Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 5 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 wm WWWWWWW m Hauptversammlung und Vortragsabend. Am Freitag, den 22. Mai d. I., abends 8 Uhr pünttlich, findet im Restaurant „Rotes Haus", Berlin, Rollendorfplatz 3, die1 diesjährige Hauptversammlung statt. ' Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht und Rcchnungsbcricht. 2. Beschlußfassung über Entlastung des Vorstandes. - 3. Neuwahl des Vorstandes. .4. Verschiedenes. i Im Anschlüsse daran um S Uhr: Vortragsabend mit Gästen. Redner: l)r. Mar Naumann. Thema: Zehn Jahre Verband nationaldeutscher Juden. ' Freie Aussprache. Zutritt zur Hauptversammlung (8 Uhr) nur für Mitglieder. Zlun Vortragsabend (9 Uhr) eingcführte Gäste willkommen. , D e r V o r st a n d. Or. Georg Siegmann, Vorsitzender. Walter Simon, Schriftführer. Grillparzer und OePterreicb* Zum 140.Codestage des Dichters. Ton Dr. Rugo 6 p t c g I c r (dien). Seitdem Franz Grillparzer in ein Stammbuch die Verse geschrieben hat: „Ha!t du vom /iahlenberg das Land dir rings besehen. Dann wirst du, was ich schrieb und was ich bin. verstehen", weih jeder Banauie, tfhfc Grillparzer der österreichischste Dichter gewesen iit. Fragt man Mun. worin denn seine spezifisch österreichische Note bestehe, da er doch keine Zeile im österreichischen Dialekt geschrieben, ja, in den Dramen sogar die -Prosasprache verschmäht hat und stets im prunkvollen Gewände des Verses einhergeschrittcn kommt, dann Ht der Banauie keineswegs verlegen, sondern beginnt 'zu zitieren: „König Ottokars Glück und Ende", „Ein Bruderzwist im Hauie Habsburg", in denen die T i) n a it i e verherrlicht wird, und dann die Dichtungen, in denen alle. Nationen, Gruppen und Stände Allösterreichs zu Worte kommen: Die Tschechen in einem geplanten Drama „Drahomira" und in einem wirllich ausgesührten: „Lidussa", die Magyaren in „.Ein treuer Diener seines Herrn", die Polen än der Novelle „Das Kloster von Scndomir" laus dem Eerhart Hauptmann fein dramatisches Elga-Fragment gestaltet hat», seine geliebten Wiener in der Erzählung „Der arme Spielmann" und der weniger geliebte Adel in dem Lustspiel ..Weh' dem. der liigl"^ ja sogar die Juden in dem Trauerspiel „Die Jüdin von Toledo" und dem FrammM „Esther", so dah man also dem Dichter wahrhaftig best Ehrgeiz nachsagen kann, ein Radetzly der Literatur zu sein, im Sinne seines berühnucn Gedichts an, den Feldherrn: „In Deineuz^Lager ist Oesterreich." Forscht man jedoch' weiter, was es denn in diesem Zusammenhangmit den Gr i ech e n st nrk e n Grillparzers für eine Bewandtnis habe, dann zuckt der Banause verstummend die Achsel. Und seine Verlegenheit 'wirb zur Verblüffung, wenn man ihm bedeutet, dah der Dichter niemals österreichischer, ja wienerischer ist, als wenn er seine Muse griechisch kostümiert. Beweis: „Ter Bruderzwist" dürfte sich, obwohl stofflich der Geschichte des Hausts Habsburg entnommen, wegen seiner hohen poetischen Vorzüge in der ganzen Kulturwelt aufführbar erweisen. Dagegen äutzerte sich schon Heinrich Laube, sehr pessimistisch über die Möglichkeit, mit dem Griechenstück „Des Meeres »nd der Liebe: Wellen" auherhalb Oesterreichs eine gleich günstige Wirkung cheroorzubringen. Dabei hat dem Dichter zu seiner Hero eine leibhaftige Griechin Modell gestanden: die schöne Gattin des Malers Daffinger. Trotzdeni ist sie ihm unter der Feder zuin Wiener Mädel von jenem Schläg-geworden, den erst Artur Schnitzler in seiner natürlichen Sprache und im Original-Habitus auf der Bühne heimisch gemacht hat. Nicht anders ist es mit den männlichen Gestalten der Grillparzerschen Griechendramcn bestellt. Und wenn wir der Tragödie „Medea" lauschen, dann fällt uns in der Dialektik Jasons ein Anklang an die wienerische Spada unserer „bodenständigen" Hakenkreuzler auf, wenn sie über die Versippung ihrer „Herrenrasse" mit rassisch, kulturell und rituell „Fremd artigen" klagen. Man darf natürlich Grillparzer, der der Entwicklung der deutsch-österreichischen Kultur die warnende Prognose gestellt hat: „Von der Humanität über dkalionaliial zur Bestialität!" mit solchen Politikern nicht in einen Tops werfen. Aber in einem höheren Sinne ist seine Trilogie „Das goldene Vlieh" typisch österreichisch. Behaydelt es doch dir Wechselbeziehungen zweier der Nasse nach verschiedenen Partner. Wem konnte solches Wechselspiel eher zum dichte rischen Problem werden als dem Alt- Oesterreicher, in dessen Staat acht kulturell grundverschiedene Nationen hausten? Auch in Goethes „Iphigenie" stoben Griechen und Barbaren aui einander. Aber was find das für Barbaren? Auch das feinste Ohr kann keinen Kulturunterschied in der Sprache Thoas' und Orestes', wahrnehmen: Es ist die Sprache Goethes . . . GrillparZer aber macht schon im Rhythmus des Verses eine sinnfällige Unterscheidung zwischen dem. was Griechen und was Kolchier sprechen. Doch über alle Gegen sätze, die Erziehung und Milieu verschuldet haben, hinweg finden sich die Herzen Jasons und Mederns — eine syni bolische Verklärung des siegreichen Einheitswille»s im Gefühle freiwillig gewählter Schicksals Gemeinschaft. Erst als dieser Einheitswille von der eine» Seite, von der des „zum Rassestolz erweckten" Griechen, ge lockert wird, gestaltet sich im dritten Teil der Trilogie, in der „Medea". die Tragödie der Mischehe, im tteferey Sin»,: die Tragödie Oesterreichs, das am verlorengegangenen Ein heitswilleN seiner Völker nach sechshundertzähriger „Ehe" scheiterte. Die angeblich in ' jedem Menschen so ünbezwinglm wirkenden Rasseinstinkte haben Jasons und Mederns Ebe zehn Jahre lang nicht zu zerstören vermocht. Sie erwachen erst im Augenblicke, da günstige politische Kon junkturen eine andere Eheschliehung geboten erscheinen lassen. „Rassenmähige" Gegensätze, nach zehnjähriger, inii zwei Kindern gesegneter Ehe — also „Nakurinstinktc auf Bestellung! So was gibt's: Du^glaubst es, „Hai: du vom Kahlenberg das L am d dir ring besehen!. . ." Politik, Politik! Ich kann mir nicht helfrA: Ich glaube, dah in dem scheinbaren Eriechendrama auch das modern, JudenproÜlem, das doch nur das Problem des Willens zu» Aufgehen sn „Wirtsvölkern" darstellt, besser und tiefgründige» anyepackt;ist, als in den beiden „offiziellen" Jubendrame: Erillparzets. Diese enthalten hauptsächlich erotische Pro bleme. Man suche^ daher die Jüdin Esther ebensowenig im Susa depl Ahasoeros, die Jüdin Rochel ebensowenig im spanischen' Ghetto, wie die Griechinnen Grillparzers in Hellas, die Jnderih Mirza in -Jndiet, die melancholische Berta Boroti» samt ihrer»leichtfertigen Ahnfrau in Mähren und die lustig. Edttta in Franken: Sie sind samt und sonders Töchter eine,: Heimat. i»e du kennst, „hast du vom Kahlenberg das Land dir rings besehem..." Für die Schrrftleitung verantwortlich: Dt. Waller Laaser, Berlin; «erlag: ««irband uationaldeuticher Juden S. «., Berlin B 35. — Druck von Rob. Rohde Nchflg,, Berlin SB. 35. — Für Herausgabe und Schriftleitung in Oesterreich verantwortlich: verband uatiovoldeutscher Juden. SBien n. Praterstratze 34. Zimmer 23.