Mannheim
Compact Memory

Der nationaldeutsche Jude · 1933-05-01 · Sondernummer (Mitte Mai 1933) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
12 (1933)
Issue
Sondernummer (Mitte Mai 1933)
Date
1933-05-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6682492-5438700-5438896--652-4871826
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Held, daß auch König David der Abkömmling einer „Fremden" war, ein Urenkel der Moabitin Ruth, bi* durch ihre bescheidene Anmut das Her; des jüdischen Großbauern Boas! gewann. Der zweite Dichter geht schärfer^ins Zeug. Ä^ich er erzählt nur schlicht und ohne große Worte eine Geschichte. Aber seine Erzählung auillt über von boshafter Ironie, von ätzender Satire. von jener Art der.Lustigkeit, die aus heiligem Zorn geboren ist. Und ich möchte wolsl den Ausdnick seiner Züge sehen, wenn er vom Himmel herm'ederschaut und wahrnimmt. daß dies Werk' »eines phantastischen und bitteren Humors heute in der Bibel stellt, .dicht neben Esra und Nehemia. ’ Ich möchte ihn mit verstehendem lächeln grüßen, den närrischen und doch so ernsten DisNel des Buches von Jona, dem Propheten. , In der Tat. man tut dem Dichtet unrecht, wenn man den Humor dieses Buches für unfreiwillig hält, wenn man meint, ihn init der geistigen Rückständigkeit der Entstehungszeit erklären zu müssen. Der Mann, det dies geschrieben hat, wußte genau, was er schrieb, warum erfqs so und nicht anders schrieb. Jedes Wort i»t' ans wohtljedachtcr künstlerischer Absicht gewählt, jedes der fomiidKtt /utib unglaublichen Ke schehniise aus gutein Grunde erfunden. ' Und auch das Verständnis der' zeitgenössischen Leser sollte mau nicht unterschätzen. 3ie saßen noch meist in dem hochkultivierten Babylon oder waren gerade erst von dort au-gewandert. Sollten wirtlich, bei allem echten ^Glauben an die Allmacht ihres Gottes, viele von diesen Leuten es für möglich gehalten haben, daß ein Mcnick drei Tage und Nächte im Bauche eines' Fisches mit Gebeten verbringe», daß ein schattenspendcndcr Wunderbaum in einer "Nacht aus dem Nichts heraus wachsen und durch den Stich eines Wurmes icher Nacht wieder verdorren könne'? Sie haben cs nicht geglaubt und kein Mensch hat ihnen ernstlich zugemutet, 'es zu glauben, am wenigsten der Verfasser dieser abentcuejlichon Geschichte. Er wußte sehr wohl, was er. tat. indem er «rb»'dem unerschöpflichen Schatz orientalischer Wunder und Seenmnnsmärchen ein paar besonders unglaubliche lu'raushob und mit dem Namen irgendeines verschollenen Propheten verknüpfte. Er wußte sehr -wohl, daß er mit dieser biinten Pbgntafiik die Aufmerksamkeit des Lei'crs bener fesselte, als mit crnxr trockenen Predigt, daß er nur auf diele Weile den Vctor ztzin Mitgchen bringen und unmerklich dahin fübren konnte, wohin er ihn haben wollte, zu der erschütternden. Lehre dfS Ausklangs. Das Buch Jona ist. rein künstlerisch getrachtet, ein Meisterwerk. Es i't mit staunenswerter Prazinpn' Lnd Geschlossenheit auf die Pointe bin gearbeitet, und diese Pointe wirkt gerade durch die bei aller Kürze des Ganzen jiNiitändliche und weit ausholende Einleitung um so schlagender. Wir modernen Leser denken 'unwillkürlich an manche in der künstlerischen Technik ganz'ähnliche ..Werke unserer Zeit, etwa an die Skizze von Anatole France „Der Proruratyr von Judäa". Daß unmittelbar nach der Pointe die Etzählugg abbricht, daß auf die Pointe das „Tableau" folgt, ist her untrügliche Beweis dafür, daß die Absicht des Verfassers knur auf die Herausarbeitung dieser Pointe ging. Aber nicht nur in der zielsicheren Geschlossenheit des Aufbaus liegt der künstlerische "Reiz dcis "Werkes.. Auch die phantastische.Einleitung ist kn jqdcr Einzelheit bc.w»noerungswert. Man betrachte nur die Hauptgestalt selbst, die Mit verblüffender tkebenswahrheit gezeichnet wird. Ist er nicht köstlich, dieser kleine Prophet, dein sein großer'Gott -zu weichmütig. zu inkonseauent ist'.- Er steht zu dem - Herrn wie eist übereifriger Untergebener, der. über seinen.Hufkr-ag. hinausgehend, von Anfang an mit den idwrfitrti Maßregeln droht und dann tief beleidigt iit. wenn der überlegene Geist des Vorgesetzten die Dinge ruhiger aniiebt. I!t nidit jeder von uns diesem Manne schon einmal in Amtszimmer»! und Kontorm. auf Kanzeln und Kathedern, in einer Feldwebelschreibsti be begegnet? Uyd haben wir dann nid,t genau so gelächel. wenn der aiifgeregtc Ricnsd, sid» irgendwo feitgerannt hatte, vie wir lächeln, wenn Jona, der zornmütige Prophet, im Barche des Fisches unbehagliche Tage verlebt oder wenn ihm unter dem entblätterten Wünderbaum, die Soniie' aüf den Schädel brennt? Der Humor, der in dreien Erlebnissen des blamierten Propheten steckt, kommt um so wirksamer zur Gelt ing, je schlichter die grotesken Vorgänge erzählt sind, je selbstverständlicher uns das Unmöglickie als Tatsache vorgetragen wird, je n»eniger ausdringlich der Stil der ed,ten Propheten parodiert ist. Denn wenn wir genau hinidiauen, erkennen wir, daß gerade diejenigen Sähe rein parodißisch sind, die noch heute von schriftfrommen Leiern häutig ganz ernst genommen werden, das schwülstige Gebet im Bauckie des Fisches. die Hervorhebung der Langmut Gottes im Sd,liißkäpitel. die ja in Jonas Munde kein Lob. sondern ein Vorwurf ist. und stogar der berühmte Satz: „Ein Hebräer bin ich und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gesckiaffen hat". Denn dieser hochtrabende Satz wird ja gesprochen von einem Manne, 'der soeben er>t fahnenflüchtig geworden ist vor „dem Herrn, den er fürchtet", fahnenflüchtig, weil er seinem Gotte die Konsequenz nicht zuträut, wirklich Gegen auslänäifcken Druck Unser Verband hat am 15. April 1933 durch die T. U. folgende Erklärung verbreiten lassen: „Die nationalgesinnten deutschen Juden legen mit Entschiedenheit Verwahrung dagegen ein, daß rn einer als Regieleistung an die berüchtigtem Moskauer Schauprozesse erinnernden englischen Unterhausaussprache von neuem der Versuch gemacht wird, in innerdeutsche Angelegenheiten einzugreifen und damit Deutschlands außenpolitische Stellung zu beeinträchtigen. Gerade wir Juden haben gewiß keine Veranlassung, mit der Form, in der zurzeit >in Deutschland die Iudenfrage behandelt wird, zufrieden zu fsein. Aber wir wünschen, diese Erörterungen als Deutsche mit den deutschen Regierungsstellen selbst zu führen. Insbesondere England erscheint uns nicht berufen, den Fürsprecher der deutschgesinnten Juden zu spielen. Wir haben nicht vergessen, daß gerade durch die zügellose Propaganda für die englische Kolonie Palästina das deutsche Empfinden gewisser jüdischer Kreise' während des Krieges und in der Nachkriegszeit in Deutschland schwer erschüttert worden ist. Die untragbaren Zustände, die sich infolge dieser Treibereien entwickelten, haben nach unserer Ucberzeugung wesentlich dazu beigetragen, den Zustand der Gereiztheit und Entfremdung herauszubilden. auf dem in letzter Linie die jetzigen Vorgänge beruhen." Die Erklärung ist von in- und ausländischen Zeitungen übernommen worden, vonder in Paris erscheinenden „Köpublique" mit dem bezeichnenden Zusatz „quels jttiks" «was für Juden!). so streng zu sein, wie er selbst, der Prophet, an Gottes Stelle es sein würde. Und gerade, weil die einleitende Anekdote bis in jedes Wort hinein mit Humor und Ironie gewürzt ist. wirkt die Pointe um so stärker. Die Pointe, die ganz plötzlich und unerwartet nach allen spaßhaften Umschweifen den heiligen, bitteren Ernst hervorkehrt. Einem Scheinwerfer gleich bestrahlt sie mit grellstem Licht eine Seite der Dinge, die vorher unbcackitet im Dunkeln lag. die der Leser niemals in solcher Klarheit hätte wahrnehmen können, wenn die Wirkung des Kontrastes nicht den Scheinwerfer eingeschaltet hätte. Die eifervolle, auf die Macht seines Nationalgottes pochende Eitelkeit des kleinen Propheten versinkt ins Dunkel. Und riesengroß, von blendendem Licht übergossen, tritt der Gott hervor. Der gewaltige Gott, der wahre Schöpfer des Meeres und des Trockenen, der sich seiner Güte nicht zu schämen braucht, der mit verstehender und verzeihender Liebe Menschen jeden Blutes umfaßt, der in aller seiner ehrfurchtgebietenden Größe selbst Ehrfurcht hat vor der lebensfreudigen Unschuld der Kinder und sogar vor dem dumpfen Lebenswillen der Tiere, der auch in dem Tiere sein eigenes Geschöpf, das von dem Schöpfer geliebte Gottesgeschöpf sieht, wie in dem Menschen, wie in dem reinblütigen Juden. Erschütternd hebt sich aus der phantastischen Schnurre das wahre .Wesen der Gottheit empor, der Gottheit, die nichts weiß von völkischer Enge und blutstolzem Uebermut, der Gottheit, die gerade in der weichen Menschlichkeit ihres Empfindens erst das wird, was der kleine Prophet durch die Forderung unmenschlicher Härte aus ihr machen wollte, ein allmächtiger Geist, der di« Welt in sich trägt und beherrscht. Das Buck, Jona ist ein Buch der Menschlichkeit. Einer Menschlichkeit, die weit hinausgreift über den beschränkten Stammesgeist der Entstehungszcit, die hinausgreift um ein halbes Jahrtausend in die Zeit, da wieder einmal ein einfacher Mensck, den Versuch wagte, aus dem national-religiösen Formelwesen die Heilsbotschaft der Nächstenliebe herauszuschälen. Wirkungslos verhallt ist das Wort des Propheten, nicht des kleinen Propheten Jona, sondern des großen Propheten, der die lächerliche und doch tiefernste Geschichte von Jona schrieb. Das Wort des anderen, der nach ihm kam, ist über den Erdkreis erklungen, aber bald hat auch hier das Gestrüpp der Dogmatik den Keim der Liebe erstickt. Esra und Nehemia befehlen uyd eifern heute in Christi Namen, wie sie einstmals in Jahwes Namen eiferten und befahlen. Der Stamm, um dessen Blutreinheit einst die Menschlichkeit init Füßen getreten wurde, wird heute selbst mit Füßen getreten um der Blutreinhcit anderer Stämme willen. Aber das Buch von dem Propheten Jona steht in der Bibel, und die Schulkinder mit den Hakenkreuzen der „Deutschvölkischen" oder den Daoidssterncii der „Jüdischnationalen" im. Knopfloch lernen noch heute den Spruch, daß Gott gnädige barmherzig, langmütig und von großer Güte sei. *- Und das ist der Humor davon. Christe.n und Juden, Deutschvölkische und Jüdischnationale. lest das Buch von Jona, dem Propheten! 0

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.