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Der nationaldeutsche Jude · 1931-07-01 · Nr. 7 (Juli 1931) · p. Seite 7

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1931
Issue
Nr. 7 (Juli 1931)
Date
1931-07-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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'Jüdifcbe Deutfcbe in Qtftemtcb. I Ton Regfcrungerat prof. Dp. Ludwig Singer ((Qkn). iS i. Vorbemerkung.; Die nachstehenden Ausführungen sind uns von dem Verfasser, der nicht Mitglied unseres ,Verbandes ist. mit dem Anheimgeben eingesandt worden^ sie zu veröffentlichen. Wir folgen dieser Anregung gern, insbesondere deshalb. weil der Brief fehr interessante Darlegungen über die früheren und jetzigen Verhältnisse in Oesterreich enthält. Das die Ergebnil se oder vielmehr Nichtergebnisse, zu denen der Verfasser gelangt, nicht in unserem Sinne sind, bedarf für den, der unsere Anschauungen kennt, kaum noch der!besonderen Betonung. Da aber die Länge des Briefes uns nötigt, den Brief zu teilen und das zweite Stück erst in unserer August» Nummer abzudrucken. werden wir dann in einem Nachwort auch das, was wir zu dem Schreiben zu sagen haben, in Kürze zusammenfassen. Die pchriftleitung. H. j Dr. Ludwig Singer an Dr. Mar Naumann. Wien. 2|7. Mai 1931. Sehr geehrter Herr Doktor! Zugleich mit diesem Schreiben erlaube ich mir. Ihnen ein paar Blätter der Äprilnummer unserer Wiener B'nai-Brith Mitteilungen für Oesterreich zu übersenden, die ich Ihnen eigentlich längst hätte zukommen lassen müssem da sich der zweite Teil meiner Darlegungen mit Ihrer Stellungnahme u Lion Feuchtwangers „Erfolg" beschäftigt. Aber mir fehlt >ie in solchen Fällen doch wohl erforderliche Betriebsamkeit, Tätigkeitslust oder, wie Sie es nennen wollen, und es bedurfte eines besonderen Anlasses, um dieses „Trägheitsmoment" zu überwinden. z Unser gemeinschaftlicher Freund vr. W. K. hatte vor kurzem die Liebenswürdigkeit, mir die Schriften zur Verfügung zu stellen, die er von Ihnen erhalten hatte.; Seine Absicht dabei war auch die. mich zur Abfassung ein« Antwort auf Ihr Schreiben zu veranlassen, die die Stellungnahme derjenigen begründen sollte, welche, so ungefähr die gleichen Anschauungen hegen wie wir selbst, die wir keinf Zionisten sind, uns nicht als Nationaljuden fühlen, sondern uns als deutsche Juden betrachten, ohne doch' für uns die Bezeichnung „nationaldeutsche Juden" in Anspruch nehchen zu wollen oder — wenigstens unter unseren österreichischen Verhältnissen anständigerwerse auch nur in Anspruch nehmen zu können. Zwar glaube ich nicht, dab wir m beäug auf unfet Verhältnis zum deutschen Volke in wesentlichen Dingen sehr viel anders denken als Sie und Ihre Freunde: aber unsere Verhältnisse sind eben von den Ihrigen doch in manchem verschieden und nötigen uns zu einer anderen Haltung. Gestatten Sie mir. datz ich Ihnen aus eigenem Erleben und an ihm die Stellung erkläre, die wir einnahmen. Ich bin geborener Wiener, der Sohn eines Kleingewerbetreibenden, des Wiener Bürgers und Spenglermeisters Gabriel Singer. Mein Vater war in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts als Knabe aus Mähren «n WienI eingewandert. Nun erzeugten die Zustände in Böhmen und Mahren ein eigentümliches Verhältnis der Juden zum Deutschtum. Vielfach gab es jüdische Gemeinden, die auch politisch selbständig waren, nicht blotze Kultusgemeinden, qber räumlich mit christlichen tschechischen Gemeinden zusammenlagen. Diese jüdischen Gemeinden trugen und tragen z. T. noch deutshen Charakter, hatten deutsche Amtssprache, deutsche Schulen, so dab es wohl auch geschah daß christliche Beamte, Offiziere, die in solchen Gegenden Dienst leisteten, ihre Kinder in die jüdischen Schulen schickten, damit sie deutschen Unterricht erhielten. Die Juden dieser Gemeinden waren zumeist auch des Tschechischen mächtig, da si^seiner zum geschäftlichen Verkehr bedurften, galten aber den Tschechen und sich selbst als Deutsche. Juden, die sich ganz der tschechischen Umgebung anschtossen, s waren selten. Ebenso war die Haltung der Juden in den gröberen Städten Böhmens und Mährens fast durchwegs deutsch, und an dem Kulturleben der Deutschen in den Sudetenländern nahmen sie regen, ja hervorragenden Anteil. Das „Deutsch", das die gebildeten Schichten der Prager deutschen Judenschaft sprachen, galt als besonders fprachrein und richtig. So fühlten sich diese Juden, wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen oder um der geistigen Ausbildung willen in reindeutlche Gebiete (Niederösterreich, vot allem Wien usw.) abwanderten, trotz aller Beschränkungen, denen sie noch ziemlich lange unterworfen waren, nicht eigentlich als nationalfremd. Aehnliches, galt für einen Teil. der aus Ungarn, z. B. dem jetzigen Burgenlande, nach dem Westen Gekommenen, während anders etwa aus Oberungarn oder aus Galizien oder gar aus den Oststoaten (Russischpolen. Rumänien) stammende Ansiedler sich selbst viel mehr als fremd empfanden, schon an ihrer Sprache auch als fremd empfunden wurden. Doch fügten auch viele von diesen sich rasch der neuen Umwelt ein. Eine Ausnahmestellung nähmest da wieder z. T. die Juden aus der Bukowina ein, die auch schon in ihrer eigentlichen Heimat sich dem deutschen Elemente angeschlossen hatten. So war es für mich, dessen Dtuttersprache wirkliches Deutsch war, der m durchaus deutscher Umgebung aufwuchs,' eigentlich selbstverständlich, dab ich mich als Deutscher fühlte, und genau, so erging es allen meinen jüdischen Kollegen, wie wohl ich (1868—1876) -nn einem Gymnasium unterrichtet wurde, das, in einem von vielen Juden bewohnten Bezirke gelegen, damals einen überwiegend jüdischen Schülerstand hatte und ihn auch heute stoch haj, Die Lehrer waren (mit Ausnahme des Religionslehrers natürlich) durchaus Christen (Arier!) und ihre Haltrsng uns gegenüber, so verschieden die -einzelnenin bezug auf wissenschaftliche Bildung, erzieherische Begabung sein mochten, durchaus einwandfrei, wohlwollend, so dah es weder mit unseren Lehrern noch auch mit unseren christlichen Kameraden jemals zu einem nationalen oder religiösen Zwiespalt kam. Die ersten stärkeren Meinungsverschiedenheiten unter uns Kollegen wurden in den obersten Klassen durch die Stellungnahme zu Richard Wagner hervorgerufen. So war es denn natürlich dab wir. an die Universität gekommen, in den „Leseverein der deutschen Studenten" ein» traten, der eine streng deutschnationale Richtung vertrat, im Gegensätze zur „Akädemischen Lesehalle", die auch zahlreiche nichtdeutsche Mitglieder hatte. Dem Leseoerem gehörten die Burschenschaften an, und zjwar sowohl die konservativen (schlagenden) wie die nichtschlagenden.» farbentragenden nationalen Verbindungen. während die Corps sich z. T. der Lesehalle angefchlossen hatten. Wie es mit den Landsmannschaften stand, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Zu den führenden Persönlichkeiten ded Lesevereins gehörten, damals noch ganz, national gerichtet, die späteren Führer der Sozialdemokratie» Dittor Adler und Engelbert Pernerstorfer. Die Burschenschaften zählten in jen» Zeit viele jüdische Mitglieder, namentlich diejenigen, in denen sich vornehmlich Sudetendeutsche zusammenfanden. Denn auch die Juden in den Sudetenländern waren, wie mich dem vorher Gesagten wohl selbstverständlich, ' in den dort herrschenden Nattonalitätenstreit hineingerissen worden, und die Studenten hatten sich, jung wie sie waren, vielfach den äutzersten Richtungen angeschlossen, sie waren „stramm deutschnational". Die Art, wie - diese deutschnationale Gesinnung betätigt wurde. Bismarck» und Hohenzollernkultus, ständige Predigt von dem notwendigen Zerfalle Oesterreichs und'der alleinigen Berechtigung des Strebens darnach, zwecks des Anschlußes der ehemals deutschen Bundesländer an das Reich, patzten aber vielen von uns Wiener und alpenländischen Deutschen nicht. (Fottsetzüng folgt in der August-Nummer.) > weg nach Havre bugsieren werde. Die innere Problematik unseres Verhältnisses zu Rutzland ist auch hier wieder auf die primitive Formel zu bringen: „Was w i c nicht machen, macht ein Anderer." O Nun steht zunächst nur das «ine fest, datz nach vierjähriger Pause die russisch-französischen Verhandlung m wieder begonnen haben. Sie wurden damals unterbrochen infolge gewisser scharfer Konflitte, hervorgerufen durch unverschämt betriebene kommunisttsche Propaganda auf der «inen, und energische Geaenmatzregeln auf der anderen Ser«. Setther war Frankreich Moskau's „Erzfeind". Wir erinnern uns, datz noch im vorigen Jahre — anlätzlich des nahen „Schädlingsprogefses" — die Sowjetpresse emphatisch erklärt hatte, auf der Anklagebank sähe m Wirklichkeit der grobe Verbrecher Frankreich und neben ihm. - schandüberladen, die französische Politik. Wenn jetzt die erhitzten Gemüter sich wieder beruhigt haben, und französische Regierungsvertreter mit Sowjetdelegierten am Verhandlungstisch sitzen, so wird das wohl seine Gründe haben — es erscheint uns aber mühig, über düs Wesen dieser Gründe zu orakeln. Wir haben näherliegende Sorgen, als uns die französischen Rentnerköpfe;u zerbrechen, ob nun Rutzland fein« Anlerheschulden aus zaristischer Vorkriegszeit endlich — und sei es auch nur „im Prinzip" — anerkennen werde, oder noch immer nicht. Desgleichen kann uns auch völlig gleichgültig sein, ob die Sowjetbeauftragten ein „Kompensationsgeschäft" vorschlagen, des Inhaltes etwa, einige französtsche Eisen- und Stahlsotten für den industriellen

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