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Der nationaldeutsche Jude · 1931-06-01 · Nr. 6 (Juni 1931) · p. Seite 3

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1931
Issue
Nr. 6 (Juni 1931)
Date
1931-06-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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t» p ' jVationatjudcntum ohne patHlttna.*1 Ton Baiie Hdim. I Es war vorauszusehen. datz die nationaljüdische Theorie sick in dem Augenblick vom Zionismus «lösen würde, in dem sich das Palästmaerperiment. wenigstens in dem geplanten Umfangeals undurchführbar erweist. In anderen Ländern war das Bündnis zwischen Nationaljudentum und Zionismus, das uns heute in Deutschland fast als selbstverständlich erscheint. nie in gleicher Weise gegeben. So ist beispielsweise die in Osteuropa vorhandene jüdisch-sozialistische Partei, der „Bund", entschiedener Anhänger des Gedankens der nationalkulturellen Autonomie, aber nicht weniger entschiedener Gegner .des Zionismus wie überhaupt des Gedankens einer territorialen Lösung der Judenfrage. Nunmehr ist auch in Deutschland eine ähnliche Auffassung in der Oeffentlichkeit vertreten worden. Unter dem ebenso anspruchsvollen wie nichtssagenden Titel „W i r jungen Juden" ist eine Schrift eines Herrn K a r l L i e b - lich, erschienen, die der Verlag unter dem Motto herausbringt: „Eine neue jüdische Idee von Weltbedeutung: Die interterritoriale Nation!" Diese Schrift enthält drei Vorträge, die Anlatz zur Gründung eines „Bund für Neues Judentum" in Stuttgart bildeten. Der Autor bezeichnet seine Idee einer interterritorialen Nation als „eine Mediane gezogen zwischen der Linie des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der nach Lieblichs Ansuht wesentlich nur die jüdische Zerstreuung bejahe, nicht aber die Naturtatsache eines jüdischen Volkes, „und der Linie des Zionismus, der wesentlich nur das jüdische Volk bejaht, nicht aber die Schicksalsaufgabe der Zerstreuung''. In den fünf Grundsätzen, die das Wesen des Bundes für Neues Judentum in religiöser, politischer und ethischer Hinsicht kennzeichnen sollen, heitzt es auch demgemäh: „Auf politischem Gebiet bekämpft der Bund für Neues Judentum jede zur Selbstauslösung neigende Assimilation, würdigt hingegen im Zionismus die volkheitliche Gesinnung, wenn er auch .grundsätzlich seinen Weg als unzulänglich ablehnen muh. Er erkennt die Bestimmung des jüdischen Volkes, als einziges Gürtelvolk der Erde zu leben, und erstrebt die Anerkennung dieses Schicksalsrechtes von allen Staaten. Demgemäh sucht er den Zusammenschluß aller jüdischen Stämme zu einer Weltjudenheit zustandezubringen und fordert ihre Selbstbestimmung nach innen, nach autzen ihren Schutz als Weltminderheit." Dieser nationaljüdischen Ideologie kann von jüdischer Seite aus gar nicht entschieden genug entgegengetreten werden. Sie widerspricht der Tatsache unseres Seins als Deutsche jüdischen Glaubens, negiert den Emanzipationsweg der Judenheit und gefährdet die Gleichberechtigung detz deutschen Juden im deutschen Volke. Die.nationaljüdische Ideologie ohne das Palästinawerk ist selbst mit der Anschauung des Centralvereins, der in der Palästinafrage gern seine „neutrale" Haltung betont, unvereinbar. Bon einer „Mediane" kann überhaupt nicht die Rede sein. Wer wollte im Reiche des Geistes einen Mittelweg finden zwischen Ueberzeugungen, die sich gegenseitig ausschlietzen! > Hier kann es nur das eine geben: Entscheidung. Für Lieblich ist es Anmatzung, wenn sich Juden als Deutsche, Franzosen oder Engländer betrachten, ist es Selbstbetrug, wenn sie behaupten, die eine Wurzxl ihres Seins sei jüdisch, die andere aber deutsche französisch oder englisch. Er bleibt bei dem Bilde, meint, datz „beide Wurzelsprietzen jüdisch" seien und sagt: „Auch die Früchte dieses jüdischen Baumes können nur wieder jüdische Früchte sein, mögen sie auch durch deutschen, russischen, amerikanischen Erd- und Luftstoff anderen Geschmack und andere Färbung gewonnen haben." Und an einer anderen Stelle heitzt es: „Wir sind nicht deutschen, französischen, englischen Blutes und deshalb nicht deutscher, französischer, englischer Volkheit." Hier zeigt sich die unüberbrückbare Kluft zwischen natiönal deutsch er und national jüdischer Anschauung. Ist uns Volkheit geistige Gemeinschaft. Gemeinschaft der durch em Territorium Verbundenen. die Sprache und Sitte. Bolkeschicksal und Kulturoerbundenheit eint, so ist dort Volkheit nur ideologischer Ueberbau der Blutsgemeinschaft. Nicht mehr käme es nun — wenn folgerichtig die Auffassung beibehalten werden würde, datz Volkheit und Blutsgemeinschaft kongruente Gemeinschaften bilden müssdn — darauf an, datz wir E i n z e l n e uns entscheiden, uns bekennen, wir wären Gefangene unseres Blutes. Das aber ist trotz aller romantischen Anwandlungen und trotz aller Verhüllungen durch 'Worte der Abstieg vom *) Der Verfasser ist nicht Mitglied unseres Verbandes. Er gehört zu dem uns gefühlsmätzig! nahestehenden Teil der Jüdischliberalen. Ueber den von hem Verfasser kritisierten „Bund für Neues Judentuch" haben wir in unserer Nr. 1/31 kurz berichtet. Wir haben dort vorgeschlagen, datz der Bund sich „Jüdischer Bund für Rechtfertigung der Judenfeindschaft" nennen solle. Die Schriftleitung. Geiste zur MateriefZst Aufgeben der dem Menschen ziemenden Unterordnung der Materie unter den Geist, ist Versklavung des Geistes durch die Materie. Schon der nächste Schritt führt dann dazu, datz n an das Tierische des Seins als selbstverständlich hinnimmt, ethische Gemeinschaft verneiirt, sagt, „der Stärkere muh den schwächeren unterdrücken" oder „alle Völker sind bei allen Anbei! evt. mit ihre Formen heucheln Freundschaft". So wird die Verbundenheit der Völker durch den Geist verneint. wird ihre glincinsame Aufgabe, über den Rahmen des Volkes hinaus ein Segen'der Menschheit zu sein, dem Volksegoismus Hintanges «llt, wird das Trennende der Völker stärker gewertet als das Verbindende. Man glaube nicht, datz es sich bei dieser Differenz nur um graue- Theorie handölt. Lieblich ist ehrlich genug, auch die Folgerungen a iszusprechen, die sich ergeben müssen, wenn sich die Juden emi »finden als „Gürtelvolk, dem Mörtel ver gleichbar, der gürti kförmig ein nach unfertiges Haus umzieht, bindend und noch nicht völlig und niemals völlig gebunden, mag unsere Heimat in Deutschland, in Meiiko. in Australien sein't. Freilich siest er mehr die Folgerungen und Forderunx en. die sich vor jüdischer Seite ergeben. Da aber ein Volk ein ebender Orgar isnms und nicht dem Steinwerk des Hauses vergleichbar ist, muhte er wohl auch Verständnis dafür aufbringen können, wefm ein Volk den Wunsch hegt, einen Gürtel abzulegen. Aber wenn er verlangt, datz wir uns „nach innen und autzen als Volk vei künden und diese Tatsache unserer Volkheit gesetzlich-vertraglich, : staatsrechtlich, völkerrechtlich verankern", so ist auch das schon ungeheuerlich genug und zeigt die Gefahr des nationaljüdisch est Weges. Er und sein Bund wollen „die Forderung eihebeml nach deih Recht der Minderheiten leben zu dürfen", und als lockendes .Beispiel wird die Verleihung nationaler Minderheitsrechte an die Juden der Tschechosiowakei d« »gestellt. Abgrenzung fordert er^, Unddas bedeutet zu dc m Scheiterhaufen, den Antisemiten' zu errichten bemüht sind I nun Jaud) noch von jüdischer Seite Hölzer zu tragen. Wörtl ch heitzt es: „Abgrenzung ... Fleischspeise nicht mit Milchspeise. Wolle nicht mit Leinen zu vermengen --in dieser uralten Vorschrift unsere- Gesetzes steckt mehr als eine Weisheit für Tisch und Schrotzk, sie verkündet in Gleichnisform eine geistige Wahrheit.! Ein deutscher Jude, der das Amt eines Ministers in deut chen Staatsangelegenheiten übernimmt und es versäumt (Ra Henau), seine Judenschaft von Anfang an vor aller Augen zu klären .... über dessen Haupt schwebt an unreir lichem und also unzulänglichem Faden ein Damoklesschwert.' Nun, man maß vorzuwerfen haben, hat er sich in volles: immer nach dem Wtz denke nur an sein seine späteren Bekentz tum und Deutschtum trennte - geistige Bezi Menschen, im deutsch RatKenau viel oder wenig öder nichts! das ist doch gewitz: über sein Judentum Oeffentlichkeit — wenn auch gewitz nicht nsche der Juden — ausgesprochen. Man 'stes, qrimmerfülltes „Höre -Israel" oder tnisse in der „Apologie" und „An Deutschlands Jugend". ohi:r man lese in den Erinnerungen des Fürsten Bülow. Ficilich hat ihn. dessen Tragik neben Vielem auch der Kontrast »oischeh seinem Idealbild des Judentums und der .Wirklich!«it def heute in Deutschland sichtbaren jüdischen Gemeinschaft war, sein Judentum nie gehindert, sich bewutzt als Deutscher zu> fühlen, ja. mehr, Deutscher zu sein. Der Einzelfall Nathenau gilt für die Gesamtheit. Juden *" "" i sind hier Bezeichnungen für völlig ge irke, deren harmonische Verbindung im lsen Juden gefunden werden mutz. Hier mögen sich, im EinZelfall! gewitz Konflikte ergeben können, aber schlietzlich ist ebth ein! Mensch kein ausgeklügelt Buch und die Beispiele derer.! Zn Heren Leben und Wirken sich der Deutsche jüdisches Glaubens verwirklicht hat. sind zahlt reich genug, um dies, Möglichkeit zu erweisen. Müssen wir so von unserem Dcutschsein aus den Ausführungen Lieblichs widersprechen, so zwingt uns zu gleicher Ablehnung auch unsif Judesein im religiösen Sinne. Ist uns doch religiöses Judmtum göttliche Offenbarung, der jeder Mensch teilhaftig w Zden kann, gleichviel welchen Stammes, welchen Volkes. welken Blutes und welcher Hautfarbe er ist. Hier aber, bei Lieb! ch und seinen Freunden, wird Judentum aus seiner Selbstänt gleit in detz Zustand der-, Abhängigkeit versetzt. Einmal Heist es: „Religion ist nur wie die Blüte an einem Stamm, mfr eilte einzige Lcbensäützerung im Verhältnis zum ganzen Leben. Dieses ganze Leben aber heitzt Volk, unser lüdischr^ Volk, unsre Judenheit." Und ein andermal: „Wir haben das Verhältnis der Religion zum Leben wahrhaft best nmt, indem wir sie aus ihrem Mittelpunkt heraus und an den'Kreisrand setzten, und wir haben an ihre Stelle das Bplk selbst, seine Erhaltung, seine Zukunft eingesetzt."; Als vor wenigen Jahren ein Werk über „Die Religionen der Erde" erschien,' wurde die Mitarbeit von jüdisch-

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