sich dagegen, sich seine Guttaten mit Gold bezahlen zu lassen. , Mit diesem Vorsatz eilte er zu seinem Herrn, II. In diesem Augenblicke klirrte in dem vorderen Zimmer eine auf den Boden geworfene Schale, ein vielstimmiges, oft wiederholtes „Maseltob“ erscholl darauf, Dinas Antlitz erblasste, schnell entzog sie ihre Hand dem Arzte, ihr schwarzes Auge füllte sich mit; Thrärien und bebend flüsterte sie: 1 \ -Hört Ihr’s nicht? die Schafe ist gebrochen, ich bin Braut...“ Jetzt erschien der Rabbi im Gemach, liess die neue Braut , den Zipfel seines Mantels „Maseltob“ wünschend, fassen, diesem folgte der Bräutigam und überreichte der Verlobten ein Kästchen mit Goldmünzen gefüllt als Brautgeschenk, dann kamen V'ater und Mutter des Bräutigam’s mit ansehnlichen Geschenken und küssten die künftige Schwicgertocher: endlich stürmten die übrigen Gäste herein,, jeder mit einer Gabe und Maseltohwünschen. In dem vorderen Zimmer ward es jetzt immer lebhafter, die Tische w'urden gedeckt, es klangen die Gläser, es klirrte das Essgeschirr, das Hausgesinde rannte eilfertig hin und her; der , eigens dazu bestellte sogenannte „Server“ oder Tafeldcckcr ordnete die Sitze, und die Gäste setzten sich dem Rang nach um die Tafel, nachdem jeder bei der sprudelnden Giesskanne die Hände gewaschen. Leon konnte nicht länger bleiben, ein mächtiger Kampf wütete in seinem Busen, er liebte die Tochter Salums mit aller Leidenschaft eines jungen Mannes und vermochte den Gedanken nicht zu fassen, dass .dieser Engel einer solchen Kreatur, wie der junge Klebler war, gehören sollte. Sein früher munteres Wesen war dahin, auf dem sonst freundlichen Antlitze lagerte sich .Missmut und Verdruss, er nahm von dem Hauswirte kurzen Abschied , und entfernte sich schnell. Mitternacht war nahe, als Leon in; seine Wohnung zurückkam. Welche ungewohnten Empfindungen i wogten in seiner aufgeregten Brust! Vergebens suchte er den Schlaf; unablässig verfolgte ihn das Bild der schönen Dina, immer*! und immer sah er ihr sanftes Auge, ihre zum Kusse lockende f Rosenlippe, ihr herzbezwingendes Lächeln. „ich muss das Mädchen besitzen", sagte er heftig auf- und abschreitend, „und sollte ich mir’s mit meinem Blute erkaufen. Aber wie? wenn dich Dfna nicht liebte? Sie ist die Verlobte eines Andern! Ha, vernichten will ich dieses .Ungetüm, bevor es den reinen Engel mit seiner Umarmung entwürdigt! Aber wohin bin ich geraten! Leon, sei nicht ungerecht! Handle männlich! Hat nicht dieser Mensch gerechtere Ansprüche auf das Mädchen? Ist es denn entschieden, dass dich die Tochter Salums liebt? Gut! Ich will das Herz Dina’s beobachten, ehe ich der Stimme meiner Liebe folge und mich ganz erkläre!^’ Es war das erste Mal, dass sich unser verliebter Doktor allein und fremd unter Fremden fühlte; wie sehr sehnte er sich, einem teilnehmenden Freunde sein volles Herz auszuschütten; doch als Ausländer konnte er auf keine Freundschaft rechnen, und der Einzige, der ihn liebte, war sein Gönner .und Herr. Erst gegen Morgen warf er sich auf’s Lager, wo bald ein sanfter Schlaf den Sturm seiner Seele beruhigte. Die Sonnenstrahlen sahen durch die Fensterscheiben, als Leon erwachte. Schnell warf er sich in die Kleider, um den Morgenbesuch bei seinem Herrn zu machen. „ Da trat sein Diener in das Zimmer und überreichte ihm ein zierliches Kästchen von feinpolirtem Ebenholze mit den Worten: „Ein Mann hat am frühesten Morgen mir dies mit der Weisung übergeben, es Euch beim Erwachen sogleich einzuhändigen“ Der Doktor erbrach hastig das Siegel, öffnete das Kästchen, und siehe, es war mit Goldstücken angefüllt, worunter sich ein kostbarer Diamantring in einem zusammengerollten Papier vorfand. Er entfaltete neugierig das Blatt und las: In der Zeit, in welcher unsere Erzählung handelt, herrschten in Böhmen grosse Unruhen. König Johann, der die meiste Zeit in seinem Luxemburg in Saus und Braus verlebte, kümmerte sich um seine böhmischen Untertanen' sehr wenig, und' überliess die Regierung des Landes solchen Menschen, die ihren Vorteil' vor Augenhatten und, anstatt die Ruhe herzustellem ihre Störung vielmehr durch Ränke und gewaltige Erpressungen verursachten. Ein solcher Landesverweser \«£r Heinrich Lipa. Dieser drückte das Volk mit Steuern und Abgaben dergestalt, dass fast das ganze Land in Aufruhr.kam und sich beim-König beschwere, der dann den tyrannischen Lipa.seiner Würde entsetzte und an seiner Steile den frommen, gerechten Peter, Erzbischof zu Mainz, zum Statthalter des Königreichs erwählte- Mit dieser Wahl waren aber wenig Böhmen zufrieden, besonders hatte sie. den Unwillen des Adels erregt, der sich niemals unter die Herrschaft einfcs Ausländers fügen wollte. Man legte allen Anordnungen des neuen Statthalters und seinen zweckmässigsten Anstalten Hindernisse in den' Weg, und -der edle tugendhafte Peter konnte bei all seiner Sanftmut, Rechtlichkeit und Weisheit dennoch nicht die Herzen der Böhmen gewinhen. Die meisten Bürger Prags und die der Provinzstädte verlangten, der König möchte itn Lande bleiben, oder die~R'egierting seiner Gemahlin Elisabeth, dem letzten Sprossen des verehrten Premyslidcn-Stammes, . überlassen. Dieser Meinung waren auch einige vom Adel; doch der stolze, herrschsüchtige Lipa mit seinem Anhänge -widersetzte sich dem Ansinnen, von einem Weibe beherrscht-zu werden; sie Verlangten einen Statthalter aus ihrer Mitte, und so waren Bürger gegen. Bürger. Adel gegen Adel in immerwährendem Zwist.und Hader; eine Partei _suchte der andern wo möglich zu schaden, in den Gasthäusern ward gestritten und gerauft ohne Unterlass, und fast jeden Tag.gab's blutige Auftritte. Prag war der eigentliche Tummelplatz dieser politischen Zänkereien. Abenteuersuchende Ritter und anderesjmüssiges Gesindel benutzten diese Unruhen, kamen von allen Gegenden herbei, um hier, wo sic den Arm -der Gerechtigkeit wenig zu fürchten hatten, ihre Streiche ungestört ausführen zu hönnen. Sie wurden auch ‘bald von dieser, bald von der. andern Partei unterstützt und zn schändlichen Zwecken verwendet; so hatten Meuterei, Raub und Mord ihre Höhle zwischen den stolzen Palästen der Grossen, und in Libussa’s weltberühmter Stadt wimmelte .es von Landstreichern, Gauncn und Mordbrennern. Von. all den Grcueltaten, die uim diese Zeit geschahen, machte mir eine Art grosses-Aufsehen, nämlich der häufige Kirchenraub, sowohl in der Stadt .Ms auf dem Lande. Fast jede Nacht wurden einige Kirchen ausgelcert, und rpan konnte trotz der weisen Vorkehrungen deS Erzbischofs die Verbreche? nicht ertappen. Die Ohnmächtigkeit .der Sicherheitsorgane erregte bei den .Bürgern den Verdacht, '«1s wäre .der Statthalter und der König mit den Kirchenrüubcrn im Einverständnis, um auf diesem Wege alle Schätze ans dem Lande zu" Schaffen. Heinrich von der Lipa' mit seinen Freunden suchten gan* natürlich diesen Verdacht bei den Pragern zu erhalten. Das gemeine Volk aber meinte, diese nächtlichen Kirchenräuber könnten nur die Juden sein,-'welche damals, die Zeit benutzehd, Ungemein viel Reichtümer gesammelt hatten. Es wurden auch vieie Juden angeklagt' und eingezogen, jedoch wirkliche Bewejse hatte man niemals auffinden können. Hajek, der böhmische Livius, beging gar oft den Fehler, dass-er die Sagen des gemeinen Volkes für erwiesene Tatsachen ausgab, und so wimmelte seine Chronik von Lastern und Grcueltaten, welche die Juden in Böhmen verübt haben sollten. Der Erzbischof - von Mainz -schien heute nicht wie sonst heiter und freundlich. Einefinstere Wolke lagerte auf der ehrwürdigen Stirne des biederen Prälaten. Ehrfurchtsvoll erkundigte sich der Arzt nach dem Gesundheitszustände seines Gebieters. „Der Leib, lieber Freund, wäre wohl gesund; aber die Sorgen drücken meinen Geist nieder,“ erwiderte der Greis. „Glaube mir, Leon, das Regieren ist keine kleine Aufgabe, zumal in diesem Lande, wo das Volk stolz und. halsstarrig, dfer König ein junger lebenslustiger Mann, den des Landes Wohl wenig kümmerte Da soll nun ich, ein schwacher Greis das-yRuder lenken und den Staat aufrecht halten; doch ginge noch\alles, wenn wir nur Gold hätten. Der König verlangt schon wieder Gold für seine Luxemburger, die Krieger, die Beamten ihren Sold,—die Königin hat bereits zweimal um ihr Ausgesetztes angesucht, und unsere Cassen werden von Tag zu»Tag leerer. Der Büfiger und Landmann klagt über Willkür und Druck dös Adels, dazu treibt der hochmütige Lipa sein Wesen im Lande', schmiedet Ränke, wirbt sich ich

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