Mannheim
Compact Memory

Der nationaldeutsche Jude · 1931-08-01 · Nr. 8 (August 1931) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1931
Issue
Nr. 8 (August 1931)
Date
1931-08-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6682492-5438690-5438892--634-4871811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

bürgerlich und freiheitlich gesinnte I ibe ohne Gewissensbedenken hatte anschlietzen können. Es hieben mir die sozialdemokratische Partei, die christlichsozial s, die. nit dem deutschen Zentrum weltanschaulich verwandt, doch von ihm durch ihren grundsätzlichen, gegenwärtig <ms taktischen Gründen etwas zurückgestellten Antisemitismus ve» schieden ist. und die grohoeutsche Partei, die rassenantisemil isch eingiestellt ist: von den Hakenkreuzlern gar nicht zu reden.! Bezeichnend für unsere Berhä tnisse ist die Tatsache,, datz an der Wiener Universität der jüdische Student deutscher Muttersprache, mag er auch auf deutschem Boden geboren sein, nur deutsche Schulen besucht haben, jja auch der christliche Student nachweisbar jüdischer Abkunft nicht als Deutscher anerkannt wird. Er mäg nach der Studentenordnung seine Vertreter als Angehöriger der jü dischen Nation wählen oder dies in der „gemischten Gruppe '* tun i— der „deutschen i Studentenschaft" kann nur der „R issenreine" angehören. Alle Bemühungen, alle Kämpfe jüdisch:r Studenten, als Deutsche '»erkannt zu werden, sind vergeblil h. In einer solchen Lage ist jeder Versuch, in Oesterreich eine» „Verband nationaldeutscher Juden" zu erhalten, von vornherein zum Scheitern verurteilt. T enn für uns hat „national" in diesem Zusammenhänge einen unerträglichen Nebenfinn gewonnen. Dabei fühlt sich ein grober Teil von uns noch immer dem deutschen Volke schicksalsmäs ig -unauflöslich verbunden, zur Teilnahme an seinem staatlichen Seim an seiner Kulturarbeit unmittelbar vervflichtet. So wie -der Franzose oder Italiener, der Russe oder der E kgländer im deutschen oder deutschösterreichischen . Juden zun ichst desi Deutschen, den Deutschösterreicher sieht, so fühle» auch wir selber, alle die. Me in ähnlicher Lage sind, ähnliche Entwicklungswege gegangen sind, uns als Deutsche. Dir können uns von dieser Tatsache nicht loslösen, nicht äußerlich, nicht innerlich: und wir wollen es nicht. Aber ebenso steht es mit unerem Judentum. Auch das ist uns. die wir noch in irgendeiner Form >aran halten, etwas Schicksalgegebenes. Wir fühlen je genau, was uns von vielen unserer Glaubens-, Stammesgeno sen trenr t, stehen vielen von ihnen in manchem ferner als m lerer chr stlichen Umgebung: > in Sitte, Lebensweise. Lebensauffassung. Und dennoch bindet uns an sie ein Gemeinsames in der Anchauung über letzte Fragen, dennoch ist ihr Leid unser Leid das Unrecht, das ihnen widerfährt, fühlen wir als : lnrecht auch an uns — denn das Leid widerfährt ihnen, das Inrecht wird ihnen angetan, weil sie sind, was auch wir sind — Judest. Ich will es nicht leugnen: auch viele hon uns finden und enipfinden gleich Ihnen das i massenhafte Eindringen der. Ostjuden nicht immer gerade angenehm.! Sie beanspruchen einen guten Teil unserer Mitte, ohne datz diejenigen von ihnen, die es könnten, stets zu >en nötigen Gegenleistungen bereit wären: sie treten uns vielfach feindselig entgegen, weil wir nicht sind wie sie. Auch bei uns wird der Einfmtz. den sie und die Zionisten auf di s jüdischen Vertrettmgskörver üben, von manchen Seiten als u stark Erachtet. Aber sind - sie für die Teilnahmslosigkeit, für die iGleichgülttgkeit der deutschen, der Reformjuden v«r< ntwortlich zu machen? 3c' gebe zu, datz sie die notwendig Angleichung hemmen, da manche ihrer Eigentümlichkeiten um das Recht der Juden noch sck werer machen. Aber sie sind doch zum groben Teil nicht f eiwillig zu uns gekommen, sondern durch den Krieg und seine Folgen von Haus und Hof vertrieben, viele von ihnen e end und erbarmenswert. Sie sind Menschen, die «in Recht h iben auf i unsere Hilfe. Sie sind z. T.. was wir vor hunder. .vor hujndertfünfzig Jahren waren. Das mag uns unbeque n, beschwerlich sein: aber es legt uns die Pflicht auf. ihnen betzustehsn, sie zu befähigen, sich geistig, sittlich, in den äutzeren Formen den neuen Bedingungen anzupasien, unter dnen sie ihr Dasein führen müssen: wir können sie nicht veifleugnen, wir dürfen sie nicht von uns stohen. Das hat nun freilich wiederum einen änderen inneren Zwiespalt zur Folge. Die wirtschaftliche Not. die die Gesamtheit bedrängt, kann diese zwingen, mit jeder anderen Zuwanderung auch die der Juden aus dem Osten zu hemmen. Haben wir da das Recht, harnn wir die Möglichkeit, dem uns den schweren Kampf Da mutz jeder einzelne mögliche^ Hilfe anderer Staate in den Arm zu fallen? für sich erwogen werden. Die aber dürfen wir nicht versagen. Es würde, wie gesagt, bei losigkeit betrachtet werden müss> unter dem Namen des Jhrigeg begründen. Drauben im Reiche wo der deutsche Staatsname gilt, »nag es seinen Sinn haben, wenn ein Jude gegenüber anderen deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens ui ja auch „deutsche Juden" sind. als Staatsbürger, sondern ai. _ fühlt. Ja es mag berechtigt Min — därtkber steht mir kein Urteil zu —. dah mlan durchwein derarttges Bekenntnis be zeugt, dab man gewisse politts« Parteien — innen» und auf ansieht. In der Tschechosiowak uns geradezu als Eharatteren, wolltejn wir einen Verein jüdischer Abstammung, di« etcmt, dab er sich nicht nur „nattonal" als Deutscher . Forderungen der nationalen Apolitische — als begründet können i die Juden, die auf t eutscher Seit« stehen, dieses Deutschtum im Gegensätze zu den 'Tschechen, auch den tschechischen Juden, national betonen. Bei uns aber, ich wiederhole es, hat „national" einen Sinn erhalten, der es uns als Juden unmöglich macht, dieses Wort i r Verbindung mit deutsch auf uns anzuwenden. Aus alledem erklärt sich auch die Stellung der „Union i eutschösterreichischer Juden"! Ursprünglich als Schutzverein ler österreichischen Juden gehacht. — sie hieb früher „Oesteri eichisch-israelitische Union" — hat sie sich auch in bezug auf Staat und Dolk auf den Boden positiver. Mitarbeit gestellt, (sie bejaht innerhalb der Wiener Judenschaft die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur. Wir sind, jeder an seiner Stelle, Ixreit, zum Wohle des Ganzen zu wirken: wir sehen, ich bei one es nochmals, in deutschem Glück unser Glück, in deutscher (ihre unsere Ehre. Aber wir fühlen uns ebenso, auch dies sei wiederholt, als Erben jüdischer Vergangenheit. Der einzelne, dem dieses Erbe nichts mehr bedeutet, i nag es von sich werfen, mag dadurch sich, seinen Nachkommen reiere, leichtere Lebensbedingungen schaffen trotz aller Rassenchnüffelei. Wer aber dies nicht will, wem sein Judentum noch etwas bedeutet, wer noch an eine geschichtliche Aufgabe s'ieses Judentums glaubt, dem bleibt auf deutschem Boden wenigstens. nichts übrig, alt alle die äutzeren Unannehmlicheiten, Beschwerden, Hemmnisse auf sich zu nehmen, die i eelischen Leiden, die Tragik des inneren Zwiespaltes zu l rdulden, die mit seiner Stellung als Jude und Deutscher ver-!>unden sind, sie weiter zu tragen und an ihrer Ueherwindung u arbeiten. ■ ■ Darf ich an dieser Steife wieder ein Wort von mir selber prechen. Ich sehe ganz ab von der bescheidenen wissenchaftlichen Arbeit, durch die ich am deutschen Geistesleben eilgenommen habe. Aber ich war fast ein halbes Jahrhundert lang, von 1883—1930, in Wien und Prag als Lehrer der deutschen^ Sprache, der Geschichte und Geographie ätlg, meist an Schulen, die einen starken Prozentsatz jüdischer Schüler hatten. Ich habe mich all die Zelt bemüht, den Unterricht so zu führen, dah ich meinen Schülern nicht nur >ie vprgeschriebenen Kenntnisse beibrachte, sondern in ihnen Illen Verständnis und Wertschätzung der christlichen Kulturvelt zu erwecken suchte, innere Aneignung der deutschen Geistesoerke anstrebte. Begeisterung für die geschichtlichen Leistungen »eutscher Vergangenheit, warme Liebe zu deutschem Volk und »eutschem Wesen Warnrufen und zu nähren bemüht war. Und von gleichem Geiste war und ist meine volksbildnerisch« Tätigkeit getragen. Nie habe ich aber dabei mein Judesem verleugnet, zu verleugnen gebraucht. Ich glaube nicht, sehr geehrter Herr Dottor, datz tief» »reifende Unterschiede vorhanden sind zwischen Ihrer Aufässung von den Pflichten der Juden gegen das deutsche Volk, in dem, mit dem wir leben, und der unseren. In unserer politischen Haltung gedenken wir stets des Prophetenwortes: Suchet der Stadt Bestes, dahin ich habe euch lassen wegführen, und betet für sie zum Herrn — denn, wenn es ihr wohl gehet, so gehet es euch auch wohl sJeremia, 29/7). Darum treue Pflichterfüllung gegenüber dem Staatel Ehrliche Arbeit jeder an seiner Stelle, der Kaufmann und der Handwerker ebenso wie der Gelehrte, der Schriftsteller oder Künstler» Treue gegenüber dem deutschen Volke, dem wir, ob auch gegen den augenblicklicken Willen vieler seiner Angehörigen, nun einmal verbunden sind! Achtung vor seiner berechtigten Eigenart und tattvolle Kritik dort, wo diese Eigenart oder das jeweilige Verhalten im Einzelälle jemanden von uns schädlich scheint auch für ihre Träger. Wir wollen, österreichisch-deutsche Staatsbürger sein und bleiben, nicht unter Fremdenrecht stehen, am allerwenigsten uns selbst unter solches stellen. Wir wollen deutsch« Juden sein, als solche handeln, aber Matz halten in der Betonung unseres Deutschtums. „Es ist vergeblich", meint Jakob Wassermann (Mein Weg gls Deutscher uni» Jude. S. 122), „unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie sagen: Was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdnnglichkeit?" Ich matze mir nicht an. den Gegenstand irgend ausreichend behandelt zu haben: aber Sie dürsten aus dem Gesagten vielleicht doch ersehen, welches die äutzeren, welches die inneren Ursachen sind, aus denen Ihre Bemühungen in Wien auf grotze Schwierigkeiten stotzen. Es. wird unter den deutschen Juden Oesterreichs eben nur wenige geben, die nicht den unzerreitzbaren Zusammenhang erkennen zwischen der Geinnung, die sich bei uns national, deutschvölkisch-nennt, zu »eren Kennzeichnung wir eigentlich kein deutsches Wort haben, andern nur das Fremdwort Ehauvinismus, und dem Iuden» hatz, der sich Antisemitismus heitzt. So müssen wir deutschen Juden Oesterreichs unsere eigenen Wege gehen, auch dann, wenn man uns vielleicht Halbheit, Läuheit vorwirst, uns der Zwischenschicht »uweist. In Wahrheit stehen Sie und wir ein unter doch weit näher, als es auf den ersten Blick scheint. Wenn es Ihnen gut dlntt, mögen Sie dieses Schreiben veröffentlichen, es als „Ost men Brief" behandeln: jedenfalls

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.