Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 5 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Staatsbürger oder Volhsgenoffen? Von Dp. öl a 11« r L a a T c r. 3. 4. 5. V Vor 38 Jahren erschien eine kleine .Broschüre, deren "Titel „Schuhjuden oder Staatsbürger'?". lautete. In ihr legte der Verfasser. Raphael Löwenfeld, oeranlaht durch bestimmte Vorgänge im öffentlichen Leben und in der jüdischen Gemeinde, seine Ansicht über die soziologische Stellung seiner jüdischen Mitbürger dar. Das Ergebnis, zu dem er kommt, fahl er in folgende -sechs Thesen zusammen: 1. Wir lind nicht deutsche Juden,, sondern deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. , ' . 2. Wir brauchen und fordern als Staatsbürger keinen anderen Schuh, als den der vcrfassüngsmähigen Rechte. Wir gehören als Juden keiner politischen Partei an. Tie 'vdlilikchc Anschauung in. wie die religiöse, die Sache des Einzelnen. , Wir stcben seit auf dcnz Boden' der deutschen Rationalität. Wir haben mir den Juden 'anderer Lände! keine' andere Gemeinschaft. als die .Katholiken und Protestanten Deutschlands mir den Katholiken und Proteste nten anderer Länder. Wir habew keine andere Moral als unsere andersgläubigen Mitbürger. Wir. verdammen die unsittliche' Handlung des Eiirzelnen, \ wes Glaubens er lei. wir lehnen jede Verantwortung für -. die Handlung der einzelnen,' Juden ab utzd. verwahren uns gegen die Verallgemeinerung, mit der fahrlässige'; oder böswillige Beurteiler die Handlung des einzelnen Juden der Gesamtheit der jüdischen Stagtsbürgcr zur Lag legen.; Damit nt der Begriff des deutsche« Staatsb ü r g e r s -j ü d i i ch c n G I au b c n s geschaffen) ein Begriff, der im Laui'e der Jahre zum Snmbol der St'cllungnahinc einer grohen ,fabl der jüdischen Deutschen zu Vaterland und Heimat »zeworden ist. 'Rech heute figuriert diese Wortfolge in dem Titel des ..Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben s".' der auf Grund der Löweineldsthen Schrift gegründet wurde, aus dem sich aber Löwcin'eld selbst sehr bald nach der Gründung enttäuscht zurückzog. Die Frage. die — in »'ehr summarischer - Form — mit dem Thema ineiner heutigen Betrachtung gestellt wird, geht daliin: In cs möglich, die Stellung der jüdischen.Deutschen auch heule^ noch nur unter dem Genchtspirnkl der Zugchörigleit zum Staat zu betrachten, al>o inr wesentlichen von dem rechtlichen Begriff der Staatsangehörigkeit auszugehen'? Jüdische Deutsche leben und arbeiten Zusammen mit ihren iiichljüdjschen Mitbürgern innerhalb der Grenzen des deutschen Staatsgebiets. Die Frage, die durch die Antworten „Staatsbürger" oder „Voltsgcnoike" gelöit werden soll, ist also eine Frage des Ncbcneinanderlcbens. in die Frage nach den Bindungen, die zwischen den jüdischen. Deutschen und ihren nichljüdi'chen Mitbürgern bestehen. - Schön diese Problem ktellung ergibt, das; cs nicht richtig fein kann, den jüdischen De u l i ch c n als deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens zu deniiieren, denn es handelt sich um seine Stellung zu der!l m w e l t. in der er leht. Ter Staatsbürger Begriff deutet nicht auj das 'Verhältnis zu den Mitbürgern, also aus die Bindung von Mensch zu Mensch, sonder» auf das gemciiilame^Verhällnis zu etwas/Anderem, Ilebergcordneicn. auf die Stellung in und gegenüber einer grohen. alle Mitbürger umfassenden Organisation. i^ber auch von einem anderen Standpunkt aus kommt man zu dem gleichen Ergebnis. Es'ich die Frage zu stellen, welche von den Gemeinschaften, denen der jüdische Deutsche gemeinsam mit seinen christlichen Mitbürgern angehört, die wesentlichste in. Die höchste und umfassendste Gemeinschaft^ der alle angehörcn, die durch gleiche Kultur, Sprache und Sitte zu einer L e b c n s g e m xst n i ch a f l zusammengefaht werden, in zweifellos die Gemeinschaft der Nation, das Volk. Der Staat in nichts weiter als die formale Organisation dicier Gemeinschaft innerhalb der Grenzen, die durch geographische Lage, äuszcren ^wang (.Versailles!) und andere Einwirkungen gezogen werden, — Grenzen, die oft genug mittcir^durch das lebendige Fleisch des Volkskörpers schneiden. 'Der >-staat 'ist die /Weltorganisation, die sich als äuhercs Band bestenfalls um das ganze Volk, oft nur um Linen Teil des Volkes schlicht. Ohne die! Gemeinschaft, die man unter dem Begriffe der^Ration, des Volkes zusammenfaht, ist die Eristenz des Staates undenkbar, -sie ist eins der drei wesentlichen Bcgrifssmerkmale des Staakds (Staatsvolk. Staatsgebiet. Staatsgewalt». Wenn - also, die formale Institution des Staates nicht ohne die für siL grundlegende Gemeinschaft der Station gedacht werden kann, ergibt -sich' daraus der zwingende Schluh. dah der Gesichtspunkt, der für die Ordnung der.Begriffe wesentlich ist. auch für die Stellung der Einzelnen in der Gemeinschaft das- Primäre und damit das Ausschlaggebende iit. Die Stellung des jüdischen Deutschen muh also in erster Linie vom Standpunkt der Volkszugehörigkeit und nicht vom Standpunkt der Staatszugehörigkeit au . betrachtet werden. Das Volk iit die Gemeinschaft aller derer, die diesclb. Sprache sprechen und durch Kultur- und Lebensgcmeinscha, zu einer Schickkalsgcmcinschaft verbunden sind. Dieser G meinichaft gehört der jüdische Deutsche an. Auf deutsche,. Boden iit er geboren und erzogen, deutsch ist die Sprach, in der er sprechen und denken gelernt hat, in der Gcdanlenwel! der grohcn deutschen Dichter und Denker von Walter von d. Vogelweide bis Goethe und von Luther bis Kant iit er a»i gewachsen, and dem Lande, in dem er lebt, feinem Vater lande, ist er wie jeder andere Deutsche aufs innigste verbünde, -Das mögen Gemeinplätze sein, aufdenen auch von den Ru. Staatsbürgern dauernd herumgetrctcn wird. Gerade dcshai, aber iit es notwendig, immer und immer wieder darauf huzuwciscn, dah man diese Tatsachen nicht nur/ verkünde, sondern auch ihnen gcmäh leben und handeln muh. Staat bürger zu sein, ist-ein Gegebenes, Staatsbürger ist. auch der. dem d(ft Staat in seiner gerade bestehenden Form nicht zukagi. der ihn verneint und ihn am lichsten zerschlagen möchh. Volksgenosse zu sein, ist-eine Sache des Gefühls und de Willens. Das Gefühl muh angeboren sein, aber der Wib. ist'notwendig, um die Hemmungen zu überwinden, die au llcbcrenwfindlichkeit oder Ressentiment kommen. Kein deutsch Volksgenosse darf sich durch solche Eefühlsverirrungcn pe» leiten lassen, deutsche Dinge von einem anderen Stand punkt aus zu betrachten, als von dem des deutschen Voll genoiien. Empfindlich gegenüber — angebrachter oder un angebrachter Kritik ist nur der, der'innerlich unsicher iit und im tiefsten Grunde seines Herzens von der - Unechtsten seiner Stellung und seines Gefühls überzeugt iit. Diele Gcdankcngänge sind cs, die Löwcnfeld in icinei Broschüre enlwiäclt. Dah er für die volldeutichcn Juden, im die er schrieb, die unklare und unscharfe 'Bezeichnung „Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" wählte, iit aus der /eil. zu der seine Schrift erschien, verständlich. Was ihm vor schwebte, war der n a t i o n a l d c u t s ch e Jude. Und wenn heule die Iudcnfrage voir der Lösung weiter entfernt iit, al, iie_ zu Lüwcnfclds /eit schien, liegt der tiefste Grund darin, dah die deutschen Judenan der 'Wortwahl Löwcnfeld.- haften blieben, statt in den Sinn seiner Schrift zu dringen. Die grohe Mehrheit der deutschen Juden zu jüdischen Deutschen zu machen, sic aus den Niederungen des flachen Staat. .bürgertums heraufzuführen zum deutschen Volksgenossen»,,««, das iit die Aufgabe Aller, die nicht nur verteidigen oder anklagen, sonddrn Erziehungs- und Vcrständigungsarbeil leisten wollen. t - - Verbandsnacbricbten. 1. Breslau. Wir bitten unsere Breslauer Mitglieder, die Beiträge zunächst unter Bcnirtzung der übersandten' Zahl karten unmittelbar auf unser Berliner P o st s ch e ck l o n k e zu überweisen. Weitere. Nachricht folgt. 2. Berlin. Die Einladung zur Hauptversamnilung und zu einem anichliehenden Vortragsabend finden unsere Lese' aus der 8. Seite dieses Blattes. Der Vorstand. Hessings „Juden". Die in unserer April-Nummer allgekündigte grundsätzlich Erörterung Tann wegen Raummangels erst in der I.u n i 'Rümmer erscheinen. .; M. Die;,Dcutfcbe RundPcbau* beendigt in ihrem Mai-Heft die Aufsatzfolge über K u n st betrieb und Iudcnfrage mit zwei Artikeln von Han. Friedrich B l u n ck und I )r. Ludwig Holländer «Direktor des E e n t r a I v.e r e i n s deutscher Stäats bürger jüdischen Glaubens) sowie mit einem Schluh wort der Herren b»r. Paul Fechter und Dr. RudoIi Peche l. Wir kommen auf die Erörterung, aus der besonders die bei dem Centralvereinler zutage tretende völlige Verkennung des Problems bemerkenswert ist, in unserer Juni Nummer zurück. Für heute sei nur des Spahes halber registriert, dah die C. - V. - Z e i t u n g den — in unserer April-Nummer abgedruckten Aufsatz „D i e. K e r n f r ä g e" von Mar Naumann „würdigt", indem sie von „der üblichen denunziatorischen Phraseologie des nalionaldeutschen Juden" spricht. Die Schriftleitung.