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Der nationaldeutsche Jude · 1931-05-01 · Nr. 5 (Mai 1931) · p. Seite 7

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1931
Issue
Nr. 5 (Mai 1931)
Date
1931-05-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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feldm arfcball JMoll I Zu seinem 40. (Todestag am 24* Hprtl 1921. Um den Feldmarschall Moltie a Mensche» erschöpfend zu fassen, braucht^ gehender Studien. Das hinlerlassene W: an Tagebuchauszeichnungen und Briefer Schriftsteller und es langer und ein- :fk des Feldmarschalls ist sehr umfangreich und der Marschall ist auch als Schriftsteller und Künstler de deutend. Hinter dein Schriftsteller wie Moltte steht dieselbe ruhige, klare un> feste Persönlichkeit. die alles, was j}e tut und ichafft, mag es Aufnahmen, um Schlachtenpläne, um lünstlerische Studien handeln, mit der lichkcit erfüllt. Graf Moltke hat viel ui» für sich den Ruhm des Dichtern oder itünitfers zu bcanfprucheir, trotzdem enthält seine literurisckze und künstlerische Hintcrlajsensck-ast einen Schatz, der auch heizte noch nicht verblichen ist. Einen Schatz, der den J'cier und Betrachter bewegt und beglückt, und der wohl e als ScbriftltcUer und JVIenfcb. Ton 6 r n ft 8 erg (Raffel). hinter dem Strategen sich um topographische Tagebuchblätter oder Kraft ihrer Innerzu bescheiden gedacht. sorgfältig gesammelt wurde, aber nie in seiner ganzen Füll; und Bedeutung erschlossen ist. Auch die nachstehenden Zeilen wollen nicht nachzuholcn suchen, was ein halbes Jahrhundert versäumt hat, sie wollen nur ein Wort des Gedenkens sein für den groben Soldaten, der vor vierzig Jahren die« Augen schloh. Sie wollen ein paar Lichter spielen lassen! um den Mann, der ebensosehr wissenschaftlicher und künstlerischer Geist wie militärischer Wille war. j Der Militär Moltke gehört in erster Linie den Militärs. Sie haben immer gemuht, was sie an! ihm besaben. und sie lurben ihn geliebt und bewundert, wie fr es verdiente. Aber er gehört nicht nur den Militärs: sie sollen ihn nicht vor der profanen Welt abschliehen. Sonst muh ja über dem Soldaten Moltke der Mensch Moltke vergessen werde». Die Strategie ist leine Geheimwifsenschast: sie fliebt aus denselben Quellen des Geistes, aus denen alle menschlichen Handbmgen und Leistungen entstehen. Plag sein, dah nur der Fachmann die technische Meisterschaft begreift, ob es sich um einen Feldzugsplan oder ein Gemälde handelt, aber die Leistung als solche, die dem Geist entstammt, kann auch vom Geiste begriffen werden. Moltke selbst hat mehr als einmal verlichcrt, die Strategie sei nichts als Anwendung des gesunden Menschenverstandes auf militärischem Gebiet, und Moltte selbst ist wie, Cäsar und Napoleon ein Beispiel dafür, dah man mehr sein muh als militärischer Fachniann, um militärisch grobe Leistungen zu vollbringen.. Helmnth von Moltke.'grob und schlank von Statur, mit einem bleichen, aber ausdrucksvollen Gesicht — wie er sich selbst einmal kennzeichnet — ist nach Körper und Geist der Sohn eines alten mecklenburgisch-deutschen Adelsgeschlechtes. Die Schule ist streng: die Liede, die man für ihn fühl«, bleibt im Herzen der Eltern verschlossen. Mit neun Jahren kommt Moltte zu einem Pastor in Pension, mit elf Jahren tritt er in eine Kadettenanstalt ein. Für den mittellosen Knaben, dessen Pater in dänischen Kriegsdiensten steht, beginnt eine traurige, freudlose Zeit. Moltke «hat die furchtbaren Eindrücke dieser Jahre nie vergessen. Sie sind schuld, wenn man ihn später den „groben Schweiger" nannte. In einer Sclbstbiographie schreibt Moltke: „Die Behandlung war streng, selbst hart, und wir gewöhnten uns früh an Entbehrungen aller Art." Und 1842 klagt er in ei rem Brief an feine Braut: „Bei mir hgk eine schlechte Erziehung und eine Jugend voller Entbehrungen die angeborene Freilirdlichkeit oft erstickt, öfter auch die Aeubcrung derselben zuiückgedrängt, und so ilche ich da mit der angelernten, kalten, hochmütigen Höflichkeit, die selten Jemand für sich gewinnt." Hochmütig, kalt, spröde, so empfand er sich selbst, und d« er im Innern eine seine, zarte, empfindsame Natur war. so muhte der Widerstreit ihn oft zur Berzwcislung bringen. Bezeichnend für den Mann, der drei Feldzugspläne entworfen und zum glücklichen Ende geführt hat. ist auch^ dah er nie so recht an seine Begabung glauben wollte. Seine Bescheidenheit watr übergroh. Immer , stand er auf dem, Sprung, seinen Abschied einzureichen, um eineNi Anderen. Besseren den Weg freizusteben. Man muh Moltkes „Briefe über Zustände und Begebenhciten in der Türkei" lesen, unz zu erkennen, welch erstaunliche geistige und künstlerische Kraft in diesem preuhischcn Generalstäbler und Prinzenbcgleiter verborgen lag. Moltke vereint in sich den klaren, sicheren Blick des Soldaten mit der Beg'cistcrungsfähigleit des Künstlers und der Gründlichkeit und Zuvtrläsfigkeit des Gelehrten. Während er — ganz Auge — ein Gelände betrachtet und nach der besten Stellung für die Truppen sucht,.nimmt er die Schönheit der Gegend wahr und hält sie in feinen, charakteristischen Strichen in seinem Slizzenbuch fest. Er studiert die Gesteine, die «Pflanzen und Tiere des Landes, beobachtet die Gebräuche und Sitten der Landesbewohner und läht die Empfindungen fremder Menschen wie die eigenen auf sich wirken. Nichts ist ihm gleichgültig, nichts der Beobachtung oder des Studiums unwert. So lieht er alle Dinge im groben Zusammenhang ihrer historischen Entwicklung wie ihrer geographischen und klimatischen Bedingtheit. Dabei geht ihm das Herz auf'pnd fröhlich wie sein Sinn > wird seine Darstellung!. Hören wir doch, wie der preubische Major seine Arbeit über die Campagna abschlieht, die er bei einem Aufenthalt in Rom aus freien Stücken topographisch ausgenommen hat: . „Die Mühe der Arbeit ward d«m Verfasser reichlich belohnt durch die Frepde, welche sie ihm gemacht tzat. Möchte die Aufnahme auch andern nützlich werden und möchte bald ein Nachfolger sich finden, der mit demselben Eifer, aber mit mehr Fähigkeit und Mutze den Platt vor allem bis über das Alban,rgebirge uhd bis zm Tibcrmündung ausdehnt.- Dir, meinem unbekannten Nachfolger, weissage ich grobe Freude an deiner Arbeit in jener herrlichen Gegend. Wohl ist es ein wonniges Gefühl, in ter Morgcnfrische durch die noch schlummernde Stadt zu fahren, hinaus aus den engen Gartenmauern in die weite, freie Ebene, dort mit geschonten Kräften das «Tagewerk zn beginnen. Du wählst einen erhabenen Standpunkt, um dich z l orientieren, und während die Nadel einspielt, schweift dein Blick über das prachtvolle Panorama rings umher. Tiefe Stille herrscht durch die einsame Gegend, und selbst der Sc »all der Glocken dringt von den 360 Kirchen auf deir lieben Hügeln nicht mehr bis an dein Ohr. Kein Haus, kein! Mensch ist« sichtbar, nur schön gefärbte Eidechsen schauen von dpm alten Mauerwerk mit klugen Augen auf dein Beginnen uhd stürzen dann eilig davon. Jetzt schwebt die strahlende «scheibe der Sonne über das Sabinergebirge hinauf und e n sanftes Rauschen dnrchschauert die Gipfel der Pinien. In den klarsten Umrissen erkennst du die drei oder vier Meilen entfernten Gegenstände, die Villen am Saum der waldigen Höhen von Frascati und die blendenden Segel auf dem tiefblauen Meer, — Doch die Arbeit will gefördert s:in, du darfst die Gegend nicht länger in ihrer malerischen W rkung, du mubt sie in ihrer phniischen Beschaffenheit auffassen Däs führt dich durch felsige Wald«- schluchten und breite W esentäler, über buschige Hügel auf freie Höhen. Von jeder de« selben stellt das herrliche Bild sich in neuen Verschiebungen dar, während deine Planchette dem Boden das Geheimnis seiner Szenenkünste abringt." Wer so schreibt, besitzt ein künstlerisches Einpfindcn, eine innere Ausgeglichenheit die nur aus tiefem Wissen unz> die Dinge entspringen kann Moltke denkt und spricht tlassiich. Er ist noch durchaus 18. Jahrhundert. Klassisch ist sein einfacher, klarer Stil, klassisch feine Darstellung und die Ruhe und Sachlichkeit seines- Urteüs. Nie fällt cs ihm ein. zu kritisieren oder zu nörgUiz: er weih, dah alles seine Gründe hat und dah man jedem Volk leine Eigenarten und seine Eigenheiten lassen soll. Nur wenn ihn etwas in der Seele verletzt, wie ' die Schlächterei bei einem Stierkampf in'Madrid, gibt es einen knappen aber fchzrfen Tadel. Die Aufzeichnungen^ und Skizzen Moltkes werden jeden Leser erfreuen: die „Briefe aus der Türkei" geltst noch heute für das beste deutsche Reise-Tagebuch.! Die äutzere Lauft» mn des Feldmarsck>alls ist zu bekannt, als dab man hier voi sihr-zu sprechen brauchte. Der Krieg von 1870 brachte Moltfe den Feldmarschallstab: sein 90. Geburtstag am 26. Oktr ber 1890! wurde zu einem Freudentag für ganz Deutschland. Viel weniger bekanüt ist sein inneres Leben. Im L-ben Nqltkes gibt es nur'ein grobes Glück: seine Liebe zu« jMari ' Burt, die am 20. April 1842 seine Frau wurde,' und rur ein einziges ganz grobes Leid: der Tod'' eben dieser f-vau, die als Zweiundvierzigjährige am 24. Dezember 1868 von ihm ging. Von diesem Augenblick war die Lebensfreude des «alten Soldaten für immer zerstört. Moltke gehörte zu jenen schweigsamen, tief verhaltenen Naturen, die sich mir schwer anschlietzen, die aber einmal im Herzen erfatzt mjt grenzenloser Zärtlichkeit tmd Tiefe lieben: Er konnte seih' „sützes, liebes Herz", wie er Marie in seinen Briefen nannte, nicht vergessen, und es berührt wie ein Zeugnis für die Eitelkeit des Ruhmes und des menschlichen Lebens überharvt, wenn der ruhmgelrönte Feldherr von Versailles aus an seine Schwester schreibt: „ ... wie Marie mich 1866 auf dem Bahnhof freudig empfing, so hoffe ich. dah .sie mich jenseits empfangen wird, und danach kann ich mich oftmals herzlich sehnen:" Moltkes Hoffnung! auf eine baldige Abberufung hat sich nicht erfüllt, er hat d,n Lebenskelch bis zur Neige leeren müssen. Aber der Glanbe an ein Wiedersehen im Jenseits ist ihm geblieben. Iw den philosophischen Betrachtungen, die der neunzigjährige Gutsherr «auf Kreisau — kühl und sachlich wie immer — niederschrieb, finden wir das Wort: „Unmöglich kann dies Etdenleben «in letzter Zweck fein", und ' der alte Kriegsmann und Schlachtenlenker schlietzt mit einem Bekenntnis zur Liebe. „Sie ist die reinste, die göttliche flamme unseres Wesens."

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