Das Morgenland
- Journal
- Das Morgenland
- Volume
- 6 (1843)
- Issue
- 4 (4.1843)
- Date
- 1843-04-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 Geschichte Jerusalem«. verfertigten Reliquien, die er meist auS den Gebeinen kürzlich Verstorbener zubereitete. Mehrere Bischöfe begünstigten den Betrug und theilten den Gewinn. Jedoch ward den Reliquien aus dem heiligen Lande der Vorzug vor allen andern zuerkannt, und diejenigen Kirchen und Klöster wurden am höchsten verehrt, die sich einer Reliquie von dem Heiland selbst oder seinen unmittelbaren Jüngern rühmen konnten. Die Schlauheit des morgen - ländischen Clerus säumte nicht, sich diesen Aberglauben zu Nutze zu machen, und die Pilger, die nach Reliquien suchten, waren immer so glücklich es mit gutem Erfolg zu thun. In der Heimath angelangt, verkauften die Wallfahrer diese Kostbarkeiten an Geistliche und Laien um schweres Geld, so daß eine Reise nach dem gelobten Land, außer dem daß sie geistlichen Nutzen verschaffte, auch sonst noch einträglich war. Ja, so gewinnreich war dieses Geschäft, daß Kauflente von Smyrna nach Europa kamen um Reliquien zu verkaufen. Am allerhöchsten wurden geschätzt Stücke und Splitter angeblich vom wahren Kreuze Christi. Der Handel damit fing sehr früh an, denn schon Cyrill von Jerusalem (um das I. 350) erwähnt, daß die Reliquien vom heiligen Kreuze bereits durch alle Welt zerstreut seien. Es fiel zwar bald in die Augen, daß die Masse der ausgetheilten Splitter die mögliche Größe eines Kreuzes weit übersteige, aber man tröstete die Christenheit mit der erfundenen Behauptung, daS heilige Kreuz besitze wunderbarer Weise eine solche inwohnende Kraft der Reproduktion, daß wenn ein Theil davon losgrriffen werde, daS weggekommrne sogleich wieder nachwachse.