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Der nationaldeutsche Jude · 1931-09-01 · Nr. 9 (September 1931) · p. Seite 5

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1931
Issue
Nr. 9 (September 1931)
Date
1931-09-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Die deutfcben luden und die Republik.?Je ”e“e A«t hat uns nlcht lebenSglücklicher gemacht. Wirtschaftlicher Notstand und ÄibeitslosjgkM und vordem die Geldentwertung haben einen gesunden einfluhreichen Mittelstand. zu dem ein grober Teil der deutschen Juden vormals gehörte, nahezu zugrunde gerichtrt. Man sollte nicht alle Schul» dem unglücklichen Ausgang des Krieges zuschieben. Wir haben hier in Berlin erlebt, dag eine Schlenderwirtschaft, die doch erst in die Nachkriegsjahre fiel, das Stadloermögen nahezu erschöpft hat. Einige wenige konnten sich bis heute maßlos bereichern: der Mittelstand aber darbt. Ist es nicht bezeichnend, bah gerade diese auserwählten Herren, die übrigens durchaus nicht nur dem Judentum angehören, sich zu Verteidigern dieser .aufgeklärten, sozialen und humanen Zeit" machen? Es sind dieselben Menschen, die sich in einer Monarchie zu len kaisertreuesten Untertanen zählen würden. Jüngst fand ei l Sportfest in Berlin statt, ju dem einige Warenhausbesitzei den Sportverbänden grobe Kraftwagen, überlassen hatten. Selbstverständlich waren vorher aufdringliche Reklamen für ih:e Kaufhäuser an den Äuhenseiten der Wagen > angebracht morden. Diesen allmächtige« Herren — im wahrsten Sinne d s Wortes „Kapitalisten" — . führt der deutsche Arbeiter, bei doch das Kapital zu bekämpfen vorgibt. sein, sauer verdientes Geld zu. während er den Mittelstand, der ihm näher stehen sollte, boykottiert. , Das Kapital bedient sich zudem gewisser rinfluhreicher Zeitungen, denen es durch Aufgabe von Rielenanzeigen zu groben Einnahmen verhilft, um das Volk auch weiterhin in seinem Sinne zu beeinflussen. Dah sind sicherlich alles bekannte Mihstände unserer Tage. Es verlohnte sich kaum, darüber so viele Worte zu verlieren, wenn man nicht immer wieder darauf Hinweisen mühte, dah die grobe Mehrzahl der deutschen Juden nicht zu diesem Grohverdienern gehört, sondern zu den Geschädigten, dem Mittelstand. Und was die st genannten „demokratischen" Blätter betrifft. — ihre Gründe r würden sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen, wühten sie. was ihre Machfahren für Wege gehen. Wirtschafts- und Kulturrad ikalismus, vertreten durch Grohkonzerne und Weltmachtpresf t, regieren heute. Das Volk aber ist zu blind, um die Gefahr zu sehen. Es macht sich immer abhängiger, es unterstützt seine eigenen Verderber, es hat einen Monarchen vertrieben und vielen anderen Einlab gewährt. -Die Republik hat uns deutsch! Juden aber nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern weit mehr roch aus kulturellen Gründen mihmutig gemacht. Ich habe nie begreifen können, was ein bürgerlich eingestellter Jude — und dazu gehört von Hause aus die grobe Mehrzahl der deutschen Juden nach wie vor — der kaiserlichen Vorkriegszeit nackzutragen hat. Ist es das allein, dab wir meist nicht Offiz ere werden konnten, so ist es nicht viel. Und find in der heutigen Reichswehr etwa mehr Juden zu finden? Die Rei, iswehrfrage ist ein Kapitel für sich und nicht mit ein paar Worten zu erledigen. Aber das eine ist sicher, dah auch in der republikanischen Reichsrgehr die Juden, die Offiziersanwärtei werden wollen, ähnlichen Widerständen begegnen, wie in de: kaiserlichen Armee. Alles in allem, — haben wir deutschen Juden in der Vorkriegszeit ^Deutschland nicht nehr erreicht, als sich unsere Väter je träumen liehen? In gewissen Berufsarten war der Jude einfluhreich vertreten. Er l istete wertvolles nicht nur im Handel, sondern auch in Wissen «Haft und Kunst. Und weil es den meisten von uns damals i icht schlecht ging, fand die. Wohlfahrt bei den Juden die willi zsten Spender. Die meisten deutschen Juden, denen es vor de n Kriege gut ging, hatten sich diesen Wohlstand durch emsigen Fleih erarbeitet und blieben auch sparsam, als sie Vermögen besahen. Sje warfen das Geld nicht für Schwelgereier und Luius zum Fenster hinaus, aber sie hatten eine offene Hand, wenn Not zu lindern oder es sonst angebracht war. Die Monarchie bat einem Vorwärtsstrebenden, auch loenn er Jude war. keine groben Steine in den Weg gelegt, sonst hätte die deutsche Judenheit kulturell und wirnchaf sich nicht auf der Höhe stehen können, auf der sie bei Kriegsbeginn stand. Und gesellschaftlicher Boykott, Antisemitismus? Sind sie heute etwa nicht da? Es gibt genug Mi iglieder von Linksparteien, die auherparteilich einem Juden nich t die Hand reichen möchten. Dieser Antisemitismus, dies« Unterart der allgemeinen Abneigung gegen alles, was irgend oie anders ist. war und ist keine Erfindung von Jntelleftu llen oder Politikern, sondern wie das Volkslied irgendwo und irgendwann im Volk -; 1 I *) Dieser Aufsatz eines Mitgliedes gibt,! wie alle Meinungsäußerungen. die nicht von ui serem Vorstand oder von der Schnftleitung ausgehen, nur die persönlichen Anschauungen des Verfassers wieder. Wir sind i ern bereut auch die Vertreter anderer Ansichten an dieser € teile zu Worte kommen zu lassen. Die Schnftleitung. 6ln« Betrachtung von Martin Mofes.*) selbst geboren. Die kaiserliche Zeit hat den AntisemitiÄnus nicht gefördert. Wenn sie ihn nicht unterdrückt hat, dann deshalb, weil sie ihn nicht unterdrücken konnte. Jedenfalls blieb er damals im allgemeinen, auf verhältnismäßig harmlose Hänseleien und Zurücksetzungen beschränkt. Und wenit ein untüchtiger Jude nicht an den Platz kam, zu dem er strebte, an den er aber nicht gehörte, dann suchte er seine Unfähigkeit hinter dem Antisemitismus zu verbergen. Nur ehrlich fein! Es gab und gikst auch heute noch in unserer StammesgezNeinschast viele Blender. In der Vorkriegszeit "konnte sich der Antisemitismus uie so entfalten, wie heute, wo das Volk selbst regiert. Das bürgerliche Zeitalter lag der Mehrheit der deutschen Juden schon deshalb näher, weil es zu allererst dve Geisteskultur berücksichtigte. Der jüdische Deutsche, der sich willig einzuorhnen verstand und di« Gesetze achtete, hatte freiere Bahn als heute. Vor der Polizei und dem Gericht galt es damals geradezu afs-ein Vorzug Jude zu sein. Das hieb bis zur Führung "des egendeweises: unbescholten sein. Und heute? Die Sttahe hat das^Heim verdrängt und die Geisteskultur überschrieen. Der Famiüensinn ist im Absterben, die Phrasen einer her »engeistigen Ätenge ersticken jedes kluge durchdachte Wort. Der Sport--Hat über den Geist gesiegt, die Zeitung hat das i such abgelost. Viele Stunden lang vermögen viele Tausende von Menschen einem Fuhballkampf zu folgen, derweilen der B such der Vortrüge und Konzerte 311 wünschen übrig läßt. Die l Ehrfurcht gegen Aeltere schwindet und das Kind, das vor »ein Kriege manchmal zu schroff angefaht wurde, wird beut so ehrfurchtsvoll behandelt und mit so viel Rücksicht umgeben, dah später einmal der hartherzigste Egoist aus ihm werden riuh. Ich laste dahingestellt, aus welchen Ländern diese Mihsti nde importtert sind, jedenfalls weih ich, dah sie mit jüdisczem Wesen, wie es unserer Religion entspricht, nichts zu tun h< den und noch weniger mtt unserer jüdischen Abstammung.! Seid ehrlich deutsche Juden! Seid aufrichtig! Wir sind in der großen Mehrheit nicht radikal. Wir haben innerste» in unserer groben Mehrheit auch heute die goldene Mitelstrahe nicht verlassen. Einen gesunden, wohlüberlegten Fortschritt können wir mitmachen. Aber diesen sinnlosen Ridikalismus, der sich in Deutschland breitgemacht hat. kann kein Jude, der es noch sein will, unterstützen. Auch Jugend iche unserer Abstammung sind unter den Schreiern, die sich nur noch auf der Gaste wohlfühlen. Nur ganz wenige von den Alten und von der Mittelaeneration, die den Krieg mitgemacht hat. Die Radikalen sind jene Kriegs- und Nachkri, gskinder, die sich ihre „Freiheiten" erst selbst hätten verdienen sotten. Eine müde Generation von Kriegsteilnehmern hat ihnen willenlos das Feld überlasten. Die Generation, die den allmählichen Uebergang zu einer neuen Zeit hätte bahnen können und losten, hat sich selbst ausgeschaltet. So regicren denn die Besterwister weiblichen und männlichen Geschlec >1s. kaum dem Kindesalter entwachsen, und drücken dieser Zeit ihren Stempel auf. unter ihnen viele Stammesgenosten ms Osteuropa, die — ich weih nicht wie — plötzlich in Deutsch!, md waren und sich hier nickt wie Gäste betragen, sondern die Gastfreundschaft mit Undank belohnen. Für alle diese soll die deutsche Judenheit in ihrer Gesamtheit verantwottlich stin. Wir haben heute in DeutsÄand zwanzig und mehr Parteien. Es genügten zwei. Eine, die ,diejenigen Deutschen sammelt, die jeden sogenannten Fortschritt gedankenlos chitmachen. die aste Umwälzungen billigen, nurweil Neues Ion die Stelle des Alten tritt, die dem Sport, der Rekordwut. der Modetorheit, den Entartungserscheinungen, der Sensation, der Strahe verfallen sind. Und die andere Pattei soll diejenigen sammeln, die selbst denken können, die einem gesunden Fortschritt nicht Feinde sind, aber auch gute traditionelle Einrichtungen erhalten wissen wollen und sie nicht nur deshalb., weil sie alt. also unmodern sind, verwerfen. Zu dieser anderen Pattei wird sich die deutsche Judenheit tn ihrer überwiegenden Mehrheit bekennen.! Es geht heute nicht mehr um Monarchie oder Republik, es geht nicht einmal vorwiegend um Wirtschaftsfragen. les handelt sich um Sein oder Nichtsein einer bewähtten Kultur, an der auch die bodenständigen deutschen Juden ihren guten Anteil haben. Radikal oder traditronell-bürgerlich? Wir deutschen Juden werden meist das Letztere wählen. Schon deshalb sollten wir uns hüten, ktttistos auf die Vergangenheit zu schimpfen, nur weil sie „kaiserlich" war. 1 Me Programm -Rümmer unseres Mitteilungsblattes (Nr. 1 bom Geptemb 1921) wird von unserer Geschäftsstelle auf Wun koftCtttoS übersandt.

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