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Der nationaldeutsche Jude · 1931-09-01 · Nr. 9 (September 1931) · p. Seite 6

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1931
Issue
Nr. 9 (September 1931)
Date
1931-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 ~7T mm Schule und Politik. Ter Jvtaije, ob und in welcher Form die Politik n it in das . Tätigkeitsfeld der Schule gezogen werden sill, kann man sich von zwei Seiten der nähern-. Der politist» tätige wird von seinem Standpunkt aus zu untersuchen hibeu, ob der Sache, der er dient, - durch die Musdehnung au die Jugend geholfen werden kann. Er wird sich darr ber klar werden, ob seiner Bewegung überhaupt die Untrstitzung durch die Jugend förderlich ist, oder ob ihrem. Geistess ehalt nur durch eine Betätigung Erwachsener Genüge getair w irden kann. Erstrebt er die Hilfe Heranwachsender --- urd sst es auch nur zur Sicherung des Naclnouchses — fo wird er sodann iestzustellen suchen, inwieweit seine Ideenwelt schon ar sich die jugendliche Seele zündet, und wird gegebenenfalls Ü Kan »ern, Sport und Spiel als Anreiz in das Arbeitsgebiet l iitei politischen. Schulgruppe mit aufnehmen. Weite Kreiie politischer Gruppen würden wo zl inen Zustrom aus der Jugend begrüßen, sehen aber große L chw erigteitcn. wie üe die jungen Menschen für sich begeistern sr llen. Insbesondere die gemäßigten Parteien finden bei einer Jugend, die in ilzrem Temperalnent nicht die Geduld aufdri igen an einer langsamen Entwicklung der innen- und außenpolitischen Berhälknine mitzuarbeiten, nicht genügend Gegenliebe.!Kas bleibt ihnen als Schutz gegen das Ueberhandnehnwn hier politischen Gegner anderes übrig, als politische Bctäti >ung Jugendlicher überhaupt abzulehnen und die völlige Pevban >ung der Politik aus der Schule zu fordern! ' 1 ' Auf einem ganz anderen Wege als der politisch otientierte Mewch denkt der Pädagoge. Wohl kann er sich i» se nem Ergebnis mit dem Politiker treffen und gleich ihm ree lior-- k>erung 'der politischen Unberührtheit der. Schule arifstcllen. ccine stLedankengänge sind ganz andere. Dem Politiker der gemäßigten Richtung aber gibt die Tatsache, daß er aus dem pädagogncbcn Lager denselben Ruf hört, eine, wie er,sch nnt, einleuchtende. Erklärung für seine eigene Forderung. So hört man oft den Ruf: Der Schüler soll arbeiten, die Politik enkt ihn ab, die Schule muß ihn davor schützen. Es soll nicht gesagt werden, daß diese Begründung licht ehrlich empfunden sei. Gewiß iit an ihr etwas wahrss. Aber man hört iie nie von Parteien, die nkit ihrer Werbung bei der Jugend auf Widerhall stoßen könnten. Gerade die auss i dts > osc n Freier predigen die politische Askese der Jus end. Sie fordern iie mit einer pädagogischen Begründ lng, deren Berechtigung hier untersucht werden soll. j Zuvor bedarf es hier einer kurzen persönlichen Bemerk ing. Ter Bersaiier glaubt sich frei von politischen Leidenscha ten, gleichviel welcher Art: sein Denken ist geführt von einem bestimmten.erziehlichen Wollen, und nur unter die e m -Gesichtspunkt übergibt er seine Ansicht einer Zeitschrift dee er naturgemäß als Richtjude ferniteht. | Bor etwa neben Jahren haben die pädagogischen Anschauungen. die insbesondere. das höhere Schulwesen bcl errichen. durch Herausgabe neuer ministerieller Richtliuien eine Festlegung erfahren, die außerordentlich einschneidenw gernrkt hat. Man darf vielleicht die Neugestaltung auf dien Satz bringen: die Schule soll ins Leben gestellt werden. Die lmstellunq war dringend nötig. Die Zeit forderte unerbittlich^ daß die Sci ule «ich nach ihr richte. Das Erlebnis des Kriezes, der viele Menschen plötzlich, für vier lange Jahre mst ei lem ungeheuer verantwortungsvollen Selbstentscheidungspecht belastet hat. der politische Umschwung, der die politische Mün>igmachung des Bolkes erstrebte, jedem Bürger einen gewicht gen Slimmzcitcl in die Hatid gab. die neue Sachlichkeit, die ein Gebot der Rot. aber auch ein Ausdruck neuen Kul urwollens - den neuzeitlichen Menschen zu letzter, unnachfichtli cher Drfcnhcit! erzieht, und nicht zuletzt die Jugendbewegung, d ren Ruf narb innerer Freiheit durch ihre inzwischen Hera, gewachsene» Führer allenthalben unser Kulturleben durchdri igt, als das bat das Bild des heutigen Menschen, dat Bild uns wer .feit so einschneidend geändert, daß die Schule im imn er n ehr entfremden mutzte: — bis sie ihr durch die geniale Schulreform, die Erreichbares mit Erstrebenswertem zu einer großen Ein feit zuiammcnschweißen will, nachgeeilt ist. An ciPer einzelnen Forderung wird das Wesen der Sc >ulrcform bcionders klar. Während man früher das Ziel d< rin iah. ein bestimmtumgrenztes Misen zu vermitteln, de sen Aneignung Aufgabe und dessen Beherrschung das Bestehen des Abiturs bedeutete, geht man jetzt auf die Erzielung zu eigener schöpferischer Arbeit, aus das Erfassen der Zu gmn enhänge, auf die Äveckung schlummernder Kräfte aus. Dadurch soll der -junge Mensch, unabhängig von dem, was ei gekirnt hat, zu einem lebensstarken, verantwortungsfreudigen G ied seines Bolkes gebildet werden, zu einem Mestschest, der übe all seinen Mann steht und immer voll ehrlicher Selbstwert mg sich seiner Fähigkeiten und Grenzen bewußt ist. Die Arbeitsform des neuen Erziehungsgrundsatzes ist nicht mehr'der Lehrervortrag, sondern die - Diskussion iirnerh alb der Klassengemeinschaft. Daher ist zuerst die Fähigkeit zu selbständiger Kritik zu wecken. Nichts soll der Schüler ül er» Ton 6. Heinrich. nehmen, was nicht seiner Prüfung — und sei sie für den objektiven Betrachter noch so unreif — standaehalten hat. Sodann muß in ihm da» Vermögen und der Wille, seiner Ansicht Ausdruck zu geben, gebildet werden. Jedoch ist gerade diese letzte Teilaufgabe mit Schwierigkeiten verknüpft. Jugendliche sind häufig, in dem Gefühl ihrer Unzulänglichkeit, verschlossen, oder ° sie neigen dazu, den unbewußt geahnten Mangel an Beweiskräftigkeit durch die Brutalität der Vortragsweise zu ersetzen. Beide Typen gefährden — jede in ihrer Art — den Erfolg des Lehrgespräches. Aber es kann gelingen, diese Hemmungen bis zu einem gewissen Grade auszuschalten. Bedingung hierfür ist. daß die Schule in ihrer Gesamtheit umgestellt wird von einer Lehranstalt zu einer Erlebnisgemeinschaft. Schülcrselbstverwaltung — schon an sich pädagogisch bedeutsam —, Wanderfahrten und die Einbeziehung alles dessen, was für den Schüler innerlich belangvoll ist, sind ein Teil der Hilfen auf dem Wege zur Gemeinschaft. Dieser Hinweis auf die Wesensart der neuen Schule läßt auch unser Thema in einem neuen Licht wieder auftauchen. Wenn im Schüler der ganze Aiensch erfaßt werden soll, wenn er für alle seine Nöte und Interessen die Lösung mit Hilfe der Schulgemeinschaft finden soll, dann darf auch die Politik nicht aus der Schule verbannt bleiben. Denn es ist offenbar, daß die gegenwärtige Jugend an politischen Tagesfragen brennendes Interesse nimmt, ebenso wie an den lebens- und weltanschaulichen Enindproblemen. die schließlich die politische Gesinnung ausmachen. Es wäre sicher grundfalsch, wenn man im englischen Unterricht bei der Lektüre von „The Expansion of England“, wenn man bei unzähligen Gelegenheiten im Geschichtsunterricht, bei den griechischen und römischen Schrift stcllern nicht die Parallelen zur Gegenwart ziehen wollte. Sie drängen sich jedem Schüler im stillen auf und so sollen sie auch geäußert werden, um sich an dem kritischen Blick dev Kameraden zu erproben. Es darf uns nicht erschrecken, wenn bei solchen Gelegenheiten die Meinungen leidenschaftlich aufeinanderprallen. Gerade der hitzige und ehrliche Kampf ist der beste Prüfstein innerer Sicherheit, und gerade auf sie kommt es dem Erzieher in erster Linie an. Nicht darf es den Lehrer oder den außenstehenden Beobachter stören, wenn die geäußerten Ansichten seiner eigenen entgegengesetzt sind. Der Gewinn einer solckxm Aussprache, die immer bis zu einem gewissen Grade Klärung und Festigung bringt, ist so groß, daß üe gewagt werden muß. . Allerdings über Eines muß der führende Lehrer wachen: Niveau! Keinesfalls darf einem Primaner der marktschreierische Tonfall einer vergänglichen Journaille gestattet, nie dürfen demagogische Sentenzen aeüus^rt werden. Aber kann nicht auch ein junger Kommunist oder Nationalsozialist seine Mei nung in eben derselben Tiefe Vorbringen, wie es anscheinend nur denen zugetraut wird, die mit der gegenwärtigen Staassform einverstanden sind? Sollte es nicht möglich seist, auch die Ideen der Ertremen in einer Diskussion vorzubringen, ohne daß die Höhe einer gebildeten Auseinandersetzung verlassen wird? Daß eben m u ß erreicht werden und ist eine gewichtige Aufgabe, die unbedingt von der Schule gelöst werden muß. Was bei Disputen über weltanschauliche und religiöse Fracjen erreicht worden Uhmuß auch hier geleistet werden. Wöllen wir wirklich in Fragen, die unsere Schüler scbaft am stärksten packt, in den politischen, die alte Lernschulc wieder aufleben lassen, und im Unterricht der Staatsbürger -künde uns mit der rein wisscnsmäßigen Vermittlung der Verfassung und dieser oder jener Gesetze begnügen? Oder sollten wir nicht vielmehr auch hier alle Kräfte wecken, die zur selbständigen Stellungnahme befähigen, damit die nächste po litiscke Generation sachlicher und fruchtbringender arbeitet? Wenn es im Geiste der neuen Erziehung zu liegen scheint, daß die Schule ihre Pforten der politischen Diskussion öffnet, so bleibt noch zu untersuchen, in welchen Grenzen diese Aufgabe mit Erfolg gelöst werden kann. Nun liegen aber die Verhältnisse glücklicherweise so. daß die Schule in demselben Maße, wie sie die Politik fordert, sie auch vorbereitet. Achtung vor der Meinung des anderen, ruhige und sachliche Aussprache, das Gefühl innerer Verbundenheit mit, dem Diskussionsqegner, eben all das. was wir sonst bei politischen Gesprächen so schmerzlich vermissen, ist auf der Schule der neuen Richtung weitläufig vorbereitet. Nur gefährdet der Uebergang zp dem stärker erregenden Thema möglicherweise den mühsam verlangten Diskussionstakt: daher muß maß abwarten, bis hie Technik der Aussprache in der Klasse sicher verankert ist. Im allgemeinen wird man das erst in der obersten odei den beiden letzten Klassen erwarten dürfen. Zudem hat wohl erst der Primaner annähernd so viel politisches Miss m. daß er feinen Ansichten einigermaßen die Grundlage sachlicher Kenntnis geben kann. Die eigentliche Gefahr für die politische Schülerdiskussion ist weniger bei dem Schüler, als bei dem Lehrer zu suchen. Da ist zuerst zu befürchten, daß der Lehrer die reservierte Haltung des Diskussionsleiters verläßt und gelegentlich seine

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